Autor Thema: Aus dem Tagebuch einer Ich-AG  (Gelesen 4809 mal)

Kuddel

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Aus dem Tagebuch einer Ich-AG
« am: 16:03:42 Di. 13.Juli 2004 »
Habe mich heute entlassen
Aus dem Tagebuch einer Ich-AG


Von Wolfgang Hübner

16. Juni: Habe endlich die Firma gegründet. Auf die Ausschreibung für die Stelle kam nur eine Bewerbung. Meine. Das Bewerbungsgespräch verlief positiv. Ich entspreche genau meinen Vorstellungen. Trotzdem Vorsicht: Habe vier Wochen Probezeit vereinbart.

2. Juli: Erste Zwischenbilanz nach 14 Tagen: Es läuft. Zwar noch nicht so besonders, aber doch irgendwie. Aber es wird schon, da bin ich mir einig.

26. Juli: Das Geschäft brummt! Habe eigentlich eine Woche Urlaub beantragt. Kann ich aber einfach nicht genehmigen. Muss ich mir noch sensibel nahe bringen. Aber die Kunden gehen vor.

13. August: Muss dringend mit mir übers Geld reden. Kann ja nicht so sein, dass ich einerseits Gewinn mache (Einzelheiten erfährt man ja nicht als Angestellter), während andererseits mein Gehalt stagniert. Was wäre ich denn ohne mich?

17. August: Habe mich heute früh über mich aufgeregt. Mehr Gehalt - das kann wohl nicht wahr sein. Erst mal muss ich doch Kapital ansammeln, damit ich investieren kann. Aber das werde ich mir schon noch beibringen. Wahrscheinlich muss ich die Zügel ein bisschen anziehen. Sonst komme ich noch auf die Idee, einen Betriebsrat zu bilden.

21. August: Heute früh zwei Stunden Warnstreik. Wenn ich es anders nicht kapiere, dann ziehe ich eben einen knallharten Arbeitskampf durch. Keinen Urlaub, keine Gehaltserhöhung - nicht mit mir.

22. August: Warnstreik! Na warte. Da gibt´s eine gediegene Aussperrung.

23. August: Ha, jetzt habe ich´s mir gezeigt! Mit Aussperrung hatte ich nicht gerechnet. Aber die Firma kann sich keine Pause leisten. Deshalb brauche ich einen Streikbrecher. Am besten mich, ich kenne mich ja aus. Ich als Streikbrecher - da werde ich Augen machen.

26. August: Habe mit eigenen Ohren gehört, wie ich mich »Dummes Schwein« genannt habe. Habe es mir sofort gemeldet, denn den Chef zu beleidigen stört eindeutig den Betriebsfrieden.

27. August: Die Beleidigung hat Folgen - habe mir eine Abmahnung erteilt. Noch einmal, und ich bin entlassen.

17. September: Seit dem Streikbrecher-Einsatz und der Abmahnung ist Ruhe in der Firma - kein Gemecker mehr, keine Gehaltsforderungen. Man muss eben mal die Instrumente zeigen.

21. Oktober: Ich gehe an die Börse. Wenn schon Ich-AG, dann richtig. Spiele mit dem Gedanken, alle Aktien selbst zu kaufen, damit mir keiner reinquatschen kann.

3. November: Der Börsengang war ein voller Erfolg. Die Aktien gingen weg wie warme Semmeln. Bin allen anderen möglichen Käufern zuvorgekommen. Tja, clever muss man sein. Jetzt bin ich nicht nur Inhaber und Geschäftsführer, sondern auch Vorstandsvorsitzender. Und Vorsitzender des Aufsichtsrates.

14. Dezember: Irgendwie klemmt das Geschäft im Moment. Liegt es am Wetter? Oder an der Vorweihnachtszeit?

16. Dezember: Jetzt weiß ich, woran es liegt: Die Lohnnebenkosten sind zu hoch. Habe mir das unmissverständlich klargemacht. Ja, wenn ich ein Türke wäre oder ein Pole, da wär's vielleicht billiger. Aber so - ich habe zu hohe Ansprüche.

3. Januar: Musste mir eine Gewinnwarnung geben. Jetzt regt sich der Aktionär auf. Und der Aktienkurs fällt. Da werde ich wohl am Personal sparen müssen.

4. Januar: Kurzarbeit. Das fehlte noch. Andererseits - ich könnte mich nach einem Nebenjob umsehen. Vielleicht mache ich auch Schwarzarbeit bei mir.

7. Januar: Habe mich heute entlassen. Der Aktionär jubelt - der Kurs ist kurzzeitig nach oben geschnellt. Shareholder value ist eine tolle Sache.

12. Januar: Habe viel Zeit. Werde noch eine Firma gründen, gehe damit auch an die Börse, kaufe mir gegenseitig die Anteile weg. Das erzeugt Nachfrage und jagt den Kurs hoch. Obwohl - vielleicht sind das verbotene Insidergeschäfte? Egal, Hauptsache es bringt Gewinn. Außerdem, wenn ich dicht halte, kommt es nie raus.

(Neues Deutschland, 25.01.03)[/b]

Regulator

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Aus dem Tagebuch einer Ich-AG
« Antwort #1 am: 18:05:36 Di. 13.Juli 2004 »
Wenn er jetzt auch noch die Kundenrolle übernimmt, nennt man es "Wirtschaftskreislauf auf engstem Niveau!  :wink:
Gruß

Regulator

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troublemaker

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Aus dem Tagebuch einer Ich-AG
« Antwort #2 am: 21:45:54 Mi. 18.August 2004 »
Zitat
Original von Kuddel



 Ja, wenn ich ein Türke wäre oder ein Pole, da wär's vielleicht billiger.



Wie meinst du diesen Satz genau ?
Hey Kollega ich bin der TroubleMaker :-)

Kuddel

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  • Fischkopp
Aus dem Tagebuch einer Ich-AG
« Antwort #3 am: 12:31:32 Do. 19.August 2004 »
Hehe Kollega!

No panic! No trouble!
Ich hab den Text ausm Netz, weil ich´s ne treffende Satire fand auf gängige Phrasen und Mythen, die als Schmiermittel in diesem Wirtschaftssystem funktioneren.

your brotha
Kuddel

troublemaker

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Aus dem Tagebuch einer Ich-AG
« Antwort #4 am: 13:56:19 Do. 19.August 2004 »
Kein Thema da ich einen dieser Nationlitäten angehöre dachte ich schon ein bisschen rechtes Forum aber dies scheint ja wohl vom Tisch zu sein brother  :)
Hey Kollega ich bin der TroubleMaker :-)

aian19

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Aus dem Tagebuch einer Ich-AG
« Antwort #5 am: 15:33:20 Do. 19.August 2004 »
@ troublemaker

Kein Angst, Faschos haben IMHO hier nix zu suchen, die sollen gefälligst ins SAT1-Forum gehen ! :lol:

Wenn hier mal die eine oder andere derartige Phrase fällt, nicht persönlich nehmen ! Sind halt gängige Klischee´s, genau wie die "Saupreiss" oder die "Barzis" !  :wink:
"Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren"

"Wenn Unrecht zu Gesetz wird, ist der Gesetzlose der einzige, der noch rechtmäßig handelt."

Mene mene tekel upharsin

Horch

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Aus dem Tagebuch einer Ich-AG
« Antwort #6 am: 14:45:39 Mi. 08.Dezember 2004 »
Tolle Geschichte mit einem Schönheitsfehler: Eine AG braucht mindestens 5 Gesellschaftler.

Aber nichts für ungut, gefällt mir...