Autor Thema: Bundeswehrsoldatin: "Beim ISAF-Mandat herrscht Unehrlichkeit"  (Gelesen 2734 mal)

Kater

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Bundeswehrsoldatin: "Beim ISAF-Mandat herrscht Unehrlichkeit"
« am: 18:22:42 Do. 16.Oktober 2008 »
Zitat
Interview mit Soldatin zum Afghanistan-Einsatz
 
"Beim ISAF-Mandat herrscht Unehrlichkeit"
Die Berufssoldatin Christiane Ernst-Zettl leistete 2005 als Sanitätsfeldwebel Dienst in Kabul. Nach zwei Monaten wurde sie nach Deutschland strafversetzt. Sie hatte sich kritisch zum Einsatz geäußert. Das tut sie auch heute noch: "Beim ISAF-Mandat herrscht Unehrlichkeit", sagte sie im tagesschau.de -Interview.

tagesschau.de: Frau Ernst-Zettl, sie waren nur zwei Monate in Afghanistan, von Februar bis April 2005. Dann mussten sie zurück nach Deutschland. Was war passiert?

Christiane Ernst-Zettl: Ich war als Sanitätsfeldwebel in Kabul. Wir Sanitäter erhielten aber Befehle, die uns an der Einhaltung des humanitären Völkerrechts gehindert haben. Wir wurden auch als ganz normale Kampfsoldaten eingesetzt. Und weil ich das bemängelt habe, als ich selber in dieses Dilemma hinein befohlen wurde, wurde ich nach stundenlangen Vernehmungen diszipliniert und zurückgeschickt.

tagesschau.de: Was war der konkrete Auftrag, den Sie nicht ausführen wollten?

Ernst-Zettl: Es ging um Sicherungsdienst. Das ist ein Dienst der multinationalen Streitkräfte, die das Lager sichern, auch mit militärischer Gewalt. Ich sollte Frauen nach Munition und Sprengstoff durchsuchen. Hätte ich etwas gefunden, sollte ich zur Waffe greifen. Aber als Sanitätssoldatin darf ich nur im Rahmen meiner Selbstverteidigung und zum Schutz meiner Patienten die Waffe einsetzen.

Personalmangel bei der Bundeswehrtagesschau.de: Warum ist das geschehen?

Ernst-Zettl: Georgien hatte seine Truppen damals aus Afghanistan abgezogen, und der Auftrag ging an die deutschen Streitkräfte zurück, die ihn mangels Personal nicht erfüllen konnten. Daraufhin hat man sich am Sanitätspersonal bedient.

tagesschau.de: Klingt, als wäre die zur Abstimmung stehende Personalaufstockung des Bundeswehrkontingents in Afghanistan eine richtige Entscheidung.
 
Zitat
Zur Person: Hauptfeldwebel Christiane Ernst-Zettl, 38, ist ausgebildete Arzthelferin und seit 1991 als Berufssoldatin bei der Bundeswehr. Sie arbeitet im Sanitätsamt der Bundeswehr in München. Sie leistete Auslandseinsätze als Sanitätsfeldwebel im Kosovo und 2005 in Afghanistan im Rahmen des deutschen ISAF-Mandats. Nach zwei Monaten wurde Ernst-Zettl strafweise zurück nach Deutschland versetzt. Sie gehört dem Vorstand des bundeswehrkritischen Vereins "Darmstädter Signal" an.

Ernst-Zettl: Man sollte die Abstimmung vertagen. Es fehlt die Aufklärung in der deutschen Bevölkerung über dieses Mandat. Da herrscht ein großes Stück Unehrlichkeit. Verteidigungsminister Jung pocht immer wieder darauf, dass in Afghanistan kein Krieg herrscht. In Afghanistan herrscht aber Krieg. Unsere Politiker verlängern und erweitern ein robustes Mandat. Der Auftrag, den die Bundeswehr dort bekommen hat, ist keine humanitäre Hilfe und auch keine Entwicklungshilfe. Dieser Auftrag, für Sicherheit zu sorgen, darf mit militärischer Gewalt erzwungen werden. Und das ist ein Kampfeinsatz.

Die deutschen Soldaten sind genauso wie alle anderen Mitglieder der ISAF-Truppe in diesen Krieg hineingezogen worden. Sie sind Angriffsziel geworden. Das belegen die Opferzahlen. Was auch fehlt, ist eine Exit-Strategie. Wir werden doch wohl hoffentlich nicht die nächsten 15 Jahre in Afghanistan verbringen.

"Der Wiederaufbau kommt zu kurz"tagesschau.de: Was sagen Sie zu dem Argument, die deutschen Soldaten seien lediglich im vergleichsweise sicheren Norden stationiert?

Ernst-Zettl: Man kann doch ein Land nicht aufteilen und festlegen, dass im Norden Frieden herrscht und im Süden Krieg. Der Krieg ist in ganz Afghanistan verbreitet und unberechenbar. Man muss endlich mal Kassensturz machen: Was haben wir bisher erreicht, wo könnte man Verbesserungen erzielen? Das ist bislang nicht passiert.

tagesschau.de: Stichwort Kassensturz: Was läuft schief?

Ernst-Zettl: Es ist ein strukturelles Problem: Zum einen gibt es den Kriegseinsatz unter amerikanischer Führung, zum anderen die ISAF-Schutztruppe, und als dritte Säule den Wiederaufbau. Das geht im Moment zu Lasten der Zivilbevölkerung. Der Wiederaufbau kommt zu kurz. Auf der einen Seite wird aufgebaut, auf der anderen Seite wieder angegriffen. Darüber hinaus hat die Bevölkerung ihr Vertrauen in die ISAF-Schutztruppe verloren.

tagesschau.de: Sie fordern eine Exit-Strategie. Dann wäre die afghanische Bevölkerung völlig auf sich gestellt.

Ernst-Zettl: Ich rede von einem strategischen Abzug: Teilziele müssen definiert und erreicht werden - von allen Beteiligten.

Das Interview führte Nicole Diekmann, tagesschau.de.

Das Gespräch gibt Christiane Ernst-Zettls persönliche Meinung, nicht die der Bundeswehr wieder. Dieser Hinweis ist aus juristischen Gründen erforderlich.

http://www.tagesschau.de/interviewzettlafghanistan100.html

http://www.darmstaedter-signal.de/

Arwing

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Bundeswehrsoldatin: "Beim ISAF-Mandat herrscht Unehrlichkeit"
« Antwort #1 am: 00:49:19 Di. 21.Oktober 2008 »
Da ist noch viel mehr im argen, von dem die Medien nicht berichten, da die Bundesregierung viel euphemisiert. Ich werde die Tage mal eine kurze Übersicht zur Einschätzung der Lage in Afghanistan präsentieren, in der ehrliche Experten der internationalen Gemeinschaft ein Scheitern attestieren.
Das aktuelle Geldsystem ist auf die Gewinnmaximierung einer kleinen Elite ausgerichtet, die von der Gemeinschaft der Bürger Europas erbracht werden soll und die politische Elite fungiert als Handlanger.

Nikita

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Afghanistan - Soldaten berichten
« Antwort #2 am: 20:48:11 Sa. 10.Dezember 2016 »
Hier ein Vortrag eine Soldaten, der in Afghanistan um 2010 stationiert war. Er ist nicht als Pazifist zurückgekehrt, der jetzt für Frieden demonstriert, sondern möchte aus dem Blickwinkel eines Soldaten vor Ort berichten. Sein Buch ist kaum Thema in dem Vortrag, ist also auch keine Verkaufsveranstaltung. Die erste halbe Stunde zeigt erst mal eher entspannt, wie es in Afghanistan ist und wie ein Soldat dort lebt. Das hat vielleicht für den einen oder anderen Längen, finde ich gut, um reinzukommen.
"Es ist ein "subjektiver Einsatzbericht" eines Soldaten, der keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit hat.",sagt er selbst.

"Ehrlicher und offener Vortrag des ehemaligen Fallschirmjägers und Bestsellerautors Johannes Clair im Dezember 2014 an der Universität der Bundeswehr in München."

https://www.youtube.com/watch?v=SjfuyKMgI7s

Buch:
"Vier Tage im November"

counselor

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Re: Bundeswehrsoldatin: \
« Antwort #3 am: 18:18:19 Mo. 09.September 2019 »
Zitat
LVERHANDLUNGEN ABGESAGT - Wie Trump mit den Taliban um Afghanistan schachert

Es ist ein herber Rückschlag für den selbsternannten „Friedensengel“ und faschistoiden US-Präsidenten Donald Trump, dass er nach bislang neun Verhandlungen weitere Friedensgespräche mit den islamisch verbrämten faschistischen Taliban in Afghanistan absagen musste.

Quelle:  https://www.rf-news.de/2019/kw37/angebliche-friedensgespraeche-mit-den-faschistischen-taliban-vorerst-gescheitert
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