Autor Thema: Null Leben, nur Lernen.  (Gelesen 19905 mal)

Kuddel

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #15 am: 18:12:59 So. 16.September 2012 »
Zitat
Dem Studenten wird ein übertriebenes Konkurrenzstreben eingetrichtert und er wird dazu ausgebildet, raffgierigen Erfolg als Vorbereitung für seine zukünftige Karriere anzusehen.

Albert Einstein

Kuddel

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #16 am: 19:50:53 Do. 31.Januar 2013 »
Zitat
Jeder fünfte Student betreibt Hirndoping

Sie schlucken Koffeintabletten, greifen zu Amphetaminen oder sogar zu Ritalin: Die Zahl der jungen Leute, die sich mit Hilfe von Medikamenten durchs Studium kämpfen, ist hoch. Viel höher als gedacht.
http://www.stern.de/gesundheit/medikamentenstudie-jeder-fuenfte-student-betreibt-hirndoping-1964184.html

waaaas?

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #17 am: 12:15:54 Di. 05.Februar 2013 »
ohne die Beträge zu dem Thema gelesen zu haben fiel mir "duales Studium" und der BA ein.
Rein damit und raus damit. Hauptsache die Selbstorga funktioniert.

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #18 am: 19:49:17 Di. 04.März 2014 »
Zitat
"Denkzeit" vom Samstag, den 1. März 2014 um 22.30 Uhr in BR-alpha

Mint or Mind
Kopf oder Zahl – was soll die Schule fürs Leben liefern?

Darüber sprechen:

    Porf. Dr. Julian Nida-Rümelin, Lehrstuhl für Philosophie, Ludwig-Maximilians-Universität München
    Prof. Dr. Claus Hipp, Unternehmer
    Prof. Dr. med. Petra-Maria Schumm-Draeger, Chefärztin Klinikum München
    Max Schmidt, Vorsitzender Bayerischer Philologenverband

Moderation: Prof. Dr. Harald Lesch
Eine Veranstaltung des Arbeiterkreises Humanistisches Gymnasium e. V. vom 5. Februar 2014.

https://vimeo.com/88146036

So zum nebenher anhören.

Mein Fazit, die Schule sollte nicht an ökonomischen Sachzwängen ausgerichtet werden, der Verwertungsgedanke gehört nicht in die Schule und die Wirtschaft darf direkt keine Unterrichtsinhalte mitentwickeln.
Sponsoring hat an/in der Schule eh nichts verloren!

Das Wissen wäre also vorhanden, nur die bereitgestellten politikberatenden Experten aus der Privatwirtschaft, die die angeblich ausnahmslos alles besser können, sehen das mal wieder ganz anders und somit werden wir uns mit einer zunehmend ökonomisierten Bildung abfinden müssen, oder auch nicht.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #19 am: 11:11:42 Mo. 25.August 2014 »
Zitat
„Unsere Schulen sind kinderfeindlich“

Dass das deutsche Schulsystem eines der sozial selektivsten der Welt ist, ist inzwischen zum Allgemeinplatz fortschrittlicher Kritik am Bildungssystem geworden. Ob dies jedoch das wichtigste, geschweige denn einzige Problem der Bildungspolitik ist, darf getrost bezweifelt werden. Der Streit geht eher um die Ein- versus Mehrgliedrigkeit des Schulsystems oder die Frage, ob das Abitur und ein anschließendes Studium allen oder nur wenigen möglich sein sollen. Grundlegendere Fragen werden von den üblichen Diskursen oft mehr überdeckt denn thematisiert. Fragen etwa wie: Was brauchen und wie lernen Kinder eigentlich? Zur Frage, was an deutschen Schulen jenseits der üblichen Kritik noch zu kritisieren ist, sprach Jens Wernicke mit der Pädagogin, Politologin und Fachbuchautorin Magda von Garrel.
....

Quelle: NDS
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Kuddel

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #20 am: 12:52:49 Di. 26.August 2014 »
Zitat
Belastung im Studium
Ausgebrannt und aufgeputscht

Die Beratungsstellen an norddeutschen Universitäten sind ausgelastet. Studierende bewältigen den Stress mit Medikamenten – oder mit professioneller Hilfe.


Marie (Name geändert) lernte an sieben Tagen die Woche – vom frühen Morgen bis in die Nacht. „Ich war fertig. Ich hatte zu nichts mehr Kraft“, sagt die angehende Therapeutin heute. „Ich glaube, ich war nahe am Burnout.“ Nicht nur ihr wurde der Leistungsdruck zu viel, die psychologischen Beratungsstellen der Unis sind oft überlaufen. „Das Chaos nimmt zu“, sagt Diana Kaufmann von der Sozialberatung des Allgemeinen Studierendenausschusses (Asta) in Kiel.

Seit der Umstellung auf das Bachelor-Master-System habe das Tempo für Studenten angezogen, sagt Kaufmann. Hinzu kämen finanzielle Sorgen. Wenn jemand durch psychische Erkrankungen länger studieren müsse, gebe es oft Probleme mit dem Bafög-Amt. Sechs Prozent der Studierenden gaben in einer Befragung im Auftrag des Studentenwerks aus dem Jahr 2011 an, die psychologische Beratung der Universitäten genutzt zu haben. Kaufmann sagt, dass das Thema dennoch ein Tabu sei.

Studenten in Kiel planen deshalb eine Aufklärungskampagne. Überall in der Uni sollen Poster aufgehängt werden. Die Themen sind sexuelle Diskriminierung, Suizidgedanken und Medikamentenmissbrauch. Insbesondere in Prüfungszeiten würden viele Studenten Aufputschmittel nehmen, um die Prüfungsbelastung zu ertragen, sagt Simone Weigel, die für die Kampagne zuständige Studentin im Asta. „Wir legen jeden Tag ungefähr 40 Flyer zur Einnahme von Amphetaminen aus. Die sind immer sofort weg.“

Aufputschmittel hat Marie nicht genommen. Stattdessen hat sie sich professionelle Hilfe an der Uni geholt. In acht Einzelsitzungen hat sie mit Hilfe der psychologischen Berater Wochenpläne erstellt, mit ihren Pflichten, aber auch mit erzwungener Freizeit. An ihren Grundüberzeugungen habe man gerüttelt und ihr Selbstwertgefühl gestärkt. Sie sei an der Uni nicht nur beraten, sondern psychotherapeutisch unterstützt worden.

1.434 Einzeltermine an der Uni Hamburg

An der Uni Hamburg studieren rund 40.000 Menschen, im letzten Jahr gab es 1.434 Einzeltermine für die psychologische Beratung. Die Neu-Anmeldungen seien in den letzten Jahren so stark gestiegen, dass die Uni eine Sprechstunde ohne Voranmeldung eingerichtet hat. In Hannover stieg die Zahl der Ratsuchenden seit dem Beschluss des Bologna-Prozesses 1999 von 480 auf 714. Die psychologische Beratungsstelle der Leibniz-Uni führt den Andrang auch auf wachsende Studierendenzahlen und ihre Öffentlichkeitsarbeit zurück.

Die Studierenden müssen nach der Erhebung des Studentenwerks von 2012 durch die Umstellung auf das Bachelor-Master-System nicht mehr Zeit zum Lernen aufwenden, mit durchschnittlich 35 Stunden in der Woche sei das Lernpensum seit 1991 sogar um zwei Stunden gesunken. Erhöht hat sich aber der Prüfungsdruck, sagt Psychotherapeutin Christiane Maurer von der Uni Hannover. „Früher war das Studium weniger strukturiert, dafür aber freier.“ Auch seien Studierende viel mehr darauf getrimmt, ihr Studium in der Regelzeit durchzuziehen. Dabei sei die Struktur des Studiums nicht für die Leute ausgerichtet, die mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben. „Wer einmal nicht mitkommt, fällt schnell aus dem System“, sagt Maurer.

Programm für psychisch Erkrankte

Neben den Beratungsstellen versuchen einige Universitäten die Studierenden auch auf andere Weise zu unterstützen. An der Universität Hamburg gibt es ein Programm, das sich ausdrücklich an psychisch Erkrankte wendet. Hier werden in einem kleinen Kreis von maximal zwölf Leuten Probleme geteilt oder eine realistische Semester-Einteilung geplant.

Auch Marie sagt, Gespräche mit Freunden und der Familie sowie ihren Beratern hätten ihr etwas von dem Druck genommen. Ihr habe außerdem geholfen, dass die psychischen Probleme in ihrem Umfeld kein Tabu waren. „Ich würde aber lügen, wenn ich sage, dass das Problem damit gegessen war.“
http://www.taz.de/Belastung-im-Studium/!144806/

Kuddel

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #21 am: 11:31:49 Do. 23.Juni 2016 »

Kuddel

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #22 am: 13:02:28 So. 04.September 2016 »
Zitat
Kapitalismuskritik:
Der Karriereverweigerer
Jung und links

Von Luisa Jacobs

Freunde und Hobbys opfern, 60 Stunden pro Woche arbeiten, um ganz oben anzukommen? Von einem, der an unser System von Arbeit nicht mehr glaubt. Aber an Luxus für alle.

Jetzt musst du dich knechten. Diesen einen Monat noch das Konto überziehen, einmal deine Eltern noch um einen Vorschuss bitten, das letzte Mal einen schlecht bezahlten Nebenjob schönreden. Und dann, irgendwann in der Zukunft, frag lieber nicht genau, wann, wirst du belohnt: mit der richtigen Stelle, ganz weit oben, mit Geld, mit Anerkennung, Ruhm.

    Und was machst du so?

So lautet das Versprechen, an das Hendrik Sodenkamp nicht mehr glaubt. Vor eineinhalb Jahren schmiss Hendrik, heute 27, das Literaturstudium und den Job am Theater. Und wurde Karriereverweigerer.

"I would prefer not to" heißt der Leitspruch des Hauses Bartleby, Zentrum für Karriereverweigerung in Berlin, dem Hendrik beigetreten ist. Gesagt hat diesen Satz der Titelheld in einer Erzählung von Herman Melville: Der Schreiber Bartleby kopiert per Hand die Akten einer New Yorker Anwaltskanzlei im 19. Jahrhundert, unermüdlich wie eine Maschine, bis er eines Tages die Arbeit verweigert und bekannt gibt: "I would prefer not to." Ich möchte lieber nicht.

Karriere ist zum Synonym für Erfolg im Leben geworden. "Und was machst du so?" bestimmt den sozialen Stellenwert. Die Karriereverweigerer wollen sich vom "kapitalistischen Wachstums- und Karrierefetisch" befreien.

Karriere ist dabei nicht zu verwechseln mit Dienstwagen und einem sechsstelligen Jahreseinkommen. Nicht nur Banker, Anwälte und Unternehmensberater opfern Freunde und Hobbys, um 60 Stunden pro Woche zu arbeiten. Das Versprechen, von dem Hendrik spricht, kennt keine Grenzen. Es existiert in allen Branchen: auch in der Kunst, im Journalismus, in der Musikbranche, im Theater.

Hendrik, gepflegtes Haar, grauer Trenchcoat, zarte Hände, die beinahe pausenlos Zigaretten drehen, wollte immer etwas machen, das einen Wert hat. Nach dem Zivildienst ging er als Praktikant ans Schauspielhaus in Hamburg. Ein geistreicher, ein zweckfreier Raum, so hoffte er. Kurz darauf wurde Hendrik persönlicher Assistent von Carl Hegemann, heute Chefdramaturg an der Berliner Volksbühne. Hegemann ist einer, der es geschafft hat. Sein Assistent zu sein: eine Auszeichnung in der Logik der Theaterkarrieristen.

Enttäuschung an der Uni

Hendrik war damals schon nah dran, aber nie ganz da. Als Praktikant musste er Kinder hüten, damit Produktionen stattfinden konnten. Immer wollte er möglichst scharfsinnig und kritisch wirken, musste glänzen, um andere Praktikanten auszustechen. Dann entschied er sich, zu studieren, um seinem Traumjob näherzukommen. Deutsche Literatur und Kulturwissenschaft in Berlin. "Ich hatte gehofft, dass das für den Dramaturgenberuf sinnvoll sei", sagt Hendrik. Vielleicht fehlte ja nur ein Abschluss.

Was soziales studieren? Zum Studium-Interessentest


An der Universität beschlich ihn schnell das Gefühl, das er schon vom Theater kannte. "Die Diskurse drehten sich nur um sich selbst, wurden nur geführt, weil sie hoffentlich berufsfördernd waren", erinnert er sich. Credits sammeln, gute Noten, dann Karriere. Acht Semester studierte er, dann wurde er auf eine Vortragsreihe des Hauses Bartleby aufmerksam. "Das hat mich begeistert. Es hat mir in meinem Unbehagen den letzten Impuls gegeben", sagt Hendrik. Kurz darauf brach er das Studium ab.

Den Karriereverweigerern geht es nicht darum, Arbeit grundsätzlich zu verweigern. Arbeit ist gut, sagen sie, solange sie selbstbestimmt sei. Den Unterschied erklärt Hendrik mit einer Anekdote aus Frankreich, wo er während der Nuit-Debout-Proteste Interviews  geführt hat, um die Arbeitssituation junger Franzosen zu verstehen.

    Ein gutes Leben ist so eigentlich unmöglich.


In Paris lernte er eine junge Frau kennen, die für ihre winzige Wohnung – für Paris nicht ungewöhnlich – 800 Euro bezahlt. Die Französin studiert und ist im queer-feministischen Spektrum aktiv, Typ engagierte Akademikerin. Um ihre Studentenwohnung zu finanzieren, arbeitet sie am Abend als Domina. Nicht weil es ihr Spaß macht, sondern weil man als Domina schnelles Geld verdient. "Es gibt Frauen, die finden Gefallen daran, Männer spielerisch zu knechten. Die sollen das mit Freude machen", sagt Hendrik. "Aber niemand soll Domina werden, nur um einem reichen Eigentümer Geld in den Hals zu werfen." Selbstbestimmung und Geld verdienen schließe sich zwar nicht aus, doch sei durch den ökonomischen Druck kaum einer mehr in der Lage, sich frei für einen Beruf zu entscheiden. "Ein gutes Leben ist so eigentlich unmöglich", sagt er.

Trotzdem arbeitet er jetzt wieder. Aber eben nicht, um Theaterabonnenten zu befriedigen, sondern für die große Sache. "Weniger arbeite ich jetzt auch nicht, aber ich bin inhaltlich wirksam", sagt der 27-Jährige. Seit eineinhalb Jahren widmet Hendrik sich der Umsetzung des Kapitalismustribunals: Das ist ein vom Haus Bartleby initiierter Gerichtsprozess, der in einem zweiwöchigen Verfahren versucht hat zu ermitteln, welche Regeln es in einer zukünftigen Ökonomie nicht mehr geben darf. Auf einer Internetseite haben etwa 400 Leute zuvor Anklagen geschrieben. Auf der Anklageliste stehen neben Peter Hartz der Chemiekonzern BASF, die gesamte Bundesregierung, die Europäische Union. Heute wird Hendrik noch zu einem Crowdfunding-Event gehen, Mails schreiben, Leute einladen.


Die Mitglieder des Hauses treffen sich im goldenen Café Rix. 

Links oben, nicht links unten

Hendrik lebt von der Substanz, wie er es nennt. Die Substanz ist Geld, das seine Großeltern ihm seit Kindestagen auf ein Sparbuch eingezahlt haben. Seit das alleine nicht mehr reicht, arbeitet er in der Gastronomie, bald wechselt er zu den Berliner Verkehrsbetrieben. Nicht, weil er darin Erfüllung findet, sondern weil er den ökonomischen Druck mit seinen Interessen abwägen musste. "Dass es städtische Infrastruktur und öffentlichen Verkehr gibt, finde ich gut", sagt Hendrik.

    Ich bin nicht glücklich darüber, dass ich so wenig Geld habe.

Die Anklagen des Kapitalismustribunals sind in ihrem Kern links; mit typisch linken Weltverbesserern, die mittellos, aber prinzipientreu jeden Konsum verachten, haben die Karriereverweigerer trotzdem nichts zu tun. Genauso missverstanden fühlen sie sich mit dem Etikett "arm, aber glücklich". Hendrik und die anderen wollen den prekären Umständen entfliehen. Das Ziel, so sagt es Hendrik, sei links oben, nicht links unten.

"Ich bin nicht glücklich darüber, dass ich so wenig Geld habe", sagt er. Die Karriereverweigerer zelebrieren deshalb das gute Leben, auch wenn sie es sich eigentlich nicht leisten können. Wenn Hendrik und die anderen Mitglieder sich treffen, dann meistens im Café Rix, ein Kaffeehaus mit vergoldeten Wänden, wo Stuck die Decke ziert und Zeitungen in hölzernen Stäben stecken. Die Karriereverweigerer verkehren dort zum vergünstigten Hauspreis, den nur Stammgäste zahlen.

Das Haus Bartleby, derzeit noch ein kleines Ladenbüro in Berlin-Neukölln, stellen sie sich künftig eher als Schloss vor. "Wir wollen einen Ort des gepflegten Müßiggangs schaffen", sagt Hendrik. Kollege Anselm Lenz hat dem rauschenden Lebensstil gleich ein ganzes Buch gewidmet. Es heißt Das Ende der Enthaltsamkeit, und auf den letzten Seiten findet sich eine Rezeptesammlung für Cocktails. Die Grundzutat aller Getränke: Champagner.

Luxus für alle. Arbeit nur für die, die mögen. Passt das zusammen? Eine Welt, in der keiner für seine Miete arbeiten muss, aber alle ein Anrecht auf Champagner haben, klingt mehr nach einer Utopie im Sinne des großen Gatsby als nach einer politischen Idee.

Aber auch wenn nach Ende des Kapitalismustribunals keine Gesetze neu geschrieben werden, Praktikanten weiterhin auf der Karriereleiter ausrutschen, dann haben die Karriereverweigerer doch zumindest wichtige Fragen gestellt: Warum arbeiten wir? Und wer hat gesagt, dass unsere Arbeitswelt so aussehen muss, wie sie aussieht? Produzieren wir Dinge, weil wir sie brauchen? Oder nur, weil sich damit Geld verdienen lässt?

Ein Vorschlag

Einen Masterplan für die Ökonomie der Zukunft hat auch das Haus Bartleby nicht. "Sicher ist, dass sich an den ökonomischen Grundverabredungen etwas ändern muss", sagt Hendrik.

Man müsse nur nach Frankreich blicken oder sich an die Occupy-Proteste vor fünf Jahren erinnern: Viele verspüren ein diffuses Unwohlsein mit der derzeitigen Ökonomie. Wer oder was Schuld daran trägt, wollen sie mit dem Kapitalismustribunal zeigen.   

Im kommenden Jahr arbeiten Hendrik und die anderen Mitglieder des Hauses Bartleby 28 Präzedenzfälle aus den Verhandlungen heraus und stellen sie Sommer 2017 im Haus der Kulturen der Welt vor. Das Kapitalismustribunal und der daraus abgeleitete Rechtstext seien ein Angebot an jede zukünftige verfassungsgebende Entität, so formuliert es Hendrik. Ein Vorschlag, nicht mehr und nicht weniger.
http://www.zeit.de/campus/2016-09/kapitalismuskritik-haus-bartleby-karriere-kritik-links

Was für ein Scheißartikel!
Nahezu jeder denkende und fühlende Mensch kommt zu der Erkenntnis, daß Karriere, zumal auf buckelnde Art und Weise, bocklos, bzw. indiskutabel ist.
Aber was ist die Alternative? Armut! Und die ist ebenfalls scheiße und indiskutabel. Sie bedeutet keinesfalls angehmer Konsumverzicht, ein sich-kontzentrieren-auf-das-Wesentliche, sie ist erniedrigend und qualvoll.

Um mich rum kacken die Leute reihenweise ab. Weil sie sich mit der Arbeit kaputtmachen oder weil sie in der entwürdigenden Armut zerrieben werden. Ich sehe nur noch Wracks und Seelenkrüppel. Ich hasse Karrieristen und Konsumgeilheit. Aber ich habe Verständnis dafür, daß Leute nach Alternativen zur Armut suchen.  Doch die Nischen, in denen man als "Lebenskünstlker" klarkam,  verschwinden. Wir werden überall zerrieben, mit Arbeit, ohne Arbeit. Das ist der tolle Kapitalismus.

Hendrik lebt von der Substanz, wie er es nennt. Die Substanz ist Geld, das seine Großeltern ihm seit Kindestagen auf ein Sparbuch eingezahlt haben.

Aus einer solchen Position kann ich auch vor mich hinlabern. Ändern tut das nichts.

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #23 am: 10:19:32 Mo. 30.Januar 2017 »
Zitat
VOX zeigt, wie man in einer neoliberalen Marktgesellschaft Kinder erzieht

Eine Dokumentation des TV-Senders VOX mit dem Titel »Die wunderbare Welt der Kinder – wir sind 4!« veranschaulichte, wie sich eine neoliberale Marktgesellschaft auch in der Erziehung der Kleinsten niederschlagen kann.

Für den Zweiteiler, gesendet am 17. und 24. Januar, wurde eine Gruppe von zehn Kindern in einer altersgerechten Umgebung beim Spielen, beim Toben und während mehrerer spielerisch-pädagogischer Versuche gefilmt. Eine Professorin und ein Professor für Entwicklungspsychologie sowie die Eltern der Vier- und Fünfjährigen kommentierten die Filmaufnahmen. Insbesondere die Wissenschaftlerin und der Wissenschaftler gaben dem Publikum darüber hinaus auch jede Menge Erziehungstipps.

[...]

Es ist entlarvend, was sich die Verantwortlichen der Sendung unter Erziehung und frühkindlicher Bildung vorzustellen scheinen: Schon das erste Experiment prüfte das Verhalten der Kinder in einer Konkurrenzsituation. Schließlich sei »Wettbewerb« in unserer Gesellschaft alltäglich. Ein weiteres Experiment testete die Bereitschaft der Kleinen zur Selbstdarstellung – gleichfalls unter Verweis auf gesellschaftliche Regeln: »Wer sich nicht zeigt, wird nicht gesehen.« In einem anderen Experiment mussten die Kinder (ohne anwesende Aufsichtsperson) ihre Finger von einem Schokokuchen lassen. Dies zu können sei bedeutsam, da Selbstbeherrschung die Grundlage für späteren Erfolg darstelle. Bei einem Bootsbau-Wettbewerb musste eine Gruppe zurückhaltender Kinder gegen eine Gruppe von »Bestimmern« und »Machern« antreten. Immerhin, so erklärte man dem Publikum, gebe es »solche Versuchsarten auch bei Managertrainings«. Dass am Ende die Gruppe der vorsichtigen Kinder den Kürzeren zog, überraschte den Kommentator offenbar nicht, denn: »Was hier fehlt: Einer, der antreibt. Und der feste Wille zu gewinnen.«
[...]

Quelle: annotazioni via NDS

Hirnficken von Kindern zählt leider nicht zum strafbaren Mißbrauch.
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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #24 am: 11:17:48 Mo. 30.Januar 2017 »
Hmmm, warum muss ich grade an die HJ denken?

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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #25 am: 16:52:49 Mo. 30.Januar 2017 »
Kinder so früh wie möglich zu beeinflussen war schon immer ein Wunsch aller möglichen Seiten, nur waren die Hürden für diesen Zugriff/Eingriff schon mal wesentlich höher, heute will man tatsächlich Konsumidioten heranziehen, der Wirtschaft wird immer mehr Einflussnahme gewährt und die Eltern die noch ein Schutz sein könnten versucht man über Gebühr zu beschäftigen/beanspruchen, die praktische, helfende Hand aus der Wirtschaft wird dann gerne genommen.
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Re:Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #26 am: 14:47:03 Do. 22.Februar 2018 »
Kenne ein paar Leute, die studieren.
Ist ja fürchterlich. Die haben nie Zeit. Die ganze Zeit eingespannt in Dinge rund ums Studium oder in den Kampf ums ökonomische Überleben.
Ich erinnere mich noch gut an die Zeiten, in denen Studenten ein lustiges Leben geführt haben und das Studium, das machte man irgendwie auch noch. Hat einfach notfalls länger studiert...

Zitat
In den Jahren 2005 bis 2016 ist der Anteil der 18- bis 25-Jährigen mit entsprechenden Diagnosen um fast 40 Prozent gestiegen, wie aus dem Arztreport der Krankenkasse Barmer hervorgeht. Demnach litt jeder Vierte an einer psychischen Störung.

Besonders deutlich angestiegen sei die Zahl der erkrankten Studenten. Diese seien bislang als eine weitgehend gesunde Gruppe eingestuft worden. Besonders bei angehenden Akademikern steige der Zeit- und Leistungsdruck kontinuierlich, zudem gebe es finanzielle Sorgen und Zukunftsängste, hieß es zur Begründung.
http://www.deutschlandfunk.de/bericht-junge-menschen-leiden-zunehmend-unter-depressionen.2932.de.html?drn:news_id=853784


Kuddel

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Re: Null Leben, nur Lernen.
« Antwort #27 am: 10:55:41 Mo. 12.August 2019 »
 
Zitat
Jung und depressiv

Burn Out. Viele Studierende kämpfen mit psychischen Erkrankungen. Druck, Zweifel und Zukunftsangst tragen dazu bei
https://www.freitag.de/autoren/josimon/jung-und-depressiv