Autor Thema: Bürokratie und Existenzgründung  (Gelesen 4824 mal)

Wilddieb Stuelpner

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Bürokratie und Existenzgründung
« am: 00:04:05 Mi. 23.März 2005 »
ZDF, Sendungen "Frontal 21" und "blickpunkt": Sinnlose Vorschriften - Bürokratie vernichtet Arbeitsplätze

Marcel Luthe hat eine Vision: Der Geschäftsführer eines Berliner Kaffeehauses will künftig Espresso und andere Kaffeegenüsse vom Fahrrad aus verkaufen. Damit hofft er neue Kundschaft zu gewinnen und immerhin 800 neue Arbeitsplätze zu schaffen. Angesichts der über fünf Millionen Arbeitslosen in Deutschland kein schlechter Gedanke.

22.03.2005

Doch schnell stößt der rührige Geschäftsmann an die Grenzen der deutschen Bürokratie: Gleich mehrere Ordnungsämter lehnen seinen "Antrag auf Nutzung öffentlichen Straßenlandes" ab. Und so droht der Berliner Unternehmer zu scheitern, bevor er überhaupt richtig begonnen hat.
Ein Beispiel von vielen. Deutschland - das Land der Vorschriften und Regeln. Nichts wird dem Zufall überlassen. Doch das kostet. 46 Milliarden Euro geben deutsche Firmen pro Jahr für Bürokratie aus, berechnete das Bonner Institut für Mittelstandsforschung. Allein 84 Prozent davon entfallen auf kleinere und mittlere Unternehmen. Die trifft die finanzielle Belastung durch bürokratische Hürden besonders hart. Oft sind es die vielen Vorschriften und Gesetze wie Standortauflagen, Arbeitsschutzauflagen, Kündigungsschutz oder Sozialabgaben, die die Existenz ganzer Betriebe gefährden oder Unternehmen daran hindern, weitere Mitarbeiter einzustellen. Die Regelwut der Deutschen erweist sich als Jobkiller - ein Bericht von Frontal21 über die Wachstumsbremse Bürokratie.
22.03.2005

Die Welt: Amt lehnt Kaffee-Fahrräder ab

Tagesspiegel Berlin: Espresso ist nun mal kein Speiseeis Kaffee-Fahrrad scheitert am Straßengesetz

Horch

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Bürokratie und Existenzgründung
« Antwort #1 am: 10:27:48 Mi. 23.März 2005 »
Sorry, aber ich kann dieses neoliberale Gejammere nicht mehr hören.
Wir haben nicht zu wenige, sondern zu viele Lohnarbeitsplätze. Wer sich selbstständig machen möchte um selbst der Ausbeutung zu entkommen, bitte! Aber dafür noch weitere "Entbürokratisierungen" durchzuführen: Nein, danke!

geishapunk

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Bürokratie und Existenzgründung
« Antwort #2 am: 13:05:20 Mi. 23.März 2005 »
Zitat
Original von Horch
Sorry, aber ich kann dieses neoliberale Gejammere nicht mehr hören.
Wir haben nicht zu wenige, sondern zu viele Lohnarbeitsplätze. Wer sich selbstständig machen möchte um selbst der Ausbeutung zu entkommen, bitte! Aber dafür noch weitere "Entbürokratisierungen" durchzuführen: Nein, danke!

Da beißt sich aber die Katze in den Schwanz, denn ohne eine Vereinfachung für die Menschen die sich selbstständig machen wollen wird es nicht gehen! Und dafür ist nunmal eine Entbürokratisierung schwerst notwendig! Die Regelungswut deutscher Politiker und vor allem Behörden treibt nicht nur seltsame Blüten, sie erschwert vor allem Klein- und Mittelständischen Betrieben das Leben in einem Maße das viele einfach aufgeben müssen!

Wilddieb Stuelpner

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Bürokratie und Existenzgründung
« Antwort #3 am: 14:26:57 Mi. 23.März 2005 »
Da sind wir einer Meinung:

Es ist ein Widerspruch in sich - auf der einen Seiten soll sich jeder Arbeitslose wirtschaftlich mit Existenzgründungen als Ich- und Familien-AGs selbstständig machen. Es fehlen den Leuten aber das Startkapital, die Ausrüstung und betriebswirtschaftlichen Fachkenntnisse und zusätzlich traktiert man sie noch überflüssigerweise mit Gesetzen, Verordnungen, einem Wust an Kontroll- und Statistikmeldungen durch übereifrige, verbeamtete Ordnungshüter.

Dieses Land läßt mit den Händen aufbauen und reißt das Geschaffene sofort mit dem Hintern wieder ein.

Der einzige Sinn der Ich- und Familien-AGs, der Minijobs und 1-Euro-Arbeitsgelegeneiten ist: Milionen Menschen aus den Sozialsystemen zu stoßen, Arbeitslosenstatistiken schönzufärben und diese Menschen ihrem hoffnungslosem Schicksal zu überlassen.

Menschen werden in die Lage versetzt, in die wirtschaftlich unabhängige Selbstständigkeit entlassen, wenn sich aus gesicherten sozialen und finaziellen Verhältnissen heraus, in Konjunkturphasen, bei guten beruflichen Fähigkeiten, Fachwissen und Berufserfahrung diesen Schritt wagen können.

Der von Arbeitsagenturen angebotene Weg einer Existenzgründung aus der Arbeitslosigkeit heraus ist vergleichbar mit einem hochriskanten Glücksspiel. Man sollte besser die Finger davon lassen, wenn man jahrelang als AN tätig war. Was soll der Quatsch, wenn gleichzeitig Millionen Menschen von Konzernen in die Arbeitslosigkeit entlassen werden.

Wie sind wohl die Überlebenschancen eines Konzerns und die eines unerfahrenen Existenzgründers?

Zu den Rechtsvorschriften, zu Kontrollen, statistische Erhebungen:

Sie sind zu volkswirtschaftlichen Planungs-, Lenkungs- und Kontrollzwecken dann erforderlich, wenn man Unternehmen mit erheblicher Wirtschaftskraft Zügel anlegen und ihre Entwicklung in bestimmte Bahnen dirigieren muß. Bei Existenzgründern ist diese Kanalisierung noch nicht nötg, da sie kaum Einfluß auf die Volkswirtschaft haben.

Man sollte sich besser als Ordnungsbehörde mit der organisierten Kriminalität, den millionenschweren Steuerflüchtlingen, dem blühenden Schwarzmarkt und den Schwarzgeldkonten, den Nebengeschäften von Unterne4hmern, Beamten und Politikern befassen, wenn man Vertrauen bei der Bevölkerung wieder erlangen will. Das ist ein reichlich befriedigendes Betätigungsfeld und nicht die Maßregelung kleiner "Krauter".

Was ich von Existenzgründungen halte, kann man bei Tennessee Williams oder Arthur Miller (Tod eines Handelsreisenden) ergründen.

Horch

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Bürokratie und Existenzgründung
« Antwort #4 am: 15:10:50 Mi. 23.März 2005 »
Halllo Joachim,

was heißt denn hier kleine Krauter? Ob ein Arbeitnehmer nun in einem Großbetrieb oder in einem Kleinbetrieb ausgebeutet wird, der einzige Unterschied ist der, dass das in einem Kleinbetrieb noch intensiver geschieht.
Es ist doch nichts als Augenwischerei so zu tun, als würde irgendeine Regelungswut (ein wertender Begriff) für das Elend verantwortlich sein.
Wer von Regelungswut spricht, will häufig nur, dass er ungestörter seine Macht ausüben kann.
Wer sich selbstständig machen will soll es tun, solange wir dieses Sytsem haben, aber nicht noch vom Staat verlangen, dass er sich selbst reduziert. In einer wirklich selbstbestimmten Gesellschaft brauchen wir vor allem eins nicht mehr: Private Unternehmer.

Wilddieb Stuelpner

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Bürokratie und Existenzgründung
« Antwort #5 am: 15:29:27 Mi. 23.März 2005 »
Richtig: Otto von Bismarcks "Herrsche und teile!" tritt mit den Ich-AGs durch die Hintertür wieder zu Tage.

Man teilt etwas von der Macht des Ausbeutens, fragt sich nur zu welchen Verhältnissen und Teilen?

Der kleine Existenzgründer - Krauter - hat die Freiheit um den Preis seines Existenzerhalts sich selbst auszubeuten.

Erst wenn das Privateigentum an Produktionsmitteln durch gesellschaftliches und genossenschaftliches Eigentum ersetzt wird, ist die entscheidende Machtfrage zur Verwirklichung des Volkswillen geschaffen.

Carpe Noctem

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Bürokratie und Existenzgründung
« Antwort #6 am: 15:36:53 Mi. 23.März 2005 »
Hallo Joachim,

wenn ich die von dir präsentierten Texte lese, fällt mir vor allem eines auf:

Dass der "kleine Kaffefahrer mit seiner innovativen Idee" vorgeschioben wird. Die Medien bedienen sich eines Mannes, der die Herzen der LeserInnen zum Triefen bringt, um der allgemeinen Deregulierung das Wort zu reden. Mit dem Vehikel des verhinderten Kaffeanbieters - damit ist nicht sein Fahrrad gemeint! :D - wird das Bild des sinnentleerter Bürokratie zum Opfer fallenden "kleinen Mannes auf der Strasse", und zwar sehr bildlich, weil wörtlich, in den Köpfen der Menschen direkt verknüpft mit der zu implantierenden Zustimmung für neoliberale Unternehmermentalität.

Und sowas von dir, einem alten Genossen?

Huiuiui........... - CN
Art. 1 GG: "Die Menschenwürde steht unter Finanzierungsvorbehalt"