Autor Thema: Zeitarbeit in Deutschland - Aktuelle Entwicklung  (Gelesen 49599 mal)

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 13532
  • Fischkopp
Re: Zeitarbeit in Deutschland - Aktuelle Entwicklung
« Antwort #75 am: 17:11:03 Mi. 21.August 2019 »
Zitat
Gleicher Lohn für gleiche Arbeit nicht in Sicht
Ein Kommentar zur Tarifrunde Leiharbeit 19/20




Anlässlich des Auslaufens von Leiharbeit-Tarifverträgen startet der DGB eine neue Kampagne: Tarifrunde Leiharbeit 19/20. labournet.de kommentierte den Start der neuen Tarifrunde in Richtung DGB-Gewerkschaften mit: „nix dazu gelernt.“[1] Und auch die ver.di-Jugend positionierte sich klar: Auf ihrem Bundeskongress forderte sie in einem Beschluss das Verbot der Leiharbeit.[2] Doch warum lehnen so viele die Leiharbeit-Tarifverträge ab?

Schlechterstellung durch Tarifvertrag

Leiharbeit wird in Deutschland durch das Arbeitnehmerüberlassungsgesetz – kurz AÜG – geregelt. Ziel der im April 2017 in Kraft getretenen Neufassung war es – laut Bundesregierung – Missbrauch in der Arbeitnehmerüberlassung entgegenzuwirken. Außerdem sollte es Unternehmen die Möglichkeit bieten, vorübergehenden Arbeitskräftebedarf bei Auftragsspitzen flexibel decken zu können. Die damalige Arbeitsministern Andrea Nahles (SPD) meinte weiterhin dazu, dass mit diesem Gesetz „klar das Prinzip gleicher Lohn für gleiche Arbeit ohne Schlupflöcher verabredet worden sei.“[3] Dass das Ganze Käse ist lässt sich an zwei Beispielen belegen, also wie zum Geier kommt die Frau darauf?

Erstens: Das AÜG sieht vor, dass LeiharbeiterInnen nach 9 Monaten den selben Lohn wie Stammbeschäftigte erhalten sollen. In dem Gesetz steht aber auch, dass es möglich, ist, diesen Grundsatz durch Tarifverträge zu unterlaufen. Mit Tarifverträgen kann verabredet werden, dass der gleiche Lohn erst nach 15 Monaten gezahlt werden muss – Soviel zum Thema „keine Schlupflöcher“, Frau Nahles. Es kommt noch dicker: es gibt da noch die sogenannte Unterbrechungsfrist. Diese besagt, dass wenn zwischen dem letzten Einsatz des Leiharbeiters beim gleichen Unternehmen drei Monate liegen dann fangen die 9 (mit Tarifvertrag bis zu 15) Monate ohne „Equal Pay“ wieder von vorne an.

Die harten Fakten was die Bezahlung angeht sehen so aus: LeiharbeiterInnen verdienen im Durchschnitt 42% weniger als ihre fest angestellten Kollegen. Und das liegt nicht daran, dass Leiharbeiter häufiger Tätigkeiten „geringer Qualifikation“ ausüben, sondern sie werden schlicht und einfach schlechter bezahlt – der Durchschnittslohn einer fest angestellten Fachkraft liegt bei 2965 Euro Brutto und der Durchschnittslohn einer Leiharbeitsfachkraft bei 2209 Euro Brutto.[4]

Zweitens: Die im Gesetz festgelegte Höchstüberlassungsdauer besagt, dass LeiharbeiterInnen höchstens 18 Monate bei einem Entleihbetrieb arbeiten dürfen. Doch auch hier sieht das Gesetz Schlupflöcher vor: durch tarifliche Vereinbarungen zwischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverband der jeweiligen Branche kann von einer Höchstüberlassung abgewichen werden. Davon wurde beispielsweise durch einen Tarifvertrag der IG Metall und dem Arbeitgeberverband Gesamtmetall Gebrauch gemacht und eine Höchstüberlassung von 4 Jahren in der Automobilindustrie vereinbart.

Im April 2019 existierten 109 Tarifverträge, in denen die maximale Dauer der Überlassung an das selbe Unternehmen auf mehr als 18 Monate ausgeweitet wurde – und das, obwohl Leiharbeit angeblich den Zweck hat zeitlich begrenzt und kurzzeitig Arbeitsspitzen abzudecken.[5]

Fazit: mittels Tarifverträgen ist es möglich die gesetzlichen Mindeststandards auszuhöhlen. Doch welche seriöse Gewerkschaft würde in so einem Fall schon Tarifverträge abschließen?
Die Leiharbeitsbranche ist die Branche mit der höchsten Tarifbindung

Kein Wunder also, dass die Arbeitgeberverbände der Leiharbeit sehr gerne bereit sind Tarifverträge abzuschließen – mit dem Ergebnis, dass die Leiharbeitsbranche eine der Branchen mit der höchsten Tarifbindung ist![6] Und hier kommt der DGB ins Spiel, denn der DGB ist es, der Tarifverträge auf „Arbeitnehmerseite“ abschließt und somit Leiharbeit zu schlechteren Bedingungen gestaltet wie es das Gesetz vorsieht.

Nun kann man auch verstehen, warum zig Leute und Organisationen deutschlandweit den DGB auffordern keine neuen Tarifverträge mehr abzuschließen. Auch die äußerst populäre ZDF Satire-Sendung Die Anstalt hatte das gecheckt und im Mai 2017 eine super Folge zum Thema Leiharbeit herausgebracht.

Warum macht der DGB das?

Der DGB legt in Sachen Leiharbeit die Haltung „Hauptsache mit uns“ an den Tag. „Jeder Tarifvertrag ist besser als keiner“ – so scheint die Devise zu lauten. Die Folgen sind gravierend: Mit der daraus resultierenden „Lohnungleichheit“ spaltet der DGB die sogenannte „Stammbelegschaft“ tiefer von den LeiharbeiterInnen ab. Hinzu kommt noch: Die Politik des DGB begünstigt (mit kräftiger Unterstützung einflussreicher Betriebsräte) vordergründig die Stammbelegschaften und die LeiharbeiterInnen dienen als willkommener Puffer für deren Arbeitsplätze. Hierdurch wird deutlich, dass der DGB ein politisches Machtspiel betreibt, statt auf die Rechte der Arbeiterklasse insgesamt einzugehen.

Eine Kündigung der Leiharbeitstarifverträge ist zum 31. Dezember 2019 möglich. Ziemlich sicher wird der DGB die Tarifverträge nicht kündigen und die neu abgeschlossenen Verträge – wie schon die Jahre zuvor – schön reden. Bis dahin wird es hoffentlich noch einiges an Gegenwind geben, sodass die Verhandlungen nicht ruhig über die Bühne gehen. Es bleibt unverständlich warum der DGB Verschlechterungen durch Tarif ermöglicht und die Leiharbeit „mitgestaltet“ statt sie zu bekämpfen
https://direkteaktion.org/gleicher-lohn-fuer-gleiche-arbeit-nicht-in-sicht/

Fritz Linow

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 1651
Re: Zeitarbeit in Deutschland - Aktuelle Entwicklung
« Antwort #76 am: 12:27:19 Mi. 11.September 2019 »
11.9.19
Zitat
Die drei führenden Zeitarbeitsunternehmen verzeichnen weiteren Umsatzrückgang
(...)
2019 sind die Zeitarbeitsunternehmen stärker von der schwächelnden Konjunktur betroffen. Die von den Unternehmen gemeldeten Zahlen zum zweiten Quartal fallen stark ab. Auch hier hat Manpower wieder mit -30 Prozent gegenüber Q2 2018 den größten Verlust zu vermelden. Adecco verliert 18 Prozent, Marktführer Randstad 15 Prozent.

Die starken Umsatzrückgänge führen die Unternehmen laut Pressemitteilungen in erster Linie auf die Marktabschwächung zurück. Insbesondere die schwache Automobilindustrie hat durch den Handelskrieg und eine geringere Nachfrage Auftragsrückgänge zu verzeichnen. Auch Automobilzulieferer, von denen ein Großteil mittelständische Unternehmen und somit wichtiger Arbeitgeber in Deutschland sind, geraten stärker unter Druck. Stellen werden abgebaut, wovon zuallererst Zeitarbeitnehmer betroffen sind. Doch auch mit anhaltenden Auswirkungen der regulatorischen Änderungen haben Personaldienstleister zu kämpfen.
https://www.luenendonk.de/die-drei-fuehrenden-zeitarbeitsunternehmen-verzeichnen-weiteren-umsatzrueckgang/

Tiefrot

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 3552
  • Rote Socke
Re: Zeitarbeit in Deutschland - Aktuelle Entwicklung
« Antwort #77 am: 12:48:31 Mi. 11.September 2019 »
Zitat
Doch auch mit anhaltenden Auswirkungen der regulatorischen Änderungen
haben Personaldienstleister zu kämpfen.
Es gibt nur eine Regelung, die diesen Mißstand behebt:
Leiharbeit ist ausnahmslos verboten.

Kapiert das endlich.  >:(
Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
Seht in den Lohnspiegel, und geht nicht drunter !

Wie bekommt man Milllionen von Deutschen zum Protest auf die Straße ?
Verbietet die BILD und schaltet Facebook ab !

BGS

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 3435
  • Polarlicht
Re: Zeitarbeit in Deutschland - Aktuelle Entwicklung
« Antwort #78 am: 19:48:37 Mi. 11.September 2019 »
Zitat
Doch auch mit anhaltenden Auswirkungen der regulatorischen Änderungen
haben Personaldienstleister zu kämpfen.
Es gibt nur eine Regelung, die diesen Mißstand behebt:
Leiharbeit ist ausnahmslos verboten.


Kapiert das endlich.  >:(

Definitiv richtig.

Der "Personaldienstleister" u. ä. bedarf es nicht im Geringsten!

MfG

BGS


"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=21713.msg298043#new
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 13532
  • Fischkopp
Re: Zeitarbeit in Deutschland - Aktuelle Entwicklung
« Antwort #79 am: 10:24:12 Mo. 16.September 2019 »
Lange, sehr lange, sind wir schon dabei, die Leiharbeit selbst in Frage zu stellen und ihre Abschaffung zu fordern. Der DGB ist weiterhin dabei, diese Form der Ausbeutung aktiv zu verteidigen. Er fordert, den Sklavenhandel fair zu gestalten.

Vereinzelt gab es Stimmen aus der Linkspartei, die sich für die Abschaffung der Leiharbeit aussprachen. Nun gibt es den ersten vorsichtigen Versuch in der bürgerlichen Presse, die Leiharbeit grundsätzlich in Frage zu stellen.

Zitat
So wie sich die Leiharbeit präsentiert, als Lohndumping und Drohkulisse, gehört sie abgeschafft.

Diese Formulierung läßt diverse Hintertüren für die Leiharbeit offen. "Lohndumping" und "Drohkulisse" sind eben nicht die einzigen Funktionen der Leiharbeit. In Frankreich ist die Leiharbeit bereits teurer als die Festanstellung, doch sie bleibt für die Unternehmen attraktiv. Es bedeutet auch eine Spaltung der Belegschaft. Die Leiharbeit ermöglicht die Flexibilisierung der Produktionsbedingungen, was auch eine Arbeitsverdichtung für die Stammbelegschaft bedeutet.

Hier der vollständige Artikel:

Zitat
Flexibilität muss teurer werden
Mehr Geld macht die Leiharbeit kaum besser. In ihrer derzeitigen Form gehört sie abgeschafft

Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Davon können die rund 900.000 Leiharbeiter in Deutschland nur träumen. Die kommende Woche startenden Tarifverhandlungen werden daran nichts ändern. 8,5 Prozent mehr Geld für die Beschäftigten der Leiharbeitsbranche, das ist die Lohnforderung des DGB. Dazu kommen mehr Urlaubstage und mehr Weihnachtsgeld. Eine Gehaltserhöhung um 8,5 Prozent, das klingt nach viel. Ist es aber nicht, wenn man sich anschaut, wie wenig Leiharbeiter im Vergleich verdienen. Bei 1.928 Euro brutto lag ihr Monatslohn 2018 im Mittel. Das sind 1.367 Euro weniger als bei regulär Vollzeitbeschäftigten, die auf 3.304 Euro kamen. Und das liegt nicht daran, dass Leiharbeiter häufiger Tätigkeiten mit „geringer Qualifikation“ ausüben, wie so gerne suggeriert wird. Sie werden schlicht schlechter bezahlt.

8,5 Prozent mehr Geld, „völlig überzogen“ fanden das die Vertreter der Leiharbeitsbranche und erteilten dem DGB schon im Vorfeld eine Absage. „In der aktuellen Phase würden durch derartige Forderungen Arbeitsplätze gefährdet und Integrationschancen von Menschen in den Arbeitsmarkt behindert.“ Schlechte Konjunktur, gute Konjunktur, egal – sie beten stets das gleiche Mantra. Seit die Leiharbeit als Lohndumping im großen Stil etabliert wurde, wird sie politisch als Win-Win vermarktet. Eine Maßnahme, um kurzfristige Arbeitsspitzen aufzufangen mit tollen Einstiegschancen für Erwerbslose, aber in der Praxis profitiert fast nur die Unternehmerseite.

Eigentlich sollte mit der Reform der Leiharbeit vor zwei Jahren vieles besser werden. Eigentlich. Laut Gesetz sollen Leiharbeiter nach neun Monaten den gleichen Lohn wie die Stammbelegschaft erhalten.Aber die meisten von ihnen arbeiten nicht einmal ein halbes Jahr am Stück im Betrieb. Mit 8,5 Prozent mehr Gehalt kommt man aus dem Teufelskreis nicht raus, damit schafft man gerade mal einen kleinen Abstand zum Mindestlohn. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit? Das muss für Leiharbeiter vom ersten Arbeitstag an gelten. Für die Belastung, die mit der Flexibilität einhergeht, sollten Unternehmen zusätzlich zur Kasse gebeten werden. So wie sich die Leiharbeit präsentiert, als Lohndumping und Drohkulisse, gehört sie abgeschafft. Aber das geschieht erst, wenn Unternehmer feststellen: Leiharbeit lohnt sich für mich nicht.
https://www.freitag.de/autoren/martina-mescher/flexibilitaet-muss-teurer-werden

Die Diskussionslage in den Betrieben zur Leiharbeit hat sich auch verbessert. Betriebsräte sorgen sich oftmals nur um die gewerkschaftlich organisierten Stammbeschäftigten. Leiharbeiter werden als "Puffer" gesehen, die bei schlechter Auftragslage gehen müssen und damit die Arbeitsplätze der Stammbelegschaft sicherer machen. Inzwischen forden aber auch Betriebsräte der Stammbelegschaft zunehmend die Übernahme der Leiharbeiter in den Stammbelegschaft. Wir sollten diese Diskussion weiter vorantreiben.




Die gleiche Thematik ist selbst in China ein großers Problem. Dort befinden sich die Leiharbeiter vom Arbeitsrecht her in einer weitaus besseren Position, als in Deutschland, doch viele Unternehmen (auch deutsche) brechen einfach das chinesische Arbeitsrecht. Das ist der Anlaß für viele Betriebliche Arbeitskonflikte bis hin zum Wilden Streik.

Onkel Tom

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 4043
Re: Zeitarbeit in Deutschland - Aktuelle Entwicklung
« Antwort #80 am: 11:43:33 Mo. 16.September 2019 »
Zitat
...
8,5 Prozent mehr Geld, „völlig überzogen“ fanden das die Vertreter der Leiharbeitsbranche und erteilten dem DGB schon im Vorfeld eine Absage. „In der aktuellen Phase würden durch derartige Forderungen Arbeitsplätze gefährdet und Integrationschancen von Menschen in den Arbeitsmarkt behindert.“ Schlechte Konjunktur, gute Konjunktur, egal – sie beten stets das gleiche Mantra. Seit die Leiharbeit als Lohndumping im großen Stil etabliert wurde, wird sie politisch als Win-Win vermarktet. Eine Maßnahme, um kurzfristige Arbeitsspitzen aufzufangen mit tollen Einstiegschancen für Erwerbslose, aber in der Praxis profitiert fast nur die Unternehmerseite.
...

Ach, endlich ein triftigen Grund, keinerlei "Tarifverhandlungen" weiter zu führen und Leiharbeit hoffentlich
zum verrecken bringen !..

Und das mit den "Intregrationsschancen" kennen wir ja schon zu genüge von der Erwerbslosenindustrie,
wie man mit solch Pladitüden Profite macht.. Grumpf, mal vor den Gewerkschaftshäusern per Protest an
deren Makulatur kratzen ?

Leiharbeit verbieten ! Das dürfte der Gewerkschaft bezüglich ihres Ansehen auch ganz gut tun, zumindest
im Bezug Glaubwürdigkeit  ;)
Lass Dich nicht verhartzen !