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Rappelkistenrebell

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Druck auf das Saftkartell
« am: 22:29:35 Mo. 11.April 2016 »
Aus: Ausgabe vom 12.04.2016, Seite 5 / Inland

Druck auf das Saftkartell
Ver.di, brasilianische Gewerkschafter und NGOs kämpfen international für anständige Arbeitsbedingungen in Orangenanbau und -verarbeitung
Von Jana Frielinghaus



Harte körperliche Arbeit im Pestizidnebel, und der Lohn reicht nicht einmal für einen Arztbesuch: Orangenpflücker im ­brasilianischen Limeira, Bundesstaat São Paulo
Foto: REUTERS/Paulo Whitaker

Die Bundesrepublik ist einer der wichtigsten Orangensaft­importeure weltweit, und der größte Teil des hierzulande billig verkauften Getränks stammt aus Brasilien. 80 Prozent des global gehandelten Apfelsinensaftes werden dort produziert – unter extrem ausbeuterischen Bedingungen. Deshalb arbeiten Aktive der Gewerkschaft ver.di und von Entwicklungsorganisationen wie der »Christlichen Initiative Romero« (CIR) seit rund drei Jahren mit brasilianischen Gewerkschaftern im internationalen Netzwerk »Exchains« zusammen, um Druck auf Groß- und Einzelhändler, europäische Getränkehersteller und insbesondere auf die in Brasilien ansässigen Multis der Branche aufzubauen. Hauptziel sei die Durchsetzung von menschenwürdigen Arbeitsbedingungen für Plantagenarbeiter und Beschäftigte der Saftfabriken, sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Stefanie Nutzenberger am Montag vor Journalisten in Berlin.

Zu Gast bei ver.di sind derzeit drei Gewerkschafter aus Brasilien, die in den kommenden Tagen an Gesprächen mit dem Management der deutschen Supermarktketten Kaufland und Rewe teilnehmen werden. Die Unternehmensführungen sollen dazu aufgefordert werden, ihre Verantwortung für faire Arbeitsbedingungen im Prozess der Herstellung der von ihnen verkauften Produkte wahrzunehmen. Solche Treffen gibt es seit 2013. Seitdem habe es »viele Versprechen, aber keine substantiellen Verbesserungen« gegeben, beklagte Sandra Dusch von der CIR. Gleichwohl glaubt sie, dass es prinzipiell gar nicht so schwierig wäre, etwas zu bewirken. Denn in Brasilien lassen sich die Hauptverantwortlichen für die miserablen Arbeitsbedingungen in den Orangenhainen klar identifizieren. In den zurückliegenden 25 Jahren hat sich in der Saftherstellung in der größten Volkswirtschaft Südamerikas eine enorme Konzentration vollzogen. Das zeigt eine im vergangenen Jahr nach einer Recherchereise von Dusch und anderen zu Produktionsstätten im brasilianischen Bundesstaat São Paulo erarbeitete Studie.

Heute teilen dort drei Konzerne den Markt unter sich auf: Citrosuco, Louis Dreyfus Commodities und Cutrale. Sie verarbeiten die Früchte überwiegend zu Konzentrat, das nach Europa und in die USA verschifft wird. In der EU wird das Konzentrat insbesondere in niederländischen Firmen wieder verdünnt, abgefüllt und an den Handel verkauft. Vom Ladenpreis in der EU entfallen nur vier bis sieben Prozent auf die Löhne von Orangenpflückern und Fabrikarbeitern in Brasilien. Die großen drei seien durch ihre Marktmacht in der Lage, den Einkaufspreis für Orangen gegenüber den Plantagenbesitzern regelmäßig unter die Produktionskosten zu drücken, heißt es im Report. Dies ist ein wesentlicher Grund für die miesen Arbeitsbedingungen, unter denen die Pflückerinnen und Pflücker leiden.

Davon erzählte Alcimir Antonio do Carmo vom Dachverband der rund 300 Landarbeitergewerkschaften des Bundesstaates São Paulo. Die Arbeiter sind insbesondere wegen des extremen Pestizideinsatzes hohen gesundheitlichen Belastungen ausgesetzt, denn sie bekommen noch nicht einmal Schutzkleidung. Zwölfstundentage ohne Pausen sind die Regel, viele Kollegen kommen über Jahre hinweg nur auf einen freien Tag pro Monat.

Das größte Problem aber sei die Entlohnung, die ein Leben in Würde nicht ermögliche. Do Carmo wie auch João de Oliveira von der Gewerkschaft der Beschäftigten in der Saftverarbeitung sprechen von sklavereiähnlichen Arbeitsverhältnissen in den Orangenhainen. Die sind nach einem noch von der Regierung unter Präsident Luiz Inácio »Lula« da Silva verabschiedeten Zusatzartikel im Strafrecht eigentlich verboten. Das Problem sei die Umsetzung, denn für die Kontrolle der Einhaltung der Gesetze gebe es zuwenig Personal, berichtete Sandra Dusch. Zudem müssten Arbeitsschutzinspektoren bei Razzien in Unternehmen von Angehörigen der Militärpolizei begleitet werden, um nicht Bedrohungen ausgesetzt zu sein.

Do Carmo schilderte das System der »Lider«. Es handelt sich bei diesen Personen um Mittelsmänner, die Angestellte der Plantagenbesitzer sind. Sie heuern Arbeiterinnen und Arbeiter eigenverantwortlich an und sind auch für deren Bezahlung zuständig. Nominell kämen Orangenpflücker auf einen Lohn von umgerechnet 200 bis 250 Euro pro Monat. Aber sie befinden sich gegenüber den »Lidern« in einer Art Schuldknechtschaft, denn die berechnen ihnen horrende Kosten für den Transport von Plantage zu Plantage, für ihre Unterbringung in schäbigen Hütten und für die Verpflegung. Am Ende bleibe den Arbeitern von ihrem Lohn nichts. Deshalb ist eine Hauptforderung von »Exchains« auch die nach »transparenten und existenzsichernden Löhnen«.

In den Saftfabriken seien die Bedingungen deutlich besser, der Lohn mit umgerechnet 400 bis 450 Euro höher, sagte João de Oliveira, der seit langem für den Cutrale-Konzern arbeitet. Auch dieses Entgelt reiche aber nicht zur Existenzsicherung. Seine Familie sei ebenfalls zusätzlich auf staatliche Transferleistungen angewiesen, so Oliveira. Zudem seien die Unternehmen extrem gewerkschaftsfeindlich. Aktive, die sich für die Rechte der Beschäftigten eintreten, werden massiv gemobb. In die internationale Kampagne setzt Oliveira dennoch große Hoffnungen. Denn internationaler Druck habe auch für ein Ende der Kinderarbeit bei Cutrale gesorgt, die dort in den 1990er Jahren noch an der Tagesordnung gewesen sei.

Studie online: http://kurzlink.de/ausgepresst

Quelle

https://www.jungewelt.de/2016/04-12/020.php
Gegen System und Kapital!


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