Autor Thema: Betriebsintervention  (Gelesen 14532 mal)

Kuddel

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #15 am: 15:20:50 Fr. 15.März 2019 »
...
Ich erinnere mich gerade an ein Flyeraktion bei der ich zu einen Treffen eingeladen hatte aber die Frau mich immer lauter werdend alle 2-5 sek unterbrochen hatte "da kann man nichts machen, DA KANN MAN NICHTS MACHEN!, DA KANN MAN NICHTS MACHEN!
Aber wie kann man Klassenbewusstsein und Selbstvertrauen wieder aufbauen?

Bei solchen Leuten hab ich oftmals wenig Bock, weiter auf ihren selbstmitleidigen Scheiß einzugehen.
Dann reicht es bei mir nur für "Billige Rechtfertigung deiner Feigheit" bis "Geh kacken!".

Letztendlich geht es darum, Leute im Zusammenhang mit ihrer Arbeit zu erreichen. (Am besten natürlich bei den eigenen Kollegen. Man kann aber auch Beschäftigte anderswo erreichen.) Mir fallen die Geschichten von dem Beginn der Amazon Organisierung ein. Es war kaum mehr, als eine handvoll Leute, die sich in den Kopf gesetzt hat, den Laden aufzumischen. Mit ihren ersten Aktionen sind sie von den eigenen Kollegen belächelt, angepöbelt und auch bespuckt worden. Sie machten sich dann daran, ihnen nicht zu sagen, was sie machen sollten, sondern herauszufinden, wo bei ihnen der Schuh drückt. Sie machten Befragungen. Das half. Ihr winzige Zirkel wuchs ein wenig, bis sie sich eine erste Aktion trauten. Als sie den ersten Streikversuch machten, waren sie noch einen verschwindend kleine Minderheit im Betrieb. Mit ihren Streiks suchen sie sich immer Themen, die von den Kollegen als besonders wichtig wahrgenommen werden. (Mal die gesundheitliche Belastung, mal der lange Weg in die Kantine, der von der Pausenzeit abgezogen wird.)

Mit jedem Streik schließen sich mehr Kollegen ihnen an. Ein Vertrauensmann berichtete von einem Kollegen, der ihm vor einem Jahr noch "die Beine brechen" wollte, inzwischen aber selbst mitstreikt. Selbst die Verwirrten ("DA KANN MAN NICHTS MACHEN!") können ihre Einstellung ändern. Besser als gute Argumente sind immer praktische Schritte, die man nachvollziehen und an denen man sich dann auch beteiligen kann. Aus der handvoll Rebellen in dem Betrieb sind rund 1000 geworden. Sie haben sich vernetzt mit anderen Amazonniederlassungen und sind bundesweit etwa 2000 Leute, die sich an den Streiks beteiligen.

Die Videointerviews wurden schonmal an anderer Stelle gepostet:



Ein möglicher Ansatz sehe ich darin, wenn die Arbeiterklasse ihre solidarische Zusammenarbeit
so gestaltet, das Gewerkschaft denen zu folgen hat, statt die Arbeiterklasse den Gewerkschaften
folgt.

Anbei würden Konflikte zu "wilden Streik" oder "Generalstreik" erwachen. Aber besser das, als sich
immer wieder von Gewerkschaftsfunktionären an der Nase herum führen zu lassen..

Ich denke, daß Streik (vom Bummelstreik über den Wilden Streik bis zum Generalstreik) eher Fernziele sind, die man auch schon diskutieren, aber erstmal schwer umsetzen kann.

Wir müssen früher anfangen. Das Thema Arbeit wieder zum Thema machen. Der Ansatz der Amazon-Kollegen, erst einmal mit den Leuten zu quatschen, um herauszufinden, wo der Schuh drückt, erscheint mir recht vorbildlich. Wenn man die Probleme kennt, kann man weiter überlegen, wie man reagieren kann, welche Aktivitäten möglich und sinnvoll wären...

Rudolf Rocker

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #16 am: 15:30:03 Fr. 15.März 2019 »
Ich sag nur: Greta Thunberg!
Die hat ganz alleine angefangen und heute gehen zichtausende Schüler*innen weltweit auf die Straße!
Das ist mal sowas von beeindruckend!!
"Da kann man nichts machen" ist das Synonym für "Ich habe keinen Bock meinen Arsch zu bewegen"!

Onkel Tom

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #17 am: 14:23:45 Sa. 16.März 2019 »
Jo, die Klimaschutzdemos organisiert von Schülern find ich auch beeindruckend..

Wenn man mal bedenkt, im welchen Alter die Entscheidungsträger in der Politik sind,
könnte man meinen, das sie sich dazu a la "Nach mir die Sintflut" verhalten und das
Problem nur vor sich her schieben..

Mit dem Spruch "Da kann man nix machen" komme ich auch nicht zurecht.
Die meisten warten darauf, das andere mit irgendwas anfangen und schließen sich
erst dann an, wenn die Mitstreiterzahl so groß geworden ist, das man sich zum Kampf
oder Forderungen stellen sicher fühlt.

Ist ja auch einfacher, fremdverantwortlich mit zu latschen, statt Eigenverantwortung zu
riskieren  :(

Hut ab von einer Handvoll Leuten, die was organisieren und tun und Masse in Bewegung
bekommen  :)
Lass Dich nicht verhartzen !

Kuddel

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #18 am: 11:25:25 Mo. 29.Juni 2020 »
Interessant finde ich die Idee, einen Betrieb von innen (den Beschäftigten) und von außen (von Unterstützern) anzugreifen. Ein neuer Versuch bei Amazon:

Zitat
Das Anti-Amazon-Café will ein Bezugspunkt für den informellen und selbst organisierten Kampf gegen den Aufbau eines Amazon¬Zentrums für Abhörtechnik in Friedrichs¬hain sein. „Die Baustelle in Berlin wurde eben eröffnet, noch ist Zeit, Amazon zu verhindern“, heißt es in einer Ankündigung. „Wir wollen gemeinsam Informationen über Amazon und den Bau des Towers sammeln und Kritik zusammentragen.“ Außerdem sollen Handlungsoptionen erkundet und in Angriff genommen werden.
https://taz.de/Termine-fuer-Berlin-2806-0172020/!171161/

Nao

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #19 am: 14:08:41 Mi. 01.Juli 2020 »
Weltweit gibt es Versuche, die herrschenden Verhältnisse zum Einsturz zu bringen, indem man Kämpfe in Betrieben organisiert. In Deutschland war es in den 70er Jahren regelrecht eine Bewegung, daß linke Studenten in Betriebe gegangen sind. Das ist heute eher rar geworden.

In China gab es gerade wieder solche Tendenzen. Es gab eine große Zahl marxistischer Lesegruppen, die sich dann für Betriebsrabeit zu interessieren begannen. Die Kämpfe vor zwei Jahren bei Jasic, gingen weltweit durch die Medien und führten zu knallharter staatlicher Repression.

Nun gibt es einen Bericht, der Einblicke in die Vorstellungen und Organisationsstrukturen dieser Aktivisten gibt:

https://www.forumarbeitswelten.de/blog/leninisten-in-einer-chinesischen-fabrik/

Kuddel

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #20 am: 13:27:59 Sa. 11.Juli 2020 »
Wer sich für diese Art politischer, bzw. revolutionärer Arbeit interessiert, sollte sich die halbe Stunde Zeit für den mehr als 20 Jahre alten Film nehmen:

Jeder Schritt zählt
30 min | 1998
Film über die Gruppe oppositioneller Gewerkschafter" (GoG) bei Opel in Bochum.
https://de.labournet.tv/jeder-schritt-zaehlt

Kuddel

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #21 am: 12:01:59 Mo. 12.Oktober 2020 »
Betriebliche Kämpfe müssen wieder in die öffentliche Diskussion getragen werden.
Öffentlichkeitsarbeit und Unterstützung von außen ist möglich. Ein schönes Beispiel aus Stuttgart:

Plakate im öffentlichen Raum “Wer hält den Laden am Laufen? Die Chefs sicher nicht”


https://solidaritaet-und-klassenkampf.org/2020/10/plakate-zur-krise-im-oeffentlichen-raum/

Fritz Linow

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #22 am: 01:18:24 Do. 05.November 2020 »
Zitat
Das Salz in der Suppe? – Radikale Elemente im Betrieb (Serie Teil 1)

Die radikale Linke in Deutschland hat den Betrieb als Feld der Agitation und Öffentlichkeitsarbeit weitgehend vernachlässigt, ja aufgegeben. Ich meine mit “den Betrieb” nicht irgendwelche Betriebe, wo andere Leute arbeiten, die wir vor den Werkstoren agitieren könnten, oder Arbeitskämpfe, an denen wir uns möglicherweise solidarisch beteiligen könnten – was immer zu begrüßen ist! –, sondern den eigenen Arbeitsplatz, die eigenen Kolleg*innen.
(...)
https://lowerclassmag.com/2020/11/02/das-salz-in-der-suppe-radikale-elemente-im-betrieb-serie-teil-1/

Der Artikel schlägt eine weiterführende Diskussion vor, daher absolut empfehlenswert, auch wenn es nur den üblichen Dunstkreis erreicht.

Zitat
Die Welle wilder Streiks, die 1973 durch Westdeutschland ging, die mit dem großen Fordarbeiterstreik 1973 ihren Höhepunkt fand, geschah zumeist mit Beteiligung dieser radikalen Elemente. Vielleicht waren sie — und das ist meine die zentrale Vermutung und Hoffnung — so etwas wie das Salz in der Suppe.

Das Salz konnte und kann aber auch verdammt bitteres Essig werden. Die Gefahr, Betriebsintervention zu betreiben, um sich der eigenen Radikalität zu vergewissern, besteht immer. Daher ist die im Artikel erwähnte Betriebsfibel von Bernie Kelb nachwievor lesenswert.
Ich vermute, dass (bewusst) radikale Elemente nicht das Salz im Betrieb sind.

Kuddel

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #23 am: 11:50:26 So. 27.Dezember 2020 »
Wir haben es in unserer regelmäßigen Diskussionsrunde öfter als Thema gehabt: Betriebsarbeit braucht einen langen Atem.

Einer benannte es sehr konkret: Wenn man wirklich etwas bewegen will, dauert es meist ca. 10 Jahre. Zuerst muß man während der Probezeit die Klappe halten. Man muß lernen, den Betrieb und das Verhalten der Kollegen zu verstehen. Man muß ein Vertrauensverhältnis zu den Kollegen aufbauen. Und einen praktischen Ansatz für betriebliche Auseinandersetzungen und Kämpfe gibt es nicht jeden Tag. Das können unvorhersehbare Änderungen in den Abläufen sein, auf die man dann spontan reagieren muß.

Ich habe von Leuten mit einem trotzkistischen Hintergrund gehört, die bei Amazon angefangen haben, um dort etwas zu bewirken. Sie waren kritisch und hellwach und sie versuchten, die Kollegen zu mobilisieren, doch sie haben die Klappe zu früh aufgerissen. Sie waren noch noch nicht in der Stammbelegschaft, sondern befristet. Ihre Verträge wurden nicht verlängert. So einfach ist Amazon die Störenfriede losgeworden.

Linke sind dieses langfristige Denken und Handeln nicht gewohnt. Die übliche Kampagnenpolitik (Demos und Aktionswochen) werden einige Wochen, maximal einíge Monate lang vorbereitet. Sich aber monatelang bewußt zurückzuhalten, kann man sich nicht vorstellen.

Einer aus unserer Diskussionsrunde sagte, er hätte aufgehört mit Studenten zusammenzuarbeiten. Das würde meist vielversprechend beginnen, aber wenn sich etwas entwickelt, worauf man aufbauen könnte, seien sie wieder weg.

Ich habe ähnliches erlebt. Ich habe einen Studenten kennengelernt, der in einem Callcenter jobbte. Er gehörde zu einer Gruppe linker Studenten, die sich als Callcenteraktivisten zusammengetan hatten. Sie haben einen guten Blick auf die Ausbeutungsverhältnisse, die Kollegen und die Spaltungen untereinander gehabt. Ihnen war auch bewußt, daß sie erstmal die Klappe halten müssen, so lange sie noch befristete Verträge haben. Aber als es soweit war und die Befristung in einen Festvertrag hätte gehen können, hat sich die Gruppe aufgelöst, da die Lebenswege der Studis sich in alle Richtungen verstreut haben.

In den 80er Jahren propagierte die Zeitschrift die "militante Untersuchung" und man ging auch in die Betriebe. Das war eher eine Studie, aus der man einen Bericht für das Magazin formulierte. Man versuchte auch, die Kollegen aufzustacheln, doch die Erfolge waren spärlich. Für das Gros der Leute aus dem Wildcat Umfeld war es meist eine zeitlich sehr übersichtliche Sache, man wollte dann auch schnell wieder aus dem Ausbeutungsverhältnis raus sein. Ich möchte den wenigen, die aus dem Wildcat Zusammenhang über Jahre im Betrieb bleiben, nicht unrecht tun.

Weiter oben wird über den Opel Aktivisten Wolfgang Schaumberg berichtet. Er hat als Student Ende der 60er einen Ferienjob bei Opel begonnen, um den Arbeitern da klarzumachen, daß sie sich der Revolution anschließen sollten. Es war nicht ganz so einfach. Aus den paar Wochen Agitationsarbeit während der Semesterferien wurden 30 Jahre Arbeit bei OPEL. Ohne die beharrliche Arbeit der oppositionellen Arbeitergruppe GoG wäre es wohl nicht zu den legendären wilden Streiks bei Opel gekommen, und zur höchsten Abfindung von entlassenen Arbeitern, die es in Deutschland gegeben hat.

Fritz Linow

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #24 am: 16:04:16 Mi. 17.Februar 2021 »
Zitat
17.2.21
Entfremdete Kampfgefährten

In Westdeutschland gingen in den 1970er-Jahren linke Intellektuelle noch in die Betriebe, um die Arbeiterschaft wachzurütteln.

Linke Intellektuelle und Geringverdiener kann man sich heute nur noch schwerlich Seite an Seite vorstellen. Ganz anders in den Nachkriegsjahrzehnten. Da herrschte ein reger Austausch zwischen der Uni und der Werkbank. Linke Intellektuelle, Studenten und belesene Linke gingen in Massen in die Betriebe und organisierten zusammen mit den Angestellten große Arbeiterkämpfe. Sie bildeten eine Symbiose, von der heute so gut wie gar nichts mehr übrig zu sein scheint.
(...)
https://www.rubikon.news/artikel/entfremdete-kampfgefahrten

Nao

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #25 am: 12:18:12 Do. 27.Mai 2021 »
Heute gibt es weniger Betriebe mit großen Belegschaften.
Viele Beschäftigte sind outgesourct, in der Leiharbeit, Freiberufler oder scheinselbständig.
Es scheint unmöglich, die isolierten Beschäftigten zu organisieren.

Der Essenskurier Mengzhu hat in Peking bewiesen, daß es möglich ist, auch diese Leute zu organisieren. Er ist selbst aus der Branche und kennt die Probleme in dem Job und die Mentalität der Kollegen.

Er bot erst einmal ganz einfache Hife bei Alltagsproblemen an.
Probleme bei der Wohnungssuche, Probleme nach einem Verkehrsunfall. Er kümmerte sich um einen Besuch im Krankenhaus, er stellte in ein Zimmer seiner Wohnung Etagenbetten, damit die Kurierfahrer, die vom Land kommend, sofort einen Fahrerjob, aber keine Wohnung in der Stadt fanden, erst einmal ein Dach über dem Kopf bekamen zum Selbstkostenpreis. Mengzhu hatte vorher ein Restaurant betrieben, das jedoch pleite ging. Da hatte er Kochen gelernt. Er kochte gern für Kollegen, so konnte man ins Gespräch kommen.

Das klingt alles menschlich und rührend, doch zugleich völlig unpolitisch. Das war es nicht. Das war eine gute Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen und Vertrauen zu gewinnen.

Er klebte dann einen QR Code an die Lieferbox seines Motorrads. Wenn man die einscannte, kam man auf seinen Riders Kanal in den sozialen Medien. Kollegen, denen der Kanal gefiel, taten es ihm gleich. Sie klebten sich auch den QR Code auf ihre Box.

Er führte mehrere Riders Online-Kanäle, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuten. Er postete darauf ständig Videos, in denen er von den täglichen Problemen bei der Arbeit berichtete. Er fand Anwälte, die bereit waren, den Fahrern kostenlose Rechtsberatung zu geben-

Auch größere Medien wurden auf ihn aufmerksam und berichteten. Seine Kanäle erreichten bis zu 15.000 Fahrer. Er sprach mit Journalisten, linken Aktivisten, Sozialwissenschaftlern. Er knüpfte Kontakte zu Ridern anderer Städte, die auch mit einem lokalen Aktivismus begannen. Er lud zu großen Riders Essen ein, zu dem bis zu 200 Kollegen zusammenkamen.

DAS ist ein Beispiel für erfolgreiches Organisieren von Kollegen in einem schwierigen Bereich.

Kuddel

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Re: Betriebsintervention
« Antwort #26 am: 10:41:59 Do. 15.Juli 2021 »
Ein lesenswerter, wichtiger Artikel:

Zitat
Holen wir uns die Betriebe, Genoss:innen!



Es ist ja immer noch Kapitalismus und wenn wir in dem überleben wollen, müssen wir die Waren erwerben, derer es dazu bedarf. Dazu brauchen wir Geld. Und wer nicht über den Segen eines reichen Elternhauses verfügt, wird früher oder später in die Welt der Lohnarbeit eintreten. Das gilt sehr allgemein und doch ist genau dieser Bereich des eigenen Arbeitslebens einer, der in der hiesigen radikalen und autonomen Linken eigentlich so gut wie nie eine politische Rolle spielt. „Das Private ist Politisch“ gilt offenbar für diesen an sich schon politischen Part des sogenannten Privatlebens kaum. Arbeit ist Arbeit. Politik findet nach Feierabend statt und dreht sich meistens auch um ganz andere Themen.

Das hat weitreichende Auswirkungen, denn die je individuellen Strategien im Umgang mit diesem riesigen blinden Fleck sind auch für Organisationen nicht leicht zu verdauen. Karrierismus ist eine beliebte Strategie: Wenn man schon nichts dran ändern kann, dass man Geld verdienen muss, dann möchte man schon bitte recht viel davon. Und da die im Vergleich zur Normalbevölkerung überproportional studentische und gut vernetzte urbane Linke hier auch Möglichkeiten ohne Ende hat – von der Mitarbeiterstelle beim MdB deiner Wahl über die Funktionärsposten in Stiftungen und Gewerkschaften bis zu dann schon ganz „unpolitischen“ (einer muss es ja machen) Leitungsfunktionen in Bürokratie, Medienzirkus oder bei Konzernen -, lockt der Aufstieg. Irgendeine Scham muss man nicht empfinden, denn wenn man nicht gerade Bulle wird, interessiert es eigentlich keinen, was man arbeitstechnisch so macht. Es ist Privatsache.

Nun besteht auch die außerparlamentarische Linke nicht zu 100 Prozent aus aufstiegswilligen Karrierist:innen, wahrscheinlich nicht einmal mehrheitlich. Aber auch dem Rest, der unterbezahlt und ausgepowert vor sich hin malocht, bleibt nicht viel anzufangen mit diesem Schicksal. Auf einem durchschnittlichen Plenum sitzen dann vielleicht ein:e Erzieher:in, ein:e Handwerker:in, fünf Student:innen und drei Erwerbslose. Dass mehrere Leute aus einem Betrieb zufällig auch in der selben Gruppe sind, ist eher selten. Man verbannt daher den Bereich, der einen Großteil der eigenen Lebenszeit einnimmt, aus dem eigenen Aktivismus und kümmert sich lieber um andere wichtige Themen. Im Betrieb erzählt man am Besten gar nicht, dass man Kommunist:in, Anarchist:in oder sonstwas ist, das gibt nur Stress.

Das Ergebnis ist eine radikale Linke, die sich zwar (zurecht natürlich) mit internationalen und gesellschaftspolitischen Fragen beschäftigt, aber keine Kraft in der Arbeiter:innenklasse hat, die trotz aller Unkenrufe nun mal die breiteste soziale Klasse mit gemeinsamen Interessen auch in diesem Land ist. Dass dann gelegentlich Bücher und Artikel erscheinen, die beschwören, wie unendlich wichtig die Klassenfrage ist, ändert daran auch nichts, denn die zirkulieren sehr selten in Belegschaften als Pausenlektüre.

Ein Banner zu malen, śich vor einen Betrieb stellen, wenn da mal was geht, und sich solidarischen zeigen, ist da uniroisch schon besser als nichts. Es ersetzt aber nicht, als Gleiche:r unter Gleichen in einem Betrieb mit den eigenen Kolleg:innen zu diskutieren, für die eigene Weltanschauung zu werben und der meistens ohnehin schon vorhandenen Wut eine Richtung zu geben.

Im richtigen Betrieb ist das deutlich einfacher als man gemeinhin denkt. Als ich nach einem halben Leben in freiwilliger postakademischer Prekarisierung endlich eine Umschulung in einen normalen Handwerksberuf gemacht hatte, war ich erstmal überrascht, wie wenig an der Mär dran ist, die Klasse sei „unpolitisch“. Im Schnitt waren alle Gespräche politischer als in der „politischen Szene“, wenn auch nicht immer „politisch korrekt“. Und die Frontlinien waren, zumindest in Großbetrieben, auch immer recht klar. Auch, wenn die Kolleg:innen oft (berechtigte) Angst haben, zu kämpfen, dass man vom Chef über den Tisch gezogen wird und der Vorarbeiter ein Arschloch ist, das wissen die meisten, das braucht keiner erklären. Dazu kommt, dass unter Kolleg:innen oft – trotz aller Spaltungslinien und Konkurrenzverhältnisse innerhalb der Klasse – ein Vertrauensverhältnis da ist, das ansonsten nicht gegeben ist. Es ist etwas anderes, ob ich acht, zehn, zwölf Stunden am Tag mit den anderen gemeinsam dieselbe Scheisse durchstehe, oder ob ich auf der Straße Wildfremde anquatsche.

„Revolutionäre Arbeit soll nicht in dem Freiraum stattfinden, den das herrschende System für politische Tätigkeit nach Feierabend zur Verfügung stellt: Parteiversammlungen, Wahlzirkus und notfalls auch mal die Straße für Demonstrationen. Revolutionäre Arbeit soll vielmehr gerade in dem Bereich stattfinden, der für die freie politische Betätigung tabu ist: am Arbeitsplatz, im Betrieb“, schrieb Berni Kelb in seiner „Betriebsfibel“. Die Lage ist dafür schon deshalb nicht schlecht, weil ohnehin viele Belegschaften kämpfen – von den Lieferfahrer:innen über die Pflege, von Logistik bis Metall-Industrie.

Der erste Schritt für die außerparlamentarische Linke zu einem Schritt in diese Tür wäre, sich zu erinnern, dass die Art und Weise, wie wir unseren Lebensunterhalt verdienen, natürlich keine „Privatsache“ ist, sondern im Zentrum auch unserer politischen Betätigung stehen sollte.

Für diejenigen, die ohnehin schon malochen, heisst das, die Kolleg:innen als politische Subjekte zu begreifen, ordentlich Rabatz im Betrieb zu machen und die Genoss:innen in der Politgruppe außerhalb dazu zu bewegen, das zu unterstützen. Für die anderen würde das wiederum heissen: Sich das eigene Arbeitsleben so zu gestalten, dass man auch Aussicht darauf hat, mit anderen Kolleg:innen in Kontakt zu kommen, die man organisieren will. Sich zu überlegen? Ist die Arbeit, der ich nachgehe, denn eigentlich geeignet, andere Kolleg:innen zu organisieren? Alleine am Schreibtisch in der akademischen Dauerprekarisierung dahinsiechend oder als heranwachsende:r Chef:in mit BWL-Master wird man wahrscheinlich weniger Aussicht auf kollektive Aktion der Klasse haben als auf Station im Krankenhaus, im Tiefbau oder als Fahrradkurier:in.
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