Autor Thema: Stadtteilarbeit  (Gelesen 7640 mal)

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #60 am: 20:28:27 Fr. 26.April 2019 »
P.S.: Vonovia fürchtet scheinbar die Demo und ließ Plakate entfernen.
Aus einem Mietermailverteiler:
Zitat
denkt bitte morgen an die Demo in Mettenhof um 14:00 Uhr. Wir starten vom Famila-Parkplatz.

Gerade erhielt ich eine Nachricht von einem neuen Mitglied, dass unsere Plakate in der Roten Siedlung alle entfernt worden sind. Was in anderen Bereichen passiert ist, weiß ich noch nicht.

Das soll uns motivieren, auch den letzten Unentschlossenen zur Teilnahme zu bewegen.
Zitat
Ja, stimmt, wir haben aber die Plakate ins Haus von innen aufgeklebt, die ganz großen sind wirklich verschwunden.
Aber alle haben sie gesehen, und gelesen.
Ich kann leider mit meinem Stock nicht mitgehen, aber im Geiste bin ich dabei... viel Glück euch allen...

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #61 am: 18:06:24 Mo. 29.April 2019 »
Im Vonoviathread ist ein Link zu einem Video von der Antivonoviademo in Kiel.
Hier ist ein weiterer Videobericht von der Demo , 9 min lang, da er Redebeiträge enthält.

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #62 am: 14:53:59 Mi. 01.Mai 2019 »
Nun der Fotobericht von der Demo in Kiel Mettenhof gegen Vonovia


Attacke! Attacke! Vonovia ist Kacke!




Eine Stärkung für den Kampf.



Die Polizei meldete anfänglich 200 Teilnehmer. Sie erhöhte später ihre Schätzung auf 250.



Der Stadtteil Mettenhof wurde zu einem großen Teil in den 70er Jahren von dem korrupten durch und durch kriminellen Gewerkschaftskonzern NEUE HEIMAT errichtet. Er wurde als reine Schlafstadt für Arbeiter konzipiert ohne Kino, Kneipen, Jugenzentren oder sonstige Orte für Kultur und Geselligkeit.



Der NDR machte einen auf wichtig und führte so manches Interview. Habe bis heute keinen Beitrag in der Mediathek gefunden.





Ein Hippiebettlaken im Einsatz.



La Bandiera Rossa in Mettenhof.



Propaganda der Mieteraktivisten.



Endlich mal was los in Mettenhof.



Es ist einfach nachzurechnen.



Vor der kieler Vonoviazentrale.



Es bewegt sich was im Stadtteil der Abgehängten.



So stellte sich das Gewerkschaftsunternehmen Architektur für Arbeiter vor.



Die SPD organisierte den Übergang des Gewerkschaftsbesitzes in die Hände des Spekulanten Vonovia. Die Mieter haben andere Forderungen und Pläne.



Der kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD).



Die Forderung ist so einfach wie richtig!



Verschnaufpause auf dem langen Marsch.



Das Besondere dieser Aktion war wohl die Zusammensetzung der Protestteilnehmer. Pegida hat seinerzeit den Abgehängten und Verzweifelten ein Angebot zum Zusammenfinden gemacht und dann die Unzufriedenheit in eine schlimme Richtung gelenkt. Hier ist es nun gelungen, daß die Unzufriedenen ihre Stimme erheben und ihre Rechte einfordern. Eine solidarische und offensive soziale Auseinandersetzung ist die beste antifaschistische Arbeit.



Die Eigentumsverhältnisse werden in Frage gestellt.



Generationsübergreifend solidarisch gegen Spekulantenschweine.



Für so manchen Teilnehmer dürfte es die erste Demo gewesen sein.



Das Gefühl der Solidarität und zahllose Gespräche prägten den Protest.



Kiel führt bundesweit in der räumlichen Trennung zwischen Arm und Reich. Unter dem sozialdemokratischen Oberbürgermeister gibt es neue Wohnquartiere für die Reichen und Verdrängung für die Armen.



Brecht dem Staat die Gräten! Alle Macht den Räten!

Am Ende der Aktion lief eine Gruppe von Migrantenkindern auf den Spielplatz, laut rufend, was sie gerade gelernt haben: "Attacke! Attacke! Vonovia ist Kacke!"

Fritz Linow

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #63 am: 14:23:41 Mi. 08.Mai 2019 »
Zitat
8.5.19
Solidarisch in Gröpelingen
Demonstration der vonovia Mieter*innen zeigt erste Erfolge !!

Vor einigen Wochen sind Mieterinnen und Mieter gemeinsam vor das vonovia Büro in Gröpelingen gezogen und haben dort öffentlichkeitswirksam ihre Forderungen abgegeben. Eine der Forderungen war, dass vonovia uns alle Rechnungen und Belege herausgibt, auf denen die Betriebskosten berechnet wurden. Damit wir überprüfen können, ob die steigenden Betriebskosten Abrechnungen auf falschen Berechnungen beruhen - wie nicht selten der Fall bei vonovia. Sollte sich das bewahrheiten, muss vonovia uns Geld zurück zahlen.

Eine Woche vor Ablauf der von uns gesetzten Frist sind beim Mieter*innen Komitee nun sechs große Ordner mit Rechnungen und Belegen eingetroffen. Wofür Anwälte und Mietvereine teils Jahre rechtlich kämpfen, haben wir durch unsere gemeinsame Aktion und den öffentlichen Druck in drei Wochen erreicht. Das zeigt einmal mehr, dass es sich lohnt, sich zu organisieren und zusammen zu kämpfen !!

Wenn vonovia denkt, wir sind von dem Papierberg abgeschreckt, haben sie sich getäuscht. Wir sind hoch motiviert, uns gemeinsam bei Kaffee und Kuchen durch die Rechnungen zu arbeiten und falsche Berechnungen aufzuzeigen.

Unsere Forderungen sind aber damit noch nicht erfüllt. Neben den Belegen haben wir von vonovia u.a. eine Liste mit allen geplanten Modernisierungen in Gröpelingen und lokale Ansprechpartner gefordert.

Unser Protest geht also weiter. Wir sind erst am Anfang und kommen gerade erst richtig in Fahrt. Das Schöne dabei ist, dass wir uns nicht nur erfolgreich gemeinsam wehren, sondern sich immer mehr Mieterinnen und Mieter untereinander kennen lernen.
https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=383156138959513&substory_index=0&id=239290850012710

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #64 am: 20:25:25 So. 12.Mai 2019 »
Die Stadt Kiel hat sich für ihren alten Werftarbeiterstadtteil Gaarden etwas besonders feines ausgedacht, denn der Stadtteil hat inzwischen eine überdurchschnittlich arme Bevölkerung. Um aus der Gegend mehr herausholen zu können, braucht man zahlungskräftigere Bewohner. Man will die Hungerleider vertreiben und Menschen mit mehr Kohle anlocken in diesen Stadtteil, der sehr in Verruf geraten ist.

"Gentrifizierung" ist das Zauberwort. Wikipedia beschreibt dieses Phänomen so:
Zitat
Gentrifizierung

Als Gentrifizierung (von englisch gentry „niederer Adel“), auch Gentrifikation, im Jargon auch die Yuppisierung (siehe Yuppie), bezeichnet man den sozioökonomischen Strukturwandel großstädtischer Viertel durch eine Attraktivitätssteigerung zugunsten zahlungskräftigerer Eigentümer und Mieter als vorher und deren anschließenden Zuzug. Damit verbunden ist der Austausch ganzer Bevölkerungsgruppen.

Gentrifizierungsprozesse laufen nach typischen Mustern ab: Wegen niedriger Mietpreise sowie zunehmend attraktiver Lage werden einzelne Stadtteile für „Pioniere“ (Studenten, Künstler, Subkultur) attraktiv. Diese werten die Stadtteile durch kulturelle Aktivitäten auf und setzen einen Segregationsprozess in Gang. Künstler und Gastronomen etablieren sich und bringen weitere Interessenten in die Stadtteile. Studenten steigen ins Berufsleben ein, verdienen mehr Geld als zuvor und gründen Familien, womit ihr Wohnflächenbedarf steigt; damit hängt die Gentrifizierung also nicht immer vom Zuzug neuer Bewohner ab. Investoren sehen Chancen zur Wertsteigerung, Häuser und Wohnungen werden aufgekauft und restauriert, Szene-Clubs und Lokale entstehen. Die Mieten steigen und finanziell Schwache wandern ab. Die Bevölkerungsstruktur und der Charakter der Viertel wandeln sich.
https://de.wikipedia.org/wiki/Gentrifizierung

Die Kieler Führungsriege stellte ihren Plan vor:

v.l.: Doris Grondke, Dr. Ulf Kämpfer, Wolfgang Röttgers,
Renate Treutel und Gerwin Stöcken
Zitat
Kunst-, Kultur-und Kreativstandort

Gaarden ist nicht nur ein multi-kultureller Standort, Gaarden ist auch äußerst kreativ. Untersuchungen haben gezeigt, dass es eine erhebliche Anzahl an Menschen in Gaarden gibt, die der Kreativ-oder Kulturbranche zuzurechnen ist oder sich in diesen Sektoren ehrenamtlich engagiert. In kaum einem anderen Kieler Stadtteil gibt es eine derart auf den eigenen „Kiez“ fokussierte Menge an Aktivitäten und Akteuren. Dass es trotz der relativ geringen Mieten noch nicht zu einer aus anderen Städten bekannten Gentrifizierung durch die Akteure aus Kultur-und Kreativwirtschaft gekommen ist, hat andere Ursachen (unter anderem Sicherheit). Doch liegt hier eine Menge Potenzial des innenstadt-nahen Ortsteils. Die Landeshauptstadt Kiel hat bereits vor einiger Zeit die Bedeutung dieser Szene erkannt und fördert entsprechende Aktivitäten. So werden unter anderem die Schleckergalerie oder der Verein Kulturwerft e.V. institutionell gefördert. Die Sommertheaterübertragung wird jährlich finanziert und die Kulturtage werden unterstützt. Der Gaardener Förderfonds entfaltet Aktivitäten im Stadtteil mit Hilfe des Programms „Soziale Stadt“; die Kultur-und Kreativwirtschaft wird alljährlich mit einer Förderung unterstützt, die insbesondere den kleineren Firmen und Trägern hilft. Darüber hinaus gilt es, nicht nur Bestehendes zu sichern, sondern weitere interessierte Menschen zu motivieren und zu unterstützen, sich kulturell und kreativ zu engagieren. Bildungsangebote durch die städtische Volkshochschule und die Musikschule Kiel sowie das Werftparktheater fördern den Kultur-und Kreativstandort vor Ort. Hier gilt es, die entsprechenden Angebote weiterzuentwickeln und Menschen zum Mitmachen zu animieren.
https://www.kieler-ostufer.de/fileadmin/pdf/Entwicklungsstrategie_Gaarden_hoch_10_endgueltig.pdf

Mit dem Konzept Gaarden hoch 10 hat man ein Konzept entwickelt, mit dem man den Stadtteil für Investoren und Miethaie attraktiv machen will. Zu dem erprobten Konzept der Gentrifizierung gehört auch die Aktivierung der Alternativszene, der Künstler und Subkulturen. Sie machen aus einem Armutsquartier einen quirligen, bunten Stadtteil und das kostet nahezu nichts.

Im Rahmen von Gaarden hoch 10 wurde zum 11.5. zur Kulturrotation aufgerufen, einem alternativen Stadtteilfest, wo an jeder Ecke ein wenig Spektakel und Livemusik geboten wird für lau. Die Gaardener Mieterinitiative Mietwucher-Kiel war not amused, da sie wußte, was die Stadt im Schilde führt. Sie reagierte mit folgendem Flugblatt:

   

Wie dann die Mieteraktivitäten und die Kulturrotation in Gaarden gelaufen sind, werde ich morgen berichten.

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #65 am: 15:05:30 Mo. 13.Mai 2019 »
Einige aus dem Aktivenkreis haben etwas vorbereitet, damit wir in dem Stadtteilspektakel auch  wahrgenommen werden.

Handwerkszeug für die Stadtteilerneuerung:



Ordnung und Sauberkeit: Sprüh die Armen weg!



Und auch unsere bereits mehrfach benutzten Transparente wurden wieder eingesetzt:





Neu war die Stellwand für Propagandamaterial





Noch eine Lagebesprechung, bevor wir uns ins Getümmel stürzten.



Mit Flugblättern in der Hand begannen wir die Straßendiskussionen.



Ein krasses Programm, ein Wechselbad der Gefühle.
Es fehlte auch nicht an Irren, z.B. der Typ, der meinte, wir hätten das Thema verfehlt. Schließlich sei das Hauptproblem das gemachte Klima. "Da sitzen Leute in Dubai, die wollen, daß es bei +40°C schneit. Die machen das einfach. Dagegen müßt ihr kämpfen!"

Ansonsten war es teilweise recht beeindruckend. Das Flugblatt selbst wurde von manchem nicht recht verstanden, viele konnten mit dem Begriff "Gentrifizierung" schlichtweg nichts anfangen. Es war aber eine guter Aufhänger für ein Gespräch und das machte Spaß. Die Leute waren recht gut drauf und jeder hatte seinen Beitrag zum Thema Ärger mit dem Vermieter. Die Kulturveranstaltung hat auch so manchen Menschen vom Kieler Westufer in den wilden Osten der Stadt gelockt. Einer klagte über seine Vonoviaerfahrungen, die überall ähnlich sind. Bei Problemen und notwendige Reparaturen findet man keinen Ansprechpartner. Und wenn man mal wen in der Vonoviazentrale in Bochum erreichen sollte, passiert am Ende doch wieder nichts. Jetzt schickt er nur noch Einschreiben mit Rückschein. Wir redeten auch um das Umfeld in dem dieser ignorante Umgang mit Mietern möchlich geworden ist und er erkärte es mit: "Überall setzt sich das kapitalistische System durch. Es geht nur noch um Kohle." Und dann begann er davon zu phantsasieren, daß man da mal mit einer Waffe zwischengehen möchte. Die Wut ist scheinbar nicht nur bei den ganz Armen verbreitet. Ein recht bürgerlich wirkendes Pärchen, vielleicht knapp vorm Rentenalter, war sehr diskussionsfreudig. Sie waren recht gut informiert. Ihnen ging es nicht nur darum, daß der einzelne Mieter unter den momentanen Entwicklungen zu leiden hat, sondern auch um die Arroganz der Macht. Sie erwähnten Friedrich März, der es als Blackrock-Mann zum Merkelnachfolger bringen wollte. Sie schlugen den großen Bogen zwischen den Machtverhältnissen und dem Ohnmachtsgefühl des Einzelnen. Sie waren sehr angetan von unseren Basisaktivitäten, egal wie klein sie auch sein mögen und sie sehen die einzige Chance in einer Gegenwehr der Betroffenen. Den Glauben an eine Regulierung innerhalb des politischen Apparats hatten sie nicht.

Ich ließ mich dann noch zu dem Zeltpavillion des Stadtteilbüros schleifen und in eine Diskussion mit den Organisatoren des Spektakels verwickeln. Ich hatte es mit einer jüngeren Frau, recht gebildet, nett und irgendwie alternativ wirkend, zu tun. Irgendwann bekam ich bei dieser Diskussion Hirnkrämpfe.

Sie war voll von ihrer Arbeit überzeugt, meinte, daß sie die Politik von Vonovia für schlecht hält, doch damit habe sie nichts zu tun, sie sein nur zuständig für den Öffenlichen Raum. Sie kümmert sich halt nur darum, daß die Kinder mehr Raum zum Spielen kriegen, der Stadtteil sauberer wird und all die armen und migrantischen Menschen auch etwas kostenlose Kultur und Beratungsagebote kriegen. Ihr brauchte man den Begriff "Gentrifizierung" nicht erklären. Trotzdem weigerte sie sich, einen Zusammenhang zwischen den Strategien der Spekulanten und Miethaie und dem Umfeld, in dem die Wohnungen liegen, zu erkennen. Sie sah nur zwei getrennte Welten in denen die Großvermieter eine vielleicht nicht so gute Politik für die einfachen Menschen machen, sie aber als Angestellte im öffentlichen Dienst eine auschließlich gute Arbeit für die sozial Benachteilgten macht. Ich versuchte ihr zu erklären, daß ihre Arbeit auf lange Sicht den Arschtritt für die Sozial Benachteiligten bedeutet und sie sich irgendwo am Arsch der Welt eine Bleibe suchen müssen. "Aber noch nicht wegen ein bißchen Kultur an nur einem Tag im Jahr." war ihre Antwort. Ich versuchte nochmal nachzuhaken mit den Geldgebern für ihr Stadtteilbüro und ihren Lohn. "Das ist ein Projekt der Bundesregierung. Das ist eine bundesweite Kampagne und solche Büros gibt es in vielen Städten." Ich fragte, ob das nicht Bände spricht. Es sollte ja wohl klar sein,  daß sie es nicht machen, um den kleinen Leuten zu helfen. "Aber die ermöglichen doch Gespräche, Austausch und rechtliche Beratung in verschiedenen Sprachen." Ich entgegnete, daß die Bundesregierung die Sozialleistungen anheben würde, wenn sie wirklich den Armen etwas gutes tun wollte. Sie will die Leute mit den Beratungen nur vertrösten und mit den Gesprächen die Konfliktlinien rechtzeitig erkennen, um eine kollektive Gegenwehr zu verhindern. Sah sie natürlich nicht. Sie fand nur, daß die falsche Partei an der Regierung sei. Schnarch.

Ich versuchte ihr zu erklären, daß ich Verständnis hätte, wenn sie da nur ihren Job macht, um ihre Kohle zu verdienen. Sie war aber völlig von sich und ihrer Arbeit überzeugt. Sie wollte nicht kapieren, daß sie den Stadtteil profitabel für die Spekulantenschweine macht und für die Verdrängung der Armen sorgt. Sie identifizierte sich zu 100% mit ihrem ekelhaften Job. Ich verließ irgendwann frustriert und tief deprimiert den Infotisch des Stadtteilbüros.

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #66 am: 17:06:49 Mo. 13.Mai 2019 »
Wir zogen weiter durch den Stadtteil, um unsere Flyer zu verteilen.

Dann ließen wir uns vor dem Infoladen Li(e)ber anders nieder, auf den es vor ein paar Monaten einen Brandanschlag von Nazis gegeben hat.


https://www.antifa-kiel.org/2018/12/19/brandanschlag-auf-linkes-projekt-lieberanders-in-kiel-gaarden/

Es war ordentlich was zu Futtern aufgebaut.




Gaarden ist ein Stadtteil, in dem man auch jede Form der Idiotie findet. So tauchte ein opelfahrender Nachbar auf, der unbedingt da parken wollte, wo in Info- und Essenstische standen.



Es kam zu Pöbeleien und er fuhr jemanden langsam an, der sich in den Weg stellte.

Ich versuchte auch mit ihm zu reden und ich wurde gleicht mit einem finsteren Weltbild konfrontiert. "Das sind doch die Leute, die die Ausländer herholen." Ich fragte, ob er Rassist sei. Er hielt es für einen Beweis keiner zu sein, weil er seinen Kaffee immer beim Türken trinkt. Dann ging es um die Flüchtlinge, "die in Wirklichkeit keine sind". Ich fragte, wo das Problem sei. Er: "Ich zahle Steuern. Die nicht." Aha. Er rief die Bullen an. "Das hier ist die Antifa. Die steht im Weg."



Irgendwann kam ein Streifenwagen. Der fuhr vorbei ohne die Geschwindigkeit zu reduzieren oder das Fenster herunterzulassen. Er drückte auf Wahlwiederholung und versuchte nochmal der Behörde zu erklären, daß die Antifa ihn davon abhält zu parken. Sie hatte aber wenig Interesse, sich um den Irren zu kümmern, der sich für einen rechtschaffenden Bürger hielt.



Es war ordentlich was los.





Ein Konzert im Hinterhof





Wir zogen weiter durch den Stadtteil, verteilten Flyer und quatschten mit den Leuten.



In der Künstlerszene, bei den Musikern, egal ob mit Dreadlocks oder schwarzrotem Stern am Revers kamen wir denkbar schlecht an. Sie fühlten sich persönlich angegriffen, weil wir sagten, daß die Kulturrotation niemand braucht. Sie freuten sich, endlich eine Spielwiese zu haben, auf der sie sich austoben können. Ihnen war es scheißegal, von wem es organisiert oder warum durchgezogen wurde. Egal wie alternativ, politisch bewußt oder "links" sie sich fühlen, sie ließen sich von Stadt, Bundesregierung und Spekulanten einspannen, doch sie interessierten sich allein für ihren Fun-Faktor bei der Sache. Sie werden die ersten Opfer der Gentrifizierung sein. Soll man dann mit ihnen solidarisch sein?

Aber unsere Flugblätter wurden auch von einfachen Leuten mit gemischten Gefühlen gesehen. Es war nicht allein das Problem, daß viele nichts mit dem Wort "Gentrifizierung" anfangen konnten, sondern es war der Aufbau des Flugblatts selbst. Erst am Ende stand, "Es spricht nichts dagegen, dass überall Konzerte und andere Kulturveranstaltungen stattfinden, zumal sie auch noch kostenfrei sind." Doch bereits in der Überschrift stand "Kulturrotation, die niemand braucht".

Die Leute haben ein zumeist tristes Leben und genossen es, daß an allen Ecken Remmidemmi war, günstiges, teilweise kostenloses Essen, billiges Bier, Rock, Hiphop und Punk in der Eckkneipe, im Obdachlosentreff und an der Straßenecke, jede Menge feiernde Leute und kaum Autos auf der Straße. Und damit sahen sie uns als Spaßbremsen, die ihnen dieses kostenlose Vergnügen nicht gönnten.



Das Konzept der Gaarden hoch 10 Arschlöcher ist zu 100% aufgegangen.

Sie machten den verrufenen Stadtteil attraktiv. Die Menschen auf der Straße waren größtenteils keine Gaardener. Sie kamen nicht nur in Scharen aus den anderen Stadtteilen, sondern auch aus dem gesamten Umland. Alles, was sich irgendwie alternativ und subkulturell fühlte, ist dort aufgetaucht. Auch eine aufgeklärte, kulturbeflissene Mittelschicht war da. Ja, Gaarden kann so bunt und lebendig sein. Ach, wat is dat doch schön.

Unser Konzept war weniger erfolgreich. Die zahllosen Gespräche waren super, doch mit dem Flugi kamen wir komisch rüber.

dagobert

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #67 am: 22:25:39 Mo. 13.Mai 2019 »
Aber unsere Flugblätter wurden auch von einfachen Leuten mit gemischten Gefühlen gesehen. Es war nicht allein das Problem, daß viele nichts mit dem Wort "Gentrifizierung" anfangen konnten, sondern es war der Aufbau des Flugblatts selbst. Erst am Ende stand, "Es spricht nichts dagegen, dass überall Konzerte und andere Kulturveranstaltungen stattfinden, zumal sie auch noch kostenfrei sind." Doch bereits in der Überschrift stand "Kulturrotation, die niemand braucht".

Die Leute haben ein zumeist tristes Leben und genossen es, daß an allen Ecken Remmidemmi war, günstiges, teilweise kostenloses Essen, billiges Bier, Rock, Hiphop und Punk in der Eckkneipe, im Obdachlosentreff und an der Straßenecke, jede Menge feiernde Leute und kaum Autos auf der Straße. Und damit sahen sie uns als Spaßbremsen, die ihnen dieses kostenlose Vergnügen nicht gönnten.
[...]
Die zahllosen Gespräche waren super, doch mit dem Flugi kamen wir komisch rüber.
Die Leute freuen sich über etwas Farbe im grauen Alltag, und das Flugblatt bezeichnet das schon in der Überschrift als falsch. Da haben wohl viele schon nicht mehr weiter gelesen.
Vereinfacht ausgedrückt: Beim nächsten Mal die zweite Hälfte des Flugblatts als Anfang nehmen, das Fazit am Ende.
Das so viele mit dem Wort Gentrifizierung nicht klar kamen, ließe sich künftig mit einer kurzen Erklärung dieses Begriffs lösen, z.B. in Klammern direkt dahinter.

In der Künstlerszene, bei den Musikern, egal ob mit Dreadlocks oder schwarzrotem Stern am Revers kamen wir denkbar schlecht an. Sie fühlten sich persönlich angegriffen, weil wir sagten, daß die Kulturrotation niemand braucht. Sie freuten sich, endlich eine Spielwiese zu haben, auf der sie sich austoben können. Ihnen war es scheißegal, von wem es organisiert oder warum durchgezogen wurde. Egal wie alternativ, politisch bewußt oder "links" sie sich fühlen, sie ließen sich von Stadt, Bundesregierung und Spekulanten einspannen, doch sie interessierten sich allein für ihren Fun-Faktor bei der Sache. Sie werden die ersten Opfer der Gentrifizierung sein. Soll man dann mit ihnen solidarisch sein?
Ja.
Das wird der Moment sein, in dem zumindest bei einem Teil dieser Leute ein Lernefffekt einsetzen wird, weil sie dann selbst betroffen sind.

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #68 am: 10:25:26 Di. 14.Mai 2019 »
Moin dagobert, danke für deine Rückmeldung.

Ja, es ist learning by doing. Im praktischen Einsatz funzte das Flugi nicht so, wie wir das uns zuvor gedacht haben. Kommt vielleicht von einer Betriebsblindheit, wenn man sich zu lange mit den Strategien der Spekulanten und ihrer politischen Handlanger auseinandergesetzt hat. Dabei ist der Blick auf den Alltag der Betroffenen verlorengegangen. In der Tristesse des Alltags war es ihnen ein willkommener Anlaß zu kostenlosem Kulturprogramm unter Menschen zu kommen und Spaß zu haben. Das sollte man ihnen nicht madig machen.

Aus Fehlern kann man lernen. Deshab finde ich es gut, wenn Leute im Forum von ihren Aktivitäten berichten, auch wenn sie nicht erfolgreich waren. Man kann das diskutieren und gemeinsam hinzulernen.

Sie werden die ersten Opfer der Gentrifizierung sein. Soll man dann mit ihnen solidarisch sein?
Ja.
Das wird der Moment sein, in dem zumindest bei einem Teil dieser Leute ein Lernefffekt einsetzen wird, weil sie dann selbst betroffen sind.

Da magst du Recht haben. Aus meinem Stoßseufzer sprach der Frust über die Leute, die sich für so "politisch" und "links" halten, das aber nur bei ein paar Modethemen, von politischen Zusammenhängen in ihrem Alltag wollen sie nichts wissen.

milchbrötchen

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #69 am: 11:45:11 Di. 14.Mai 2019 »
Kultur: allg.: Gesamtheit der typischen Lebensformen größerer Menschengruppen einschließlich ihrer geistigen Aktivitäten.
(Gruß aus dem Duden)

Ok, man kann die sogenannte Betriebsblindheit erleiden und durch häufige Auseinandersetzung mit dem Thema und den dazugehörigen Begriffen übersehen, dass andere /Adressat den  Begriff Gentrifizierung nicht versteht. Ich behaupte, dass das in so vielen Lebensbereichen der Fall ist. Wenn Konsumterrorisierter sich eine neue Glotze kauft, dann wird er mit Begriffen aus der Technik zugetextet, die er nur im Zusammnehang mit dem Kauf der Glotze hört, dennoch nicht versteht. Er kauft das Scheißteil trotzdem. Verschweigt, dass er nix verstanden hat, gibt sich geschmeichelt weil der Satan des Saturn ihm einen Blumenkohl ans Ohr gesabbelt hat. Beim Auto ist es genau das Gleiche. Die Schwanzverlängerungsmaschine mit PS und Drehmoment und weiß der Manta, wird gekauft.

Warum verhält es sich auf der Kulturotation nun so anders? Ich halte den Ort und Zeitpunkt der Aktion mit den Flugis ganz und gar nicht für verfehlt. Das Argument der Spaßbremse kann nicht gelten. Ich verweise auf den o.g. Begriff KULTUR!  Die Menschen werden auf allen Kanälen längst mit dem Thema Wohnen/ Vonovia/ Gentrifizierung zugeballert. Sie haben bereits ANGST. Der Flugi macht darauf aufmerksam, dass eine eigentlich schöne Idee, nämlich zusammen in einem Stadteil zu feiern, Musikern eine Auftrittsmöglichkeit zu bieten, für politische Zwecke missbraucht wird. Das ist für eine PartyfizierteGeneration irgentwie doch bitter. Was mir sehr problematisch erscheint, ist die Unfähigkeit des Denkens. Zu viele können es nicht mehr. Zusammenhänge werden nicht mehr durchdrungen. Die ewige Bespaßung seit der Kita, die nur auf Bulemiebetrieb ausgerichtet ist, macht es den meisten unmöglich sich umfassend mit Theman auseinander zu setzen. Auch unter den Abiturienten und zukünftigen Akademikern, den eingebläut wird, sie seien die zukünftige Elite, ist es nicht so weit her mit dem Hirngebrauch. Es fehlt ihnen außerdem das Wissen, dass ein Akademischer Abschluss nicht vor Absturz in das Prekariat schützt. Noch tragen zu viele die Nase zu hoch und sehen nur mit Verachtung auf Arbeiter, welche aber eben auch durch Steuerzahlungen eine Universität erst ermöglichen! Es ist eine teifgreifende Entsolidarisierung. Woher sollen die Menschen, die keinen hochbezahlten Job haben, für eine gesunde Gesellschaft aber einen unerlässlichen Job ausüben eigentlich kommen, wenn sie nnicht mehr an ihrem Arbeitsort leben können? LÖHNE rauf- Miete runter ist die richtige Forderung. Solidarität- wir können nur miteinander. Soll der Chirurg am Ende einen toten Patienten haben weil keine Pfleger in der Nähe sind? Oder werden alle gering entlohnten Bereiche auch an den Stadtrand gedrängt? OP in Düsternbrook- Pflege in Kleckersdorf? Taxifahrer werden derzeit reichlich in den schöngeistigen Studiangängen ausgebildt. Philosophische Gespräche während der Fahrt  nach der OP in die Rehastätte werden dann als psychlogisch unerlässliche, den Heilungsprozess fördernde angepriesen!

Fritz Linow

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #70 am: 12:36:44 Mi. 15.Mai 2019 »
Stadtteilarbeit geht auch fein von unten, wenn sie von oben gesteuert wird. Da gibt es zum Beispiel die Steg GmbH, die von der Stadt Hamburg Ende der 80er gegründet wurde, um die Quartiersentwicklung voranzutreiben, insbesondere Hafenstraße, Schulterblatt und Schanzenstraße, also eigentlich um die Gegend zu befrieden. Seit 2001 ist es eine private GmbH, die seitdem auch in anderen Städten unterwegs ist.
Zitat
Bürgerbeteiligung als Instrument

Die STEG führt „offene“ Planungsprozesse durch, an welchen die Betroffenen beteiligt und zur Mitwirkung aktiviert werden. Es ist der STEG wichtig durch konkrete Mitgestaltungsmöglichkeiten und transparente Entscheidungsprozesse Selbsthilfepotenziale zu aktivieren.
https://www.grin.com/document/111869

Ein wichtiges Instrument dazu sind Stadtteilbüros, die ein enges Netz von Freiwilligen, Ehrenamtlichen und anderen lokalen Playern schaffen, diese zusammenbringen und moderieren. Im Auftrag der Stadt werden somit Entwicklungen behutsam gesteuert, schließlich mag man keinen Tumult.

Auch wenn die Steg GmbH nicht immer namentlich auftritt oder sich offiziell zurückgezogen hat und nun die Stadtteilentwicklung 100%ig in öffentlicher Hand zu sein scheint, gibt es personelle Gemeinsamkeiten mit der Firma, die mitgeholfen hat, Hamburg unbezahlbar zu machen:
http://www.steg-hamburg.de



"Mir doch egal, wo die Leute bleiben. In Rendsburg und Neumünster stehen genug Wohnungen leer."

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #71 am: 17:17:23 So. 26.Mai 2019 »
Nunja, in unserem lokalen Schmierblatt blieb unser Auftritt bei der Kulturrotation nicht unerwähnt:

Zitat
Kulturrotation
Gaarden feiert und protestiert

Mal lauschten ungefähr ein Dutzend Interessierte einer Darbietung, mal waren es mehr als hundert. So unterschiedlich wie die 41 Orte, an denen am Sonnabend zum zweiten Mal die Gaardener „Kulturrotation 143“ angeworfen wurde, gestaltetee sich auch der Zuspruch. Doch es gab auch Proteste.

Von Martin Geist


Entspannte Szenerie vor dem Bioladen in der Medusastraße. Ganz ohne Strom unterhielten Liedermacher Rainer Lebemann und andere Akteure das Publikum.

Im Zeik, das als Abkürzung für den wenig eleganten Namen „Zentrum für Empowerment und Interkulturelle Kreativität“ steht und ein Dach für viele jüngere Leute mit vielerlei Herkünften und Talenten bildet, wackelte schon früh am Tag die Bude. Brechend voll war es, als um 14 Uhr das „Bumm Bumm Orchestra“ seinen in Kiel mittlerweile sehr geschätzten Sound verbreitete. „Genau das wünschen wir uns“, freute sich Lea Lükemeier vom zusammen mit dem Wirtschaftsbüro Gaarden und dem Verein zur Förderung von Kunst und Kultur federführenden Büro Soziale Stadt. Bekannte Gruppen an weniger bekannte Orte bringen, das kann nach ihrer Überzeugung Effekte erzeugen, die weit über diese immerhin elfstündige Kulturrotation hinausreichen.

Auch die Künstler genossen die Veranstaltung


Eher nur das besagte Dutzend an Zuhörern war am Abend dabei, als in den Büros für Stadtteilentwicklung, also am Lea Lükemeiers Arbeitsplatz, das MSW Trio chillig-entspannten Jazz machte. Aber stimmig war auch das, denn erstens passten ohnehin kaum mehr Leute in den Raum. Und zweitens entfaltet sich diese Art von Musik im intimen Kreis besonders wirkungsvoll. So ähnlich sah das auch Bauchtänzerin Alexandra, die in der Vineta-Lounge vor überschaubarem Publikum auftrat und genau das sehr genoss. Ganz anders sah es schon ein paar Meter weiter hinterm Brunnen auf dem Vinetaplatz aus. Egal ob Big-Band-Sound oder Kinderkonzert, im Sonnenschein und unter durchweg blauem Himmel war immer jede Menge los. Nicht so wuselig, sondern im Gegenteil lauschig und poetisch ging es ein paar Meter bergauf an der Ecke Medusastraße/Kaiserstraße her. Liedermacher Rainer Lebemann trug vor dem Bioladen mit Ironie gespickte Alltagsgeschichten vor, gegenüber am Café Jupiter verbreitete Momen Shaweesh orientalische Klänge. Und ebenso wie bei diversen anderen Auftritten ging es in diesem kleinen Quartier ohne jeden Technik-Bombast zur Sache.

Einige Beiträge wirkten gewöhnungsbedürftig

Zuweilen sogar sehr munter rotierte die Kultur in den weniger zentralen Teilen von Gaarden. Sehr gelungen war das Hinterhofkonzert in der Heintzestraße mit der Band „Hamburg Gossenhauer“. Viel Spaß, flotte Sprüche und Gute-Laune-Musik ohne plumpe Schenkelklopferei prägten diesen Kulturbeitrag inmitten einer charmanten Hinter- und Innenhoflandschaft. Gleichfalls viel Interesse weckte ein Wohnzimmerkonzert in der Iltisstraße, sodass sich das Publikum gar im Treppenhaus staute. Andererseits: Vom Ambiente her war dieser Beitrag freundlich formuliert jedoch etwas gewöhnungsbedürftig. Was für die Vereinsgaststätte der TuS Gaarden gewiss nicht zutraf. Wirtin Sylvia Hildebrandt war in Sachen Kulturrotation erstmals dabei und hatte mit den „Old Sox“ gleich einen Volltreffer erwischt. Die in der Tat schon etwas betagten Herren interpretierten Klassiker von Cream und anderen Formationen aus der guten alten Zeit so schnörkellos und ehrlich, dass das Zuhören eine helle Freude war.

Das linke Lager trommelte gegen die Veranstaltung

Ihre helle Freude an der Gaardener Kulturrotation hatten allerdings nicht alle. Vor dem Libertären Laden in der Iltisstraße und vor dem Fire&Flames-Shop in der Kaiserstraße trommelte das linke Lager teils sehr lautstark gegen diese Veranstaltung. Die sei ein „plumper Versuch, die angeblich hässliche Braut für die Verwertung aufzuhübschen“ und mithin die Gentrifizierung von Gaarden voranzubringen. Auch sonst steckte reichlich Politik in diesem Kulturspektakel. Bei den Aktionen des städtischen Mädchentreffs auf dem Henry-Vahl-Platz zeigten die „Omas gegen rechts“ Flagge und erinnerten so freundlich wie bestimmt daran, dass Hass immer nur zu Krieg führen kann.
https://www.kn-online.de/Kiel/Kiel-Gaarden-feiert-und-protestiert-bei-der-Kulturrotation

milchbrötchen

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #72 am: 12:00:03 Mo. 27.Mai 2019 »
hui, da wird mir übel
da schreibt der Geist, dass auf der KulturRotation (KR)getrommelt wurde. Dass ist zunächst mal die Aussage, dass da Instrumente gebraucht wurden, hier Trommeln. Die KR war keine LeseReihe, kein Ökomarkt mit Honig und anderen fragwürdigen Handwerkerangeboten, wie in Gottorf. Wer das erwartet hat, war hier falsch. Bei der KR gab es zahlreiche musikalische Darbietungen. Einige sehr hörenswerte andere eben nicht. Einige auch sehr laut. Die Trommel wird meist laut gespielt. Ich gehe davon aus, dass Geist beim "trommeln" im übertragenen Sinn meint, dass da Leute rumgelaufen sind und ZETTEL verteilt haben. Er zitiert an einer Stelle auch ganz richtig „plumper Versuch, die angeblich hässliche Braut für die Verwertung aufzuhübschen“. Mehr ist es nicht!!!!Zettel! Vielleicht sind die verteiler an der einen oder anderen Stelle auch ins Gespräch gekommen, vielleicht auch etwas hitzig?!? Und?- KULTUR heißt nicht Bespaßung, ist nicht ausschließlich Vergnügung.
Übel wird mit, weil der überwiegende Teil der Kommentare, die in der KN-online erschienen sind, im Kern inhaltlich die eigene, die Selbstverachtung der Autoren spiegelt. Und diese merken es nicht mal. Die Gentrifiezierung richtet sich genauso gegen diese Autoren. Die von den ach so fürchterlichen Linken verteilten Zettel, weisen darauf hin, dass es sich um die INSTUMENTALISIERUNG   ;) der Kulturschaffenden handelt ! Geist hat mit den Menschen, die diese Zettel verteilt haben nicht gesprochen!!!!!!!Woher weiß er egentlich, dass es Linke sind? Sind die vielleicht einfach nur aufgeweckt und wünschen gar keine menschenverachtende Verdrängung, Vertreibung? Gentrifizierung ist der Krieg der Reichen gegen die Armen. Geist- oder doch einfach nur Geistlos? In jedem Fall - journalistische Leistung: 6 setzten!

https://www.bpb.de/politik/innenpolitik/stadt-und-gesellschaft/216871/gentrifizierung-ursachen-formen-und-folgen?p=all
https://difu.de/publikationen/difu-berichte-42011/was-ist-eigentlich-gentrifizierung.html

https://difu.de/presse/2019-04-02/armut-ist-in-deutschland-vor-allem-ein-problem-in.html-0

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #73 am: 12:06:53 So. 02.Juni 2019 »
Zitat
Aufstand gegen Vonovia hat sich gelohnt

Die Mieter in dem Vonovia-Hochhaus neben dem Holstein-Stadion in Kiel können vorerst aufatmen: Nach dem Protest gegen eine Modernisierung und damit verbundenen Mietsteigerungen hat der Konzern seine Pläne auf Eis gelegt. Vonovia und das Mieterkomitee halten sich bedeckt, nur ein Mieter redet über den Deal.



Peter Schomaker und seine Nachbarn wehrten sich gegen die Modernisierung ihres Hochauses. Sie wünschten sich zwar die „längst fällige Sanierung, aber nicht auf Kosten von uns Mietern“.
...
„Alle im Haus bewerten das Ergebnis als Erfolg.“ Der Aufstand gegen Vonovia habe sich gelohnt. „Jetzt ist es wichtig, dass auch andere Menschen erfahren, dass man einen Teilerfolg erzielen kann, wenn man sich gegen einen großen Wohnungskonzern wehrt.“ Daher berichtet er, wie die Einigung mit Vonovia aussieht und warum sie zustande kam: Vonovia habe am dritten Verhandlungstreffen, das nicht im Vonovia-Büro, sondern erstmals in der Wohnung eines Komitee-Mitgliedes stattfand, mündlich zugesagt, das ganze Bauvorhaben für die nächsten drei bis fünf Jahre zu stoppen.
...
 „Vor allem war es aber sehr wirksam, dass wir uns als Hausgemeinschaft schnell zusammengefunden und gemeinsam gewehrt haben. Von 53 Mietparteien in dem Haus haben sich 90 Prozent mit ihrer Unterschrift gegen die Modernisierung ausgesprochen.“
...
https://www.kn-online.de/Kiel/Mieter-in-Kiel-meinen-Aufstand-gegen-Vonovia-hat-sich-gelohnt

Kuddel

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Re: Stadtteilarbeit
« Antwort #74 am: 22:12:20 Sa. 08.Juni 2019 »
Ich bin kein regelmäßiger Besucher der Mieterversammlungen.
Am letzten Dienstag war ich aber dabei in der Galerie ONspace.




Es war ein eher überschaubarer Kreis.
Zu Beginn gab es einen kleinen Bildervortrag eines Mieters.
Ziemlich beeindruckund. Es wurde das öffentlich zugängliche Material durchforstet, wie es um den Stadtteil Gaarden steht und welche Entwicklungen zu erwarten sind. Die Stadt will sich da nicht überraschen lassen und ließ Studien anfertigen. Auf einer Grafik wurde schön sichtbar wie krass Einkommen und Mieten sich auseinanderbewegen und bei einem weiteren Auseinanderklaffen der Schere zwischen den Wohnkosten und dem zur Verfügung stehenden Geld es nur noch eine Frage der Zeit ist, daß sich immer mehr die Wohnungen nicht mehr leisten können. Es ging weiter mit Zahlen und dann mit dem, was das Jobcenter an Wohnfläche und Kohle maximal für Singles, Paare und Familien erlauben. Das ganze wurde verglichen mit aktuellen Wohnungsangeboten von Vonovia in ziemlich ranzigen Nachkriegsgebäuden in Gaarden. Die Kosten lagen teilweise bereits über dem, was das JC zuläßt. Die Entwicklungen lassen schlimmes erahnen und die Stadt weiß durch ihre von ihr beauftragen Studien bestens bescheid.

In dem kleinen Vortrag ging es auch um die "Gentrifizierung", die hier mit "Entpöbelung" (hihi!) übersetzt worden ist. Hier hat die Stadt sich auch schlau gemacht und sich angesehen, wie Künstler als „Pioniere“ wirken und zu einem Magnet für zahlungskräftigere Bevölkerungsschichten werden und eine ganze Kettenreaktion auf den Charakter des Viertels und seine Bevölkerungsstruktur auslöst. So entschied sich die Stadt, ein wenig Geld in Kunst, Kultur und Subkultur zu investieren, um den verranzten Stadtteil wirtschaftlich verwertbarer zu machen.

Das besondere an diesem Treffen war, daß die Frau aus dem Stadtteilbüro, mit der ich mit bereits bei der Kulturrotation so heftig gestritten hatte, auch gekommen ist. Diese "Stadtteilbüros" sind bundesweit in Problemstadtteilen installiert worden mit einer klaren Motivation: Einerseits will man die Stadtteile attraktiver machen, andererseit hat man Angst vor der Bevölkerung, die einen Strich durch die Pläne ziehen könnte. Deshalb will man vor möglichen Konflikten, Protesten oder Unruhen, frühzeitig gewarnt sein und gegensteuern können. Deshalb sucht man den Kontakt zu den Menschen im Stadtteil und versucht bei bestimmten Problemen Abhilfe zu schaffen, damit nicht aus einem kleinen Anlaß ein Flächenbrand wird.

Es sollte klar sein: Diesen Institutionen geht es nicht darum, daß die Probleme der Menschen in dem Stadtteil grundsätzlich gelöst werden, es geht eher darum, daß sie zu keiner Gefahr für die wirtschaftlichen Pläne werden, die man mit dem Stadtteil hat. Das Büro Soziale Stadt Gaarden wird von Stadt, Land und Bund finanziert. Ich werfe es auch niemandem vor, dort zu arbeiten, um sich so seine Brötchen zu verdienen. Aber die Frau, die das Mietertreffen besuchte, arbeitete nicht nur da, sondern sie identifizierte sich mit dem, was sie da zu tun hat.

(Fortsetzung folgt)