Autor Thema: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche  (Gelesen 5706 mal)

Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #15 am: 10:59:20 Sa. 16.Juni 2018 »
Problem hierbei ist, dass psychische Krankheiten einen Leidensdruck erzeugen. Daher halte ich den Krankheitsbegriff für gerechtfertigt.
Ich bin der Meinung, daß nichts heilig und unumstößlich ist. Man sollte sich nicht scheuen, alles in Frage zu stellen.

Natürlich erzeugen viele psychische Krankheiten einen Leidensdruck. Aber selbst dieses Leiden und der Schmerz können einen Sinn haben. Eine Depression kann eine Notbremese sein, die die Seele zieht, damit man aufhört so weiterzumachen wie bisher. Es kann eine erzwungene Auszeit sein, die einen zwingt, das eigene Leben zu hinterfragen. Es ist sicherlich oftmals viel komplizierter, doch sollte man nicht erwarten, daß das Leben nur toll und voller Genuß ist. Schmerz und Abgründe gehören auch dazu.

...damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...
Naja, das ist auch nur eine Minderheit.
Auch wenn es eine Minderheit sein mag, so gibt es sie. Ich habe Probleme mit solchen Leuten umzugehen und habe keine Lust, ihre Erwartungen zu erfüllen.

Was mir in der Diskussion fehlt, sind die Bedingungen, in denen psychisch Kranke leben. Viele sind arbeitslos oder haben Minirenten und werden in Werkstätten zu stagnierenden Minilöhnen ausgebeutet. Hier ist genug zu tun für Linke, eine Verbesserung der Lebenslage einzufordern. Aber niemand interessiert sich dafür wirklich ...
Da sind wir uns einig. Dieses Thema darf nicht unter den Tisch fallen, es ist aber eines von vielen Themen, die unter den Nägeln brennen...

Wie sagte schon Gevatter Marx? »…alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist. «

counselor

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #16 am: 14:46:41 Sa. 16.Juni 2018 »
Auch wenn es eine Minderheit sein mag, so gibt es sie. Ich habe Probleme mit solchen Leuten umzugehen und habe keine Lust, ihre Erwartungen zu erfüllen.
Naja, psychisch Kranke sind behindert, aber nicht bescheuert. Es gilt hier: "Jeder nach seinen Fähigkeiten".

Zum Verhältnis von Gesellschaft und Psyche habe ich weiter oben schon Stellung bezogen.

Es kommt darauf an, die Lebensverhältnisse der Betroffenen zu verbessern. Geld haben die Sozialkonzerne "Arbeiterwohlfahrt", "Caritas", "Diakonie" und "Lebenshilfe" genug. Sie wollen es nur nicht an die Behinderten ausschütten und berufen sich dabei auf Gesetze, die sie selbst federführend gestaltet haben.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!

rebelflori

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #17 am: 12:27:33 So. 17.Juni 2018 »
Auch wenn es eine Minderheit sein mag, so gibt es sie. Ich habe Probleme mit solchen Leuten umzugehen und habe keine Lust, ihre Erwartungen zu erfüllen.
Muss man mit jeder Minderheit umgehen können? Ich glaube nicht, aber trotzdem muss man sie respektieren.
Ich komme besonders gut mit Menschen klar, die auf Minderheit einprügeln. >:D >:D

Was würde eigentlich passieren wenn, ich das Wort Faule ersetzten würde durch Flüchtlinge?

Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #18 am: 13:01:09 So. 17.Juni 2018 »
rebelflori,
was laberst du denn wieder für einen wirren Scheiß!?!

Natürlich muß man nicht jede Minderheit respektiern. Ich werde weder Faschos noch Bonzen respektieren.
Und wer hat hier von Faulen gesprochen?  ???

counselor

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #19 am: 09:32:06 Sa. 14.Juli 2018 »
Zitat
Das Psychiatriegesetz ist verabschiedet, der Protest bleibt

13. Juli 2018 — Das Gesetz hat den Landtag passiert. Trotz von Grünen und MUT Partei nach wie vor kritisierter eklatanter Fehler wie einer namentlichen Meldung von fremdgefährdenden zwangseingewiesenen Patienten, die von der Klinik als GEHEILT! entlassen wurden.Wir sind nicht zufrieden, werden weiter auf die Fehler im Gesetz hinweisen.

Quelle: https://www.change.org/p/13128689/u/23004859
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Kuddel

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #20 am: 12:12:08 Mi. 26.Dezember 2018 »
Zitat
„Kapitalismus ist asozial“

Die WHO legt fest, was als krank gilt. Der Psychologin Nora Ruck fehlen dabei soziale Aspekte


Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat kürzlich ihren neuen Krankheitskatalog ICD-11 vorgestellt. Darin wird auch bestimmt, wer als psychisch krank gilt. In Zukunft werden sich Krankenkassen darauf berufen, wenn sie entscheiden, ob eine Störung behandlungsbedürftig ist oder nicht.

Ich weiß nicht, ob wir „leichter krank“ werden. Ich glaube, dass sich die Form der Ausbeutung heute verändert hat, nämlich so, dass sie mehr in die Psyche eingreift. Alle Zeitdiagnosen, die sich auf Begriffe wie Postfordismus, unternehmerisches Selbst und so weiter beziehen, haben eines gemeinsam, nämlich die Beobachtung, dass wir unser „Selbst“ stärker in die Arbeit einbringen müssen. So wichtig die Kritik an entfremdeter Arbeit in fordistischen Verhältnissen war, schuf Entfremdung doch zumindest psychischen Abstand zur Arbeit. Das schaffen wir nicht mehr, wenn wir gleichzeitig psychisch Arbeitgeberin und Arbeitnehmerin sein müssen, aber ohne die reale Macht von Arbeitgeberinnen.
...
Der Blick auf das große Ganze deprimiert da und macht zumindest anfänglich ohnmächtig, vor allem, wenn man so gar nichts weiß über kollektive Strategien.
...
Mir ist herzlich egal, ob Donald Trump oder Sebastian Kurz als narzisstisch zu diagnostizieren wären. Wenn sie nicht gewählt würden, müssten wir uns darüber nicht unterhalten. Mir wäre lieber, wenn die darin verpackte Gesellschaftskritik auch als solche geäußert würde, also zum Beispiel: Kapitalismus ist asozial, er spaltet und er spielt Menschen gegeneinander aus.
...
Depression hat auch viel mit Ohnmacht zu tun, und die ist für viele heute sehr real.
...
Die Verhältnisse machen die Einzelnen krank!
...
Ein gutes Interview: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/kapitalismus-ist-asozial

Der psychische Druck lastet auf den Menschen so schwer, daß sie sich nicht aufraffen können zu Protesten und Gegenwehr.
Die Gelbwestenproteste in Frankreich zeigen aber, daß auch politisch abgeschriebene Teile der Bevölkerung aus ihrer Depression und kollektiven Lähmung ausbrechen können.

BGS

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Re:Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #21 am: 14:06:22 Mi. 26.Dezember 2018 »
Die gesellschaftlichen Zustände und Verhältnisse haben schon immer Menschen krank gemacht. Diese werden zusätzlich herabgesetzt und verleumdet, von Anderen, welche nach oben buckeln und nach unten treten. Weil sie meinen, es sich herausnehmen zu können.

Noch defizitärere Subjekte erklären sich flugs zu unersätzlichen "Leistungsträgern", einer "Elite" gar, hinter deren Kulissen ich lieber keinen Blick werfen möchte ob der Abgründe. Ausgerechnet von denen liest man dann im neoliberalen Blatte seiner Wahl, es müsse endlich der "Vollkasko-Mentalität" ein Ende gesetzt werden". Sie leben oft von "Zinsen", obwohl Geld nicht die Eigenschaft hat, sich zu vermehren.

Kapitalismus ist krank, macht krank und wird sich nicht halten können. Wir sollten unseren Gegnern erstmal eine Stange Geld "kosten",so viel und oft, wie möglich. Das schmerzt. Macht vielleicht Anderen Mut.

Das die kollektive Lähmung nun langsam auftaut ist ein zumindest Hoffnungsschimmer.

Mit welchem Recht darf irgendein Bürokrat einem irgendetwas vorschreiben?!

MfG

BGS



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Kuddel

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Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #22 am: 16:37:21 Di. 14.Mai 2019 »
Ein guter Radiobeitrag zum Thema.

https://ondemand-mp3.dradio.de/file/dradio/2019/04/20/arbeit_und_psychische_erkrankungen_therapie_statt_drk_20190420_1730_d8b363eb.mp3

Zitat
Arbeit und psychische Erkrankungen
Therapie oder Arbeitskampf – was hilft gegen Burnout?

Der Anteil der psychischen Erkrankungen an den Arbeitsunfähigkeitstagen steigt seit Jahren an. Ein Zeitgeistphänomen? Oder liegt es an der neuen Arbeitswelt, die den „ganzen Menschen“ fordert? Wären dann die Leidenden zu therapieren – oder das System?


In der heutigen Arbeitswelt sind wir gefordert, uns als ganze Persönlichkeit in die Arbeit einzubringen, uns mit unserer Arbeit zu identifizieren, sagt die Soziologin Stefanie Graefe von der Universität Jena. Zwar seien die Handlungs- und Entscheidungsspielräume für viele Menschen größer geworden, die Autonomie habe also zugenommen. Doch seien ihr durch gesetzte Termine und geforderte Leistungen wiederum enge Grenzen gesetzt.

Parallel hat die „Therapeutisierung des Sozialen“ dazu geführt, dass bei Arbeitsüberlastung nicht die Bedingungen der Arbeit, sondern der überlastete Mensch als Problem angesehen wird. Therapie soll dann beispielsweise die Stressresistenz erhöhen.

(...)
https://www.deutschlandfunkkultur.de/arbeit-und-psychische-erkrankungen-therapie-oder.990.de.html?dram:article_id=446695

counselor

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Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #23 am: 16:52:56 Di. 14.Mai 2019 »
Und die Psychiater wundern sich, dass viele ihrer klassischen Therapien nicht anschlagen. Und für Mobbing gibt es gar keine Therapie und keine rechtliche Sanktion.
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Onkel Tom

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Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #24 am: 13:30:36 Mi. 15.Mai 2019 »
Therapien setzen meistens nur darauf, künftig mit Situationen besser umgehen zu können.
Was nützt es jedoch, wenn anbei das Thema Ursachenbekämpfung ein Tabu bleibt ?

Mensch kann mit Maschiene und Profitmaximierung nicht mehr mit halten. Der Leistungsdruck
sorgt für den Rest, irgendwann einen Nervendoc aufsuchen zu müssen.

Ich finde, das die Arbeitswelt erkrankt ist und darin zu therapieren gilt, die Leistungsfähigkeiten
von Mitarbeitern nicht mehr zu überfordern..

Wat verkakkte Problematik.. Entweder hat mann zu viel Arbeit oder gar keine. Da wieder auf ein
Mittelmaß zu kommen traut man sich kaum ran. Und von Arbeitgeberinteresse auch nicht gewollt.

Heutzutage geht man in D nicht mehr arbeiten, sondern wird verheizt oder darf sich vom Jobcenter
terrorisieren lassen.. Was mich wundert, das die Krankenkassen anbei so still sind..
Die wissen doch am besten, wo die Ursachen liegen..

 :(
Lass Dich nicht verhartzen !

Kuddel

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Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #25 am: 13:26:00 Do. 23.Mai 2019 »
Das ist jetzt alles nicht so überraschend gekommen.

Bereits vor 10 Jahren erklärte Dr. Wolfgang Hien in einem Interview der ZEIT:
Zitat
"Das ganze System ist krank"
Psychische Erkrankungen sind die häufigste Ursache für Erwerbsunfähigkeit. Wie man mit psychisch kranken Kollegen umgeht, erklärt der Arbeitswissenschaftler Wolfgang Hien.


ZEIT ONLINE: Herr Hien, in den vergangenen Jahren hat die Zahl der Krankschreibungen abgenommen, jedoch sind die Ausfälle aufgrund von psychischen Störungen in den vergangenen Jahren um 20 Prozent gestiegen. Sind Depressionen und Burn-out in der modernen Arbeitsgesellschaft das, was körperlicher Verschleiß früher einmal war?

Wolfgang Hien: Es hat eine Schwerpuntkverlagerung stattgefunden. Jede dritte Frühberentung erfolgt aufgrund von psychischer Erkrankung. Die Arbeitswelt ist ungesund: Druck, Stress, enger Handlungsspielraum, Unsicherheit und Angst nehmen drastisch zu. Es ist wissenschaftlich gut untersucht, dass aus der Kombination von ungünstigen Faktoren der Arbeitssituation und ungünstigen Personenvariablen psychische Erkrankungen wie Depressionen und Burn-out entstehen können. Das führt zu immensen wirtschaftlichen Kosten. Der Bundesverband der Betriebskrankenkassen hat untersucht, dass durch die ungesunden Arbeitsbedingungen im Jahr ein Schaden von 50 bis 100 Millionen Euro entsteht. Von dem Leid des Einzelnen einmal ganz abgesehen.
(...)
ZEIT ONLINE: Aber was kann ein Einzelner verändern? In einer Krisenzeit sollte man doch froh darüber sein, wenn man überhaupt einen Arbeitsplatz hat.

Hien: Genau diese Denkweise führt zur Aufrechterhaltung des Status quo. Das ganze System ist krank. Der Einzelne kann vielleicht nicht viel bewirken, aber er kann "Nein" sagen und seine Grenze aufzeigen. Er kann sich wehren und sich auf seine Menschenrechte besinnen. Er kann sich mit anderen zusammenschließen. Und er sollte bereit sein, dafür auch gewisse Nachteile in Kauf zu nehmen. Wenn wir krank werden und uns vor die Frage gestellt sehen, was wir wirklich brauchen, um glücklich zu sein, dann werden die meisten Menschen nicht die materiellen Güter nennen, sondern die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen. (...)
https://www.zeit.de/karriere/beruf/2009-11/leistungsdruck-depressionen-job/komplettansicht

milchbrötchen

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Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #26 am: 19:07:07 Sa. 01.Juni 2019 »
Zitat
    ... die es sich in der Krankheit einrichten, damit kokettieren, die den "Jagdschein" genießen, eine Sonderbehandlung sehr bewußt einfordern, weil sie "verrückt" oder "krank" sind...

Fühlt sich da etwa wer angesprochen?
Kuddel, ich bin da ganz bei dir. Sich so weit verschleißen zu lassen, bis es nicht mehr geht, ist zu oft nicht aufzuhalten. Die Menschen stecken im System und Zwängen fest. Mit seinem "Schein" rumzuwedeln und zu tun als hätte man damit das große Los gezogen ist irgentwie dumm. Mensch ist aus dem System rausgefallen, weil Mensch wegen Krankheit  unbrauchbar geworden (mich schüttelts, wenn ich das schreibe, aber das ist Systemkonform). Wenn Mensch den Mut und die Sicht gehabt hätte vorher auszusteigen, gesund und munter, mit der Aussage: Stopp, bis hierher und nicht weiter! Ich bin Mensch! Respekt! So habe ich den Verdacht, dass der der da mit seinem "Schein"wedelt, dies auch nur aus lauter Verunsicherung tut. Die Selbstachtung ist dahin. Nichts tun, nicht belastbar sein...alles das gilt als Schwäche. Die kann man in dieser Gesellschaft nicht zugeben. Also wird so getan als hätte man das große Los gezogen. Du, ich mein, das musst du positiv sehen, ne. Im tiefen Innern sitz das Gefühl des Versagens. Sich davon zu befreien braucht viel Selbsterkenntnis.

BGS

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Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #27 am: 19:32:56 Sa. 01.Juni 2019 »
Gut ausgedrückt, Danke.

MfG

BGS
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dagobert

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Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #28 am: 21:10:55 Sa. 01.Juni 2019 »
Die Selbstachtung ist dahin. Nichts tun, nicht belastbar sein...alles das gilt als Schwäche. Die kann man in dieser Gesellschaft nicht zugeben. Also wird so getan als hätte man das große Los gezogen. Du, ich mein, das musst du positiv sehen, ne. Im tiefen Innern sitz das Gefühl des Versagens. Sich davon zu befreien braucht viel Selbsterkenntnis.
Das erinnert mich an was:
Zitat
Ich arbeite, also bin ich
http://forum.chefduzen.de/index.php/topic,28165.msg295917.html#msg295917

Kuddel

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Re: Gesellschaftliche Verhältnisse und Psyche
« Antwort #29 am: 17:54:16 Di. 11.Juni 2019 »
Zitat
Psychisch Kranke, vereinigt euch!

Einem immer größeren Teil der ArbeiterInnen werden psychische Krankheiten attestiert. Was sind die Ursachen dafür und was können wir dagegen tun? – Ein Kommentar von Dirk Paul Shevek

Laut einer Studie des bayrischen Versicherungsunternehmens Swiss Life scheiden 37% aller ArbeiterInnen und Angestellten auf Grund von Erkrankungen wie Burn-Out, Depressionen oder Angststörungen vorzeitig aus dem Berufsleben aus. Vor zehn Jahren waren es noch 26,6%.

Die Verteilung unter den Geschlechtern ist höchst ungleich: Fast die Hälfte aller Frauen (44%) werden berufsunfähig durch psychische Krankheiten. Bei den Männern sind es 28%. Für die Studie wertete Swiss Life seine eigenen Kundendaten aus. Die Zahlen der Rentenversicherung des Bundes bestätigen aber die Tendenz: 2018 wurden über 170.000 stationäre Rehabilitationen wegen psychischer Krankheiten bewilligt, über 50.000 mehr als zehn Jahre zuvor. Hoher Stress und Leistungsdruck könnten mögliche Ursachen für die Krankheiten sein, meint Amar Banerjee, Leiterin von Swiss Life.

Aus den Zahlen allein kann man jedoch noch nicht ableiten, dass die Anzahl der Erkrankten gestiegen ist. Erfasst werden lediglich diagnostizierte Fälle. Es ist also unklar, ob der Anstieg der Diagnosen auf mehr Krankheitsfälle verweist oder auf eine größere Sensibilität beim Thema psychischer Leiden bei ÄrztInnen und PatientInnen. Tatsächlich sind viele PsychotherapeutInnen AnhängerInnen des zweiten Erklärungsansatzes.

Psychische Erkrankungen seien nicht mehr ein solches Tabu wie zu früheren Zeiten. ÄrztInnen würden heute ihren PatientInnen viel häufiger und früher eine therapeutische Behandlung empfehlen. Bei vielen VertreterInnen dieses Ansatzes klingt es so, als würde es also gar kein Problem geben. Andere WissenschaftlerInnen hingegen sehen veränderte Arbeitsbedingungen im Kapitalismus des 21. Jahrhunderts als Ursache für steigende psychische Erkrankungen an. Höhere Flexibilisierung des Arbeitslebens sowie die Vereinnahmung des ganzen Menschen, samt seines sozialen und emotionalen Lebens, seien der Grund für erhöhte Erschöpfungszustände der Bevölkerung. Nach diesem Erklärungsansatz machen also vor Allem die besonderen Arbeitsbedingungen des Neoliberalismus psychisch krank. Man könnte meinen, ein Zurück zum Normal-Arbeitsverhältnis der 60er-Jahre könnte das Problem beseitigen.

Was die aktuellen Zahlen auf jeden Fall offenbaren, ist, dass sehr viele Menschen in unserer Gesellschaft unter psychischen Erkrankungen leiden. Entweder sind es mehr als früher oder es waren schon vor 40 Jahren genauso viele. Beides ist alarmierend und beides spricht nicht gerade für den Gesundheitszustand unserer Gesellschaft.

Aus dem Blick verloren werden in der Diskussion zudem all jene, bei denen keine manifeste Krankheit in Erscheinung tritt, die aber mit allerlei psychischen Problemen als Gesunde durchgehen. Gier, Geiz, Machtstreben, Langeweile, emotionale Abgestumpftheit und weiteres sind psychische Probleme, die in unserer Gesellschaft nicht als krankhaft eingestuft werden. Im Gegenteil gelten sie teilweise als tugendhaft und erstrebenswert. Diese Eigenschaften sind nicht nur gesellschaftlich bedingt, sie sind sogar notwendig für das Funktionieren des Kapitalismus. Vielleicht zeigt der Anstieg der diagnostizierten psychischen Erkrankungen auch einfach die schwindende Fähigkeit der bürgerlichen Gesellschaft, ihre BürgerInnen mit ihren zahlreichen Defekten als vermeintlich gesund leben zu lassen.

In der Zunahme von manifesten psychischen Krankheiten könnte sich also auch ein wachsendes Bewusstsein der Menschen darüber äußern, dass sie leiden. Das Bewusstsein, ein Problem zu haben und zu leiden, bietet die Chance für einen Heilungsprozess. Es kommt dann darauf an, die Ursachen des Leidens zu erkennen, sowie zu erkennen, was nötig ist, um diese Ursachen zu beseitigen und dieses dann auch tun. Wir stehen also vor der Wahl, uns um die Widerstandfsähigkeit gegen die krankmachenden Bedingungen und die Anpassung an sie zu bemühen – oder aber, diese Bedingungen zu beseitigen.

Dirk Paul Shevek
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