Autor Thema: Tourismus  (Gelesen 390 mal)

Kuddel

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Tourismus
« am: 15:15:22 Sa. 13.Juli 2019 »
Hmmm. Gibt es hier noch nirgendwo eine grundsätzliche Tourismuskritik?

Es galt ja mal als Errungenschaft, daß man verreisen kann, andere Orte, Menschen und Kulturen kennenlernen kann. Dann gab es Kritik am blöden Neckermanntouristen, der Alternativtourist fand sich viel besser. Irgendwann war klar, daß der Alternativtourist jedes abgelegene Eckchen Erde in Beschlag nimmt und verändert.

Inzwischen gibt es Kritik am Tourismus selbst. Die Welt wird zum Ballermann. Die Welt wird konsumiert. Die Menschen werden begafft oder als Servicepersonal gesehen.

Es ist nicht allein eine ökologisches Problem. Es ist auch eine Frage der Kultur, wie man mit anderen Menschen umgeht und warum man sich woanders hinbewegt.

Troll

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Re: Tourismus
« Antwort #1 am: 21:03:51 Sa. 13.Juli 2019 »
Wir tragen unsere tollen Werte (nennt man heute wohl Kultur) gerne in die Welt hinaus, mal als Touristen auf Luxusdampfern, mal als Friedensengel auf Flugzeugträgern, beides mit durchschlagendem  Erfolg.
Mal wieder zu viel und in Zukunft unbedingt rundum zu begrenzen, bzw. in  dieser Form abzuschaffen, die Menschen müssen sich wohl oder Übel wider regional erholen.
Wenn ich schon Urlaubsprogramme gelesen habe, so rund um die Uhr durchgeplant, stell ich die Erholung in Frage, was hat man da davon, da werden keine fremden Kulturen kennengelernt, der heimatliche Stress hat eigentlich nur eine andere Tapete.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

Kuddel

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Re: Tourismus
« Antwort #2 am: 19:03:17 So. 14.Juli 2019 »
Zitat
Einen unappetitlichen Scherz hat sich ein junger Mann in Bamberg erlaubt: Er pinkelte am Samstag von der Marienbrücke - direkt auf das Deck eines darunter fahrenden Ausflugsschiffes. Wie die Polizei am Sonntag mitteilte, traf der Strahl mehrere Fahrgäste. Der Mann quittierte sein Tun demnach mit lautem Gelächter. Als die Beamten eintrafen, waren er und seine zwei Begleiter bereits verschwunden. Nach dem Pinkler wird nun gesucht.
https://www.stern.de/panorama/weltgeschehen/nachrichten-aus-deutschland--mann-uriniert-von-bruecke-auf-ausflugsschiff-8789284.html

BGS

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Re: Tourismus
« Antwort #3 am: 19:27:32 So. 14.Juli 2019 »

... .
Naja, in Berlin feiert der Wahnsinn seine grössten Triumphe:

Zitat
Mann pisste von Brücke - vier mussten ins Krankenhaus

Sicher ist Urinieren in der Öffentlichkeit ein Straftatbestand, doch allgemein hält man es für ein Verbrechen ohne Opfer. Und derjenige Mann, der beschlossen hatte in Berlin von einer Spreebrücke seinem Harndrang nachzugeben, konnte wohl die Folgen seines Tuns nicht absehen.

Zugleich als der Mann seine Blase entleerte fuhr unter der Brücke ein Touristenboot. Die Dusche von oben kam derart unerwartet, dass viele Reisende aufstanden und mit ihrem Kopf an die Jannowitzbrücke (in der Nähe des Alexanderplatzes) schlugen.

Es gab mehrere Verletzte, vier davon mussten mit Krankenwagen ins Krankenhaus, wie vom Berliner Rettungsdienst verlautbart wurde.

Es ist nicht bekannt, ob der Täter verhaftet werden konnte.

Quelle: ]https://www.hbl.fi/artikel/man-kissade-fran-bro-fyra-till-sjukhus/]

Übersetzung von mir.


MfG

BGS

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"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

dejavu

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Re: Tourismus
« Antwort #4 am: 19:29:30 So. 14.Juli 2019 »
Zitat
Wenn ich schon Urlaubsprogramme gelesen habe, so rund um die Uhr durchgeplant, stell ich die Erholung in Frage, was hat man da davon, da werden keine fremden Kulturen kennengelernt, der heimatliche Stress hat eigentlich nur eine andere Tapete.
Liegt bei einem selbst, denke ich. So Pauschalurlaub Bildungsreisen oder son Zeug hab ich noch nie gemacht.
Man kann auch ohne Planung auskommen. 
Zitat
die Menschen müssen sich wohl oder Übel wider regional erholen
Warum?
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Troll

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Re: Tourismus
« Antwort #5 am: 19:58:05 So. 14.Juli 2019 »
Weil das mit dem verreisen sich ordentlich ändern wird, Auto und Busse fällt imo weg.

Ja, liegt es an einem selbst, das macht den durchschnittlichen Massentouris(mus)ten nicht besser.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
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Jiddu Krishnamurti

dejavu

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Re: Tourismus
« Antwort #6 am: 21:29:09 So. 14.Juli 2019 »
Zitat
Weil das mit dem verreisen sich ordentlich ändern wird, Auto und Busse fällt imo weg.
Busse und Bahn gehen eigentlich schon noch... finde ich.
Leiharbeit und Werkvertragsmißbrauch verbieten! Weg mit dem Dreck!

Kuddel

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Re: Tourismus
« Antwort #7 am: 10:36:10 Mo. 15.Juli 2019 »
Ein paar Worte von der Bundeszentrale für politische Bildung zum Thema:

Zitat
Die dunklen Seiten des globalisierten Tourismus

Zu den ökologischen, ökonomischen und sozialen Risiken des internationalen Tourismus
Der Tourismus nimmt stetig zu. Es gibt heute kaum eine Region, die nicht touristisches Zielgebiet ist. Der grenzüberschreitende Tourismus gilt inzwischen als die wichtigste Exportindustrie weltweit.


Einleitung

Der Tourismus ist kein neues Phänomen unserer Zeit. Bereits seit Tausenden von Jahren verreisen Menschen. Dennoch bestehen entscheidende Unterschiede zwischen dem modernen Tourismus und den Reisen von gestern. Zum einen sind immer mehr Menschen immer schneller, immer öfter und immer weiter unterwegs. Zum anderen haben die Reisenden vergangener Jahrhunderte ihren Urlaub nicht bei TUI, Neckermann oder Rewe gebucht.

Der moderne Tourismus ist ein "Big Business", das von wenigen großen Konzernen bestimmt wird. Daten des Weltwährungsfonds (IWF) zufolge löste der internationale Tourismus mit Einnahmen in Höhe von 504 Milliarden US-Dollar bereits 1998 die Automobilbranche als größte Exportindustrie der Welt ab. Nach Meinung der Welttourismusorganisation (WTO) sei das internationale Reisegeschäfte aber "nur die Spitze eines Eisbergs". Denn zu den rund 700 Millionen grenzüberschreitenden Reisenden jährlich kämen nochmals etwa 2,3 Milliarden Touristen hinzu, die jeweils im eigenen Land Urlaub machen. Die WTO schätzt deshalb die globalen Gesamteinnahmen der Tourismusbranche auf 1,7 Billionen US-Dollar jährlich.

I. Fernreisen
...
II. All-inclusive
...
III. Kreuzfahrttourismus
...
IV. Golf- und Sex-Tourismus
...
V. Natur- oder Ökotourismus
...
http://www.bpb.de/apuz/25892/die-dunklen-seiten-des-globalisierten-tourismus?p=all

Kuddel

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Re: Tourismus
« Antwort #8 am: 10:27:39 Do. 25.Juli 2019 »
Die Rubrik ist nur bedingt passend, denn Tourismus berührt nicht nur öklögische Probleme, es handelt sich eher um ein vielfältiges Konfliktfeld. Der herablassende Umgang mit den Einheimischen, die man als autentisch begafft und knipst, Party- und Sextourismus, Ausbeutung...

Zitat
Flugbegleiter, Reiseleiter, Animateure und Kellner arbeiten „oft zu Billiglöhnen“
Vatikan prangert Ausbeutung in Tourismusbranche an
https://www.kirche-und-leben.de/artikel/vatikan-prangert-ausbeutung-in-tourismusbranche-an/?fbclid=IwAR011a1AHKfKYbUwSwYGHhwUBixDQRQpGA_qTEwUHWI7E3dtajLrXYuMAXo

Tss, tss. Der Vatikan also.


Kuddel

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Re: Tourismus
« Antwort #9 am: 10:13:00 Fr. 26.Juli 2019 »
Zitat
Bleibt verdammt noch mal zu Hause!
Flugscham reicht nicht. Reisescham ist angebracht. Touristen glotzen blöd, zerstören Kulturen und hassen sich letztlich selbst dafür. Polemik einer Japanreisenden


Reisen macht aus Menschen Idioten. Schlimmer noch: Reisen macht aus mir einen Idioten. Ich verabscheue mich. Denn was habe ich mir dabei gedacht? Ich stehe in einem sogenannten Igel-Café in Tokio, Harajuku. Es ist ungefähr 14 Uhr und sehr hell. Die Igel liegen zusammengerollt in offenen Terrarien. Sie wollen schlafen, werden aber immer wieder hochgenommen von den Touristen – Terroristen! – die sie anfassen und angucken wollen, als hätten sie noch nie einen Igel gesehen. Das ist Tierquälerei.
(...)
Wer reist, der benutzt eine andere Kultur zur Unterhaltung. Er schaut sich die Menschen beim Essen an, sagt: "Ach Gott, schau, der Japaner schlürft die Suppe. Das hätte es bei uns zu Hause nicht gegeben." Und dann ekelt sich der Reisende, weil dem Japaner beim Verzehr seiner Brühe die Nase läuft und es sich in Japan nicht gehört, sich mit einem Tuch die Nase abzuwischen. Und der Europäer rümpft seine Nase, freut sich aber dabei, denn er hat was erlebt. Er hat etwas gefunden, das er in sein digitales Reisetagebuch kritzeln kann, eine Anekdote, die all die Daheimgebliebenen neidisch machen soll: " In Japan ziehen sie die Nase hoch!" Und so staunt eine Kultur über eine andere, und insgesamt riecht es nach Zoo.

An einem anderen Tag meiner Japanreise stehen wir, Hunderte von Berucksackten, im Bambuswald von Arashiyama und sind enttäuscht. Denn die Atmosphäre ist uns zu bekannt, das Drängen der Massen, wir kennen es vom Schlussverkauf im Elektromarkt. Und sobald der Einzelne in der Masse merkt, dass er der Masse wegen nichts erleben kann, möchte er nur noch eins: ein Foto machen, das Erleben wenigstens vortäuscht. Aber die Massen laufen eben nicht nur durch den Bambus, sondern auch durch jedes Bild. Panik stellt sich ein.

Platzangst. All die schönsten Orte der Welt sind überlaufen von Handyfotografen in Funktionskleidung. All die schönsten Orte der Welt sind im Begriff, alles zu verlieren, was sie einst zum schönsten Ort machte. Alles, was war, wird zum Motiv fürs Internet. Instagram ist ein Abendhimmel voll längst verglühter Sterne. Flugscham geht nicht weit genug. Reisescham!
(...)
Auf Reisen vergisst man, wer man ist. Zu Hause ist man aus der Kirche ausgetreten, nur um sich in Japan in einem buddhistischen Bergkloster einzumieten, weil man dort leben möchte wie ein Pilger.
(...)
Tourismus schadet nicht nur der Umwelt, er macht die Welt insgesamt zu einem musealen Ort. An dem mal etwas war, aber nicht mehr viel ist, außer der Aufführung dessen, was längst vergangen ist. Deswegen: Bleibt, wo ihr seid! Lest Bücher, trefft Menschen. Eine Kultur lässt sich besuchend nicht erfahren. Man kann sie nur leben oder sie sich von denen, die sie leben, erzählen lassen.
https://www.zeit.de/kultur/2019-07/reisen-tourismus-japan-tokio-fernreise/komplettansicht

dejavu

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Re: Tourismus
« Antwort #10 am: 15:52:06 Fr. 26.Juli 2019 »
Zitat
Ich stehe in einem sogenannten Igel-Café in Tokio
Wenn ich mich dort wiederfinden würde, käme ich mir auch dumm vor.
Zitat
Wer reist, der benutzt eine andere Kultur zur Unterhaltung.
Beruht oft auf Gegenseitigkeit.
Zitat
Reisen macht aus Menschen Idioten.
Sehe ich nicht so.
Leiharbeit und Werkvertragsmißbrauch verbieten! Weg mit dem Dreck!

Kuddel

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Re: Tourismus
« Antwort #11 am: 14:30:20 Fr. 04.Oktober 2019 »
Zitat
Allgäu
Menschenkette gegen Overtourism



Bayern, Rettenberg-Kranzegg: Teilnehmer einer Demonstration gegen ein Bergbahnprojekt am Grünten im Allgäu haben eine Menschenkette am alten Grüntenlift gebildet. Rot gekleidet wollen sie mit einer symbolischen roten Linie ein Zeichen gegen Großbauprojekte und "Overtourism" setzen.

Im Allgäu haben Gegner eines Bergbahnprojekts mit einer Menschenkette gegen den Ausbau von Liftanlagen protestiert.

Nach Angaben der Organisatoren beteiligten sich mehr als 1.000 Personen an der Aktion. Sie zogen in roter Kleidung den Berg Grünten hinauf, um eine symbolische rote Linie gegen Großbauvorhaben und Overtourism, also zu viel Tourismus, zu bilden. Naturschützer befürchten unter anderem eine Belastung für die Artenvielfalt. Unterstützer des Liftausbaus verweisen auf zusätzliche Einnahmen durch mehr Urlauber.
https://www.deutschlandfunk.de/allgaeu-menschenkette-gegen-overtourism.2932.de.html?drn:news_id=1055728

Fritz Linow

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Re: Tourismus
« Antwort #12 am: 17:54:28 Fr. 04.Oktober 2019 »
Ein Klassiker der Tourismuskritik von 1975:
Jost Krippendorf: Die Landschaftsfresser

Auszüge und weitere Gedanken dazu gibt es hier:
https://www.zobodat.at/pdf/nat-land_1977_5-6_0161-0174.pdf

Der Autor ist da noch etwas optimistisch. Am Problem hat sich bisher nichts geändert. Wenn ganze Regionen zum letzten Strohhalm Tourismus greifen, sollte man mal genauer hinschauen, wer davon nun wirklich profitiert.
Tourismus ist eine der größten Branchen weltweit und reagiert ziemlich empfindlich und nervös auf Widerstand, wie zum Beispiel auf kleine Kajaks vor riesigen Kreuzfahrtschiffen oder auf Streiks der Reinigungskräfte. Für den Hochglanzprospekt ist das alles nicht gut. Die Frage ist, wie sich die Kämpfe verbinden lassen.

Kuddel

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Re: Tourismus
« Antwort #13 am: 14:55:08 Sa. 19.Oktober 2019 »
So langsam wirds absurd.
"Tourist" wird aus guten Gründen zum Schimpfwort:

Zitat
Hauptstadt von Ghana
Accra fasziniert mit intensivem Stadttreiben, szenigen Läden und angesagten Designern

Bunte Märkte, Strand-Klubs und ­charmante Concept-Stores – ein zweitägiger Streifzug durch die westafrikanische Kapitale.


Mitten hinein. Auf Empfehlung von Einheimischen, jedoch ohne jegliche zusätzlichen Anweisungen. Lediglich mit einer Vorwarnung: Es wird intensiv.
https://bellevue.nzz.ch/reisen-entdecken/accra-essen-shopping-und-tanzen-in-der-hauptstadt-von-ghana-ld.1516223


Kuddel

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Re: Tourismus
« Antwort #14 am: 10:13:50 So. 20.Oktober 2019 »
Die Welt als Streichelzoo und Dienstleistungsparadies für die Wohlhabenden.

Zitat
Hoi An:
Eine Stadt wie eine Kuschelecke
Matte Seidenlaternen statt Neonlicht, Motorrollerverbot statt Verkehrskollaps. Hoi An bekam die Chance, Vietnams schönste Stadt zu werden, und hat sie genutzt.
https://www.zeit.de/entdecken/reisen/merian/hoi-an-vietnam-schneiderstadt-altstadt