Autor Thema: Ökosocken  (Gelesen 3130 mal)

DeadBoy

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Ökosocken
« am: 18:08:32 Mo. 20.Januar 2003 »
Alternativbetriebe waren ein großes Thema in den 70ern und 80ern. Es war der Beginn der Entpolitisierung bzw. der allgemeinen Verblödung.
Es war nie klar wozu man eigentlich eine "Alternative" sein wollte, man sagte nur man wolle "anders leben, anders wohnen, anders lernen, anders Arbeiten".
Für die meisten hieß es, man wollte mit Gleichgesinnten umgeben sein, für lange Haare und Ohrringe nicht schräg angekuckt werden und nicht mit irgenwelchen Bildzeitungslesenden Spießern am Pausentisch sitzen.

Dafür, daß man länger schlafen konnte war man bereit jede Menge Überstunden zu schieben, wenn es anstand, und wenn es an Aufträgen fehlte blieb man unbezahlt zuhaus. Geld war sowieso nicht so wichtig. Und mit Arbeitsrecht kannte man sich eh nicht aus. Man trat all das mit Füßen, was zuvor all die spießigen bildzeitungslesenden Malocher erkämpft haben.

Heutzutage sind die Alternativbetriebe längst von der Medien- und Computerbranche überholt worden in Punkto Identifikation mit Job und Betrieb und dem Verheizen erkämpfter Arbeitsbedingungen.

Jonatan

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Ökosocken
« Antwort #1 am: 19:16:15 Do. 26.Februar 2004 »
Es war nie klar wozu man eigentlich eine "Alternative" sein wollte, man sagte nur man wolle "anders leben, anders wohnen, anders lernen, anders Arbeiten".
Für die meisten hieß es, man wollte mit Gleichgesinnten umgeben sein, für lange Haare und Ohrringe nicht schräg angekuckt werden und nicht mit irgenwelchen Bildzeitungslesenden Spießern am Pausentisch sitzen.

Könnte (damals) nicht auch gemeint gewesen sein: Mitbestimmung, korekter Umgang mit Kollegen und "Vorgesetzten", menschliche Arbeitsplätze, usw ?

"Ökosocken", die einfach länger schlafen wollen ist fast so schlau wie "Arbeitsscheue" die bei PSA mal so richtig in Schwung geknüppelt werden
Oder ?
Friede den Hütten ...

DeadBoy

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Ökosocken
« Antwort #2 am: 01:53:30 Fr. 27.Februar 2004 »
Versteh mich bitte nicht falsch......

Du hättest meine langen Haare, meine Ohrringe und verwaschenen Cordhosen in den Zeiten sehen sollen!!! Und früh aufstehen hasse ich auch bis zum heutigen Tag! (Und gegen gesunde Lebensmittel hab ich auch nix einzuwenden.)

Zitat
Könnte (damals) nicht auch gemeint gewesen sein: Mitbestimmung, korekter Umgang mit Kollegen und "Vorgesetzten", menschliche Arbeitsplätze, usw ?


Wenn das so gemeint gewesen wäre, hätte ich das Posting garnicht geschrieben. Ich hab aber selbst in nem "Alternativbetrieb" malocht und mir ist das Kotzen gekommen. Es herrschte absolute Verblödung, man war völlig unpolitisch (natürlich war man gegen Atomkraft, aber Arbeitsbedingungen waren kein Thema), alles war so aus-dem-Bauch-raus, Löhne und Arbeitszeiten waren weitaus mieser, als in den "Spießerbetrieben" und mit dieser Haltung öffnete man neuen Ausbeutungsformen Tür und Tor. Später folgte man in der New Economy in genau diesen Fußstapfen, da duzte man auch seine Chefs, die hatten vielleicht sogar Tatoos, Zerrissene Jeans und Basecap und mit denen zusammen saß man dann bei cooler Mucke aus dem Ghettoblaster Tag und Nacht vorm Bildschirm und kannte (und kennt) weder Feierabend noch Wochenende (wenn es der Betrieb gerade erfordert). Soweit würde sich kein "Spießer" erniedrigen.

Kuddel

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Re: Ökosocken
« Antwort #3 am: 09:23:42 Mi. 27.März 2019 »
Zitat
Bio-Supermarkt
Auch Bio-Ausbeutung ist Ausbeutung

Es ist wichtig, dass ökologisch erzeugte Produkte in Massen hergestellt werden – aber nicht von Massenherstellern.


Eigentlich war es eine fürchterliche Zeit – zumindest aus kulinarischer Sicht. Ende der siebziger Jahre, vieles im Umbruch, die Errungenschaften der 68er-Revolten eroberten langsam ihren Platz in der Gesellschaft. Man demonstrierte für den Frieden und gegen die Atomkraft, die WG wurde zum etablierten Lebensmodell, ebenso die Ehe ohne Trauschein, die gleichgeschlechtliche Liebe und der Frauenabend in der Kneipe.

Männer lernten stricken, die Grünen und die „taz“ standen kurz vor der Gründung, und wir rochen nach Patschuli. Doch es gab Schlimmeres: die Anfänge der Bio-Bewegung.

Bio-Lebensmittel sind heute alltäglich


Man musste schwer politisiert oder stark verliebt sein, um deren Auswirkungen durchzustehen. Da in der Genetik des Menschen das Vergessen von Entsetzlichem programmiert ist, kann ich mich zum Glück nur an wenig erinnern. Etwa an diese vollkommen geschmacklosen Sojabrocken, die man tagelang einweichen musste, um beim Verzehr wenigstens das Gebiss zu schonen. Oder an den Wein. Eine saure Plörre, hergestellt von „echt netten“ Landkommunarden, die zwar etwas Ahnung von Marx und Adorno hatten, aber keine von der Winzerei. Sie brannten auch Brot und nannten verschimmelte Dickmilch „Käse“ – und wir stopften im Namen der guten Sache das alles stoisch in uns hinein.

Unser selbstloser Einsatz hat sich gelohnt. Bio-Lebensmittel sind heute schon längst kein Trend mehr, sondern Alltäglichkeit. Wenn uns das damals jemand gesagt hätte!

Doch wie so viele, droht auch diese Revolution ihre Väter zu verzehren. Stand doch in den Ursprüngen der Bewegung der politische Gedanke im Vordergrund, erst dann kam der ökologische. Das Ziel war die Stärkung der bäuerlichen Kleinerzeuger hierzulande und die Befreiung der unterjochten Landarbeiter in sogenannten „Drittweltländern“. Genau dies aber droht gerade in weite Ferne zu rücken. Die Discounter strotzen vor Biowaren, sogar der gestrenge „Demeter“-Verband hat unlängst Verträge mit den Billigkrämern geschlossen.

Discounter dirigieren die Preise

Das muss nicht schlecht sein. Doch umso wichtiger werden die Fragen: Was ist bio? Wer stellt die Produkte wo her, und welche Löhne zahlt er?

Discounter dirigieren seit jeher die Preise. Wer nicht zustimmt, wird aus dem Sortiment genommen, auch wenn er wegen der größeren Nachfrage gerade seinen Betrieb vergrößert hat – und nun pleite geht. Warum sollten sie dies nun plötzlich im Öko-Bereich nicht mehr tun? Auch eine Bio-Ausbeutung bleibt eine Ausbeutung.

Es ist richtig und wichtig, dass ökologisch erzeugte Produkte in Massen hergestellt werden – aber nicht von Massenherstellern. Gute Lebensmittel müssen für alle erschwinglich werden, aber nicht auf Kosten der Produzenten, sondern zu Lasten der Margen der Discounter.

Deswegen wird auch Regionalität immer bedeutender. Eine Verlagerung von Produktionsprozessen in Billiglohnländer ist seit Jahrzehnten ein probates Mittel der Konzerne, die eigenen Gewinne zu mehren. Also gilt auch hier: Warum sollten sie dies nun plötzlich im Öko-Bereich nicht mehr tun?

Doch mutet es nicht nationalistisch an, wenn möglich nur heimische Waren zu kaufen? Quatsch. Es ist schlicht vernünftig – und hilft im Übrigen auch den Billiglohnländern, den eigenen Markt zu stärken und nicht auf Großkonzerne angewiesen zu sein.

Michael Herl
https://www.fr.de/meinung/ausbeutung-bleibt-ausbeutung-11884149.html

Troll

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Re: Ökosocken
« Antwort #4 am: 10:05:52 Mi. 27.März 2019 »
Echt? Ich dachte den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben würde in der Gegenwart nach jahrelanger PR-Anwendung endlich funktionieren.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

Kuddel

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Re: Ökosocken
« Antwort #5 am: 10:42:13 Fr. 17.Mai 2019 »
Zitat
Biomärkte werben mit fair produzierten, ökologischen Lebensmitteln. Doch bei den Mitarbeitern trifft das nicht zu: Unterbezahlung, Überstunden und fehlende Betriebsräte sind ein Problem der Branche.
https://www.wunderweib.de/biomaerkte-mitarbeiter-klagen-wegen-unterbezahlung-und-ueberstunden-107576.html

Kuddel

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Re: Ökosocken
« Antwort #6 am: 11:36:48 Do. 22.August 2019 »
Natürlich bin ich für ökologische Landwirtschaft.
Alle Menschen haben ein Recht auf gesunde Lebensmittel.
Aber das Label "Öko" oder "Alternativ" sollte nicht von sonstiger gesellschaftlicher Verantwortung freisprechen.

Zitat
Am-Boden-Haltung

Betriebsräte? Tariflohn? Viele Biomärkte behandeln ihre MitarbeiterInnen wie Legehennen


Der angenehm frische Geruch, und diese Ruhe! Man hört nur das leise Surren der Klimaanlage. Vielleicht noch ein paar Hipster, die über die Zutaten für den Wochenendbrunch diskutieren. Es ist ein tolles Gefühl, im Biosupermarkt einkaufen zu gehen. Das Kilo Rinderfiletsteak kostet hier bei Alnatura 64,90 Euro: glückliche Rinder, gesunde Kundinnen, sauberes Klima, so was kauft man sich ja nicht jeden Tag. Hier geht es sicher allen gut. Und bei diesen Preisen wird man sich eine selbstbewusst organisierte Belegschaft wohl leisten können. Denkste.

„Tarifgebunden ist keiner in der Biobranche“...
https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/am-boden-haltung

Troll

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Re: Ökosocken
« Antwort #7 am: 15:23:58 Sa. 24.August 2019 »
Bahn, Flüge, AirBNB: Der Reisewahnsinn | Der Klugscheißer mit Martin Klempnow – heute-show
https://youtu.be/dXhmo8gjcrY
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
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