Krank > Gesund?

Aus der Krankheit eine Waffe machen

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admin:
Es sind Meldungen in den bürgerlichen Medien wie auch Postings bei chefduzen.de, die eine nähere Betrachtung des Zusammenhangs zwischen (psychischen) Krankheiten mit sozialen und politischen Verhältnissen provozieren:


--- Zitat ---Die Zahl der Krankenhauspatienten mit Depression ist in vier Jahren um 40 Prozent angestiegen - laut einer aktuellen Statistik der Gmünder Ersatzkasse. 12 Prozent der Patienten in einer Arztpraxis haben heute eine Depression, sagt Dr. P. Heußner von der Uni München-Großhadern. Ähnliche Entwicklungen lassen sich auch in vielen anderen Ländern nachweisen. Bis zum Jahr 2020 könnten Depressionen deshalb weltweit zur zweithäufigsten Krankheit werden.

Dramatisch nehmen Depressionen und andere psychischen Störungen bereits unter Kindern zu. Nach Angaben des Psychotherapeuten-Verbands BDP ist inzwischen jedes fünfte Kind in Deutschland psychisch auffällig - Depressionen, Angst, Aggressivität, Aufmerksamkeitsstörung. Ein Drittel dieser Kinder ist dringend behandlungsbedürftig ("Ärztezeitung", 18.4.07 und 3.4.07).
--- Ende Zitat ---

Es geht um mehr, als daß Menschen sich nicht die nötigen Medikamente leisten könne oder sich schlicht kaputtarbeiten. Es ist an der Zeit den Begriff der Gesundheit wieder zu hinterfragen, denn wer in einem zerstörerischen Sytem funktioniert gilt als "gesund", doch derjenige, dessen Körper und Seele sich dagegen aufbäumen, wird mit Psychopharmaka behandelt.

Es ist an der Zeit die Philosophie des Individualismus zu hinterfragen und die Kultur des Konkurenzkampfes ("alle gegen alle").

Diskussionen, die bereits vor mehr als 3 Jahrzehnten geführt wurden sind zu Unrecht weitgehend vergessen: Das Sozialistische Patientenkollektiv (SPK, seit 1973 auch als Patientenfront bekannt) wurde am 12. Februar 1970 in Heidelberg von 52 Psychiatrie-Patienten unter Leitung des Arztes Wolfgang Huber gegründet. Es verstand sich als Therapiegemeinschaft und wollte im Sinne der Anti-Psychiatrie „aus der Krankheit eine Waffe“ machen. Nach eigenen Angaben ist das Ziel eine klassenlose Gesellschaft, wobei als „Feind“ insbesondere die „Ärzteklasse“ angesehen wurde.

Die dahinter stehende Idee war, dass psychiatrische Erkrankungen durch die kapitalistische Gesellschaft verschuldet seien. Aufgabe der Psychiatrie sei, die Patienten wieder tauglich für die krankmachende Gesellschaft zu machen. Im Gegensatz dazu wollte das SPK die Krankheit gegen die krankmachende Gesellschaft richten.

In dem auf 500 Patienten gewachsenen Kollektiv machten Strafverfolger einen „inneren Kern“ aus, den sie als kriminelle Vereinigung betrachteten und gegen den teils Haftstrafen verhängt wurden.

Dieser Staat sah die Hinterfragung des Gesundheitsbegriffs als Hinterfragung des herrschenden Gesellschaftssystems und kriminalisierte die Protagonisten der Diskussion. An dieser Stelle sollten wir die Diskussion auch wieder ansetzen.

Brauchbare Informationen über das SPK gibts in einem Buch des Trikont Verlags: SPK - Aus der Krankheit eine Waffe machen (ISBN 3-920385-47-0.)

Und im Netz:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialistisches_Patientenkollektiv
http://mathphys.fsk.uni-heidelberg.de/ruprecht1.html
http://www.spkpfh.de/

Soweit mein Vorschlag zu einer neuen Diskussion.

Eivisskat:
Danke für den Tipp über das SPK, das kannte ich noch nicht.
Sie vertreten genau meine Ansichten als (teilweise) Betroffene.
Ich werde mich jetzt x einlesen.
Wäre schön, wenn's dazu ein Paar Beiträge gebe.
(Wo sind die Leute denn heute Abend, ist Fussball?) ;)

LG

Kuddel:
Das war gestern, daß beim Menschen nur die körperliche Kraft ausgesaugt wird. Es gibt einen Angriff auf alle menschlichen Resourcen.

Ranger zum Beispiel abeitet mit sektenähnlichen Methoden. Regelmäßige Meetings auf denen besonders produktive Mitarbeiter mit lärmendem Applaus hochgeputscht werden. Wer viele Verträge abgeschlossen hat darf eine Glocke läuten. Wer rekordverdächtig viele hat darf die große Glocke läuten...

Network Marketing und ähnliche betrügerischen Ausbeutungsmethoden gehören allmählich zum gesellschaftlichen Mainstream. Die Arbeitsämter zwingen Leute in Kurse, wo Menschen ihre letzten Kräfte zu Markte tragen sollen um sie im großen Konkurenzkampf einzusetzen. "Wo sind deine Fähigkeiten? Was kannst Du besser als andere?""Wie kannst Du Deine Fähigkeiten am Markt nutzen?" Dann werden die Leute in offene Messer gejagt. Eine hoffnungslose Selbstständigkeit, die mit Verschuldung und einem Burnout endet.

Menschen bei denen sich alles innerlich sträubt, wenn sie irgenwelchen Scheiß verkaufen sollen, die bei sinnlosen Dienstleistungen ein permanentes Lächeln tragen müssen, die bei der Arbeit keine Erfüllung finden oder finden wollen sind in meinen Augen keinesfalls krank.

Aber krank sind diejenigen, die den Scheiß mit Begeisterung fressen, die gerne Teil der zerstörerischen Maschinerie sind, die sich mit aller Kraft für ihren Job kaputtmachen und sich wundern, wenn es keinen Orden, nichtmal ein "Dankeschön" gibt, wenn sie sich zum Wrack geschuftet haben...

Kuddel:
Der Bundespräsident schlug vor, daß Belegschaften zunehmend (bei permanenten Lohnsenkungen) am Gewinn eines Betriebs beteiligt werden sollen. Der Konkurenzkampf und das Prinzip des Ellenbogens werden als höchstes Prinzip erhoben. Das ist schon längst gang und gäbe und die Gewerkschaften spielen mit.

Es war bisher immernoch möglich, daß auch irgendwelchen "Sozialfälle" in einem Betrieb mitgezogen wurden bzw. ihre Nische finden konnten. Jetzt wird immer weiter ausgesiebt, wer wirklich noch proftiabel ausgeschlachtet werden kann und wer nicht.

Und was passiert mit den Leuten, die ihre Aufgaben, ihre sozialen Bindungen im Betrieb und ihr Einkommen verloren haben weil sie durch das Raster gefallen sind? 1€ Job? Psychopharmaka vom Arzt? Klapse? Arbeitslager?

Wer oder was ist hier krank?

Ratrace:

--- Zitat ---Der Bundespräsident schlug vor, daß Belegschaften zunehmend (bei permanenten Lohnsenkungen) am Gewinn eines Betriebs beteiligt werden sollen.
--- Ende Zitat ---
Damit das unternehmerische Risiko nun auch auf den Arbeitnehmer abgewälzt werden kann und diese sich neben ihrem wackligen Arbeitsplatz auch noch um Cheffes Gewinne sorgen sollen? Och nööö...


--- Zitat ---Es war bisher immernoch möglich, daß auch irgendwelchen "Sozialfälle" in einem Betrieb mitgezogen wurden bzw. ihre Nische finden konnten. Jetzt wird immer weiter ausgesiebt, wer wirklich noch proftiabel ausgeschlachtet werden kann und wer nicht.
--- Ende Zitat ---
Die meisten Unternehmer haben sich von allen sozialen Verpflichtungen, die das Unternehmertum eigentlich mitbringt oder vielmehr mitbringen sollte, radikal verabschiedet.

Unser System macht krank, weil es kranke Ansichten zur Hegemonie erhebt. Ich halte es für krank, wenn man - wie einige glückliche Sklaven hier in diesem Forum - auch noch berauscht mittut und jubelt, wie dolle es doch sei. Krank ist es, in diesem System gesund zu bleiben. Ich rede nicht vom Funktionieren wie ein Zombie - das ist nicht gleichbedeutend mit "Gesundheit". Ob man psychisch gesund ist oder nicht, darf nicht die Verwertbarkeit des Menschen auf dem Arbeitsmarkt entscheiden. Es gibt in der Tat Psychologen, die die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit als Heilung mißverstehen. Vor solchen Quacksalbern kann man nur warnen. Unter den Amtsärzten gibt es meiner Erfahrung nach vermehrt solche Exemplare. Gerade diejenigen, die sich um psychische Probleme und ihre Attestierung kümmern sollen, untersuchen oft (bewußt?) falsch und stellen indifferente, schlampige und unzutreffende Diagnosen, alles eingebunden in ein demütigendes und menschenverachtendes Prozedere. Vermutlich gibt es bei Gesundschreibungen eine Extra-Prämie, ich weiß es nicht.

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