Autor Thema: Heimkinder....  (Gelesen 1042983 mal)

Martin Mitchell

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[ ACHTUNG ! - Sehr langer, aber sehr wichtiger Text ! ]

Fredi Saal, Vordenker der Selbsthilfebewegung und Interessenvertretung von Menschen mit Behinderungen

[ ERSTE TEIL ]

»»»[ 27. November 2008 ]

Fredi Saal

DAS DASEIN EINES JEDEN INDIVIDUELLEN MENSCHEN STELLT SICH ALS EINZIGARTIG DAR. WIE SOLLTE ES SICH IN REIN WISSENSCHAFTLICHEN  STATISTIKEN WIEDERFINDEN KÖNNEN?

Zur Frage einer Aufarbeitung von Lebensverläufen im Rahmen der Heimerziehung der Nachkriegszeit 1945 - 1972

 Aufgeschreckt durch heftige Reaktionen von ehemaligen jugendlichen Insassen zumeist christlicher Erziehungsheime, welche mit ihren Klagen über unhaltbare Zustände in den einstigen Häusern ihrer Kinderzeit imageschädigend in die Öffentlichkeit drangen und damit eine unangenehme Aufmerksamkeit zu erregen drohten, haben sich die in Frage gestellten Institutionen akademischer Unterstützung versichert. Damit ihr guter Ruf nicht allzu sehr leidet.

 Diese Methode ist sattsam bekannt: Geht es um unangenehme Nachfragen, zumal in der Sozialpolitik, Erziehung, Arbeitsvermittlung, Unterstützung mittelloser Bürger, Versorgung der Kranken, Bedingungen einer humanen Pflege von Hilfsbedürftigen, im Falle von nicht mehr überhörbaren Protesten wird (vielfach zum wiederholten Mal) ein Ausschuss zu einer streng wissenschaftlichen Klärung berufen. Erregte Gemüter werden damit vorerst einmal beruhigt. Danach wird man weiter sehen. Dann erscheinen geraume Zeit später mehr oder weniger abwiegelnde Ergebnisse und werden sodann oft rasch ohne großen Aufwand zu den Akten gelegt. Im günstigsten Fall erscheinen noch in den Tagesnachrichten Meldungen mit kommentierenden Texten die schnell wieder vergessen sind. Schwamm drüber!

 Nun also auf ein Neues. Es soll jetzt um die »Erforschung der Kirchlichen Heimerziehung in der frühen Bundesrepublik Deutschland (1945 - 1972)« unter Leitung von zwei bestellten Professoren gehen. Seit vielen Jahren schon melden sich ehemalige Zöglinge(!) kirchlicher Einrichtungen zu Wort, indem sie die Zustände von damals bitter beklagen. Bestimmt nicht zu Unrecht, wie jeder weiß oder zumindest wissen kann, der zu jener Zeit nur einigen Einblick hatte. Aber natürlich bestreiten dies die angegriffenen Anstalten und ihre Träger. Das ist ja auch keineswegs so unverständlich, wie es manchem vielleicht erscheinen mag. Denn welcher Mensch gibt schon gern, und dazu noch freiwillig, mit wirklich aufrichtigem Bedauern die nun einmal leider unterlaufenen eigenen Versäumnisse zu – besonders dann, wenn man, wie in der christlichen Erziehung, recht hohe ethische Ansprüche an sich selbst stellt?

 Da kann es leicht geschehen, dass bereits verhältnismäßig kleine Vorwürfe auf eine äußerst heftige Abwehr stoßen. Das deutet allerdings darauf hin, dass selbst dem Personal unwohl war bei manchen Erziehungsmaßnahmen. Etwa der berüchtigten Strafe »eine Glatze schneiden«. Regelmäßig wurde sie verhängt, wenn wieder einmal ein Bewohner der Station das Weite suchte, »Auskratzen« genannt. Dieses immer wieder praktizierte Weglaufen aus der geschlossenen Einrichtung – fast sämtliche Türen ohne Klinken – war eigentlich auch kein Wunder. Wie Sträflingen bekamen die Missetäter den Kopf völlig kahl geschoren. Das darf aber heute nicht mehr wahr sein. Noch Jahrzehnte später wird hierauf mit dem empörten Vorwurf einer puren Unwahrheit geantwortet, obwohl beide Parteien doch damals bei dem Geschehen vor versammelter Mannschaft nach dem siebentägigen Aufenthalt in der Einzelzelle auf der Knabenstation persönlich zugegen waren, oder doch bald danach das Ergebnis in persönlichen Augenschein nehmen konnten. Es mag ja sein, dass sich ihnen die Erinnerung tatsächlich verweigert und sie tatsächlich daran glauben müssen, der Bösartigkeit eines undankbaren Ehemaligen aufzusitzen. Übrigens wird  in der geplanten Untersuchung statt von »Glatze scheren« stark verharmlosend von »Haare schneiden« gesprochen. Dies ist nicht harmlos, sondern grob irreführend. Es klingt vollkommen harmlos nach: Haare pflegen, – und ist dies nicht ganz normal? Was soll schon dagegen sprechen? Da kann man doch deutlich sehen, welch Geistes Kinder die Ankläger sind.

 In der Psychologie spricht man bei dergleichen bekanntlich seit Sigmund Freud von Verdrängung. Doch wie bereits gesagt: Das ist an sich einigermaßen verständlich, aber ändert nichts an dem Unrecht gegenüber den Betroffenen, welche durch Herkunft wie durch erlittene Traumata im der Kindheit sowieso schon am kürzeren Hebel sitzen. Eigentlich wurde das recht deutlich am Fernsehfilm der ARD zu diesem Thema - in welchem nebenbei bemerkt der selbstgefällig wirkende Rechtsvertreter der betreffenden Erziehungshäuser eine recht fragwürdige Figur abgab. Er trat vor die Presse und kündigte eine Anzeige bei der Staatsanwaltschaft gegen die aufbegehrenden Ehemaligen an, wegen versuchter Täuschung und der Erschleichung von Mitteln aufgrund des Gesetzes der Entschädigung von Opfern erlittenen Unrechts. Dass er damit sogar durchkam und den Verurteilten unter Androhung eines Zwangsgeldes weitere Versuche in dieser Angelegenheit verboten wurden, macht die Sache keinesfalls besser. Der Eindruck von eiskalter Abservierung konnte auf diese Weise nicht ausgeräumt werden. Denn zu klar trat zu Tage  wie geschädigt die ehemaligen Heimkinder waren. Wo lediglich ein klein wenig Verständnis und Einfühlung gefragt gewesen wäre, fügten ihnen Maßnahmen mit den Mitteln der Strafjustiz nur weiteres Unrecht zu.

 Diesem eindeutig negativ besetzten Eindruck versucht man mit der in Aussicht gestellten Untersuchung gar nicht ungeschickt auszuweichen. Denn gegen ein rein wissenschaftliches Forschungsprojekt ist schließlich erst einmal überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Diese bewährte Methode steht in hohem Ansehen. Denn hinter ihr steht ja der gute Ruf von Lehrstuhlinhabern einer Universität. In ihr lassen sich in elegant geschnürten Paketen wissenschaftlicher Aufarbeitung individuelle Zurechnungen zum Verschwinden bringen. – Auf der Seite des Opfers nicht weniger als auf der des Verantwortlichen. Der eine, der konkrete Einzelne bleibt dabei mit seinem Trauma zumeist mutterseelenallein (an ihm bleibt vielmehr die ehrenrührige Unterstellung hängen, nichts als ein mieser und infamer Betrüger zu sein) während der andere – als ein Vertreter der caritativen Institutionen – sein reines Gewissen behält, jedenfalls in den Augen seiner gutbürgerlichen Mitwelt. Fragt dann ein Autor wie Peter Wensierski in seinem Buch „Schläge im Namen des Herrn - Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik“ konkreter nach, wird ihm zwar bereitwillig bescheinigt, sich bedeutende Verdienste durch seine Hinweise auf diese noch weit offenen Fragen erworben zu haben. Zugleich wird ihm aber ein problematisch mangelnder Umgang mit den Methoden einer wissenschaftlichen Aufbereitung angelastet. Ja, was denn nun? Soll sich etwa der sowieso schon Traumatisierte selbst wie einst der Baron Münchhausen gefälligst am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen – in diesem Fall aus dem Sumpf seines oft maßlos angewachsenen Haufens seelischen Elends? Wenn das nicht einer geradezu unerträglichen Verhöhnung gleichkommt, was bitte dann?! Muss daraus nicht beinah zwangsläufig ein Symptom entspringen, wie es neuerdings in der Psychiatrie unter dem Begriff »Verbitterungskomplex« beschrieben und als eigenständiges seelisches Krankheitsbild herausstellt wird?

 Vermutlich ist das überhaupt nicht beabsichtigt – faktisch jedoch wirkt es sich als eine Art Verhöhnung aus. Jedenfalls zeigt dies doch recht anschaulich den abgrundtiefen Graben, der zwischen den »Betreuten« und ihren »Betreuern« sowie deren akademischem Begleittross liegt. Welten trennen diese Menschengruppen voneinander. Hier jene, welche häufig genug als völlig verroht und heruntergekommen empfunden werden, eben typische Abkömmlinge einer mehr oder weniger ungebildeten Unterschicht – dort jene, die ihnen wenigstens einigen Anstand beibringen wollen. Die Erzieher und ihre wissenschaftlichen Begleiter, die in aller Regel aus besseren Gesellschaftsschichten stammen, gehen offenbar davon aus, dass man hier leider nicht so einfühlsam vorgehen kann, wie bei Kindern aus ihrem Umkreis. Hier bedarf es vielmehr einer harten Hand. Eine andere Sprache wird leider nicht verstanden. Nachsicht würden sie bloß missverstehen, weil leisere Töne einfach nicht ankommen.

 Interessanterweise kennt das vorgelegte Konzept der geplanten Untersuchung lediglich Fürsorgezöglinge und Waisen. Klingt das nicht ein wenig nach einer Unterteilung in Teufel und Engel? Wo bleiben denn alle anderen, wie z.B. die Behinderten mit unterschiedlichen Einschränkungen? In welche Kategorie dürfen sie sich denn einreihen? Und vor allem: Wie will der akademische Untersucher all jenen Klienten auch nur annähernd gerecht werden, deren Lebenswelten meilenweit von der seinen entfernt liegen? Darf er sich überhaupt ein Urteil über Lebensumstände erlauben, die er doch kaum kennen kann? – Ob er jemals einen einzigen Gedanken daran verwandt hat, wie er sich selber wohl fühlen würde, müsste er unter vergleichbaren Bedingen aufwachsen? Ist es zu gewagt, ihm zu unterstellen, dass es ihm auch beim besten Willen gar nicht möglich sein kann, sich da hineinzudenken?

 Schauen wir uns einmal an Hand des vorgegebenen Untersuchungsauftrags genauer an, wie denn eine solche wissenschaftliche Aufarbeitung aussehen soll, um der Diskussion »Zwischen Skandalisierung und pädagogischer Reformdebatte« gerecht zu werden. Kaum niedergeschrieben, meldet sich bei diesem Satz bereits die verwunderte Frage: Geht es nicht um die Klagen der ehemaligen Heimbewohner, eine über weite Strecken sehr ungerechte und lieblose Kindheit durchlaufen zu haben? Was interessiert diese vielfach verbitterten Zeitgenossen der pädagogische Impetus, der hinter ihren Schreckenserlebnissen steht?

 Sie [ die ehemaligen Heimbewohner ] erwarten zunächst einmal lediglich das eine: Dass man ihre Empfindungen ernst nimmt. Es mag gut sein, dass es sich auf der Seite des jeweiligen Betroffenen um bedauernswerte Missverständnisse handelt. Dann muss man versuchen, darüber zu reden, ihm nicht von vornherein pure Böswilligkeit zu unterstellen, sich nicht stur auf pädagogische Prinzipien zu berufen, ihm nicht womöglich den Kadi auf den Hals zu schicken. Andererseits darf man selbstverständlich eine dem entsprechende Souveränität von psychisch oft schwer Geschädigten nicht erwarten. Dazu sind sie zu beengt aufgewachsen, mussten um jedes kleine Stück an Lebensraum kämpfen, im Kreise anderer liebeshungriger Kinder um Zuwendung buhlen, was, das sei zugegeben, von den überlasteten Betreuern – zumeist frommen Schwestern – überhaupt nicht geleistet werden konnte.

 Das gilt es klar zu sehen und anzuerkennen, anstatt die enttäuschten Jungen und Mädchen nur als undankbare Geschöpfe hinzustellen. Von den unter solchen ungünstigen Umständen Heranwachsenden ebenso wie von den inzwischen erwachsen gewordenen lassen sich billiger Weise derartige Einsichten erst einmal nicht erwarten. Das sei mit allem Nachdruck wiederholt. Sie sind mit solchen Erwartungen rettungslos überfordert. Selbstverständlich – auch die andere Seite hat es nicht leicht. Es ist eben nicht einfach sich selbst das eigene Ungenügen einzugestehen. Wiederum: wenn selbst die Verantwortlichen  nicht imstande sind, selbstkritisch mit dem eigenen Verhalten umzugehen, würde das nicht zugleich bedeuten, dass sie mit ihrer Aufgabe überfordert sind? Sollten sie nicht als aufmerksame Begleiter freundlich zugewandt beobachten und wirklich nur bei drohender Gefahr möglichst behutsam korrigierend eingreifen? Immerhin treten doch die letztlich zuständigen Institutionen mit dem hohen Anspruch an, Fachleute mit diesen verantwortungsvollen Aufgaben zu beauftragen, welche weit über den Standard von Gefängnisaufsehern stehen. Es handelt sich ja zumeist um besonders empfindsame Heranwachsende, denen so gut wie jegliches Urvertrauen abhanden kam. Dieser Verlust ist auch kaum zu vermeiden, wenn ein Kind dem gewohnten häuslichen Rahmen plötzlich entrissen wird. Die geplante wissenschaftliche Aufarbeitung kann mit ihrer Formelsprache diese Tatsachen nur barmherzig zudecken, indem sie den belasteten Einzelnen ganz einfach verschwinden lässt.

 Ist es wirklich verwunderlich, dass es zu der beklagten »starken Polarisierung zwischen Befürwortern und Gegnern der Heimerziehung« kam, ja unweigerlich kommen musste? Nein, ganz gewiss nicht. Denn hier treten sich höchst elementare Gegensätze gegenüber. Die einen haben – jedenfalls in ihrem Selbstverständnis – eine Menge zu verlieren. Hegen sie doch den Anspruch, das einzig Richtige zu vertreten, während sich die anderen hiervon vergewaltigt fühlen. Die Empfindung von Heimat, wie sie ursprünglich mit dem Begriff Heim gemeint war, vermag erst gar nicht aufzukommen. Vielleicht war deshalb die Bezeichnung Anstalt um einiges aufrichtiger, weil sie gar nicht erst den Anspruch erhob, so etwas wie Heimat zu ersetzen. Diese Einrichtungen gingen ja ursprünglich auf kleine Einzelinitiativen zurück, die ergriffen wurden, um einer aktuellen Notsituation zu begegnen. Später wurden sie mehr und mehr fast zum Selbstzweck. Jedenfalls war von Fürsorgeerziehung damals wohl noch kaum die Rede. Denn es galt erst einmal im kleinen, dazu persönlichen Rahmen Bedingungen zu schaffen, in dem die wie auch immer Bedrohten aufgefangen werden konnten. Eigentlich stellt es eine Tragik dar, dass diese individuellen Impulse eines warmherzigen Anfangs regelmäßig ins zwangsläufig kühl rational planende Prinzip eines Großunternehmens der Barmherzigkeit – zu einer Anstalt, heute vielfach verschämt auch Stiftung genannt – also einer vermeintlich christlich geprägten Humanität auswachsen musste. Der Familiencharakter ging damit unrettbar verloren.

 Vermutlich war auch diese Entwicklung hin zu einem ausgeprägten Dienstleistungsbetrieb in Sachen sozialer Zuständigkeit für die Betreuung und die Erziehung von schwierigen Außenseitergruppen der Gesellschaft wie Kranke, Behinderte, Verhaltensauffällige, kurz gesagt, arbeitsunfähige sowie störende Zeitgenossen damals wohl auch kaum aufzuhalten. Nur, mit dieser profanen Zuschreibung mochten sich die betreffenden Einrichtungen nicht abfinden. Sie pochten auf ihr christliches Ethos und durften dann nicht – vor allem sich selbst gegenüber – zugeben, wenn sie an den eigenen Idealen scheiterten. Gänzlich unreflektiert waren und sind sie immer noch dergestalt ihren Verdrängungen ausgeliefert, nicht einmal dazu fähig, selbstkritisch oder wenigstens ein wenig erschrocken danach zu fragen, wie es zu solchen bitteren Anschuldigungen kommen kann. Gerade auch dann, wenn man glaubte, mit den besten Absichten gehandelt zu haben. So aber entsteht der fatale Eindruck, als sollte es heißen: »Aber nein, wir machen keine Fehler«. Was nicht sein darf, kann einfach nicht sein. Folglich kann es einzig an dem schlechten Charakter der (ehemaligen) Zöglinge liegen. Beweis: Ansonsten wären sie ja kaum in einer Einrichtung der Fürsorgeerziehung gelandet. Unterschicht bleibt eben Unterschicht. Punktum!

 Wie bekannt, regte sich dagegen sich ein unerwartet starker Widerstand, der sich jetzt nicht mehr einfach ignorieren lässt. Deshalb der kluge Einfall, sich akademische Unterstützung ins Haus zu holen. Kaum zu Unrecht dürfte man darauf hoffen, Beistand von Gleichgesinnten zu erfahren. Es ist schwer zu übersehen, dass es sich um Schwestern und Brüder im Geiste handelt. Denn das verantwortliche Personal der Heime entstammt, nicht anders als die universitären Forscher zumeist aus »besseren« Kreisen. Sie besitzen also ein gemeinsames Interesse, Licht ins Dunkel dieser für sie unangenehmen Angelegenheit zu bringen. Gewiss, das kann man ihnen schlecht zum Vorwurf machen. Ihre Namen spielen darum – zumindest in diesem Zusammenhang – eine ziemlich untergeordnete Rolle. Ganz im Gegenteil. In diesem Falle geht es weit mehr um ein äußerst verhängnisvolles Prinzip - treffen hier doch Zeitgenossen aus Ebenen der Gesellschaft aufeinander, die sich gemeinhin recht fremd gegenüber stehen. Sie werden sich im Alltag auch kaum jemals freiwillig von Mensch zu Mensch begegnen. Und wenn doch, dann ziemlich einseitig, nämlich aus der Sicht eines Richtung weisenden, sich überlegen gebenden, auf seine eigenen Prinzipien und seine eigene Moral pochenden (Bildungs-)Bürgertums. Seine Vertreter haben jedoch selten etwas mit den Erfahrungen der »Nicht gebildeten« gemein.

 Deshalb noch einmal die zentrale Frage: Wie will man diesem entscheidenden Faktor auch nur annäherungsweise gerecht werden? Akademiker, die meistens einer gehobenen sozialen Klasse – einer Elite – entstammen oder sich ihr zumindest weitgehend zugehörig fühlen, müssten – jedenfalls ihren eigenen wissenschaftlichen Ansprüchen entsprechend – mit ihren Urteilen selbstkritisch diesen Angehörigen der anderen Bevölkerungsgruppe, die ihnen im Grunde recht fremd sind, erst einmal vorsichtig nähern, sie verstehen lernen. Dann erst könnten sie sich ernsthaft mit ihnen auseinander setzen. Aber im Gegenteil – so jedenfalls sieht es aus – ergreifen sie einseitig Partei für diejenigen, welche die Werte und Grundsätze ihrer eigenen Schicht, des bürgerlichen Mittelstandes, vertreten. Sicher, es wird gar nicht abgestritten, dass es »Skandale um die Fürsorgeerziehung« gab, sich auch »autoritär-disziplinierende Heimerziehung nachweisen« lässt. Direkt anschließend aber heißt es anklagend und abqualifizierend: »die mediale Berichterstattung, die Milieugebundenheit der jeweiligen Berichte . . .« und dann: »Während vor allem Berichte aus dem Spektrum der politischen Linken die Heimerziehung und bestimmte Erziehungsmethoden prinzipiell scharf kritisierten, wurden in der bürgerlichen und auch in der konfessionellen Presse die Formen der Heimerziehung grundlegend verteidigt.« Kunststück! Nach allem, was wir zuvor schon feststellten, birgt die Aussage über die konservative Haltung wohl kaum eine große Überraschung. Sie zeigt indessen, wo die Präferenzen der akademischen Forscher liegen. Zwar können sie nicht die Misstände bei der Durchsetzung »einer auf die strikte Einhaltung moralischer Normen setzende Erziehung« in Abrede stellen. Doch weisen sie höchst relativierend auf die Zeitumstände hin, in denen beispielsweise die Prügelstrafe noch als normales Erziehungsmittel galt – auch als sie eigentlich bereits verboten war. Dies mag so sein – oder nicht. An dem zentralen Problem geht es aber glatt vorbei. Das erlittene Unrecht, mit dem zahlreiche junge Seelen für ein ganzes Leben unrettbar verstört wurden, wird ohne jeden Kommentar hingenommen. Danach kräht kein Hahn.«««

[ wird fortgesetzt ! ]
Not only must justice be done; it must also be seen to be done.
Recht muss nicht nur gesprochen werden, es muss auch wahrnehmbar sein, dass Recht gesprochen wird.
IN DER BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND GESCHIEHT VIELFACH BEIDES NICHT.

Martin Mitchell

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Publizist FREDI SAALs Stellungnahme zur Aufarbeitung der „HEIMKINDERPROBLEMATIK“

[ ACHTUNG ! - Sehr langer, aber sehr wichtiger Text ! ]

Fredi Saal, Vordenker der Selbsthilfebewegung und Interessenvertretung von Menschen mit Behinderungen

[ ZWEITE TEIL ]

»»» Es stimmt ja, keine ernsthafte seelische Verletzung lässt sich so rasch beheben. Es bleibt allein die Hoffnung, dass die Zeit vielleicht über Jahre hinweg die schlimmsten Wunden allmählich heilt. Dies jedoch ist nur möglich, wenn man die Betroffenen nicht im eigenen Schlammassel stecken lässt und sie noch zusätzlich böswilliger Unwahrheit bezichtigt. Denn jeder, der Verantwortung für anvertraute Kinder und Jugendliche trägt, weiß – oder sollte es zumindest wissen – dass sich mit großer Wahrscheinlichkeit wenigstens ein wahrer Kern hinter den Äußerungen der Klagenden verbirgt. Das braucht nicht mit der konkreten Situation zusammenzuhängen. Reale Anlässe für das seelische Leiden lassen sich trotzdem oft nur schwer übersehen. Dem gilt es geduldig nachzugehen. Gerade dann, wenn sich die Verantwortlichen mit gutem Gewissen keiner Schuld bewusst sind.

 Immerhin, einiges ist bereits gewonnen, wenn eventuelle Misstände in den verschiedenen Einrichtungen von den akademischen Untersuchern nicht gänzlich ausgeschlossen werden, und wenn sogar freimütig als ein Verdienst des kritischen Berichtes von Peter Wensierski hervorgehoben wird: »Die entscheidende Bedeutung dieses Buches besteht darin, dass es sich der Aufarbeitung der Traumata vieler Opfer stellt und damit das bisherige Desinteresse der privaten Wohlfahrtsverbände und Landesjugendämter wie auch der historischen Forschung in Frage stellt.« Aber das hilft nichts, wenn zugleich geringschätzig von »einer Grenze der Veröffentlichung von Wensierski« gesprochen wird, »dem es dezidiert nicht um eine historisch abwägende und sorgfältige Studie geht.« Noch einmal: Dies ist überhaupt nicht seine Aufgabe. Denn er will mit Recht dem jeweiligen Einzelschicksal nachspüren, um das es sich allein handeln kann. Behäbig abwiegelnde Argumente zu Gunsten der Einrichtungen gibt es schließlich mehr als genug. Sie rufen laut anklagend »Skandal«, indem sie darauf hinweisen: »Problematisch sind eine Anzahl von Pauschalisierungen, die in einem Schwarz-Weiß-Bild die damalige Situation zu erfassen versuchen und an vielen Stellen aufgrund der faktischen Pauschalkritik in der Gefahr stehen, nahezu alle in der öffentlichen Erziehung Mitwirkenden jener Zeit mit z. T. gravierenden Verdächtigungen zu konfrontieren.«

 Die Einrichtungen – vor allem ihre Träger – wären damit fein heraus. Sie brauchen sich nicht verantwortlich zu fühlen, für all das, was in ihren Mauern und auf ihren Verbandsebenen geschah – und wahrscheinlich immer noch geschieht. Mit dem gleichen Recht müsste man – und so passierte es denn auch vielfach – sämtliche Klagen gegen das Unrecht des Nationalsozialmus unterbinden, da dies ungerechter Weise die Falschen treffen könnte. Wenn man nur wollte, wäre das kein großes Problem. Man müsste nur realistisch den menschlichen Faktor in Rechnung stellen. Dass sich kaum jemand gern und dazu noch freiwillig zu seinen Versäumnissen bekennt, wissen wir ja. Nur wenige vermögen eben die menschliche Größe aufzubringen, ihren schuldhaften Verstrickungen mutig und selbstkritisch ins Auge zu blicken und – soweit möglich – zur Linderung ihrer Folgen für den jeweils konkret Betroffenen beizutragen. Das heißt aber, nicht nur die ehemaligen Zöglinge können einer groben Fehleinschätzung zu unterliegen. Auch ihre Betreuer sind nicht davor geschützt. Sie haben ihre eigenen Interessen, unbequeme Wahrheiten zu unterdrücken – und dabei sitzen sie sogar noch am längeren Hebel. Denn wer glaubt schon einem Fürsorgezögling, obwohl gerade er nicht wenig Anlass hat, sich missachtet zu fühlen? Müsste dies nicht erst einmal auf die Waagschale einer einigermaßen gerechten Beurteilung gelegt werden? Und wäre es für die Institutionen nicht an der Zeit, eventuellen Opfern nach so langen Jahrzehnten wenigstens erst einmal pauschal, gewissermaßen »auf Verdacht«, ihr Bedauern zum Ausdruck zu bringen? – Den Traumatisierten, deren lebenslanges Leiden unter den Verletzungen selbst die bereitwilligsten Fahnenträger der Institutionen und die Vertreter eines recht hohen pädagogischen Ethos eingestandenermaßen nicht mehr ausschließen können – Das würde die Situation enorm beruhigen, wenn sie die sowieso schon verstörten Ehemaligen vom Verdacht befreiten, nichts anderes als bösartige Verleumder zu sein.   

 Forderungen der Institutionen und deren universitären Sekundanten, wie zum Beispiel der Satz: »Gegenüber diesen stark verallgemeinernden Thesen ist aus historischer Sicht eine deutlich differenziertere Betrachtungsweise einzufordern . . . « wollen das – wie es scheint – erst gar nicht dazu kommen lassen. Sie beabsichtigen vielmehr alles unter einen wissenschaftlichen Teppich zu kehren. Steht dahinter nicht etwas vergleichbares wie die unausgesprochene Begründung: Was damals geltendes Recht war, kann heute doch nicht auf einmal als Unrecht bezeichnet werden? Das Fazit also mit anderen Worten: Pech für die Betroffenen. Wir können doch unsere gut gemeinten Grundsätze nicht einfach in Frage stellen lassen! Deshalb: »ist eine fehlende sprachliche Präzision und mangelnde Differenzierung der in der Öffentlichkeit im Anschluss an Wensierski diskutierten Thesen kritisch anzufragen.« Aber wie denn: Beschreibt unser Autor nicht ganz konkrete Fakten, sind es nicht gerade die Forscher, die sie zu bloßen Thesen umwandeln, um sie als solche im Nebelösen der Statistik verschwinden zu lassen?

 Es ist wohl wahr: Mögliche Misstände werden überhaupt nicht geleugnet, doch der jeweils konkrete Einzelfall geht einfach unter, etwa nach dem Prinzip: »Nichts Genaues weiß man nicht.« Mag der Einzelne sehen, wo er mit seinen psychischen Verletzungen bleibt. Hauptsache unsere Weste im Ganzen bleibt in der öffentlichen Meinung weiß. Im Zusammenhang mit der geplanten Untersuchung klingt dies folgendermaßen: »Wenn behauptet wird, dass Jugendlichen in der Heimerziehung „Unrecht” geschah, bleibt unklar, ob damit in erster Linie ein moralisches Fehlverhalten der Träger der Einrichtungen bzw. der Verantwortlichen in den Einrichtungen gemeint ist oder ob es sich um Gesetzesübertretungen handelte.« Als ob es dem Betroffenen, im Gegensatz zu den Verantwortlichen, nicht völlig egal sein kann, wem er seine erbarmungswürdige Lage letztlich verdankt. Für den Verantwortlichen wäre lediglich ein nachgewiesener Gesetzesbruch relevant. Alles andere bleibt von den damaligen Zuständen gedeckt, übrigens selbst dann noch wenn schon längst »einzelne Bestrafungsmethoden (. .) als pädagogisch höchst fragwürdig angesehen wurden, allerdings als rechtlich zulässig akzeptiert wurden«. Es handelte sich eben um ein Gewohnheitsrecht. Wie gut für die Strafenden – doch wo bleiben die mit diesen Strafen Gedemütigten? Wiederum: Leider einfach Pech gehabt? Darauf scheinen die akademischen Forscher keinen einzigen Gedanken verschwenden zu wollen. Hauptsache das System christlicher Erziehung leidet dabei möglichst wenig Schaden.

 Christliches Ethos sollte eigentlich anders klingen. Darum: So leicht darf man es sich nicht machen. Es ist zwar verständlich, dass man das Werk der christlichen Barmherzigkeit und die in ihr Tätigen nicht gerne in Frage stellen lassen möchte. Doch der Einzelne darf dabei nicht wie ein beliebiger Gegenstand erzieherischer Bemühungen in Leid und Tränen unverstanden untergehen. Gerade den so arg Angeschlagenen sollte ein gewisses Recht auf Verständnis und liebevolle Unterstützung zukommen. Strafe ist dabei viel zu einfach – und zu billig. Immerhin geht es um konkrete Menschen – nicht um irgendwelche Prinzipien.«««


Und dieses zusätzliche Buchangebot ist einzig und allein meine Idee – "Ehemaliges Heimkind", Martin Mitchell’s Idee – damit die, die Fredi Saal, nicht kennen, sich auch daraust über ihn informieren können.


QUELLE: Buchangebot @ http://www.paranus.de/edition_hoddis/edition_hoddis_seiten/warum_sollte.html

Fredi Saal

»Warum sollte ich jemand anderes sein wollen? - Erfahrungen eines Behinderten«

ISBN 3-926200-85-5

240 Seiten

14,80 Euro (30,00 sFr)

Neuausgabe 2002


QUELLE: Buchrezension @ http://www.sibylle-prins.de/rezensionen/saal.html

Fredi Saal:

»Warum sollte ich jemand anderes sein wollen? - Erfahrungen eines Behinderten«

Buchtipp von Sibylle Prins

Dieses Buch hat mich umgehauen. So stark ist es. Aber Vorsicht: es handelt sich nicht um "leichte Kost"! Der Autor, Fredi Saal, wird mit einer schweren Körperbehinderung geboren. Fälschlicherweise als geistig behindert eingestuft, landet er - gegen den Willen seiner Mutter - in einem sehr restriktiven und autoritären Heim für geistig behinderte Kinder. Einige der Pflegerinnen "entdecken", dass der Junge doch wohl "bildungsfähig" sei, und so erhält er wenigstens eine ansatzweise Beschulung, die aber, wie sich später herausstellt, für einen Menschen mit seinen Fähigkeiten und Interessen völlig unzureichend ist. Es gelingt ihm, über einige mühsame und mutige Umwege das Anstaltsleben hinter sich zu lassen, ein eigenständiges Leben aufzubauen, die ihm zustehende Bildung autodidaktisch nachzuholen, zeitweise berufstätig zu sein. Parallel gründet er eine Gruppe für junge Menschen mit und ohne Behinderungen, wird nach und nach zum Vordenker der Selbsthilfebewegung und Interessenvertretung von Menschen mit Behinderungen. Darüber hinaus ein bedeutender Schriftsteller. Ein wichtiger Lebenstraum geht noch in Erfüllung: er findet eine ebenbürtige Partnerin. Die Erzählung seines Lebenslaufes wird ergänzt durch vielfältige Reflexionen rund um das Thema "Leben in unserer Welt als Mensch mit einer Behinderung". [ .......... ]


QUELLE: Deutschlandfunk @ http://www.dradio.de/dlf/sendungen/langenacht_alt/991022.html

Literatur:

Fredi Saal

»Warum sollte ich jemand anderes sein wollen? - Erfahrungen eines Behinderten«

biographischer Essay Verlag Jakob van Hoddis, 1992

Heute kennt ihn fast jeder - Fredi Saal, den schwer Körperbehinderten, der uns hier seine Lebensgeschichte schenkt: Jahrgang 1935, als Kind in eine Anstalt für geistig Behinderte gesteckt, als nicht bildungsfähig eingestuft, der heute für die schwierigsten ethischen Fragen die richtigen Worte findet. Die Lektüre seiner Geschichte ist atemberaubend - zugleich ein Sittengemälde der Jahrzehnte der Nachkriegszeit der Bundesrepublik-, wie er unter unendlichen Mühen zwischen ebensoviel behinderten wie hilfreichen Menschen seinen Weg zu sich selbst und seinen Standort in dieser Gesellschaft findet.

Fredi Saal

»Leben kann man nur selber«

Texte 1960-1994

Verlag Selbstbestimmtes Leben 1994
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Kater

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"Wenn du nicht spurst, kommst du ins Heim!"
« Antwort #77 am: 19:01:37 Do. 22.Januar 2009 »
Zitat
"Wenn du nicht spurst, kommst du ins Heim!"
Späte Hilfe für westdeutsche Heimkinder
Von Detlef Grumbach

2004 gründet sich der "Verein ehemaliger Heimkinder" in Deutschland und wendet sich an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags. Seit 2006 befasst dieser sich mit dem Heimkinder-Problem, hört Beteiligte an und beschließt im November letzten Jahres einmütig: Ein Runder Tisch unter Leitung Antje Vollmers soll Licht ins Dunkel der deutschen Heimerziehung bringen.

"Als ich in das Heim eingeliefert wurde, sagte der Direktor wortwörtlich zu mir, Schulunterricht gibt es hier nicht, wir brauchen hier flinke und tüchtige Arbeitskräfte und keine schlauen Gelehrten. Mir wurde die Schulbildung verweigert, ebenso auch die berufliche Ausbildung. Wir mussten in dem Heim arbeiten bis zu zwölf Stunden am Tag unter unmöglichen, fast unmenschlichen Bedingungen."

Dietmar Krone ist Mitte 50. Schon als Zwölfjähriger musste er für die Schulden seiner Mutter arbeiten, bis er vor Erschöpfung zusammenbrach. Als die Mutter sich eher für andere Männer als ihr Kind interessierte, brachte sie ihn ins Fürsorgeheim. Der Vorwand: sittliche Verwahrlosung. Von 1968 bis 1973 war er im Erziehungsheim in Viersen-Süchteln.

"Im Heim wurde man wirklich wie der letzte Mensch dargestellt, wie ein Schwerverbrecher. Ich bekam auch keine Post. Und wenn ich dann nach Post fragte -: Ja, wer soll dir schreiben? Die sind doch alle froh, dass du weg bist. Ich bekam also zum Geburtstag, zu Weihnachten, zu Ostern keine Post. Das hat oft sehr wehgetan. Und als ich entlassen wurde, bekam ich einen großen Umschlag, da waren über 50 Briefe drin, die an mich adressiert waren, die hat man mir alle unterschlagen."

Entlassen wurde Krone ohne Schulzeugnis, ohne Berufsausbildung, als gebrochener Mann - in jeder Hinsicht: Sein Arm und seine Schulter waren ihm von einem Erzieher zusammengetreten worden, Sehnen und Muskeln abgerissen. Statt zum Arzt kam er in die Einzelzelle. Die Folgen der irreparablen Schäden: Schwerbeschädigung und Berufsunfähigkeit mit 45, keine 300 Euro Erwerbsunfähigkeitsrente, Hartz 4.

Dietmar Krone ist kein Einzelfall. Experten schätzen, dass es mindestens 15.000, rechnet man die Zahl der Heimplätze und die durchschnittliche Verweildauer in den Heimen hoch, sogar bis zu 500.000 Betroffene geben kann. Die Dunkelziffer ist groß, weil zahlreiche ehemalige Zöglinge verstorben sind, sich nicht melden, die aktuelle Diskussion nicht verfolgen können, weil sie nicht mehr am öffentlichen Leben teilnehmen.

2002 rückt der britische Kinofilm "Die unbarmherzigen Schwestern" die Situation irischer Heimkinder in den Blickpunkt des internationalen Interesses. Schnell wird deutlich, dass der Film kein allein irisches Problem darstellt. Zwei Jahre später gründet sich der "Verein ehemaliger Heimkinder" in Deutschland, organisiert Betroffene, wendet sich an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestags. Seit 2006 befasst dieser sich mit dem Problem, hört Beteiligte an und beschließt im November letzten Jahres einmütig: Ein Runder Tisch unter Leitung Antje Vollmers soll Licht ins Dunkel der deutschen Heimerziehung bringen.

"Es war ein breit angelegtes System von dieser schwarzen, sehr disziplin- und ordnungsorientierten Pädagogik. Warum die Einzelnen dabei mitgemacht haben, ob das von oben so angeordnet war, ob es dem eigenen autoritären Charakter entsprach, ob es einem System von Überforderung entsprach, ob man es mit besonders schwierigen Jugendlichen zu tun hatten, das genau ist eine der Aufgaben, die wir untersuchen müssen."

So die ehemalige Vizepräsidentin des Deutschen Bundestags. Sie soll die Beteiligten zusammenbringen und den Runden Tisch moderieren.

"Aber es handelt sich um ein besonderes Unrecht, und eine der Aufgaben wird sein, dieses besondere Unrecht von den allgemeinen Vorstellungen der Zeit zu unterscheiden. Das kann man nicht rein rechtlich machen. Sonst wäre es ein Tribunal oder eine Eingabe beim Bundesverfassungsgericht. Also müssen wir mit dem Gespräch anfangen, mit dem Zuhören, mit dem Aufnehmen, mit dem Urteilen."

Die gesetzliche Grundlage der Fürsorgeerziehung stammt aus dem Kaiserreich, wurde 1922 im Reichsjugendwohlfahrtsgesetz zusammengefasst und hat alle Reformdebatten der Weimarer Republik überdauert. Fürsorgeerziehung wurde auf Anordnung des Gerichts verhängt. Mögliche Gründe:

Schuleschwänzen, bei der Arbeit fehlen, Gewalttätigkeit. Als Gewalt galten oft schon freche Widerworte gegen Eltern oder Lehrer.

Nach 1945 wurde die "Fürsorgeerziehung" um die so genannte "Freiwillige Erziehungshilfe" ergänzt.

Wenn eine 16-Jährige laut Rock'n'Roll-Musik hörte, abends erst um zehn nach Hause kam, womöglich von einem Jungen mit dem Moped gebracht wurde, schalteten manche Nachbarn das Jugendamt ein. Die Lösung des Problems: das Heim. Die Eltern mussten nur unterschreiben. Wenn Ehen in die Brüche gingen, Vater oder Mutter starben und Großeltern überfordert waren, wenn Kinder ihren Eltern im Wege standen, das Geld nicht reichte oder banale Konflikte über zu lange Haare, zu enge Röcke eskalierten, kamen die Kinder ins Heim.

"Zum Beispiel dieser Aufnahmebericht, wie mich meine Mutter abgegeben hat. "

Dietmar Krone blättert in seiner Akte. Als der Zwölfjährige für seine Mutter arbeiten musste und auf der Straße zusammengebrochen war, hat das Jugendamt sich nicht um ihn gekümmert. Als die Mutter ihn loswerden wollte, fragte das Amt nicht nach und machte es ihr leicht.

"Mutter war nicht beim Aufnahmearzt, da sie sehr eilig war. Oder hier habe ich ein Schreiben, das ist vom 14. Juli 1969: Einverständniserklärung: Hiermit erkläre ich mich einverstanden, dass mein Sohn in eine geschlossene psychiatrische Klinik kommt. Nur weg damit, ja."

Das Jugendamt hat seine Entwicklung nicht begleitet, sein Vormund hat sich nicht um ihn gekümmert.

"Auch diese hausinternen Vermerke über meine Person: Schuhe nicht richtig geputzt: ein Tag Dunkelhaft. Die Haare nicht gekämmt: zwei Ohrfeigen. Gegen den Erzieher frech geworden: den Flur bohnern. Oder einen 27 Meter langen Flur in gebückter Haltung mit einer Zahnbürste putzen."

Viele ehemalige Zöglinge leiden noch heute unter den Folgen, fanden ohne Ausbildung nur schwer ins Berufsleben, sind traumatisiert. Dietmar Krone machen geschlossene Zimmertüren noch heute Angst, er kann nicht in einem dunklen Zimmer schlafen. Viele Betroffene haben nie über die Jahre im Heim sprechen können. Jetzt fordert der Verein ehemaliger Heimkinder deren Recht, therapeutische Behandlung, Wiedergutmachung - oder wenigstens eine Entschuldigung.

Die Bereitschaft dazu ist nicht bei allen Verantwortlichen in gleichem Maße vorhanden. Viele verweisen ganz allgemein auf den Zeitgeist, damals herrschten eben andere Erziehungsmethoden. Der Caritasverband unterstützt das Anliegen zwar allgemein, spricht aber ausdrücklich von "Verfehlungen Einzelner", weist die geschätze Zahl von 15.000 bis zu 500.000 Opfern entschieden zurück.

Der Landschaftsverband Rheinland, in dessen Obhut Dietmar Krone seine Heimzeit verbracht hat, hat eine Studie in Auftrag gegeben und eine Hotline frei geschaltet. Die niedersächsische Landesbischöfin Margot Käßmann hat Hans Bauer beauftragt, "Gewalt und Unrecht" aufzuarbeiten. Der Ruheständler, der selbst - allerdings erst Ende der siebziger Jahre - in der Heimerziehung tätig und später Geschäftsführer des Evangelischen Erziehungsverbandes war, recherchiert in Archiven, fördert Akten zu Tage und spricht mit vielen Betroffenen, die oft zum ersten Mal über ihre Erfahrungen reden.

Wie kann es sein, fragt Bauer nach über 40 Gesprächen,

"dass ein Kind aus überhaupt nicht nachvollziehbaren Gründen von heute auf morgen, ohne Vorbereitung still und heimlich, oder oft auch noch im Dunkeln, aus dem Haus herausgeholt wird und in ein Heim gebracht wird, dass wirklich nichts angestellt hat, das einfach nur unbequem war. Dann wird auf die Frage der Vierzehnjährigen, ob sie nicht weiter zur Schule gehen könnte, die Antwort gegeben, was wollt ihr denn hier weiter zur Schule gehen, ihr geht doch später sowieso alle auf den Strich."

Der zentrale Begriff des Jugendwohlfahrtsgesetz, so der emeritierte Berliner Erziehungswissenschaftler Manfred Kappeler, ist die "Verwahrlosung" - die drohende oder die schon eingetretene. Was das im Einzelfall bedeutete, entschieden die Fürsorge, Jugendämter, Richter.

"Damit war dieser Verwahrlosungsbegriff der entscheidende Hebel, alle Kinder und Jugendliche, die nicht den gesellschaftlichen Erwartungen entsprachen, buchstäblich aus der bürgerlichen Öffentlichkeit auszuschließen. Das war im Wesentlichen auch die Aufgabe dieser Einrichtungen. Und sie sollten auch nach außen hin, gegenüber allen anderen, als warnendes Beispiel, als abschreckendes Beispiel im Sinne der Generalprävention wirken. Und dieser Spruch: Wenn du nicht spurst, dann kommst du ins Heim, der war für die proletarischen Jugendlichen bis in die siebziger Jahre eine Alltagsgeschichte."

Das Erziehungskonzept, mit dem der Verwahrlosung entgegengetreten wurde, hat verschiedene Wurzeln. Mit der Erbsünde und der Vertreibung aus dem Paradies, so ein Gedanke, der auch in der Klostererziehung lange Zeit gültig war, hat das Böse Einzug in die Welt gehalten - das Böse steckt in jedem Kind, von vornherein. Und es muss bekämpft werden - in jedem Kind. Dieser Gedanke christlicher Tradition verband sich Anfang des Jahrhunderts mit Vorstellungen der Eugenik:

95 Prozent der Fürsorgezöglinge kamen aus armen Verhältnissen. Wenn armselige Verhältnisse schon Großeltern und Eltern an den Rand der Gesellschaft gedrängt hatten, wenn Kinder in diesen Verhältnissen auffällig wurden, wurden die Ursachen nicht in diesen Verhältnissen gesucht, sondern in der Erbmasse. Die Großeltern waren schon so, die Eltern, Punkt Punkt Punkt.

"Fast alle Einrichtungen waren kirchliche Einrichtungen und die wurden immer von Pastoren geleitet - grundsätzlich - und die haben gesagt, diese Kinder und Jugendlichen müssen mit strenger Barmherzigkeit, das ist ein Ausdruck Martin Luthers, erzogen werden. Und diese strenge Barmherzigkeit bedeutete eben absoluter Gehorsam, Ablehnung aller subjektiver Bedürfnisse der Kinder und Jugendlichen, starker Arbeitszwang, durchgeregelter Tagesablauf, eingeschlossen werden, und das Ganze so lange, wie das bürgerliche Recht es zuließ, nämlich bis zum 21. Lebensjahr."

Seit den 20er Jahren wird dieses System im Sinne einer menschlichen Erziehung kritisiert, steht es in der öffentlichen Diskussion. Schläge galten in den 50er Jahren zwar durchaus noch als positive Maßnahmen in der Erziehung, standen aber auch damals in der Kritik. "Grausame", so wörtlich, "ungewöhnliche und erniedrigende Strafen" widersprechen den Menschenrechten.

"Schläge im Namen des Herrn" nannte der Spiegel-Journalist Peter Wensierski sein Buch, das 2006 erschienen ist und das System von Menschenrechtsverletzungen - auch damals schon! - an Hand vieler Beispiele dokumentiert. Hans Bauer, der die Zustände im Auftrag der niedersächsischen Diakonie recherchiert, stimmt Wensierskis Beschreibung der Zustände zu. Die baulichen Verhältnisse seien oft katastrophal gewesen, es habe wenige, oft nicht ausgebildete Mitarbeiter gegeben - und wer ausgebildet war, habe sein pädagogisches Einmaleins in der Nazi-Zeit gelernt. Aber Schläge im Namen des Herrn?

"Also diese Wurzel gibt es sicherlich, dass wirklich das Böse aus dem Kind herausgeschlagen werden soll, der Willen gebrochen werden soll. Und ich denke schon, dass dieses Gedankengut ja auch bei den älteren Mitarbeitern in den 50er und 60er Jahren da war, obwohl es allerdings keine Anweisungen in dem Sinn gab, so zu handeln. Aber die Prinzipien waren einfach Ordnung, Sauberkeit, Disziplin. Denn nur so konnte der Heimalltag bewältigt werden."

Dennoch ergriffen junge Erzieherinnen und Erzieher manchmal auch Partei für jene, die ihnen anvertraut waren. Eine Chance hatten sie jedoch nicht. Das System Heimerziehung funktionierte nur, indem auch Mitarbeiter, die andere Vorstellung von "Fürsorge" hatten, gebrochen wurden. Dietmar Krone erzählt, wie junge, freundliche Erzieher sehr schnell, von heute auf morgen, verschwanden. Und Hans Bauer hat in seinen Ermittlungen auch mit ehemaligen Mitarbeitern in den Heimen gesprochen, unter anderem mit einer heute Siebzigjährigen, die Anfang der sechziger Jahre in einem Heim für Mädchen tätig war. Sie erzählt, dass sie morgens

"Unruhe in der Gruppe hatte. Und dann kam der Pastor, der der Leiter dieser Einrichtung war und hat das moniert und hat dann ihre Hand genommen und gesagt: Und diese Hand kann hier keine Ruhe schaffen? Dann hat er dem Mädchen, das da ein bisschen laut war, einen Pantoffel ausgezogen und es kräftig zusammengeschlagen, dass das Mädchen wimmernd auf dem Boden lag, hat einem anderen Kind befohlen, einen Eimer kaltes Wasser zu holen, hat das Wasser über das Kind gekippt und hat die junge Erzieherin angeguckt und gesagt: Und das konnten Sie nicht!?"

Solche Erlebnisse und die Impulse, die aus der Schüler- und Studentenbewegung kamen, führten 1968 zur so genannten Heimkampagne. Erzieher in den Heimen, auch der heute knapp siebzigjährige Manfred Kappeler gehörte damals zu ihnen, verbanden sich mit der APO, machten Skandale öffentlich, von denen - auch das gehört dazu - die Gesellschaft seit den zwanziger Jahren gewusst hat. Denn die Aufgabe der Jugendfürsorge, so Kappeler, war von Anfang an,

"nicht etwa die Traumatisierungen, die die Kinder und Jugendlichen schon in ihrem Herkunftsmilieu erfahren haben, zu verlängern oder zu verstärken, sondern sie hatte den Auftrag, sie zu überwinden."

Für die Heimkampagne bedeutete die Fürsorgeerziehung die Fortsetzung eines in der NS-Zeit perfektionierten totalitären Regimes. Die Fürsorgeerziehung stand für die Lebenslüge des westdeutschen Staats, mit dem Faschismus wirklich gebrochen zu haben. Deshalb hatte die Heimkampagne eine zentrale Bedeutung für das "Mehr-Demokratie-wagen".

1973, fast 25 Jahre später als in der DDR, wurde die Prügelstrafe abgeschafft, Ende der siebziger Jahre kam die Reform der Heimerziehung in Gang, 1990 wurde ein neues Jugendhilfegesetz verabschiedet. Die Opfer hat man darüber vergessen. Einer der Gründe: Jetzt an sie zu erinnern, hätte in dem Augenblick, als die Demokratie über das System der DDR triumphierte, an ein dunkles Kapitel in der eigenen Geschichte gerührt. Ein anderer:

Lange, lange haben die Opfer selbst geschwiegen. Das Schweigen hat man ihnen eingeprügelt. Immer wieder haben Erzieher, Eltern, Ämter und Vormünder den Zöglingen eingebläut: Ihr könnt erzählen, was ihr wollt. Euch glaubt man nicht. Auch Dietmar Krone hat diese Erfahrung machen müssen.

"Man hat mir zunächst nicht geglaubt, weil: Ich war ein Fürsorgezögling. Dem glaubt man sowieso nicht. Ein Fürsorgezögling ist schlecht und lügt. Dem Erzieher hat man mehr geglaubt. Und ich habe 30 Jahre über dieses Thema geschwiegen, ich habe so getan, als ob die Zeit überhaupt nicht da gewesen ist, ich habe alles in mich hineingefressen."

"Alptraum Erziehungsheim" nannte Krone sein kleines Büchlein, in dem er dann erstmals seine Erlebnisse zusammenfasste. Das Schreiben, auch das Reden vor dem Petitionsausschuss, haben ihm geholfen. Kann ihm persönlich die Arbeit des geplanten Runden Tisches noch helfen?

"Ich würde sagen heute würde mir gar nichts mehr helfen. Meine Gesundheit kann man mir nicht wiedergeben. Die gestohlene Jugendzeit kann man mir nicht wiedergeben. Man kann mir keinen neuen Arm wiedergeben. Man kann diese Verletzungen, ob es jetzt körperliche Verletzungen waren oder verbale, das kann man nicht wiedergutmachen."

Dennoch: Mit anderen Betroffenen kämpft er jetzt dafür, dass die noch vorhandenen Akten nicht vernichtet werden. Einzelne Schicksale müssen zunächst einmal nachvollziehbar bleiben! Dann geht es darum, dass die einer Zwangsarbeit ähnliche Arbeit in den Heimen bezahlt und auf die Rente angerechnet wird, dass Therapieplätze bereitgestellt werden. Und vor allem darum, als Opfer von Menschenrechtsverletzungen anerkannt zu werden, um eine öffentliche, persönliche Entschuldigung, ausgesprochen von denen, die heute Rechtsnachfolger der Fürsorgeheime sind.

Das System der Fürsorgeerziehung hat versagt, Ämter, Vormünder, auch Nutznießer der Zwangsarbeit tragen Verantwortung. Daraus die Lehren zu ziehen, helfen, dieser Verantwortung heute gerecht zu werden - das ist, so Antje Vollmer, die große Aufgabe des Runden Tisches.

"Ich nenne diesen Runden Tisch eine kleine Wahrheitskommission. Das ist ein großer Name, aber das Ähnliche zu der Wahrheitskommission, die es mal in Südafrika gegeben hat, ist, dass man alle Beteiligten mit ihren Gesichtspunkten an einem Tisch braucht, um an einer Lösung zu arbeiten. Das heißt, wir müssen die Bereitschaft von allen Seiten haben, sich das anzugucken, wahrhaftig anzugucken, was damals gewesen ist."

Dass der Runde Tisch zu Beginn dieses Jahres seine Arbeit aufnehmen soll, ist politisch beschlossene Sache. Bei der Finanzierung seiner Arbeit - Bund und Länder sollen sie sich teilen - fangen die Probleme jetzt schon an.


http://www.dradio.de/dlf/sendungen/hintergrundpolitik/908416/

Martin Mitchell

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25.01.2009 ZDF Mona Lisa 18:00 Uhr (MEZ)
Dietmar Krone aus Berlin berichtet über seine grausamen Erfahrungen während seines Aufenthaltes im Erziehungsheim [ Hier ist von "Geschlossenene Erziehungsanstalt Viersen-Süchteln in den späten 1960er Jahren / frühen 1970er Jahren" die Rede ! ]
http://monalisa.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,7508066,00.html

Ein Video dazu ML Mona Lisa, 25.01.2009
Das Heim war die Hölle [ Hier ist von "Geschlossenene Erziehungsanstalt Viersen-Süchteln in den späten 1960er Jahren / frühen 1970er Jahren" die Rede ! ]
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/content/675390?inPopup=true

Leute aus anderen Ländern können sich hier einen für ihr Land zutreffenden Media-Player aussuchen @ http://codecguide.com/about_real.htm
Not only must justice be done; it must also be seen to be done.
Recht muss nicht nur gesprochen werden, es muss auch wahrnehmbar sein, dass Recht gesprochen wird.
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„Fürsorgeerziehungszöglingjagd“ – Menschenjagd auf „Zöglinge“
« Antwort #79 am: 06:58:54 So. 25.Januar 2009 »
„Fürsorgeerziehungszöglingjagd“ – Menschenjagd auf „Zöglinge“ in der Bundesrepublik Deutschland ( ca 1949-1985 ) = "on the hunt for absconded 'wards of the state'" - hunting human beings, escapees from work camps in the Federal Republik of Germany ( ca 1949-1985 )

Schon jemand mal von diesem langen Wort gehört oder gelesen - und sich der Ungeheuerlichkeit dessen dabei bewußt geworden ?

Fürsorgeerziehungszöglingsjagd

Besonders für solche eine Jagd geeignet zu sein schien damals ein Brenneke Flintenlaufgeschoß ( hier anzusehen @ http://www.lima-wiederladetechnik.de/9,3-mm/9,3x64.htm ), normalerweise für die Hirschjagd oder die Wildschweinjagd verwendet

Und darüber wie eine solche „Fürsorgeerziehungszöglingsjagd“ damals veranstaltet wurde, ist einzig und allein hier @ http://www.heimkinder-ueberlebende.org/GERMANY-Die-Hoelle-von-Glueckstadt_-_Fuersorgeerziehung-oder-Freiwillige-Erziehungshilfe-gepraegt-von-Zwangsarbeit_-_1966-Fuersorgezoegling-Ferdinand-Ellerwald-auf-der-Flucht-erschossen.php nachzulesen.

Und anscheinend – ziemlich genauen Gerüchten gemäß – wurde damals auch „Kopfgeld“ für das Wiedereinfangen von entlaufenen „Fürsorgeerziehungszöglingen“ gezahlt.

Übrigens, falls Ihr es noch nicht bemerkt habt, wird auf der Informationsseite des ZDF zu der am 25.01.2009 um 18:00 Uhr (MEZ) angesagten Fernseh-Dokumentation - in dem Programm Mona Lisa betitelt »Keine Entschädigung für ehemalige Heimkinder ? – Heimerziehungs-Opfer warten noch auf Gerechtigkeit« @ http://monalisa.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,7508066,00.html ein Foto einer offiziellen Akte gezeigt, einer Akte worin unter der Überschrift „Dienstbetrieb“ „Besondere Vorkommnisse und Entweichungen“ „156 Todesfälle“ und „971 Besondere Vorkommnisse“ notiert sind. Der ZDF weiß sicherlich auch ganz genau auf welche damalige „Anstalt“ / „Institution“ / „Erziehungseinrichtung“ und auf welchen Bundesstaat im damaligen Westdeutschland sich diese Akte bezieht.

Die Frage stellt sich natürlich sofort: Was war die Gesamtzahl der „TodesfällevonZöglingen“ / „Schutzbefohlenen“ in der gesamten Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1985, “die der ‘Fürsorge’ der Kirchen oder des Staates unterstanden“, und was waren die jeweiligenTodesursachen“?
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Deutsche Ehemalige Heimkinder jetzt auch auf der Weltbühne
« Antwort #80 am: 08:21:10 Di. 27.Januar 2009 »
German "wards of the state" on the world stage = Deutsche Heimkinder auf der Weltbühne

DW.WORLD.DE - DEUTSCHE WELLE in English

Abused Wards Of The State Demand Reparation in GermanyDW 23.01.2009

@ http://www.dw-world.de/dw/article/0,,3968427,00.html?maca=en-rss-en-all-1573-rdf or
@ http://www.dw-world.de/dw/article/0,,3968427,00.html

Reader's Letter

[ submitted Tuesday, 27 January 2009, ca 0230 hours ( CET / MEZ ) ]

re Abused Wards Of The State Demand Reparation in GermanyDW 23.01.2009

I, Martin Mitchell, am one of the hundreds of thousands of former West-German "wards of the state" imprisoned in one of thousands such prison-like children’s institutions ( "forced labour camps for children and youth" – boys and girls, strictly separated of course ! ) that existed for several decades in West-Germany after the Second World War. I am the one who coined that phrase "Child welfare hell holes" after the German word „Fürsorgehöllen“, because that is exactly what they were.

I was lucky as a prisoner in one of those "child welfare hell holes","Freistatt" ( = "place of freedom and refuge" ), "a forced labour camp for boys situated in a peat bog" ( a business enterprise of the Evangelical-Lutheran Church of Germany / Bethel ! ), to be able after much protest with my feet ( repeated escapes ) and with my pen ( writing letters of protest ), as a teenager 17½ years of age, to leave that "hell hole" and migrate to Australia. Most "inmates" there were not so fortunate, but were "kept there at forced labour" until age 21.

Decency demands that every one of "these victims of child abuse in institutional care" be fully and amply compensated, not only for their suffering as children, but also for their ongoing suffering and disadvantage caused thereby throughout their adult lives.

All those who in any way profited from the "forced labour" of all those children imprisoned in all these "youth labour camps" in postwar West-Germany – wether these enterprises were run by the churches or the state – should be paid what is owing to them with compound interest. The perpetrators must give back in full ( "seven times seven" ) their "ill-gotten gains".

And I will not rest until that happens. For that reason to I am operating already since 17. June 2003 the Website CARE-LEAVERS-SURVIVORS.ORG @ www.care-leavers-survivors.org / HEIMKINDER-UEBERLEBENDE.ORG @ www.heimkinder-ueberlebende.org
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Re: „Fürsorgeerziehungszöglingjagd“ – Menschenjagd auf „Zöglinge“
« Antwort #81 am: 05:51:59 Sa. 31.Januar 2009 »
Ich hatte dieses Thema ja auch hier schon for ein paar Tagen mal angesprochen, aber bisher noch keine Reaktion dazu von irgend jemand gehabt.

„Fürsorgeerziehungszöglingjagd“ – Menschenjagd auf „Zöglinge“ in der Bundesrepublik Deutschland ( ca 1949-1985 ) = "on the hunt for absconded 'wards of the state'" - hunting human beings, escapees from work camps in the Federal Republik of Germany ( ca 1949-1985 )

Schon jemand mal von diesem langen Wort gehört oder gelesen - und sich der Ungeheuerlichkeit dessen dabei bewußt geworden ?

Fürsorgeerziehungszöglingsjagd

Besonders für solche eine Jagd geeignet zu sein schien damals ein Brenneke Flintenlaufgeschoß ( hier anzusehen @ http://www.lima-wiederladetechnik.de/9,3-mm/9,3x64.htm ), normalerweise für die Hirschjagd oder die Wildschweinjagd verwendet

Und darüber wie eine solche „Fürsorgeerziehungszöglingsjagd“ damals veranstaltet wurde, ist einzig und allein hier @ http://www.heimkinder-ueberlebende.org/GERMANY-Die-Hoelle-von-Glueckstadt_-_Fuersorgeerziehung-oder-Freiwillige-Erziehungshilfe-gepraegt-von-Zwangsarbeit_-_1966-Fuersorgezoegling-Ferdinand-Ellerwald-auf-der-Flucht-erschossen.php nachzulesen.

Und anscheinend – ziemlich genauen Gerüchten gemäß – wurde damals auch „Kopfgeld“ für das Wiedereinfangen von entlaufenen „Fürsorgeerziehungszöglingen“ gezahlt.

Übrigens, falls Ihr es noch nicht bemerkt habt, wird auf der Informationsseite des ZDF zu der am 25.01.2009 um 18:00 Uhr (MEZ) angesagten Fernseh-Dokumentation - in dem Programm Mona Lisa betitelt »Keine Entschädigung für ehemalige Heimkinder ? – Heimerziehungs-Opfer warten noch auf Gerechtigkeit« @ http://monalisa.zdf.de/ZDFde/inhalt/2/0,1872,7508066,00.html ein Foto einer offiziellen Akte gezeigt, einer Akte worin unter der Überschrift „Dienstbetrieb“ „Besondere Vorkommnisse und Entweichungen“ „156 Todesfälle“ und „971 Besondere Vorkommnisse“ notiert sind. Der ZDF weiß sicherlich auch ganz genau auf welche damalige „Anstalt“ / „Institution“ / „Erziehungseinrichtung“ und auf welchen Bundesstaat im damaligen Westdeutschland sich diese Akte bezieht.

Die Frage stellt sich natürlich sofort: Was war die Gesamtzahl der „TodesfällevonZöglingen“ / „Schutzbefohlenen“ in der gesamten Bundesrepublik Deutschland zwischen 1949 und 1985, “die der ‘Fürsorge’ der Kirchen oder des Staates unterstanden“, und was waren die jeweiligenTodesursachen“?
In einem anderen Diskussionsforum ist mir deshalb „Berichterstattung im Bildzeitungsstil“ vorgeworfen worden - und ich bin dafür kritisiert worden, daß diese meine „Berichterstattung“ eine „Ungeheuerlichkeit“ / „Verallgemeinerung“ meinerseits sei.

Desweiteren war in den bisherigen Kommentaren und Meinungsäußerungen meiner dortigen Kritiker dort die Rede von „Vormundschaft“, „Pflicht“, „Verantwortung“, „Verantwortlichkeit“, und „Normalität“ aus der Sicht der „Verantwortlichen“, die für die „Fürsorgeerziehungszöglingeverantwortlich waren, und deshalb verpflictet waren hinter ihnen her zu jagen.

Die Tötung mit einem Hirschjagdgewehr, mit dem sich einer der erwachsenen „Wiedereinfänger“ [ der „Miliz“ ] ganz speziell „zum Zwecke des Wiedereinfangenseines jugendlichen Zwangsarbeiters bewaffnet hatte ( und andere Gewehre, mit denen sich andere erwachsene „Wiedereinfänger“ [ der „Miliz“ ] „zum Zwecke des Wiedereinfangensdieses jugendlichen Zwangsarbeiters ganz sicherlich ebenso bewaffnet hatten ), wird als ein „tragischer Unfall“ abgetan – und wenn man diesen Zivilisten [ der „Miliz“ ], die an diesem „Wiedereinfangen“ teilnahmen kein „Kopfgeld“ versprach, nahmen sie alle an dieser „Jagd“ teil wohl nur zum Spaß, oder weil es ihrekommunale Pflicht“ war und sie ihrerVerantwortungnachkamen ? Unbewaffnetete „Vertrauensburschen“ aus Glückstadt selbst waren wohl auch ab und zu mal ebenso an der „Jagd“ auf ihre „Mithäftlinge“ beteiligt ( und auch sie wurden dafür „belohnt“ ). Und dieseWiedereinfänger“ / „Vertrauensburschen“ sahen es wohl ebenso als ihrePflicht“ und ihreVerantwortung“ an, den „Erziehern“ zu „helfen“.

Würde mich mal interessieren, ob diese damaligen „Wiedereinfänger“ / „Vertrauensburschen“ / „Spione“/ „Kapos“, oder auch „Wiedereinfängerinnen“ / „Vertrauensmädel“ / „Spioninnen“ / „Kapos“, unter den „Fürsorgezöglingen“ selbst, in vielen dieser damaligen „Heime“ / „Anstalten“ / „Zwangsarbeitslagern“ / „Arbeitserziehungslagern“, das wohl heute als erwachsene Menschen im fortgeschrittenen Alter, noch genauso sehen wie damals – daß sie sich für den „Vorteil“ einer „Belohnung“ dazu bereit erklärten, und sich dazu „verpflichtet“ sahen, „Hilfserzieher“ oder „Hilfserzieherinnen“ zu werden und sich auf dieses „unterste Niveau der Erzieher“, „Wächter“ und „Sklaventreiber“ „begaben“.

Es war jedesmal das Gleiche wenn einer der „Insassen“ aus Glückstadt entfloh. Die darauffolgende „Jagd“ war sofort angesagt, und schwer bewaffnete Zivilisten [ die „Miliz“ ] nahmen immer daran teil. Es war nur Glücksfall, daß nicht auch noch andere jugendliche Zwangsarbeiter ebenso dabei erschossen worden sind. Ein anderer jugendlicher Zwangsarbeiter, während er ebenso auf diese Weise gejagdt wurde, ertrank in der Elbe. Genau wie viele andere jugendliche Zwangsarbeiter in Glückstadt oder auf der Flucht aus Glückstadt zu Tode gekommen sind und was die jeweiligen Todesursachen waren, habe ich bisher noch nicht feststellen können. Aber ich ( im Auslande ! ) und viele andere engagierte „Ehemalige Heimkinder“ ( in Deutschland selbst ! ) – „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ – arbeiten weiterhin daran es genau festzustellen und alle diesbetreffenden Beweise sicher zu stellen !!!

An all meine Kritiker: Sagt Euch dieses Foto vielleicht etwas und läßt es Euch vielleicht sogar aufwachen, aufhorchen, und nachdenken ? ? ?



Dieses Foto selbst ( auf der Webseite wo es archiviert ist ! - an dieser Stelle http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Offizielle-Verwaltungsakte-eines-Heims-zeigt-156-Todesfaelle-in-den-1950er-1960er-Jahren.php ) hat einen Link eingebaut, der, wenn man ihn anklickt, viele, viele andere Fotos jugendlicher Zwangsarbeiter in der Bundesrepublik Deutschland ( in den 1950er, 1960er, und 1970er Jahren ! - Jungen und Mädchen ! ), die sich in der GOOGLE-Bilder-Datenbank befinden für jeden Wissensbegierdigen zu Tage befördert ( und das sind noch nicht alle solcher Fotos; es gibt auch noch viele mehr an anderen Stellen im Internet ! - die meisten davon auf meiner Webseite ! ).

Und für die unter Euch die Englisch verstehen ---- Ihr könnt jetzt diese Geschichte aus dem Jahre 1966 „Fürsorgezögling auf der Flucht aus dem schleswig-holsteinischen ‚Landesfürsorgeheim Glückstadt‘ von einem Bauern mit einem Hirschjagdgewehr erschossen“ auch auf einer kanadischen Webseite in Englisch lesen – @ http://exchange.ydr.com/Thought-Provoking-t6663.html [ bitte, dort ein klein wenig runter scrollen ! ] – wo auch zum ersten mal der Name dieses Bauern aus Hodorf der den Todesschuß auf diesen „Zögling“ abgegeben hat, genannt wird.

Mit freundlichen Grüßen aus Australien

Martin Mitchell
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Martin Mitchell

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Fürsorgeerziehung“ - „Gestohlene Kindheit“ - „Gestohlenes Leben“ - „Flucht in den Tod

GESTOHLENE KINDHEIT“ – Eine ZDF-Veröffentlichung, aus dem Jahre 2008, die sich ebenfalls mit diesen Themen befaßt und auseinandersetzt:

[ Westdeutsche Nachkriegsgeschichte ! – „Wahrheit“ oder „Lüge“ ? – „Tatsachen“ oder „Volksverhetzung“ ? – „Verbrechen“ oder „Zeitgeist“ – „Ausnahmezustand“ oder „Normalität“ ? ]

Mehr Information über den gesamten Inhalt dieser ZDF-Veröffentlichung ist hier zu finden

@ http://www.mvg-verlag.de/mediadata//articles/pdfcontent/978-3-636-06402-8.pdf

»»» Barbara Dickmann | Sibylle Bassler (Hg.)

Gestohlene Kindheit

Wie Fürsorgeheime Kinder zerstört haben

Ein ML Mona Lisa Buch

Nach einer Dokumentation von
Barbara Dickmann und Angelica Fell

5
Inhalt
Vorwort ................................................................... 7

Weggesperrt im Namen des Staates ..................... 9
Frank Leesemann ........................................................ 9
Otto Behnck ............................................................... 12
Wie Sträflinge gehalten ................................................... 15
Drangsaliert und ausgebeutet .......................................... 19
Ausgebeutet für die Stadt und ihre Fabriken ............... 20
Wie im Knast…........................................................... 22
Unheilvolle Geschichte des Landesfürsorgeheims ........ 23

Störung der bürgerlichen Ordnung ...................... 25
Die drohende Verwahrlosung ........................................... 28
Die Maschinerie setzt sich in Gang ................................... 32

Schuldgefühle und Scham der Opfer .................... 35
Kinderheim St. Josef in Eschweiler .................................... 36
Carola Koszinoffski ..................................................... 36
Der Willkür ausgeliefert ................................................... 41
Warum schweigen die Nonnen bis heute?........................ 46
Hermine Schneider ...................................................... 48
Schwarze Pädagogik ........................................................ 50

Die Opfer brechen ihr Schweigen ......................... 51
Michael-Peter Schiltsky ................................................ 54

6
Konfrontation mit der Vergangenheit ............................... 58
Das Trauma ...................................................................... 63

Flucht in den Tod .................................................... 65
Harry Radunz .............................................................. 67
Ferdinand Ellerwald ..................................................... 70

In den Fängen der Fürsorge .................................. 71
Kalmenhof in Hessen ....................................................... 71
Günter Klefenz ........................................................... 76
Systematische Misshandlungen ........................................ 82
Heinz Schreyer ............................................................ 86
Die unglaubliche Geschichte der Elfriede Schreyer ....... 87

Das Unrecht wird angeprangert ........................... 91
Warum so spät? ............................................................... 91
Verbrechen im Namen des Staates und der Kirche ............ 93
Verantwortung übernehmen ............................................ 96
Aufarbeitung in Schleswig-Holstein ............................. 97
Hessen ........................................................................ 100
Petitionsausschuss im Bundestag ...................................... 101

Reaktionen auf die Dokumentation ..................... 103

Anhang ................................................................... 107
Die Mona Lisa-Frauen ...................................................... 107
Wir danken ...................................................................... 108
Quellen, Links und Literatur ............................................. 109
Anmerkungen .................................................................. 112

© des Titels »Gestohlene Kindheit« ( ISBN 978-3-636-06402-8 )
2008 by mvgVerlag, FinanzBuch Verlag GmbH, München
Nähere Informationen unter: http://www.mvg-verlag.de «««

Hoffe vielen Betroffenen und ihren Familien hiermit gedient zu haben.

Mit freundlichen Grüßen aus Australien.

Martini

PS. Ich bin selbst erst gestern ( 30.01.2009 ) auf dieses PDF-Dokument aufmerksam geworden. Und ich hatte selbst auch noch keine Möglichkeit diese ZDF-Veröffentlichung zu studieren, weil sie natürlich nicht in Australien zu erwerben ist. Vielleicht wird ja jemand demnächst so nett sein und mir eine Kopie davon nach Australien, auf mein Postfach,  zukommen lassen. Wäre schön.

PPS. Hoffe Ihr friert nicht zu sehr, momentan, in Deutschland, und hoffe das Putin Euch nicht wieder den Gashahn zudreht. In Adelaide hatten wir seit Montag 26.01.2009 jeden Tag über 44 Grad, und die Wettervorhersage ist, daß dies noch für weitere vier Tage anhalten wird ( auch das wird in die Geschichtsbücher eingehen ).

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auchdasnoch

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Re: Heimkinder....
« Antwort #83 am: 12:12:20 Mo. 02.Februar 2009 »
    
„Fürsorgeerziehungszöglingjagd“ – Menschenjagd auf „Zöglinge“
Ey Mitchell, wo haste denn dat gefunden. In der Bildzeitung ;D.Bevor Du solche schwerwiegenden Vorwürfe ins inet stellst, solltest Du besser recherchieren.

Martin Mitchell

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Liebe Betroffene, Unterstützer und Interessierte.

Ich schrecke nicht zurück davor auch die folgenden Fragen zu stellen. Denn gestellt werden müssen sie und beantwortet werden müssen sie ebenso – und das mit größtmöglicher Genauigkeit !!!

( A. ) Diese Fragen beziehen sich auf „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ und schließen ein ( a. ) den Zeitraum zwischen 1945 und 1949, ( b. ) den Zeitraum zwischen 1949 und 1975, und ( c. ) den Zeitraum zwischen 1975 und 1985.

( B. ) Und „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ schließt ein „jede vom westdeutschen Staat [ Ländern ] institutionalisierte vom Staat [ Ländern ]  bevormundete Person vom Säuglingsalter bis zur Volljährigkeit“ ein ( Volljährigkeit lag damals, bis in die 1970er Jahre, bei 21 Jahren ).

1. ) In welchen „Heimen“ und „Anstalten“ – oder wie auch immer sich diese „Einrichtungen“ damals nannten – sind, jeweilig, wie viele „Heimkinder während ihres Aufenthaltes in solchen westdeutschen Institutionen“, bzw. „während sie sich in der Obhut der Kirchen oder Staates befanden” oder der „Fürsorgeerziehung” ( „FE“ ) oder der „Freiwilligen Erziehungshilfe” ( „FEH” ) unterstanden, zu Tode gekommen ? – Detailierte Statistiken, bitte.

2. ) Wie viele „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ sind während ihres Heimaufenthaltes an „natürlichen Ursachen“ verstorben ?

3. ) Wie viele „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ sind während ihres Heimaufenthaltes an welchen Folgen verstorben ? – Einzelheiten, bitte.

4. ) Wie viele „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ sind während ihres Heimaufenthaltes von ihrem „Aufsichtspersonal“ getötet worden ? – Einzelheiten, bitte.

5. ) Wie viele Todesfälle unter den „Ehemaligen Heimkindern der alten Bundesländer“ sind angeblich „von anderen Heimkindern verursacht worden“ ? – Einzelheiten, bitte.

6. ) Wie viele Todesfälle unter den „Ehemaligen Heimkindern der alten Bundesländer“ sind angeblich durch „Selbstmord“ verursacht worden ? – Einzelheiten, bitte.

7. ) Wie viele Todesfälle unter den „Ehemaligen Heimkindern der alten Bundesländer“ sind angeblich durch „Unfall“ verursacht worden ? – Einzelheiten, bitte.

8. ) Wie viele „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ sind bei der „unentlohnten Zwangsarbeit, die sie haben verrichten müssen“ schwer verletzt worden ? – Einzelheiten, bitte.

9. ) Wie viele Todesfälle unter den „Ehemaligen Heimkindern der alten Bundesländer“ sind direkt auf die „von ihnen zu verrichtende Zwangsarbeit“ zurückzuführen ? – Einzelheiten, bitte.

10. ) Wie viele Todesfälle unter den „Ehemaligen Heimkindern der alten Bundesländer“ sind angeblich auf „Krankheit“ zurückzuführen ? - Einzelheiten, bitte.

11. ) Wie viele Todesfälle unter den „Ehemaligen Heimkindern der alten Bundesländer“ sind angeblich auf „Schlägereien“ und gegenseitige „Gewaltanwendungen“ unter ihnen selbst zurückzuführen ? – Einzelheiten, bitte.

12. ) Wie viele „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ sind „auf der Flucht“ aus den „Heimen“ und „Anstalten“ umgekommen ? – Einzelheiten, bitte.

13. ) Wie viele „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ sind angeblich oder tatsächlich „spurlos verschwunden“ ? – Einzelheiten, bitte.

14. ) Wie viele „Ehemalige Heimkinder der alten Bundesländer“ sind durch legale oder illegale Verabreichung legaller oder illegaler Arzneimittel in den „Heimen“ und „Anstalten“ zu Tode gekommen ? – Einzelheiten, bitte.

15. ) In wie vielen Todesfällen unter den „Ehemaligen Heimkindern der alten Bundesländer“ bleibt die Todesursache „unaufgeklärt“ ? – Einzelheiten, bitte.

16. ) Wer trägt die Schuld und Verantwortung für all die verschiedenen Todesfälle unter den Heimkindern, die nicht auf „natürliche Ursachen“ zurückzuführen sind ? – Keine Ausreden, bitte.

Diese Fragen richten sich nicht an die „Ehemaligen Heimkinder“, sondern an alle damals Verantwortlichen und an ihre heutigen Rechtsnachfolger.

Diese Fragen werden gestellt von einem von hundertausenden „Ehemaligen Heimkindern der alten Bundesländer“.

Und diese Fragen werden nicht nur hier im CHEFDUZEN.DE-Forum gestellt, aber werden auch an vielen anderen Stellen im Internet gestellt werden, nicht nur in Deutsch aber, demnächst, auch in Englisch, und später auch noch in mehreren anderen Sprachen.

Martini

Martin Mitchell

Ehemaliges Heimkind

Engagierter Bürger

Advokat

Betreiber seit dem 17. Juni 2003 der Webseite HEIMKINDER-UEBERLEBENDE.ORG @ www.heimkinder-ueberlebende.org / www.care-leavers-survivors.org

( Australischer Staatsbürger; ausgewandert von Deutschland nach Australien 1964 und seither ansässig in Süd Australien )

Please note: Ich möchte einen jeden von Euch hier recht herzlich dazu einladen auch die diesbetreffende Diskussion – besonders zu diesem Thema – im imheim.eu-Forum in dem dortigen  Theard »„Fürsorgeerziehungszöglingsjagd“ – Menschenjagd auf „Zöglinge“« zu verfolgen, auch wenn Ihr Euch dort nicht selbst an der Diskussion beteiligt. Jeder darf dort mitlesen ( auch ohne dort registriert und angemeldet zu sein ! ). Es bestehen dort bisher insgesamt sechs Seiten zu diesem Thema. ERSTE SEITE in dem dortigen diesbetreffenden Thread ist http://imheim.eu/forum/thread.php?threadid=6155 und SECHSTE SEITE in dem dortigen diesbetreffenden Thread ist http://imheim.eu/forum/thread.php?threadid=6155&threadview=0&hilight=&hilightuser=0&page=6 und die vielen, vielen dortigen Beiträge ( besonders die Beiträge von mir, »martini« ! ) haben auch viele, viele einzelne Überschriften, bzw. zutreffende Schlagzeilen.
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Der Niedersächsische Landtag bittet Heimkinder um Vergebung !
« Antwort #85 am: 08:38:55 So. 15.Februar 2009 »
u.a. Bitte um Vergebung des Niedersächsischen Landtages bei „Ehemaligen Heimkindern“ ( 11.02.2009 ) !

iebe Betroffene, Unterstützer und Interessierte.

Wenn man effektiv und gemeinsam dem gleichen Ziel entgegen arbeiten will, muß man, meines Erachtens, immer über ALLES genaustens informiert sein ( also auch weitestgehend ÜBERALL lesen ! ).

Betreffend dem Beitrag von »Mandolinchen« dort im imheim.eu-Forum vom Samstag, 14. Februar 2009, um 14:17 Uhr (MEZ) [ siehe @ http://imheim.eu/forum/thread.php?threadid=6458 ]

Sicherlich ist ihr jeder dort und auch hier – und auch ich bin ihr – sehr dankbar dafür, daß sie dies dort reingestellt hat.

Die sekundäre QUELLE dieser Bekanntgebung vom 11.02.2009 scheint die Webseite des „Verein ehemaliger Heimkinder e. V.“ zu sein. Siehe hier @ http://www.veh-ev.org/16.html

Die offizielle QUELLE ist leider auch auf der Vereinswebseite nicht angegeben und war trotz all meiner seitherigen Bemühungen auch von mir nicht festzustellen. Wenn jemand weiß was offizielle QUELLE dieser Bekanntgebung vom 11.02.2009 ist, bitte Bescheid sagen.

Dies ist eines der wichtigsten offiziellen Dokumente des Niedersächsischen Landtages ( noch aber nicht der Niedersächsischen Landesregierung ! ), das ich bisher gesehen habe, und alles was darin aufgeführt ist, ist von uns allen sehr zu begrüßen und gemeinsam ( zumindest auf niedersächsischer Landesebene )entgegen zu arbeiten !!!

( Zur besonderen Beachtung:

Wenn u.a. in diesem niedersächsischen Dokument vom 11.02.2009 von

»»»Der Niedersächsische Landtag fordert die Landesregierung zu Folgendem auf:

6. Einrichtung eines Runden Tisch zur Aufarbeitung des Schicksals ehemaliger Heimkinder in Niedersachsen von 1945 bis 1975, um damit die Tabuisierung des Themas zu durchbrechen und eine breite öffentliche und transparente Debatte über die Ursachen, Verantwortlichkeiten und Täter, das Ausmaß und die Ausprägungen und die möglichst weitgehende Wiedergutmachung des erlittenen Unrechts zu beginnen.«««

die Rede ist, so ist damit, wie ich es sehe, ein „Runder Tisch Heimkinder“ für das Land Niedersachsen gemeint, der selbständig und unabhängig von dem „Runder Tisch Heimkinder“ auf Bundesebene ( der am 17.02.2009 in Berlin beginnt ) einberufen werden soll. )

Während meinem heutigen Recherchieren nach der noch fehlenden offiziellen QUELLE dieses wichtigen Dokuments vom 11.02.2009 im Internet, bin ich gerade auch noch auf folgendes offizielles Dokument vom 01.10.2008 gestoßen:

QUELLE:

Niedersächsischer Landtag – 16. Wahlperiode - Drucksache 16/495

Hannover, den 01.10.2008

@ http://www.spd-landtag-nds.de/web/binary.jsp?nodeId=10459&binaryId=10456&disposition=inline

»»»Mündliche Anfragen gemäß § 47 der Geschäftsordnung des Niedersächsischen Landtages

auf Seite 16 dieses 22-seitigen PDF-Dokuments

28. Abgeordnete Ursula Helmhold, Miriam Staudte (GRÜNE)

Welche Verantwortung trägt das Land an den Leiden der misshandelten Heimkinder in Niedersachsen?

Seit etwa vier Jahren wird öffentlich über Misshandlungen und Zwangsarbeit von Kindern und Jugendlichen in Heimeinrichtungen gesprochen. Diese Einrichtungen wurden von kirchlichen Trägern, aber auch vom Land selbst geführt. Die evangelische Landeskirche Hannover arbeitet die Vorfälle in ihren Einrichtungen inzwischen in vorbildlicher Weise auf.

Offen ist jedoch noch, in welcher Weise niedersächsische Landeseinrichtungen durch Missachtung von Aufsichtspflichten zu den Grausamkeiten beigetragen haben und inwieweit es Misshandlungen und Zwangsarbeit auch in den vom Land betriebenen Häusern gegeben hat.

Wir fragen die Landesregierung:

1. Wie war in dem in Frage kommenden Zeitraum von 1945 bis 1975 die Aufsicht und Kontrolle der Einrichtungen organisiert?

2. In wie vielen Fällen sind Misshandlungen aktenkundig geworden, und wie wurde darauf reagiert? (getrennt nach Landeseinrichtungen und Einrichtungen anderer Träger)

3. Wie gedenkt die Landesregierung zur Aufarbeitung der Vorfälle beizutragen und, vor allem, den berechtigten Interessen der Opfer auf Entschädigung für ihr Leid nachzukommen?«««

Hoffe Euch allen hiermit gedient zu haben.

Mit freundlichen Grüßen aus Australien.

Martin Mitchell
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OFFIZIELL Bundestagsbekanntgebung Runder Tisch Heimkinder
« Antwort #86 am: 08:42:10 So. 15.Februar 2009 »
Offizielle Bekanntgebung des auf Bundesebene einberufenen „Runder Tisch Heimkinder“, der am Dienstag, 17. Februar 2009 in Berlin beginnt.

QUELLE:

Deutscher Bundestag [ the German Parliament ]

@ http://www.bundestag.de/aktuell/presse/2009/pm_0902133.html

Pressemitteilung
Datum: 13.02.2009

T E R M I N H I N W E I S
1. Sitzung: Runder Tisch Heimkinder - Auftaktbilder
ACHTUNG: um Anmeldung wird gebeten!


Zeit: Dienstag, 17. Februar 2009, 11 bis 13 Uhr
Ort: Luisenstraße 32-34 ( Eingang seitlich ), Raum 1001

 
Unter Leitung von Bundestagsvizepräsidentin a.D. Dr. Antje Vollmer tritt der „Runde Tisch Heimkinder“ zu einer ersten Sitzung zusammen. Unter den Delegierten sind unter anderem Vertreter des Vereins der Heimkinder, vom Bundesfamilienministerium, von den Ländern, von konfessionellen und nicht konfessionellen Heimträgern.

Zu Beginn der Sitzung gibt es Gelegenheit für Auftaktbilder. Außerdem werden die ersten Statements der Delegierten öffentlich sein, danach folgt ein nicht-öffentlicher Teil der Sitzung.

Die Einsetzung des Runden Tisches zur Aufarbeitung des Unrechts in deutschen Kinderheimen der frühen Bundesrepublik war im November vom Petitionsausschuss des Bundestags beschlossen worden. Bis Ende 2010 soll der Runde Tisch einen Abschlussbericht vorlegen.

Es gelten die üblichen Akkreditierungsregeln – um Anmeldung wird unter Fax: 030-227-36192 gebeten.

Herausgeber
Deutscher Bundestag, PuK 1 - Referat Presse - Rundfunk - Fernsehen
Dorotheenstraße 100, 11011 Berlin
Tel.: (030) 227-37171, Fax: (030) 227-36192
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Hamburger Anwalt Gerrit Wilmans vertritt Gesamt-Interessen aller Heimkinder
« Antwort #88 am: 08:35:31 So. 15.März 2009 »
Liebe Betroffene, Unterstützer und Interessierte.

Nachricht an alle "Ehemaligen Heimkinder" von Hamburger Anwalt Gerrit Wilmans, der die Gesamt-Interessen aller "Ehemaligen Heimkinder" vertritt.

Nachricht via Medieninterview in Chemnitzer / "Freie Presse" / freiepresse.de, ein Interview, daß Martin Mitchell aus Australien schon einmal zuvor, in den frühen Morgenstunden am Mittwoch, 4. März 2009, als Nutzer "Ehemaliges Heimkind", ins Diakonie-Forum gestellt hatte, ein Beitrag, der aber sofort wieder von dem dortigen Webmaster Stefan Röger kommentarlos gelöscht wurde.

Dieses Medieninterview mit der "Freie Presse", vom 18.02.2009, ist daher jetzt, u.a., auf der von Martin Mitchell aus Australien betriebenen Webseite HEIMKINDER-UEBERLEBENDE.ORG zu finden @ http://www.heimkinder-ueberlebende.org/Freie-Presse_-_Interview-mit-Hamburger-Anwalt-Gerrit-Wilmans-der-den-Verein-ehemaliger-Heimkinder-e-V-und-die-Interessen-Ehemaliger-Heimkinder-Misshandelter-Heimkinder-vertritt.php , wo es für immer erhalten bleiben wird und allen "Ehemaligen Heimkindern" zur Verfügung steht.

Mit freundlichen Grüßen aus Australien.

Martin Mitchell
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VERFAHRENSVORSCHLÄGE an den „Runder Tisch Heimkinder“ auf Bundesebene
« Antwort #89 am: 08:52:54 So. 15.März 2009 »
VERFAHRENSVORSCHLÄGE an den „Runder Tisch Heimkinder“ auf Bundesebene. Diese „Verfahrensvorschläge“ wurden von dem am 31.01.2009 in den Ruhestand getretenen Tagungsleiter der Evangelischen Akademie Boll, in Bad Boll, dem evangelischen Theologen und Diplom-Psychologen Dierk Schäfer formuliert – Datum 8. März 2009.

[ Re: „Runder Tisch Heimkinder“ auf Bundesebene unter Vorsitz von Dr. Antje Vollmer

Was für eine Entschädigung erwarten „Ehemalige Heimkinder“? – VERFAHRENSVORSCHLÄGE

Auch zur Vorlage dem „Runder Tisch Heimkinder“ auf Bundesebene unter Vorsitz von Dr. Antje Vollmer
]


Dierk Schäfer in Deutschland schrieb Martin Mitchell in Australien am 9. März 2009 wie folgt:

Hallo, Herr Mitchell,

den beiliegenden Text können sie frei verwenden.

Viele Grüße

Dierk Schäfer



Verfahrensvorschläge zum Umgang mit den derzeit diskutierten Vorkommnissen in Kinderheimen in der Nachkriegszeit in Deutschland

Der Petitionsausschuß des Deutschen Bundestages hat aufgrund einer Vielzahl von Vorkommnissen der Kindesmißhandlung und des Kindesmißbrauchs in den deutschen Kinderheimen der Nachkriegszeit die Einrichtung eines Runden Tisches empfohlen, der diesen Vorkommnissen auf den Grund gehen und überlegen soll, wie mit den Forderungen der betroffenen Personen zu verfahren werden ist. Da die Bundesrepublik Deutschland Rechtsnachfolger sowohl des Dritten Reichs, wie auch der DDR ist, liegen auch die dort zu verortenden Vorkommnisse in ihrer rechtlichen Verantwortung, auch wenn es zur Zeit um die Probleme aus der bundesrepublikanischen Vergangenheit geht.

Das Aufgabenspektrum ist umfassend und kann wie folgt und ohne Anspruch auf Vollständigkeit dargestellt werden.

1. Recherche

Eine gründliche systematische Erforschung der Lage von Heimen und Heimkindern im fraglichen Zeitraum nach wissenschaftlichen Standards wäre wünschenswert. Doch dies erscheint angesichts des Zeit- und Ressourcenaufwandes wenig hilfreich und muß der historischen Forschung mit pädagogischer, sozialer und organisationstheoretischer Thematik überlassen bleiben.

Als pragmatischer Ansatz bietet sich an, von den vorliegenden Problemmeldungen auszugehen, die allerdings ergänzt werden müßten durch die Suche nach weiteren Betroffenenberichten (positive wie negative).

[ a. ] Schaffung von Meldestellen (Personen!), denen Heimkinder Vertrauen entgegen bringen
[ b. ] Aufrufe an ehemalige Heimkinder in Medien und Internet
[ c. ] Suggestionsfreie kompetente Hilfestellung bei der Erstellung der Berichte
[ d. ] Suggestionsfreie kompetente Befragung der Betroffenen (Tiefeninterviews)
[ e. ] Ermutigung und Angebot therapeutischer Begleitung bei der Berichterstellung und dem „outing“
[ f. ] Verwendung der bei den verschiedenen Heimkindervereinen bereits gesammelten Berichte

Die so gesammelten Daten sind mit vorhandenen Zahlen aus Akten und Statistik zu ergänzen und zu sortieren nach Heimpersonal, Heimen, Heimträgern und Jugendamtsbezirken, um eventuelle Problem-Muster erkennen zu können.

Schwierigkeiten: Eine vermutlich hohe Anzahl von Heimkindern hat keinen Internetanschluß. Manche haben Deutschland den Rücken gekehrt und sind im Ausland schwer zu erreichen. Viele leiden zudem unter PTSD und sind kaum in der Lage, ohne Gefahr von Retraumatisierung über die damaligen Erlebnisse zu sprechen. Manchmal sind diese auch regelrecht verschüttet. Insofern müssen Lösungen auch für mögliche „Nachzügler“ offen gehalten werden.

2. Bewertung des Materials

Berichte der Betroffenen werden nach den Kriterien der Glaubwürdigkeitsuntersuchung und den Methoden der forensischen Psychologie unter Heranziehung anderer Heimkinderberichte aus demselben Heim und demselben Zeitraum bewertet.

Auch die Akten sind nach diesen Methoden auf ihre Glaubwürdigkeit zu überprüfen.

Die aus den Fällen sich darstellende Art der Pädagogik scheint nach den bereits vorliegenden Berichten als „Schwarze Pädagogik“ klassifiziert werden zu können. Sie ist im Kontext der damals

[ auf Din A4 Papier präsentiert, Seite 2 ]

gültigen Rechtsordnung (Menschenrechte, GG, StGB, JWG) und der damals bekannten fachlichpädagogischen Erkenntnisse (Pädagogik, Entwicklungspsychologie) zu bewerten.

Soweit es sich um kirchlich geführte Heime handelt, wären auch die damals anerkannten christlich-ethischen Normen für den Umgang mit Menschen heranzuziehen.

Unter dem begründeten Verdacht, daß es in einer Anzahl von Heimen (in [fast] allen?) zu gravierendem Fehlverhalten durch das Heimpersonal gekommen ist, ergeben sich folgende Problembereiche:

2.1 Feststellung der Art des Fehlverhaltens

[ A. ] Mißhandlung (körperlich und/oder seelisch)
[ B. ] Mißbrauch (sexuell und/oder Ausbeutung der Arbeitskraft (Zwangsarbeit?) ohne Entlohnung und ohne Entrichtung von Sozialabgaben)
[ C. ] Fehlende dem jeweiligen Kind angemessene Förderung (Schule, Lehre, Beruf)

2.2 Feststellung der Folgen des Fehlverhaltens

[ A. ] Biographische Fehlentwicklungen als Folge der Behandlung im Heim (Beruf, Armut, fehlende Rentenzeiten)
[ B. ] Körperliche Folgeschäden (z.B. Arbeitsunfälle, nicht behandelte Fehlentwicklungen)
[ C. ] Seelische Folgeschäden (Traumatisierung mit PTSD, Depressionen, lebenslanges Schamverhalten wegen der im Heim verbrachten/erlittenen Zeit)

2.3 Feststellung der Verantwortlichkeit

Der Staat (das jeweilige Jugendamt) hat in Wahrnehmung des Wächteramtes wegen elterlicher pädagogischer Inkompetenz auf Antrag der Eltern oder von Amts wegen selber pädagogische, dem Kindeswohl verpflichtete Aufgaben übernommen und Kinder in Heime eingewiesen. Damit tragen die staatlichen Stellen die erste Verantwortung, sei es für die von ihnen selbst geführten Heime, sei es für die ausgesuchten Partner der Jugendhilfe, hier in der Regel kirchliche Heime und deren Träger. Aus dieser Funktion des Staates ist eine Gewährleistung für die Qualität der getroffenen Maßnahmen abzuleiten. Er war verantwortlich für sein eigenes Personal und für die Überwachung der Jugendhilfe-Einrichtungen (vorbeugend: Ausbildungsanforderungen; begleitend: Fachaufsicht und Erfolgskontrolle).

Wenn auch nicht anzunehmen ist, daß Mißhandlungen, um dies als Oberbegriff zu nehmen, zu den angeordneten Handlungsmustern gehörten, so wäre auch eine durchgängig mangelhafte Ausübung der Fachaufsicht als systeminhärent zu bewerten, denn die Wächterfunktion des Staates wäre, wenn die Befunde entsprechend ausfallen, bereits mit der Heimeinweisung an ihr Ende gelangt. Dies wäre eine systematische Mißachtung des im Grundgesetz formulierten Vorbehalts, nachdem der Staat bei Gefährdung des Kindeswohl in das elterliche Erziehungsrecht einzugreifen hat. Denn dieser Vorbehalt setzt voraus, daß der Staat die Kindeswohlgefährdung mit angemessenen Mitteln erfolgreich abwendet.

Inwieweit der Staat sich im Nachhinein für Mißhandlungen bei den zuständigen Heimen, Heimträgern oder deren Personal per Regreß schadlos hält, ist seine Angelegenheit.

3. Kompensationsmaßnahmen (soweit die Vorwürfe bestätigt werden)

3.1 Formelle öffentliche Anerkennung des Unrechts und Offenlegung der Verantwortlichkeiten der damaligen Personen und Institutionen, sowie ihrer Rechtsnachfolger

3.2 Äquivalenzzahlungen für entgangene Rentenansprüche

Schaffung eines Fonds für Äquivalenzzahlungen für entgangene Rentenansprüche, wenn im Heim Arbeitseinsätze geleistet wurden, die über das Ausmaß von leichter Mithilfe im Haushalt hinaus

[ auf Din A4 Papier präsentiert, Seite 3 ]

gingen und dafür keine Sozialabgaben geleistet wurden; also in Fällen regelrechter Wertschöpfung zugunsten des Heimes, des Heimträgers und/oder der auftraggebenden Firmen.

Hier müssen Anträge pauschal, ohne Einzelfallprüfung, positiv beschieden werden können, soweit ermittelt wird, daß Jugendliche in diesem Heim in dieser Weise eingesetzt wurden.

Der Fonds ist von den Nutznießern der damals geleisteten Arbeit bzw. ihren Rechtsnachfolgern angemessen zu finanzieren und, wenn Nachzügler sich melden, nachzufinanzieren.

3.2 Schmerzensgelder

Es ist ein Schmerzensgeldfonds zu bilden, finanziert durch die damals zuständigen staatlichen Stellen und die Heime/Heimträger. Sie müssen unabhängig von persönlich zuzuordnender Schuld zivilrechtlich für ihr Personal eintreten, auch wenn die Gesetzeslage dies nicht hergeben sollte (Beispiel: Zwangsarbeiterfonds)

Glaubhaft belegte Einzelfälle müssen als Anerkennung des Leidens und seiner Folgen eine finanzielle Kompensation erhalten. Hier ist der Rechtsrahmen der in Schmerzensgeldfragen wenig angemessenen deutschen Gesetzgebung und Rechtsprechung regelmäßig voll nach oben auszuschöpfen.

Soweit belegt ist, daß im jeweiligen Heim in mehreren glaubhaften Einzelfällen Menschenrechtsverletzungen vorkamen, müssen alle einschlägigen Anträge ehemaliger Heimkinder positiv beschieden werden (Beweislastumkehr).

3.3 Therapiefonds

Therapiekosten für heimaufenthaltbedingte Schäden an Leib und Seele (Personenkreis: Schmerzensgeldberechtigte) sind in vollem Umfang im Rahmen der ortsüblichen Liquidationshöhe zu erstatten.

Dafür ist ein Therapiefonds einzurichten, der von den unter Schmerzensgelder genannten Einrichtungen zu speisen und bei Bedarf aufzustocken ist.

4. Prophylaxe

4.1 Die ehemaligen Heimkinder kommen in das Alter, in dem mit einer erforderlichen Umsiedelung in ein Alters- oder Pflegeheim zu rechnen ist. Dies beinhaltet die Gefahr von Retraumatisierung durch für Außenstehende nicht erkennbare Trigger. Solche Übergänge müssen bei Bedarf therapeutisch begleitet werden und das Personal der Einrichtungen ist besonders zu schulen im Umgang mit traumatisierten oder sonstwie biographisch belasteten Personen (was auch unabhängig von der Heimkinderfrage begrüßenswert sein dürfte).

4.2 Zur Prophylaxe gehört auch, daß Kinder wie auch pädagogisches Personal (Heime, Schulen u.ä.) über Kindeswohl und Kinderrechte regelmäßig alters- und situationsangemessen zu informieren sind. Dies sollte jeweils durch externe Personen geschehen, die zugleich als Ansprechpartner für Probleme fungieren können.

4.3 Es gibt auch heutzutage Jugendhilfe-Maßnahmen (Erlebnispädagogik, Auslandsaufenthalte), bei denen, sicher auch aus guten pädagogischen Gründen, wertschöpfende Arbeit geleistet wird. Hier muß ein entsprechendes, strafbewehrtes Gesetz dafür sorgen, daß für die Leistung zumindest Sozialabgaben in voller Höhe entrichtet werden und möglichst der Lohn für die geleistete Arbeit der Jugendlichen angespart wird für ihre spätere persönliche Verwendung. Ein solches Gesetz würde immerhin dafür sorgen, daß das Problem von Rentenlücken, verursacht durch pädagogische Maßnahmen, sich nicht wiederholt.

Dierk Schäfer, Freibadweg 35, 73087 Bad Boll, _ (0 71 64) 1 20 55
Mail: dierk.schaefer@gmx.net oder ds@dierk-schaefer.de


Dierk Schäfer in Deutschland schrieb Martin Mitchell in Australien nochmals am 9. März 2009 wie folgt:

Hallo, Herr Mitchell,

der Text wurde gestern abend [ 08.03.2009 ] verfaßt. Ich habe ihn an Frau Alexander [ Sieglinde Alexander, der in den USA ansässigen Betreiberin von www.emak.org ], Herrn Jacob [ Helmut Jacob, dem in Deutschland ansässigen Betreiber von http://www.gewalt-im-jhh.de/ und http://helmutjacob.over-blog.de/article-26672865-6.html ] und an Sie [ dem in Australien ansässigen Martin Mitchell, Betreiber von www.heimkinder-ueberlebende.org / www.care-leavers-survivors.org und www.heimkinderopfer.blogspot.com ] geschickt.

Da ich nicht Mitglied des Runden Tisches bin, sehe ich keine Möglichkeit für eine offizielle Stellungnahme.

Wenn die ehemaligen Heimkinder meine Vorschläge hilfreich finden, müssen sie für deren Verbreitung sorgen.

Viele Grüße

Dierk Schäfer



HINWEIS: Eine PDF-Version des Original-Dokuments Verfahrensvorschläge ist hier @ http://www.gewalt-im-jhh.de/Blick_uber_den_Tellerrand/Verfahrensvorschlage1.pdf sowohl wie auch hier @ http://www.emak.org/Heimkinder/Verfahrensvorschl%E4ge1.pdf zu finden.
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