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Ausgebeutete Putzkräfte

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Kater:
ZDF, Frontal 21, Sendung vom 02.10.2007, 21:00


--- Zitat ---Ausgebeutete Putzkräfte
Razzia gegen Lohndrücker
von Joe Sperling

Seit Juli gibt es für die Reinigungsbranche einen Mindestlohn. In den vergangenen zwei Wochen führte der Zoll erstmals Kontrollen durch. Das Ergebnis: Viele Firmen zahlen deutlich weniger als den Mindestlohn. Der Konkurrenzdruck in der Branche ist hoch.

Theoretisch könnten sich Deutschlands Reinigungskräfte glücklich schätzen - sie arbeiten in einer der wenigen Branchen, in denen die Regierung einen gesetzlichen Mindestlohn eingeführt hat: 7,87 Euro die Stunde im Westen und 6,36 Euro im Osten. Ein Vollzeitbeschäftigter im Reinigungsgewerbe kommt so auf einen Bruttoverdienst von 1000 bis 1250 Euro im Monat. Doch die meisten arbeiten nur Teilzeit.

Wenige Firmen beherrschen den Markt.Häufig stoßen Kontrolleure der Finanzkontrolle Schwarzarbeit auf Firmen, die die Löhne ihrer Arbeitnehmer unter den gesetzlichen Mindestlohn drücken. Diese Unternehmen fordern zum Beispiel von den Reinigungskräften pauschale Leistungen, die in der vorgesehenen Arbeitszeit nicht zu leisten sind. Die Aufzeichnungen über die Arbeitszeiten - eigentlich Pflicht - sind bei Kontrollen dann nicht auffindbar.

Psychologische Tricks
Beliebt seien auch "psychologische Tricks", so Peter Riedel, zuständig bei der IG Bau für das Gebäudereiniger-Handwerk: "Man erklärt den Frauen, sie haben eine Reinigungsleistung innerhalb des Objektes nicht erbracht und setzt sie so dermaßen unter Druck, dass sie diese Reinigungsleistung über ihre Arbeitszeit hinaus erbringen, ohne dafür Geld zu bekommen."


--- Zitat ---Infobox: Mindestlohn
Eigentlich herrscht in Deutschland Tarifhoheit. Das bedeutet: Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände verhandeln unabhängig vom Gesetzgeber über die Tariflöhne. Ein gesetzlicher Mindestlohn gilt nur für Branchen, die in das Arbeitnehmer-Entsendegesetz aufgenommen wurden. Dann nämlich gilt - wie auch in der Baubranche - die unterste Tarifgruppe als Mindestlohn, den nicht nur Firmen zu zahlen haben, die tarifgebunden sind, sondern alle Unternehmen in der Branche.
--- Ende Zitat ---
Der Konkurrenzdruck in der Reinigungsbranche ist hoch. Seitdem 2004 der Meisterzwang aufgehoben wurde, explodierte die Anzahl der Betriebe auf über 25.000, mehr als drei mal so viel wie 2003. Den Markt beherrschen einige wenige große Unternehmen, gerade mal zehn Prozent aller Firmen, die aber fast 90 Prozent des Branchenumsatzes machen.

Alleinerziehende und Ungelernte
Die wenigsten Arbeitnehmer wehren sich gegen die Lohndrücker. Im Reinigungsgewerbe arbeiten mehr als 800.000 Menschen, viele davon alleinerziehende Mütter oder Ungelernte. Die Chance, auf einen anderen Job auszuweichen, haben nur die Wenigsten. "Sie wollen Geld verdienen. Ob sie unbedingt die zwingenden Arbeitsbedingungen kennen, ist eine ganz andere Frage", so Riedel. In manchen Regionen böten sich Menschen an, für vier bis sechs Euro die Stunde zu arbeiten.

Ab dem 1.1.2008 soll der Mindestlohn um 3,5 Prozent erhöht werden, auf 8,15 Euro im Westen und auf 6,58 Euro im Osten. Ob davon alle Reinigungskräfte tatsächlich profitieren, bezweifeln Kritiker.
--- Ende Zitat ---

http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/28/0,1872,7100956,00.html

klaus72:
Dazu möchte ich zu diesem Thread erwähnen, dass die deutsche Reinigungsfirmen kaum deutsche Mitarbeiter / innen einstellt.

Warum wohl ? Die nichtdeutsche Arbeitsnehmer / innen sind "pflegeleichter" als die deutsche Kollegen / innen.

Psychologische Tricks

--- Zitat ---Beliebt seien auch "psychologische Tricks", so Peter Riedel, zuständig bei der IG Bau für das Gebäudereiniger-Handwerk: "Man erklärt den Frauen, sie haben eine Reinigungsleistung innerhalb des Objektes nicht erbracht und setzt sie so dermaßen unter Druck, dass sie diese Reinigungsleistung über ihre Arbeitszeit hinaus erbringen, ohne dafür Geld zu bekommen."
--- Ende Zitat ---

Das ist leider der Standardsatz aus allen Gebäudereinigungsunternehmen !

Alleinerziehende und Ungelernte
--- Zitat ---Die wenigsten Arbeitnehmer wehren sich gegen die Lohndrücker. Im Reinigungsgewerbe arbeiten mehr als 800.000 Menschen, viele davon alleinerziehende Mütter oder Ungelernte. Die Chance, auf einen anderen Job auszuweichen, haben nur die Wenigsten. "Sie wollen Geld verdienen. Ob sie unbedingt die zwingenden Arbeitsbedingungen kennen, ist eine ganz andere Frage", so Riedel.
--- Ende Zitat ---

In diesen Personenkreis sind aber bestimmt keine deutsche Mitarbeiter zu finden !

In der Gebäudereinigungsbranche findet häufig die Sauereien statt, und diese benötigt die ganz besondere "Grundreinigung" unterzogen!

flipper:
hab mir die sendung gespart.

das zdf betreibt immer eine schizophrene mischung von radikal für uns oder radikal gegen uns (in der gleichen sendung!) die mir schlecht bekommt (+zuviel videoschneiderei).

Ziggy:
Ich hab's angeschaut, weil Frau mich vom Chefduzen-PC weglockte mit dem Satz: "Das interessiert dich bestimmt!", und damit meinte sie diesen TV-Beitrag und nicht das, was ihr schon wieder dachtet, ihr Ferkel ...

Unterm Strich war für mich nichts Neues dabei, wir wissen, daß es immer  Mittel und Wege gibt, einen gesetzlichen Mindestlohn zu umgehen, die Praktiken im Reinigungsgewerbe sind bekannt. Da müssen harte Strafen her, und ich meine jetzt nicht nur massiv pekunär, sondern auch Zuchthaus für diese Banditen.

Zum ZDF hab ich auch meine Meinung, dennoch finde ich es wichtig, daß Magazine wie Frontal 21 noch auf Sendung sind, wer weiß, wie lange noch. Kritisch hinterfragender Journalismus wird immer seltener, Aufklärung ist kein gefragtes Gut heutzutage, die Masse will blöd gehalten werden, nix denken, nix wissen, keine Meinung haben, nicht auffallen und Maul halten, stattdessen unsägliche Talk-, "Gerichts"- Game- und Rateshows, bis der Arzt kommt.
Der Satz: "Jedes Volk hat die Regierung, die es verdient!" war selten so wahr wie heute.

Grüße, Ziggy

Wilddieb Stuelpner:
Es ist ein alter Unternehmertrick, daß man Berufsgruppen, wo nur Zeitlohnsysteme mit Besetzungsnormen anwendbar sind, ersetzt durch Objektlohnsysteme mit utopischen Stücklohnvorgaben, wo die Arbeitszeit keine Rolle spielt.

In ähnlicher Weise hatten wir das Problem schon einmal in diesem Bericht im Bereich der Lagerwirtschaft: MDR, Sendung "exakt" vom 07.08.2007: Schuften für ein paar Euro - Wenn der Lohn zum Hohn wird

Neben Anwendung eines branchenbezogenen oder gesetzlichen Mindestlohnes muß man die Anwendung des richtigen Leistungs-, Norm- und Lohnsystems vorschreiben, so daß der Unternehmer keine Chance hat, den Leistungsdruck über ein gesundheitsschädigendes Arbeitstempo und/oder über existenzgefährdende Lohnsätze aufzubauen.

Und da fehlt die Anwendung und Durchsetzung der nötigen arbeitswissenschaftlichen Fachkenntnisse und der Bestimmung von Grenzwerten körperlicher und geistiger Arbeitsbelastung aus Richtung des Gesundheits-, Arbeits- und Brandschutzes.

Mindestlöhne anwenden ist nicht die alleinige Lösung, da daß Problem der erzeugten und aufgezwungenen, erpresserischen Arbeitsbedingungen zu komplex und mit gesundheitlichen Langzeitschädigungen verbunden ist. Arbeitsbedingungen müssen erträglich sein - nicht der Mensch hat sich den vom Unternehmer auferlegten Arbeitsbedingungen unterzuordnen, sondern der Unternehmer hat die arbeitsvertragliche Pflicht zu erfüllen, belastungsarme und keine gesundheitsgefährdende Arbeitsbedingungen zu garantieren.

Will er rentabel arbeiten, dann soll er den Arbeits- und Produktionsprozess über technisch-technologische, organisatorische-personelle Maßnahmen lösen und nicht durch eine Minimierung des Arbeitskräftebestands, verzichtetem Einsatz von Technik und Erhöhung des Arbeitstempos manuell auszuübender Arbeitsgänge.

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