Autor Thema: ... und ab dafür  (Gelesen 145523 mal)

Kuddel

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Re: ... und ab dafür
« Antwort #450 am: 16:28:48 So. 15.März 2020 »
Es ist schon zwei Wochen her, da ist der nicaraguanische Dichter Ernesto Cardenal verstorben. Ich wollte ihm hier einen kleinen Text widmen, denn ich schätzte ihn sehr. Ich hab es aber verbaselt. https://de.wikipedia.org/wiki/Ernesto_Cardenal

Jezt ganz etwas anderes: Genesis Breyer P-Orridge ist gerade gestorben.
Ein wirklich interessanter Kerl, der kulturell und musikalisch Geschichte geschrieben hat. Ich war in den 80ern ziemlich von den Socken, was für einen radikalen Kram er mit Throbbing Gristle gemacht hat. Live gesehen habe ich ihn erst mit seinem nächsten Projekt Psychic TV. Ein Freundin von mir in London war im Temple of Psychic Youth und kannte ihn gut. Ich wollte ihn auch kennenleren, hat aber nicht geklappt.

Doch, sein Zeug war teilweise bahnbrechend. Ich nehme mal an, daß Internet wird anläßlich seines Todes überquellen mit Lobeshymnen. Ich zitiere hier mal aus dem heutigen Wiener "Standard":
Zitat
1950–2020
"Throbbing Gristle"-Gründer Genesis Breyer P-Orridge gestorben

Zum Tod des radikalen und zentralen britischen Performance- und Körperkünstlers, der mit seiner Band Throbbing Gristle die Industrial Music mitbegründete


"When in doubt, be extreme." (Genesis P-Orridge)

"These people are the wreckers of civilisation" (Der konservative Abgeordnete Nicholas Fairbairn 1976 im britischen Parlament)

Genesis P-Orridge zählte zwar Zeit seines Lebens zur Undergroundkultur. Das bedeutete, dass Kunst für den am 22. Februar 1950 als Neil Andrew Megson geborenen Briten immer auch eine tatsächlich existenzielle Angelegenheit fernab gut dotierter "High Brow"-Kunst und "Avantgarde"-Festivals bedeutete.

Ab Ende der 1960er-Jahre mit dem radikal-experimentellen Künstler-/Performance-Kollektiv COUM Transmissions und später bis Anfang der 1980er-Jahre mit der Band Throbbing Gristle ("pulsierender Knorpel", umgangssprachlich für "erigierter Penis") gehörte Genesis P-Orridge unter diesem früh gewählten Künstlernamen aber zu den definitiv einflussreichsten Figuren der Popkultur des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Stichwort: "Industrial Music for industrial people."
lelliesandremains

Ausgehend von der Beschäftigung mit gesellschaftlichen Tabus arbeiteten sich Throbbing Gristle an allem ab, was gegen die guten Sitten und den dazugehörigen Geschmack verstieß. Throbbing Gristle als dezidierte Antimusiker, die dem Rock das Rollen austreiben wollten, produzierten aggressive elektronische Experimente zwischen harschen rhythmischen Tonband-Manipulationen, Musique Concrète, weißem Rauschen und einer später im Punk perfektionierten Lust an der Provokation.

Dazu dienten dem weitgehend emotionslos sprechsingendem Frontmann Genesis P-Orridge sowie den Bandmitgliedern, der ehemaligen Sexarbeiterin Cosey Fanni Tutti, dem heimlichen Musiker Chris Carter und Peter "Sleazy" Christopherson (der als ehemaliges Mitglied des Designteams Hipgnosis Cover für Pink Floyd oder Genesis gestaltete) auch eine weitere Schocktaktik: Throbbing Gristle setzten bei ihren absurd lauten und magenumdrehenden Live-Shows auf die Verwendung faschistischer Symbole und schockierende Fotos aus den Konzentrationslagern der Nazis sowie auf Pornografie, Selbstverstümmelung und die Beschäftigung mit grimmigem Okkultismus.

Dunkle und verstörende Antimusik

Obwohl das heute mit dem historischen Abstand und auch angesichts später nachkommender noch härterer Bandagen von diversen Throbbing-Gristle-Schülern aus der Abteilung "Power Electronics" manchmal fast lieb und lieblich klingt: Viel dunkler und verstörender als mit Stücken wie "Zyklon B Zombie", "Hamburger Lady", "Something Came Over Me" oder "Discipline" und Alben wie "The Second Annual Report" und "20 Jazz Funk Greats" ist Musik im ausgehenden 20. Jahrhundert nicht geworden. Pardon, Antimusik.

1981 brachen Throbbing Gristle aus privaten Gründen auseinander. Genesis P-Orridge machte mit Peter Christopherson und Produzent Alex Fergusson mit wechselnden Musikern unter dem Namen Psychic TV und psychedelischen, ja, sogar balladesken Alben wie "Force The Hand Of Chance" (1982) und "Dreams Less Sweet" (1983) weiter.


Parallel dazu wurde mit "Thee Temple ov Psychick Youth" eine (ursprünglich möglicherweise ironisch gemeinte) sektenähnliche Organisation für Fans der Band gegründet, die mit dem üblichen Brimborium eines Aleister Crowley oder "Chaos Magick" vor allem auch der sexuellen Selbstverwirklichung diverser Mitglieder diente. Psychic TV und später PTV begannen sich früh für Acid House und die Ravekultur zu interessieren, davon künden auch an die hundert drogeninduzierte Liveplatten im Sinne von Prototechno.

Anfang der 1990er-Jahre verliess Genesis P-Orridge den "Temple". Nach einem öffentlichen Skandal wegen unterstellter satanistischer Rituale und Kindesmissbrauchs in Großbritannien, die sich allesamt als unwahr erwiesen, übersiedelte er nach New York. Dort heiratete er in zweiter Ehe die ehemalige Domina Jacqueline Mary Breyer alias Lady Jane. Ihr gemeinsames "Pandrogeny Project" sollte das Paar über zahllose Body-Modification-Operationen zu einer "pansexuellen", auch physisch nicht unterscheidbaren Einheit verschmelzen.

Musikalisch produzierte man unter dem Namen PTV3 eher unspektakulären Rock im Stile der 1960er-Jahre unter besonderer Berücksichtigung von The Velvet Underground. Nach dem Krebstod von Lady Jane im Jahr 2007 machte Genesis, nun als Genesis Breyer P-Orridge, mit diesem Projekt weiter. Aus finanziellen Gründen wurden während der Nullerjahre sogar Throbbing Gristle für einige Jahre lustlos reformiert.

Ab 2010 zog sich Genesis Breyer P-Orridge jedoch zunehmend aus der Musik und Öffentlichkeit zurück. Nun ist er in New York seiner mehrjährigen Leukämieerkrankung erlegen. Er wurde 70 Jahre alt. (Christian Schachinger, 15. 3. 2020)
https://www.derstandard.de/story/2000115763529/throbbing-gristle-gruender-genesis-breyer-p-orridge-1950-2020 (mit Videolinks!)

https://de.wikipedia.org/wiki/Genesis_P-Orridge



Kuddel

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Re: ... und ab dafür
« Antwort #451 am: 18:12:37 Di. 24.März 2020 »
Albert Uderzo: Asterix-Zeichner ist gestorben.


Tiefrot

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Re: ... und ab dafür
« Antwort #452 am: 18:33:12 Di. 24.März 2020 »
Jetzt passt keiner mehr auf, das Asterix &Co. nicht völlig verwurstet werden.
Oder gar komplett in Vergessenheit geraten...  :'(
Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
Seht in den Lohnspiegel, und geht nicht drunter !

Wie bekommt man Milllionen von Deutschen zum Protest auf die Straße ?
Verbietet die BILD und schaltet Facebook ab !

Troll

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Re: ... und ab dafür
« Antwort #453 am: 19:20:54 Di. 24.März 2020 »
Dieses Gefühl bekam ich schon nach dem Tod von Goscinny, vielleicht war es auch nur der allgemein lautere Stil der Modern wurde und mir nicht gefallen hat.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
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Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

Fritz Linow

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Re: ... und ab dafür
« Antwort #454 am: 20:48:08 Di. 24.März 2020 »
Gabi Delgado

Wer tanzt jetzt den Mussolini?

ManOfConstantSorrow

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Re: ... und ab dafür
« Antwort #455 am: 14:23:22 Do. 02.April 2020 »

Manolis Glezos

Zitat
Mit tiefer Trauer müssen wir mitteilen, dass Anfang dieser Woche im Alter von 97 Jahren der griechische Widerstandskämpfer Manolis Glezos verstorben ist. Er war zuvor in ein Krankenhaus eingeliefert worden, weil er Atembeschweren und Schmerzen im Brustbereich hatte. Glezos war bis ins hohe Alter politisch aktiv. Bekannt geworden war er einer breiten Öffentlichkeit, als er gemeinsam mit Apostolos Sandas bei einer lebensgefährlichen Aktion am 30. Mai 1941 die Hakenkreuzfahne von der Athener Akropolis eingeholt hatte. Es war eine symbolträchtige Widerstandstat gegen die deutschen Besatzer. Diesem Beispiel schlossen sich damals viele Griechen an. Bis in die Gegenwart hinein galten Glezos und Santas seither als Symbol des Widerstandes der Völker gegen faschistische Fremdherrschaft und Unterdrückung. Während des Krieges wurde er mehrfach verhaftet und gefoltert. Sein jüngerer Bruder wurde von den Besatzern hingerichtet. Nach der Befreiung des Landes von der faschistischen Okkupation leitete Glezos zunächst die KP-Zeitung „Rizospastis“ als Chefredakteur. Die Zeitung wurde im Dezember 1947 verboten; 1948 wurde er wegen dieser Tätigkeit zum Tode verurteilt; auf Grund starker Proteste, die vor allem auch aus dem Ausland kamen, wurde dieses Urteil nicht vollstreckt. Erst im Juli 1954 wurde Glezos freigelassen. In den Folgejahren erhielt er wegen seiner politischen Betätigung weitere langjährige Haftstrafen. Unmittelbar nach dem Militärputsch am 21. April 1967 wurde er erneut ins Gefängnis gesteckt. Erst 1971 kam er durch eine Generalamnestie frei. Insgesamt wurde er 28 Mal wegen seiner politischen Aktivitäten verurteilt, darunter dreimal zum Tode…
https://www.labournet.de/?p=168607
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Onkel Tom

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Re: ... und ab dafür
« Antwort #456 am: Gestern um 10:31:24 »
Scheiße.. Er hätte uns bestimmt interessante Erfahrungen vermitteln können, die für die Zukunft wichtig sind..
Lass Dich nicht verhartzen !