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Privatisierung, Pädagogische Betreuung & 1€-Jobs

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Eivisskat:

--- Zitat ---
Löcher stopfen mit Ein-Euro-Jobbern
»Rot-rot« konkret: Berlins Kita-Eigenbetriebe leiden unter strukturellem Personalmangel

Die »rot-rote« Berliner Landesregierung hat auch im Bereich der frühkindlichen Betreuung ganze Arbeit geleistet. Nur noch 15 Prozent der Betreuungsplätze werden von der öffentlichen Hand betrieben, viele Einrichtungen befinden sich in einem maroden baulichen Zustand, und in etlichen Kindertagesstätten herrscht struktureller Personalnotstand.

Dennoch zog die ver.di-Landesvorsitzende von Berlin und Brandenburg, Susanne Stumpenhusen, am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin eine überwiegend positive Bilanz für die vor zwei Jahre gegründeten Kita-Eigenbetriebe im Land Berlin (KEB). In fünf Regionalverbünden wurden die verbliebenen 280 städtischen Kitas mit 5000 Beschäftigten und rund 30000 Plätzen, die vorher von den Bezirksämtern verwaltet wurden, zusammengefaßt. Mittels der effizienten Struktur der KEB habe man belegt, daß öffentliche Einrichtungen sowohl bei der Wirtschaftlichkeit als auch der pädagogischen Qualität »locker mit den Privaten mithalten können«, so Stumpenhusen. Während die »Vorläuferorganisation« ÖTV Kita-Privatisierungen generell als »Teufelswerk« abgelehnt habe, sei man jetzt bereit, »sich dem Wettbewerb zu stellen«.

Allerdings räumte die ver.di-Landeschefin ein, daß die Personalsituation mittlerweile unerträglich ist. Einer der maßgeblichen Gründe dafür ist der sogenannte Anwendungstarifvertrag, den der »rot-rote« Senat im Rahmen seiner »Sparpolitik« 2003 gegen die Gewerkschaften durchsetzte. Mit der Drohung, andernfalls betriebsbedingte Kündigungen im fünfstelligen Bereich auf den Weg zu bringen, wurde den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes von SPD und Linkspartei in Berlin eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei gleichzeitigen Lohneinbußen von bis zu 12 Prozent verordnet.

 Das führt in der Praxis dazu, daß beipielsweise in Kindertagesstätten trotzdem viele Beschäftigte zeitweilig 38 Stunden arbeiten, um die zwingend vorgeschriebenen Aufgaben bewältigen zu können, die Mehrarbeitsstunden jedoch zeitnah »abbummeln« müssen. Pro Vollzeitkraft summiert sich das auf 25 Ausfalltage pro Jahr. Notdürftig gestopft werden diese Löcher auf verschiedene Weise. Kräfte, die eigentlich als »überflüssig« gelten und im »Stellenpool« des Landes geparkt wurden, erhalten Zeitverträge, und zwar nicht selten in jenen Einrichtungen, in denen sie früher eine reguläre Stelle hatten.

 Auf dem Vormarsch ist auch die Beschäftigung von Leiharbeitern, deren Bezahlung natürlich weit unter den tariflichen Standards für öffentlich Bedienstete liegt. In vielen Kindertagesstätten ist zudem der Einsatz von sogenannten Ein-Euro-Jobbern inzwischen alltäglich. Offiziell dürfen diese nur für zusätzliche Aufgaben eingesetzt werden. In der Praxis verrichten sie aber reguläre Dienste im hauswirtschaftlichen und auch pädagogischen Bereich. Das ist zwar rechtswidrig, wird aber von den Leitungen der KEB angesichts der gravierende Personalnöte geduldet.

Auch beim Senat kennt man diese Praxis. Wohl auch deswegen soll den Personalräten laut einem Gesetzentwurf der Landesregierung auch weiterhin jegliche Mitbestimmung beim Einsatz von Ein-Euro-Jobbern verwehrt bleiben. Sowohl über diese Frage als auch über die personelle Ausstattung der städtischen Kitas will Stumpenhusen mit dem Senat »ernsthafte Gespräche führen« und »den Druck erhöhen«. Wie das genau aussehen soll, wurde am Dienstag nicht erläutert.

http://www.jungewelt.de/2008/01-23/059.php


--- Ende Zitat ---

Warum wird das von den Eltern/der Gesellschaft so hingenommen, warum geben die/wir sich mit unqualifizierter, schlechtbezahlter, befristeter Betreuung ihrer Kinder in dieser wichtigen Lebensphase zufrieden?  ?(

Hartzbeat:
@ Eivisskat,
danke für diese Information. Zu Deiner Frage, falls Du sie ernsthaft stellst...

--- Zitat ---Warum wird das von den Eltern/der Gesellschaft so hingenommen, warum geben die/wir sich mit unqualifizierter, schlechtbezahlter, befristeter Betreuung ihrer Kinder in dieser wichtigen Lebensphase zufrieden?
--- Ende Zitat ---

... möchte ich bemerken:

- Vielleicht kommt das davon, weil die Eltern dieser Gesellschaft selbst davor eine oft mehr oder minder qualifizierte Erziehung durch ihre Eltern genossen haben?
 
- Vielleicht meint man, immer selbst in der Lage zu sein, das Richtige (per natürlicher Mutter-/Vaterliebe und -instinkten) für's eigene Kind entscheiden können bzw. zu wissen, was man für es tut?
Per se ist ja jeder dazu legitimiert, Elternführerscheine sind rein freiwillig erwerbbar.

- Vielleicht aber auch nur, weil man sich genügend informiert und selbst dazu lernen möchte und gerne "glauben" möchte, dass andere sich schon "gut" um die Kinder kümmern werden?

Wir sind allesamt recht merkwürdig verblödet - warum sollte es unseren Kindern anders ergehen?
Aber vielleicht wäre die eigene Bildung und damit Urteisfähigkeit erwerben das Beste, was man an seine Kinder weitergeben kann und diese für ein zukünftiges Leben echt und richtig weiterqualifizieren würde?

fragt sich Hartzbeat

Eivisskat:
Ja, die Frage war schon ziemlich ernsthaft gestellt... :)

Genauso könnte ich fragen: Warum akzeptieren wir z.B., daß unsere Briefträger so schlecht bezahlt werden, schätzen wir deren Arbeit als so unwichtig ein, ist es uns egal, wenn unsere Post nicht mehr ankommt, das wir darüber hinwegsehen.

Oder warum akzeptieren wir, daß unsere Alten in überteuerten Pflegeeinrichtungen abgezockt und misshandelt werden?

Warum sind alle wichtigen Aufgaben in einer Gesellschaft, Busfahrer, Erzieher, Müllarbeiter, Kassiererinnen, Verkäuferinnen, Altenpfleger... usw. usw. plötzlich zu Billigjobs & prekären Arbeiten degradiert worden und wir finden das normal?

Warum lassen wir zu, daß dieses Land verelendet, dass (ehemals) wichtige Posten/Arbeitsplätze im öffentlichen & sozialen Dienst (und das ist ein sehr umfangreiches Gebiet) mit 1/2 Stellen, 400€-Jobs, Fristverträgen, EEJobbern erledigt werden?

Wieso sollen die wichtigsten Dinge in unserem Leben prekär und schlecht honoriert sein?

So schätzen wir uns ein ? So wenig ist uns unser Leben, unsere Familie, unsere Umwelt wert, dass wir das so akzeptieren. ?(

Ich würde mir neues Selbst-bewußt-sein wünschen, dann klappts vielleicht mit der Umkehr und/oder Neugestaltung in diesem Land.
LG

Sektsauferle:

--- Zitat ---Original von Eivisskat

--- Zitat ---
Löcher stopfen mit Ein-Euro-Jobbern
»Rot-rot« konkret: Berlins Kita-Eigenbetriebe leiden unter strukturellem Personalmangel

Die »rot-rote« Berliner Landesregierung hat auch im Bereich der frühkindlichen Betreuung ganze Arbeit geleistet. Nur noch 15 Prozent der Betreuungsplätze werden von der öffentlichen Hand betrieben, viele Einrichtungen befinden sich in einem maroden baulichen Zustand, und in etlichen Kindertagesstätten herrscht struktureller Personalnotstand.

Dennoch zog die ver.di-Landesvorsitzende von Berlin und Brandenburg, Susanne Stumpenhusen, am Dienstag auf einer Pressekonferenz in Berlin eine überwiegend positive Bilanz für die vor zwei Jahre gegründeten Kita-Eigenbetriebe im Land Berlin (KEB). In fünf Regionalverbünden wurden die verbliebenen 280 städtischen Kitas mit 5000 Beschäftigten und rund 30000 Plätzen, die vorher von den Bezirksämtern verwaltet wurden, zusammengefaßt. Mittels der effizienten Struktur der KEB habe man belegt, daß öffentliche Einrichtungen sowohl bei der Wirtschaftlichkeit als auch der pädagogischen Qualität »locker mit den Privaten mithalten können«, so Stumpenhusen. Während die »Vorläuferorganisation« ÖTV Kita-Privatisierungen generell als »Teufelswerk« abgelehnt habe, sei man jetzt bereit, »sich dem Wettbewerb zu stellen«.

Allerdings räumte die ver.di-Landeschefin ein, daß die Personalsituation mittlerweile unerträglich ist. Einer der maßgeblichen Gründe dafür ist der sogenannte Anwendungstarifvertrag, den der »rot-rote« Senat im Rahmen seiner »Sparpolitik« 2003 gegen die Gewerkschaften durchsetzte. Mit der Drohung, andernfalls betriebsbedingte Kündigungen im fünfstelligen Bereich auf den Weg zu bringen, wurde den Beschäftigten des öffentlichen Dienstes von SPD und Linkspartei in Berlin eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei gleichzeitigen Lohneinbußen von bis zu 12 Prozent verordnet.

 Das führt in der Praxis dazu, daß beipielsweise in Kindertagesstätten trotzdem viele Beschäftigte zeitweilig 38 Stunden arbeiten, um die zwingend vorgeschriebenen Aufgaben bewältigen zu können, die Mehrarbeitsstunden jedoch zeitnah »abbummeln« müssen. Pro Vollzeitkraft summiert sich das auf 25 Ausfalltage pro Jahr. Notdürftig gestopft werden diese Löcher auf verschiedene Weise. Kräfte, die eigentlich als »überflüssig« gelten und im »Stellenpool« des Landes geparkt wurden, erhalten Zeitverträge, und zwar nicht selten in jenen Einrichtungen, in denen sie früher eine reguläre Stelle hatten.

 Auf dem Vormarsch ist auch die Beschäftigung von Leiharbeitern, deren Bezahlung natürlich weit unter den tariflichen Standards für öffentlich Bedienstete liegt. In vielen Kindertagesstätten ist zudem der Einsatz von sogenannten Ein-Euro-Jobbern inzwischen alltäglich. Offiziell dürfen diese nur für zusätzliche Aufgaben eingesetzt werden. In der Praxis verrichten sie aber reguläre Dienste im hauswirtschaftlichen und auch pädagogischen Bereich. Das ist zwar rechtswidrig, wird aber von den Leitungen der KEB angesichts der gravierende Personalnöte geduldet.

Auch beim Senat kennt man diese Praxis. Wohl auch deswegen soll den Personalräten laut einem Gesetzentwurf der Landesregierung auch weiterhin jegliche Mitbestimmung beim Einsatz von Ein-Euro-Jobbern verwehrt bleiben. Sowohl über diese Frage als auch über die personelle Ausstattung der städtischen Kitas will Stumpenhusen mit dem Senat »ernsthafte Gespräche führen« und »den Druck erhöhen«. Wie das genau aussehen soll, wurde am Dienstag nicht erläutert.

http://www.jungewelt.de/2008/01-23/059.php


--- Ende Zitat ---

Warum wird das von den Eltern/der Gesellschaft so hingenommen, warum geben die/wir sich mit unqualifizierter, schlechtbezahlter, befristeter Betreuung ihrer Kinder in dieser wichtigen Lebensphase zufrieden?  ?(
--- Ende Zitat ---

persönlich kann ich nur eins dazu sagen, ICH HABE KEINE ANDERE WAHL!

ich sitze im gleichen leihdreck, habe kaum betreuungsmöglichkeiten, kann mir nicht leisten aufzumucken, und es gibt weit und breit nur eine tagesstätte, so sieht die realität aus.

Hartzbeat:
@ Eivisskat,

--- Zitat ---[...] So schätzen wir uns ein ? So wenig ist uns unser Leben, unsere Familie, unsere Umwelt wert, dass wir das so akzeptieren.  
Ich würde mir neues Selbst-bewußt-sein wünschen, dann klappts vielleicht mit der Umkehr und/oder Neugestaltung in diesem Land. [...]
--- Ende Zitat ---

Du siehst also die Ursache in einer Art Mangel im "Selbst-bewusst-sein"?
Das mag unter Umständen vielmals der Grund sein, warum sich Menschen das alles "bieten" lassen. Dennoch möchte ich den Gedanken weiter fassen.

Die meisten von uns bemerken die Misére doch auch - sie fühlen, sehen es, können es zählen und anfassen, was ihnen geschieht. Noch haben sie den Vergleich, wie es vor etwa 20 oder 10 Jahren war - und erleben nun extreme Unterschiede im alltäglichen Leben - oder nicht?

Es kann also daher nicht nur eine Frage, ob sie das bemerken - also es ihnen selbst "bewusst" ist, sein, meine ich.

Könnte es auch sein, dass sie - obwohl sie es bemerken - nicht ändern, weil sie keinen Weg einer Änderung für sich oder andere sehen? Eine Art "Ohnmacht"sgefühl, dass sie glauben macht, die Missstände nicht angehen zu können, weil ihnen die richtigen Mittel oder Ideen fehlen?

Diese Ohnmacht lähmt und lässt die Dinge laufen, obgleich man sich die Dinge bewusst gemacht hat. Und das erkenne ich auch an der Aussage von Sektsauferle...


--- Zitat ---Sektsauferle, persönlich kann ich nur eins dazu sagen, ICH HABE KEINE ANDERE WAHL!
ich sitze im gleichen leihdreck, habe kaum betreuungsmöglichkeiten, kann mir nicht leisten aufzumucken, und es gibt weit und breit nur eine tagesstätte, so sieht die realität aus.
--- Ende Zitat ---

@ Sektsauferle,
Dir ist, wie ich sehe, durchaus bewusst, dass ein Mangel herrscht. Aus dem "ICH HABE KEINE ANDERE WAHL!" ist doch unschwer zu erkennen, dass sich bereits Gedanken dazu gemacht wurden - es ist also keine Frage von Selbstbewusstsein, eher ein Mangel an Alternativen, eine Kinderbetreuung zu finden, die passend wäre. Deshalb muckt man nicht auf und das scheint erstmal recht klug zu sein, um wenigstens "einen" Betreuungsplatz zu erhalten. Besser als keiner!

Eine Alternative böte, dass man sich mit anderen Eltern per Freundes- und Bekanntenkreis, Internet, Annonce etc. zusammen tut und sich Gedanken um eine andere Betreuung macht. Die Vernetzung ist ja möglich, wird aber oft übersehen, weil es etwas Eigeninitiative bedarf und auch etwas Arbeit macht. Möglich wäre es jedoch schon. Möglicherweise könnte man gemeinsam auch eine gute - vielleicht sogar pädagogisch ausgebildete, selbstgewählte Tagesmutter organisieren und auch bezahlen. Hier hat - meines Erachtens - die Ohnmacht mehr Anteil als fehlendes Selbstbewusstsein.

Also, liebe Sektsauferle - gib einen Hilferuf auf und schaff Dir Deine eigene gute Kinderbetreuungsmöglichkeit, die gut für Dein Kind ist und auch Dein bisschen Geld redlich verdient.... Vielleicht geht das ja in Deinem Falle?

Viel Erfolg dabei wünscht Dir
Hartzbeat

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