Sozial & Gesundheitswesen > Gesundheitswesen

Tarifsituation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

(1/10) > >>

Kollege1968:
Einige Gedanken zur derzeitigen Tarifauseinandersetzung am UK-SH

Das Angebot der "Arbeitgeberseite" (wer gibt hier eigentlich seine Arbeit und wer nimmt sie?) ist ein Hohn: alles wird teurer und zuerst sollten wir auf bis zu 30 % Gehalt verzichten. Ver.di nannte das eine "Provokation", wir halten es für Berechnung. Derzeit hören sich die jetzt angebotenen 2,9 % Gehaltserhöhung (bei Verzicht auf das Urlaubs- und Weihnachtsgeld) schon "besser" an (nach jedem "Horrorszenario" klingt das kleinere "Horrorszenario" angehemr, halt die Logik des "kleineren Übels";). Daß zwar über die finanzielle Seite viel geredet wird, aber wenig über die Arbeitszeiten, den Urlaubsanspruch oder die Arbeitsbedingungen läßt einiges erahnen (auch bei den "Aktiven Mittagspausen" wurde zwar davon geredet, daß ver.di gegen Ausgründungen und Privatisierung, für Beschäftigungssicherung und einen einheitlichen Tarifvertrag sei, aber davon, daß ver.di z.B. für die Beibehaltung der bisherigen Arbeitszeit sei, davon war nie die Rede - so enthielt der Stimmzettel zur Urabstimmung nur die Punkte: gegen Privatisierung, Beschäftigungssicherung und einheitlicher Tarifvertrag).

„Wir können alles Mögliche gebrauchen ...“ ... nur keinen Streik!
Der Vorstand hat sicherlich Angst vor einem Streik. Chef-Sanierer Schleifer (der Name ist Programm!) ließ verlauten: "Ein Streik erschwert nur die an sich wirtschaftlich schwierige Situation des Universitätsklinikums und gefährdet die Sanierung." Ziel der Politik des Vorstandes dürfte sein, das UK S-H auch zukünftig auf Kosten der Belegschaft und der Patientinnen und Patienten zu "sanieren". Am Ende wird die Privatisierung stehen: bis dahin müssen die Personalkosten (also der Preis unserer Arbeitskraft) gesenkt werden und dazu sind die derzeitigen Tarifverhandlungen ein Mittel. Der Stellenabbau und die damit verbundene Arbeitsverdichtung sind uns allen bekannt und Grund zu alltäglichem Frust und Überstunden. Dabei ist klar: nicht unsere Forderungen oder die von ver.di nach mehr Gehalt gefährden das Klinikum, sondern die Politik (Situation der Ungewißheit, mangelnde Informationen, Stellensperre, stets neue "Horrorszenarien", etc.) des Landes und des Vorstandes gefährdet die Patientenversorgung und das reibungslose Funktionieren des Betriebes. Diese Politik geht seit Jahren (u.a. Gehaltsverzicht seit 2004) auf unsere Kosten und gefährdet nicht nur die Gesundheit der Patientinnen, sondern auch die der Kolleginnen und Kollegen (vom "Klima" und den Arbeitsbedingungen ganz zu schweigen). Die Kolleginnen und Kollegen in den Bereichen IT, Beschaffung oder FM wissen ein Lied zu singen von den immer neuen Plänen zu Ausgründung oder Privatisierung.

Vorsicht vor allzuviel Enthusiasmus!
Von Ver.di sind aus dem Mund von ver.di-Verhandlungsführer Stefan Kühhirt markige Worte zu hören (nicht nur auf der Personalversammlung in der MUK). Wir fragen uns aber, ob diese Worte nicht der allgemeinen Stimmung geschuldet sind. Ver.di weiß genau, daß die Stimmung unter den Kolleginnen und Kollegen schlecht ist: an uns allen sind die Preiserhöhungen, seien es die Lebensmittelpreise, die Erhöhungen der Tarife beim Stadtverkehr und bei Energie Wasser (so soll der 1. Preiserhöhung vom August 2007 nun die 2. am 1. April 2008 folgen), die steigenden Heizkosten, ... nicht vorbeigegangen. Die derzeitige Streikforderung, das sich-stark-für-die-Belegschaft-machen ist die beste Werbung für ver.di. So nutzt ver.di die allgemeine Stimmung aus: die Zahl der zahlenden Mitglieder am UK S-H ist sprunghaft angestiegen und hat sich fast verdoppelt (?). Die Stimmung brodelt, aber es könnte beim Dampfablassen bleiben. Kühhirt hatte bereits im Interview mit den Lübecker Nachrichten vom 6. Februar 2008 "Verhandlungsbereitschaft" und Bereitschaft zu Zugeständnissen signalisiert: „Beim Tarifthema ist, glaube ich, eine Lösung möglich. Doch ein Abschluß ist für und nur machbar, wenn wir bei den anderen beiden Themen [gemeint sind hier die Arbeitsplatzsicherung bis 2015 und die Verhinderung der Privatisierung!] Klarheit haben.“

Ver.di war es, die eine Umwandlung in eine GmbH vorgeschlagen hat und hat damit beweisen, daß es enormen Spielraum für Verhandlungen geben kann, wenn ver.di nur mit am Verhandlungstisch sitzt und einen Tarifvertrag mit abschließen darf. Wir halten die Privatisierung auch nicht für eine Alternative zum jetzigen staatlichen Betrieb. Derzeit ist es nicht gut, durch eine Privatisierung wird es für uns nicht besser! Die Alternative liegt jenseits von jetzigem Status Quo und Privatisierung. Wir müssen sehen, daß die Gesundheit längst eine Ware wie die Arbeitskraft oder Zitronen ist. Die Frage ist nur, ob wir dies so wollen und was wir dagegen tun können!

Ver.di will, so Kühhirt, "einen Basistarifvertrag für alle Mitarbeiter aushandeln - und für verschiedene Bereiche gibt es dann unterschiedliche Entgelte" (LN, 6. Februar 2008). Gewerkschaftlich patentiertes Lohndumping und gewerkschaftlich abgesegnete Ungleichbehandlung bedeutet das (wie heißt es da so schön von ver.di "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit!"?)! Warum sollten wir dem zustimmen und ein Lohndumping nur deshalb akzeptieren, weil es von ver.di abgesegnet wäre?

Sie haben ihre Sachzwänge, wir haben die unseren!
Wer sich auf die Logik des Vorstandes einläßt, hat schon verloren. Sicher hat das Klinikum Schulden und schreibt rote Zahlen. Diese Schulden haben ihre Ursachen und die roten Zahlen sind - wie wir alle wissen - von der Politik mitverursacht und mitzuverantworten (niedrige schleswig-holsteinische Base-Rate, sinkende Landeszuschüsse, etc.). Unsere Kosten (= unsere "Sachzwänge";) steigen nicht erst seit 2007 und der Euroeinführung 2002! Der Gehaltsverzicht und die "Nullrunden" seit 2004 aufgrund des "Beschäftigungspaktes" haben unsere (persönliche!) Haushaltslage nicht verbessert. Saniert haben sich bisher etliche Beratungsfirmen wie Roland Berger, Deloitte & Touche oder KPMG. Die Ärztinnen und Ärzte am UK-SH haben ab 1. Januar 2008 mittels des Tarifvertrag Land und Ärzte (TV-L und TV-Ä) bis zu 10 % mehr Gehalt bekommen (dies war für den Vorstand kein "Thema";). Hierfür war stets Geld da, wie auch für die "Rettung" der landeseigenen HSH Bank (750 Millionen Euro), den Afghanistan-Krieg oder die Senkung der Spitzensteuersätze ... Die Kassen des Bundes sowie der Krankenkassen sind erstmals seit Jahren wieder voll und es werden Überschüsse erwirtschaftet. Wir sind nicht länger bereit zu verzichten! Die falsche Bescheidenheit muß ein Ende haben! Unsere Vermieterinnen, Bäckerinnen oder Kindergärtnerinnen werden uns die Kosten auch nicht erlassen oder vermindern, nur weil wir weniger verdienen oder beim UK-SH beschäftigt sind!

Lassen wir uns nichts vormachen!
Ver.di wird alles dran setzen, Gesprächspartner des Vorstandes zu bleiben. Verbalem "Radikalismus" (nichts anders ist die Drohung mit dem Streik!) wird schon bald gewerkschaftliche Realpolitik und gewerkschaftspolitischer Realismus folgen: So wie wir den "Beschäftigungspakt" mit seinen finanziellen Einbußen für alle Teile der Belegschaft (welchen "Beitrag" und Verzicht hat eigentlich der Vorstand geleistet?) dem "Verhandlungsgeschick" zu verdanken haben, so haben wir es auch dem "Widerstand" von ver.di zu verdanken, daß es längst erste Ausgründungen gibt: Service GmbH, BIZ, ZIP.

Im 2007 mit dem Vorstand verhandelten Tarifvertrag Uniklinken Nord (TV UK-N) war z.B. die Erhöhung der Arbeitszeit auf 39 Stunden vorgesehen, gebilligt von ver.di. Ansonsten war der TV UK-N am TV-L orientiert, der uns erhebliche Verschlechterungen (nicht nur die Arbeitszeit und Öffnungsklauseln betreffend) bringen würde.

Ver.di zeigt Verhandlungsbereitschaft und Bereitschaft zu Zugeständnissen (siehe oben und auch die möglichen Schlichtungsverhandlungen), wo es unserer Meinung nach keine geben kann und darf! Seien wir auf der Hut: Nicht, daß am Ende ver.dis größte Sorge ist, eine eventuelle (und vom Land sicher geplante und von den Klinikkonzernen Rhön, Asklepios, Sana, etc. sehnlichst erwartete) Privatisierung möglichst "sozial" zu gestalten! Eine Neuauflage des "Beschäftigungspaktes" (egal unter welchem Namen dieser firmieren würde: abgesenkter TV-L, Zugeständnisse, etc.) bereitet diesem Vorhaben auf jeden Fall den Weg! Auch ein von ver.di abgeschlossener und ausgehandelter bescheidener Tarifvertrag bleibt ein bescheidener Tarifvertrag!

Überhaupt, machen wir uns nichts vor: Jedes Prozent, usw., das uns der Vorstand und das Land zugestehen werden, werden sie uns in anderer Variante wieder wegnehmen (sei es mittels Arbeitsverdichtung, evtl. Verlängerung der Arbeitszeiten, Verringerung des Urlaubsanspruches, usw.).

Aber seien wir ehrlich: Nur meckern bringt nichts. Es liegt auch an uns, wenn der Vorstand mit ver.di einen faulen Kompromiß aushandeln kann (aber seien wir mal ehrlich, welcher dieser Kompromisse ist nicht faul?)! Es liegt auch an uns, wenn es nur beim Dampfablassen bleibt! Es liegt auch an uns, wenn wir nur meckern und noch nicht einmal an einer "Aktiven Mittagspause" an einer Protestdemonstration oder an einem Warnstreik teilnehmen. Wenn wir all das zulassen, dürfen wir uns später nicht wundern! Stellen wir Kühhirt unsere, wenn auch unbequemen Fragen, lassen wir ver.di und den Vorstand wissen, daß wir klare Vorstellungen und Forderungen haben und seien wir so selbstbewußt sie auch zu äußern – auch wenn es beiden nicht passen sollte! Lassen wir beide wissen, daß wir zu keinen Zugeständnissen bereit sind und keinen faulen Kompromiß akzeptieren werden!

Vielleicht sollten wir uns auch von dem Konkurrenzdenken (Kiel-Lübeck) verabschieden: die "Sanierung" wird auf unser aller Kosten erfolgen, egal ob Kieler Kollegin oder Lübecker Kollege. Wenn wir uns gegenseitig den "schwarzen Peter" zuschieben, gehen die Energien verloren, die wir gemeinsam für unsere Zukunft besser nutzen könnten!

Verzicht hat stets zu noch mehr Verzicht geführt! Schluß mit der falschen Bescheidenheit! Schenken wird man uns nichts! Je weniger wir fordern, um so weniger werden wir erhalten! Wir kriegen nur, wofür wir kämpfen! Vertrauen wir weder dem vorstand noch ver.di! Vertrauen wir unsrer eigenen Stärke - ohne uns ist das UK-SH, ist auch ver.di nichts!

Staubsaugervertreter verkaufen Staubsauger, Versicherungsvertreter verkaufen Versicherungen, warum sollten ausgerechnet Volks- oder Arbeitervertreter aus der Art schlagen?

Einige kritische Kolleginnen und Kollegen am UK-SH, in- und außerhalb von ver.di
13. März 2008

Kuddel:
Mal ein paar Fragen dazu:

"Einige kritische Kolleginnen und Kollegen am UK-SH, in- und außerhalb von ver.di"

Gibt es da einen Stammtisch oder ist's ein Treffen im eher privaten Rahmen?

Wurde obiger Text als Flugblatt verbreitet oder gibt es ihn nur im Internet?

Kollege1968:
Moin Kuddel,

also bisher ist das eher privat und im kleinen Rahmen (Internet und wenige Exemplare), aber denke, da es z. Zt. an allen Ecken und Enden brodelt, wird sich bestimmt einiges tun. Und nur weil dies (noch?) nicht allzu sichtbar ist, heißt das noch lange nicht, daß sich nichts tut ...

Kuddel:
Falls Ihr Leute zum Flugblätterverteilen sucht, ließe sich da vielleicht was regeln.

Kuddel

Kuddel:
dpa/regioline vom 24.03.2008

Kiel/Lübeck (dpa/lno) - Die Gewerkschaft ver.di hat nach einer Urabstimmung ihrer Mitglieder am Universitätsklinikum Schleswig- Holstein (UK-SH) zu einem unbefristeten Streik aufgerufen. Am Standort Kiel sollen alle Intensivstationen und Operationsräume sowie zentrale Einrichtungen bestreikt werden, teilte ver.di am Montag mit. In Lübeck sollen unter anderem die Beschäftigten in der Anästhesie und der Fahr- und Pflegedienst streiken. An der Urabstimmung hätten sich 82,5 Prozent der ver.di-Mitglieder beteiligt und mit 99,3 Prozent für einen Streik gestimmt. Der Streik richtet sich gegen die Privatisierungspolitik der Landesregierung und des Vorstands.

http://www.kn-online.de/artikel/2328225

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln