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Tarifsituation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

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Fritz Linow:
Während im Moment an der Charité die Servicekräfte zusammen mit Verdi streiken, sieht die Situation am UKSH anders aus. Die Gewerkschaft der Servicekräfte hat nun nochmal ein kleines Filmchen von ca 2010 veröffentlicht, in dem erklärt wird, warum sie Verdi absolut scheiße findet:



Die Beschäftigten wurden belogen und verarscht, kann man nicht anders sagen. 

Fritz Linow:
Ein längeres Rührstück vom 2.7.09 aus der Financial Times Deutschland über Jens Scholz, dem kleinen Bruder des Brechmitteleinsetzers Olaf Scholz. Man erfährt so Dinge wie dass der Vater Deutschlandmanager des Strumpfhosenherstellers Kunert war, oder dass seine Söhne in teuren Internaten den Klassenkampf lernen, dem er in seiner wilden Zeit -ganz wie sein Bruder- ebenfalls nicht abgeneigt war. Olaf bescheinigt sich und ihm einen ähnlichen Charakter. Außerdem ist er HSV-Fan.


--- Zitat ---18 porträt medbiz 07/09

Ganz oben im Norden


JENS SCHOLZ ist neuer Chef der Uniklinik Schleswig-Holstein. Der Bruder des Bundesarbeitsministers übernimmt ein von Skandalen geschütteltes Haus. Jetzt will er es aufräumen – und in die schwarzen Zahlen führen. Constanze Löffler

Jens Scholz hat Schnittchen kommen lassen. In die Häppchen mit Lachs, Mett und Schinken sind kleine Flaggen gespießt. Zum ersten Mal hat er alle Direktoren des Uniklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) zusammengerufen. „Kommunikation“ heißt die neue Zauberformel am UKSH. Steif, aber bestimmt steht Scholz an der Frontseite des kargen Konferenzraums, die Tische und Stühle vor ihm sind aufgereiht wie in einem antiquierten Klassenzimmer.

Immer wieder schleichen Nachzügler in den Raum. Er wirkt angespannt, nervös. Doch das legt sich schnell. Scholz präsentiert die neue Struktur des Klinikums, die Pläne für die Umbauten und seine beiden neuen Assistentinnen – eine blond, eine brünett. Ganz gerecht. Scholz lacht. Dann schwärmt er vom UKSH als Premiummarke, von einem hotelähnlichen Service auf dem Gelände. Er redet schnell und mit schwungvollen Handbewegungen, als wolle er den eigenen Enthusiasmus zu den Anwesenden hinüberschaufeln. Die Kollegen bittet er um ihre Meinung, fragt nach eigenen Ideen.
Doch Scholz kann auch anders. Einmal, kurz zwischendurch, blitzt der knallharte Manager auf. Als zwei Klinikdirektoren einfordern, eine Marktforschung zur Außenwirkung des UKSH in Auftrag zu geben, bügelt Scholz die Diskussion kurzerhand ab. Rausgeschmissenes Geld, heißt es kurz, Thema durch. „Er wird noch lernen müssen, mehr auf sein Umfeld einzugehen, alle Seiten zu berücksichtigen“, sagt sein Ex-Chef vom Hamburger Uniklinikum (UKE), Jochen Schulte am Esch.

Schulden und Skandale

Scholz soll im Norden eine Herkulesaufgabe schultern. Im April hat der frühere Chef der Kieler Klinik für Anästhesie das Amt des Vorstandsvorsitzender des UKSH übernommen: Zwei Campus mit 10 000 Mitarbeitern, knapp 100 Mio. € Altschulden, ein riesiger Modernisierungsstau. 2003 sind die Unikliniken Lübeck und Kiel zur UKSH fusioniert. Seither streiten sie um die Vormachtstellung. In den vergangenen Jahren ist am UKSH viel schmutzige Wäsche gewaschen worden: Vorwürfe der Untreue gegen den alten Vorstandschef, Suspendierung und Rücknahme nur eine Woche später, Rückzug von Aufsichtsratmitgliedern und Führungskräften. Drei Bewerber für das Vorstandsamt waren kurzfristig abgesprungen, ehe Scholz schließlich das Ruder übernahm.

Der 49-Jährige ist der Bruder von Olaf Scholz, dem Bundesarbeitsminister. Eine Ähnlichkeit ist nicht auf den ersten Blick zu erkennen, auf den zweiten aber schon, links und rechts der Stirn weicht der Haaransatz deutlich zurück. Die Schultern von Jens Scholz sind schmal, die Hände feingliedrig, das Gesicht jungenhaft. Olaf Scholz sieht aber durchaus Gemeinsamkeiten:
„Mein Bruder und ich haben einen ähnlichen Charakter. Fleiß, soziales Engagement, eine gehörige Portion Ehrgeiz, Pragmatismus und Durchsetzungsvermögen fügen sich zusammen“, sagt der Bundesarbeitsminister. Während der sich seit vielen Jahren vor der Kamera bewegt, kann Jens Scholz sich noch nicht so recht an die Aufmerksamkeit gewöhnen, die ihm seit der Vorstandswahl entgegengebracht wird. „Ich bin doch kein Filmstar“, sagt er fast entschuldigend. Ehrgeizig aber ist er durchaus. „Mit 40 wollte ich unbedingt Chef sein“,

sagt er. Der Leistungswille wurde ihm im Hamburger Elternhaus vorgelebt: Der Vater hatte sich vom Sockenverkäufer zum Deutschlandmanager des Strumpfherstellers Kunert hochgearbeitet.
Die drei Kinder sollten Abitur machen. Auch die Söhne von Jens Scholz sind auf dem Weg dorthin: Der Ältere macht gerade Abitur auf einem hessischen Elite-Internat, der jüngere geht auf Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern zur Schule. Beide Jungs wären auf eigenen Wunsch ins Internat gegangen, betont Scholz. Hätte er den Job auch gemacht, wenn beide Kinder noch zu Hause wohnen würden? Scholz bleibt die Antwort schuldig. Viel Zeit für die Familie habe er jedenfalls nicht.

1978 kommt Scholz an die Uni Hamburg. Ein junger Mann mit langen Haaren, der sich für Marxismus und Kommunismus begeistert. Die Ouvertüre zu seiner Karriere war ein Boykott: 1983 wehrt sich der Medizinstudent dagegen, für einen Schein in Pharmakologie eine bis dahin unübliche Klausur schreiben zu müssen. Als AStA-Vertreter legt er sich mit dem Klinikdirektor an. Der ist beeindruckt von der Energie des Studenten-Revoluzzers – und bietet ihm eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an. Im Februar 1987, knapp vier Jahre nach dem Klausuren-Eklat, veröffentlicht Scholz seine erste wissenschaftliche Publikation. Danach geht es am UKE stramm aufwärts: Facharzt für Anästhesie 1992, im gleichen Jahr Habilitierung, wenig später Oberarzt, 1996 der erste Professorenruf. Nach zwei vergeblichen Bewerbungen in Aachen und Rostock wird Scholz 2000 Chef der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin der Uni Kiel. „Seit dem Ruf nach Kiel gehört er zur Elite seines Fachs“, sagt Walter Jonat, der die Frauenklinik in Kiel leitet und Scholz immer wieder protegiert hat. „Ein exzellenter Kliniker“, urteilt sein Ex-Chef vom UKE, Jochen Schulte am Esch. Scholz arbeite hochdynamisch, sei hochintelligent – ein Gewinnertyp mit Führungsqualitäten.

So einen braucht das UKSH. 8,1 Mio. € Verlust hat das Klinikum im vergangenen Jahr gemacht. „Ich werde der Erste sein, der schwarze Zahlen schreibt“, prophezeit der neue Chef. Spätestens nach dem geplanten Umbau des UKSH erwartet Scholz bei einem Umsatz von rund 400 Mio. € in der stationären Krankenversorgung eine Rendite von sechs oder sieben Prozent. Dass Scholz dieses ehrgeizige Ziel erreichen wird, bezweifelt Carl Hermann Schleifer nicht. Schleifer wurde 2007 als externer Berater ans UKSH geholt – und setzte sich für Scholz als neuen Vorstandschef ein. „Er war mein absoluter Wunschkandidat.“ Scholz wisse, dass eine Klinik Geld verdienen müsse, ohne dabei bewährte Strukturen zu beschädigen. Als Schleifer als Sanierer ans UKSH kam, hatte er alle Klinikdirektoren zu Sparmaßnahmen überreden müssen. Scholz sei der unternehmerischste gewesen. „Seine Klinik für Anästhesie war einfach die appetitlichste und serviceorientierteste.“

Sein neues Vorstandsbüro musste Scholz allerdings vom Vorgänger übernehmen. Der Boden ist mit billigem grauem Nadelfilz ausgelegt, die Wände sind noch kahl, die Regale leer. Auf dem schwarzen Schreibtisch verlieren sich ein paar verwaiste Blätter – als habe er noch keine Zeit gefunden, sich richtig einzurichten. Es ist Scholz sichtlich unangenehm, hier Besucher zu empfangen. Die Vorstandsetage solle jetzt schnellstmöglich renoviert werden, beeilt er sich zu sagen. Aus der Klinik für Anästhesie hatte er ein Schmuckstück gemacht. Auf hellen Fluren nehmen edle Glaskästen mit indirekter Beleuchtung den Besucher auf eine Zeitreise mit: Aus der Mode gekommene Beatmungsmaschinen werden ins Licht gerückt. Den grauen Schieferboden hat er persönlich ausgesucht, und Toiletten dieser Art erwartet man in einem Hotel, nicht im Krankenhaus. „Mancher Mitarbeiter behauptet, die Klinik sei schöner als das eigene Zuhause“, sagt Scholz.
Vom Arzt zum Manager

Auch als Klinikdirektor war Scholz in erster Linie Arzt – er wurde erst nach und nach zum Manager. Er baute wissenschaftliche Arbeitsgruppen mit internationalem Renommee auf, gab eine Fachzeitschrift heraus, war Kongress-Gastgeber. Gleichzeitig besorgte sich der Manager Scholz Geld von Pharma-Stiftungen und über Drittmittel, begeisterte die richtigen Leute für seine Projekte, machte seine Klinik rentabel. Nicht alle gönnen ihm das. „Es mangelt nicht an Neidern“, sagt Schulte am Esch. Mit der kleinen 200-Mitarbeiter-Klinik stieg HSV-Fan Scholz aus der Regionalliga in die Champions League auf. Das will er nun auch mit dem UKSH schaffen. Nationale Konkurrenz sieht er nicht. Die Charité Berlin profitiere vor allem vom Renommee ihres Namens. Und das Hamburger UKE sei zwar geografisch gesehen ein Konkurrent, aber dennoch kein Vorbild. Die Eröffnung des dortigen Zentralklinikums im Januar 2009 habe gezeigt, wie vielfältig Schwierigkeiten sein können, wenn neue Strukturen entstehen. Damit das am UKSH nicht auch passiert, will Scholz sein Personal konsequent trimmen. „Service und Kundenfreundlichkeit – da hapert es bei uns noch“, sagt Scholz.

Doch der meiste Wind weht ihm von den Personalräten in Kiel und Lübeck entgegen. Nein, der Professor Scholz habe sich seit seiner Berufung noch nicht mit ihnen getroffen, offenbar stünde man in der Priorität nicht so weit oben, tönt es beleidigt aus dem Büro des nichtwissenschaftlichen Gesamtpersonalrates. Dabei möchte Scholz ein Klima der offenen Türen etablieren: Wer etwas will, der läuft eben mal eben rüber zum Chef.

Scholz gilt als jemand, der anderen Verantwortung überträgt, ohne die eigene abzugeben. „Er delegiert, vergewissert sich aber garantiert, dass der Auftrag erledigt wurde“, sagt Markus Steinfath, ein langjähriger Freund von Scholz, der dessen Chefposten in der Anästhesie kommissarisch übernommenhat. Scholz selbst spricht scherzhaft von seinem „Kontrollzwang“.

Kein schlechter Zug für die Leitung einer Klinik, in der in den vergangenen Monaten doch einiges außer Kontrolle geraten war.

--- Ende Zitat ---

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