Autor Thema: Tarifsituation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein  (Gelesen 49015 mal)

Fritz Linow

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Re: Tarifsituation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
« Antwort #60 am: 12:29:35 Di. 30.März 2021 »
Pressemitteilung der GDS vom 29.3.21:
Zitat
Der Arbeitgeber legte bei der letzten Verhandlungsrunde am 22. März 2021 zwar ein verbessertes Angebot vor. Dieses reichte jedoch wiederholt nicht an die Forderungen der Belegschaft heran und wurde deshalb von den Kolleginnen und Kollegen in der Tarifkommission abgelehnt.

Am UKSH sollen nach dem Willen des Vorstandes die Beschäftigten in der SSN künftig auch weiterhin, wie Menschen 2. Klasse behandelt werden! Diese Haltung ist nicht akzeptabel und provoziert weitere Arbeitskampfmaßnahmen. Es wird deshalb ausgeweitete Warnstreiks geben.

In Bezug auf die gemeinsame Verantwortung gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie gegenüber den Patientinnen und Patienten im UKSH bekundeten beide Seiten den Willen, eine Notdienstvereinbarung abzuschließen. Der Arbeitgeber übermittelte einen Entwurf einer Notdienstvereinbarung, nach der allerdings so viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingesetzt werden sollten, dass schon fast ein Regelbetrieb aufrechterhalten würde.

Nachdem wir darauf hingewiesen haben, dass ein Abschluss einer Notdienstvereinbarung keine Verhandlung werden sollte, sondern viel mehr eine Vereinbarung sein soll, welche ausschließlich Notdienste abdeckt und damit das Grundrecht der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Gesundheit der Patientinnen und Patienten schützt, legte der Arbeitgeber erneut eine Vereinbarung mit überhöhten Zahlen von einzusetzenden Beschäftigten vor.

Es ist ohnehin unverantwortlich, Tarifverhandlungen für Beschäftigte an einem Universitätsklinikum ins Stocken geraten zu lassen, es ist aber fahrlässig und patientenwohlgefährdend, wenn der Arbeitgeber das gleiche Verhalten beim Abschluss einer Notdienstvereinbarung an den Tag legt. Während eines persönlichen, konstruktiven und sehr ernsten Gesprächs zwischen der Geschäftsführung des UKSH und dem Vorstand der GDS konnte in letzter Minute Einigkeit erzielt werden, eine Notdienstvereinbarung mit unserer Gewerkschaft zu schließen, die eine effektive Notfallversorgung am UKSH sicherstellt. Es sollte wohl jedem klar sein, dass bei einem Streik nicht 90 Prozent der Belegschaft an ihren Arbeitsplätzen verbleiben, wie der Arbeitgeber sich dies wünschte! Bei einem Streik werden die Kliniken auf Notbetrieb heruntergefahren!

Der Verhandlungskommission wurde während der letzten Verhandlungsrunde offen damit gedroht, die von der SSN am UKSH erbrachten Leistungen an Dritte auszulagern. Auch von den Beschäftigten wird darüber berichtet, dass Vorgesetzte ganz bewusst und massiv Existenzängste schüren, um sie von der Ausübung ihres Grundrechts auf Streik abzuhalten. Dieses Verhalten werden wir sehr genau beobachten und nicht tolerieren.

Wir fordern weiterhin eine faire Entlohnung für die Beschäftigten in der SSN, denn mit der Ausgliederung von Teilen der Belegschaft des UKSH in eine Service-Gesellschaft im Jahr 2005, wurde eine Zwei-Klassen-Gesellschaft am Klinikum etabliert. Die Gehälter der Belegschaft reichen trotz guter Tarifabschlüsse in den letzten Jahren für die damals nicht erwartbaren Steigerungen der Lebenshaltungskosten nicht aus. Dies führte dazu, dass für mehr und mehr Kolleginnen und Kollegen ein Zweitjob oder eine Aufstockung ihrer Einkommen durch Leistungen aus den Sozialkassen notwendig wurden. Leistung muss sich wieder lohnen!

Wir fordern eine Bezahlung, die sich an der Entlohnung des öffentlichen Dienstes orientiert. Wir wollen die Gleichbehandlung mit den direkt am UKSH Beschäftigten, denn die Tätigkeiten der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der SSN sind ebenso wertvoll und systemrelevant.

Die Beschäftigten in der SSN arbeiten in der Logistik, in der Verpflegung, der Medizinprodukteaufbereitung (AEMP), in der Hauswirtschaft, in der Serviceassistenz, der Verwaltung und noch in vielen weiteren Bereichen des UKSH.

Kuddel

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Re: Tarifsituation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
« Antwort #61 am: 09:54:20 Mo. 05.April 2021 »

Fritz Linow

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Re: Tarifsituation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
« Antwort #62 am: 14:36:38 Mo. 05.April 2021 »
Im Interview wird erwähnt, dass die Kieler Nachrichten nicht über den Streik berichten. Das Drecksblatt ist eng verbandelt mit dem UKSH. Dieser kleine Herzschmerzfilm der Förderstiftung des UKSH gibt eine Ahnung davon:


(Ein Gründungsmitglied der Förderstiftung war übrigens Detlef Uthoff, der mit 29 Millionen Euro Steuerschulden davon kam, womit wir mal wieder beim Kieler Kaufmann e.V. wären, nicht nur wegen ihm. Vielleicht später noch etwas mehr dazu...)

Fritz Linow

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Re: Tarifsituation am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
« Antwort #63 am: 13:52:18 Di. 13.April 2021 »
Beim UKSH haben Auslagerungen von Servicebereichen eine gewisse Tradition. 1986 wurde in Kiel unter einer CDU-Regierung die hausinterne Wäscherei aufgelöst und an die Firma Wulff Textil-Service vergeben. Die SPD opponierte, dass es nicht wirtschaftlich sei und die Arbeitsplätze eher mies seien. Der KBW berichtete schon 1976:

Zitat
Die Firmenleitung, bestehend aus der Senior-Chefin, Sohn, Schwiegersohn und Schwiegertochter, lungert den ganzen Tag im Betrieb herum, kontrolliert und treibt zur Arbeit an. Kaum, daß die Kolleginnen mal kurz miteinander sprechen, kommt einer an und fragt, ob man denn nichts zu tun habe. Kolleginnen, die mehrfach krank sind – aufgrund der elenden Arbeitsbedingungen sind Erkältungen natürlich an der Tagesordnung – werden bespitzelt. Familie Wulff ruft sogar beim Arzt an, um sich danach zu erkundigen, ob man tatsächlich und wie krank man denn sei! Entlassungen und Neueinstellungen kommen ständig vor: in der dreimonatigen Probezeit kann man von einem Tag auf den anderen entlassen werden.
https://mao-archiv.de/Scans/BRD/S-H/K/KBW/Kiel_KBW645.jpg

2003 wurde eine Ausgliederung weiterer Bereiche in eine Service Gesellschaft in Angriff genommen, und zwar unter tatkräftiger Mithilfe einer rotgrünen Landesregierung. Genüsslich konnte die CDU nun verkünden:
Zitat
„Wäre dies unter christlich-demokratischer Verantwortung geschehen, hätten die Sozialdemokraten dies mit einem Aufschrei der Entrüstung begleitet. (…)  Eine Politik vor allem zu Lasten der unteren Einkommensbereiche – auch dieses Beispiel macht deutlich, warum der kleine Mann bei der SPD keine Heimat mehr sieht.“
http://www.ltsh.de/presseticker/2004-03/29/11-02-57-5efa/PI-QGfmQV76-cdu.pdf

Diese neue Service Gesellschaft war aber immer noch zu teuer, trotz überwiegend befristeter Arbeitsverträge und bis zu 30% Einkommensverluste. Also wurde eine Teilprivatisierung beschlossen. Diese externe „Managementkompetenz“, eher Blutsaugermentalität, sollte den Laden auf Vordermann bringen. Der CDU-Wirtschaftsminister wusste 2009:
Zitat
Die Arbeitsbedingungen im Servicebereich- das ist eine feste Einschätzung - werden sich dadurch ändern, dass wir eine Produktivitätssteigerung erleben werden. Die ist auch Gegenstand der Business-Pläne, die damit einhergehen. Das heißt, es wird eine andere Form des Managements in diesen Bereichen geben. Das heißt, auch die Produktivität pro Mitarbeiter muss gesteigert werden. Das kann natürlich eine Veränderung des Arbeitsalltags nach sich ziehen.
http://www.landtag.ltsh.de/export/sites/ltsh/infothek/wahl17/plenum/plenprot/2009/17-003%5F11-09.pdf

Die Veränderung des Arbeitsalltags bestand darin, dass die Beschäftigten als Wegwerfmenschen behandelt wurden und man über Leichen ging, so ähnlich wie es der KBW schon 1976 bei Wulff Textilien geschildert hatte.

Jens Scholz als UKSH-Chef soll eine großspurige und teilweise übergriffige Art haben.

https://www.thieme-connect.de/products/ejournals/abstract/10.1055/s-0036-1575334

Großspurig ist er auf jeden Fall. Die jährlichen Gesamtbezüge der Vorstandsmitglieder haben sich von 2003 bis 2019 nahezu verdreifacht, von 556 T€ auf 1440 T€. Dazu kommen jede Menge gutdotierter Stabsstellen, die selbst der Landesrechnungshof öffentlich anprangert, obwohl er ansonsten in Bezug auf das UKSH eher verschwiegen ist. Überhaupt werden Verschwiegenheit und Intransparenz großgeschrieben, seien es nicht einsehbare Beraterverträge und Gutachten, die der damalige vom Land beauftragte „Sanierer“ in zweistelliger Millionenhöhe vergeben hatte, seien es Ausschreibungen, Pöstchenschacherei usw. Hinzu kommt eine Politik, die nicht gewillt ist, für Klarheit zu sorgen. Je nach dem, wer gerade auf der Regierungsbank sitzt, wird halt ein wenig gemotzt, aber eigentlich können alle ganz gut damit leben. Es ist unglaublich, zumal das UKSH ein landeseigener Arbeitgeber ist.
Die Gewerkschaft ver.di sieht sich eher als Co-Manager, ist im Aufsichtsrat vertreten und hat auch schon mal zusammen mit einem ehemaligen Vorstandvorsitzenden ein Gutachten in Auftrag gegeben, das die Wirtschaftlichkeit untersuchen sollte. Ver.di hält sich an die Erzählung, dass das UKSH chronisch vor der Pleite steht, lobt sich eher für den Verzicht der Beschäftigten und wirkt  halbherzig. Die Forderungen der GDS für die ausgelagerten Servicekräfte passen so gar nicht in den Business-Plan, den sich eine politische und wirtschaftliche Klüngelrunde ausgedacht hatte.