Autor Thema: ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn  (Gelesen 4702 mal)

Kater

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ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
« am: 12:11:50 Di. 18.März 2008 »
ARD, plusminus: 18.03.2008, 21:50 Uhr

Zitat
Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
WDR, Dienstag, 18. März 2008
PRESSEMITTEILUNG

Immer mehr Lkw-Fahrer in Deutschland fühlensich wegen Niedriglöhnen in die Selbstständigkeit gedrängt - und bewegen sich dabei zwischen Schwarzarbeit und Existenzverlust. Wie Befragungen von Lkw-Fahrern und Spediteuren ergaben, bieten sich die Fahrer vermehrt als Tagelöhner oder sogenannte Mietfahrer an und sind dabei zeitweise bis zu 20 Stunden pro Tag im Einsatz. „Selbstständige Lkw-Fahrer bieten Ihre Künste für sieben bis acht Euro pro Stunde an, und wenn man sie nicht braucht, werden sie nach Hause geschickt“, kritisiert Rolf Scholz, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Container-Trucking Norddeutschland, die Billigkonkurrenz gegenüber plusminus.

Grund für den Schritt in die Selbstständigkeit sind zunehmendes Lohndumping bei den Festangestellten der Branche sowie fehlende Rückendeckung von Gewerkschaften. Denn im Gegensatz zu vielen anderen Berufszweigen bewegt sich der Lkw-Fahrer weitgehend im tariffreien Raum. Kaum einer ist Gewerkschaftsmitglied. Den Gewerkschaften wiederum fehlen Verhandlungspartner, weil viele Spediteure nicht mehr in den Arbeitgeberverbänden sind. Sie verweisen auf Billigkonkurrenz aus dem Ostblock und zahlen mittlerweile deutlich weniger Lohn als noch vor zehn Jahren.

Wie plusminus herausfand, zahlen viele Speditionen selbst für internationale Transporte nur noch Monatslöhne von rund 1.600 Euro - bei einer Arbeitszeit von mindestens 60 Stunden pro Woche. Das ergibt für einen Familienvater ein Nettoeinkommen auf Hartz-IV-Niveau. Deshalb sehen sich viele Fahrer gezwungen, ihre Arbeitskraft tageweise an Unternehmen zu vermieten, in der Hoffnung, am Ende mehr Einkommen in der Tasche zu haben als mit einer Festanstellung.

Die Mietfahrer, die in der Regel keinen eigenen Lkw besitzen, bewegen sich jedoch in einer juristischen Grauzone: Laut der Deutschen Rentenversicherung gilt eine Tätigkeit als selbstständiger Kraftfahrer ohne eigenes Fahrzeug wegen des Tatbestandes der Scheinselbstständigkeit grundsätzlich als unzulässige Schwarzarbeit. Überprüft wird das jedoch selten, die Behörden schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Und wie plusminus in einem Praxistest herausfand, ist es tatsächlich ein Leichtes, sich einen Gewerbeschein als selbstständiger Kraftfahrer bei einer Gemeinde zu besorgen - ausdrücklich ohne Fahrzeug.
http://www.daserste.de/plusminus/beitrag_dyn~uid,77emb50usi0s9jqf~cm.asp

Irrlichtprojektor

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ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
« Antwort #1 am: 13:52:28 Di. 18.März 2008 »
Den Bericht kann ich aus meiner internat. Fernfahrertätigkeit erfahrungsgemäß bestätigen. Der Zustand ist ne Katastrophe. Unorganisiert (die Gewerkschaft ÖTV wird nahezu komplett abgelehnt von den Fahrern, zu Recht!) stehen auf sich allein gestellt mehreren "Gegnern" gegenüber. Da wäre zum einen die Gesetzeslage mit seinen Sozialvorschriften, dem Disponent (der verlängerte Arm vom Chef), Polizei, BAG, Zoll und nicht zu letzt ohne Übertreibung der Kriminaltität welcher sich meist in Form von Raub / Diebstahl zu erkennen gibt. Dabei sind noch nicht mal die seelischen Belastungen berücksichtigt. Durch einen schleichenden Prozess vor allem im internationalen Bereich wirst du als Fahrer förmlich von deinem Privatleben immer mehr isoliert. In meinem Beispiel hat dies zu grotesken Erscheinungen geführt, worüber ich mich heute noch wundere. Ein paar Jahre in dem Gewerbe, ein paar Wochen "draußen" also mit unregelmäßigen Wochenenden, vielleicht im Schnitt 1-2 im Monat, stellt sich ein Gefühl oder Verhalten ein was man nur sehr schwer vermittelbar beschreiben kann für Außenstehende. Es ist eine eigene isolierte Welt in der du dann lebst. Den "Disponenten-Spielen" regelmäßig ausgesetzt bist und mit einem Bein immer im Knast.
Verallgemeinert trifft dies wohl hauptsächlich auf kleinere Klitschen zu, wobei auch hier es Ausnahmen gibt. Also nicht alle Speditionen kann man hier über einen Kamm scheren. Handverlesen gibt es wirklich Speditionen die samt Dispo und Chef hinter dem Fahrer stehen.
Wenn ich meine ersten Etappenziele erreicht habe werde ich mich dem Thema sicherlich nochmals intensiver zuwenden, regional örtlich.

gruß irrlicht

Sektsauferle

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ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
« Antwort #2 am: 15:00:21 Di. 18.März 2008 »
jetzt bin ich etwas verwirrt, mein freund ist am überlegen, ob er sich selbstständig macht, er ist der einzige bei seinem chef der noch normaler angestellter ist.
er hätte dann aber natürlich auch kein eigenes fahrzeug.

das hört sich ja alles so an, als ob das ne schlechte idee wäre ?(
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Irrlichtprojektor

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ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
« Antwort #3 am: 15:45:15 Di. 18.März 2008 »
Pauschal kann man dass so nicht sagen. Unter dem Aspekt das sich dein Freund ohne Kontakte/ Aufträge sich selbständig in den Markt wirft um evtl. Vorteile daraus zu ziehen, würde ich dem Bericht von Plusminus nochmals ganz große Aufmerksamkeit schenken.

In der Regel läufts immer nach dem selben Schehma ab, wenn du dich unter Vertrag bindest. Sei es mit oder ohne eigenem Fahrzeug. In der ersten Zeit wirst du angefüttert, verdienst etwas an Kohle und alles scheint in bester Ordnung und man malt sich vielleicht schon zukünftig steigende Gewinne aus. Man kommt "Super" mit dem Disponenten klar, manch einer redet sogar von "Freundschaft". Ein Vertrauensverhältnis ist gebildet. Dann kommen langsam die Daumenschrauben, Frachtpreis geht runter, Aufträge sind "knapp", die Touren werden teurer durch indirekte Ausgaben usw. Ehe du dich umsiehst oder zu spät die Zeichen der Zeit richtig erkennst bist du schon mitten drin in der Abhängigkeit. Betrifft besonders Selbstständige mit Fahrzeug. Kredit auf der Bank, vielleicht noch ein Haus im Grünen und ausbleibende Einnahmen. Du hast die Wahl zwischen Überschuldung oder so weiterwurschteln wie bisher und hoffen das die "der Bock" nicht ausfällt oder Krankheit dich heimsucht.
"Weiterwurschteln": Bedeutet dann durch den Druck, eine geringere Hemmschwelle gegen Sozialvorschriften zu verstoßen, Lenkzeiten, Ladungsgewicht, Wochenarbeitszeit sowieso und und. Kutscher die hier mitlesen werden mir bestätigen können, das ihr euch kaum vorstellen könnt was Fahrer so alles anstellen um nur Munter (Übermüdung) zu bleiben.
Bei Mietfahrern wird es nicht so in`s Extrem gehen können, schlimmstenfalls schmeißt man alles hin und gut ist. Unter der Problematik Plusminus würde ich von hier aus jetzt betrachtet, die Festanstellung vorziehen bzw. behalten.

gruß irrlicht

Irrlichtprojektor

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ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
« Antwort #4 am: 16:02:56 Di. 18.März 2008 »
Ich hatte erst kürzlich, auch für mich, ne recht interessante Diskussion mit einem Dispo. Kennengelernt in einer (Provinz-) Szenekneipe war die Diskussionsgrundlage recht unbelastet, da ich dem Job nicht mehr nachgehe und wir in keinem arbeitsrelevanten Verhältnis stehen. Im Gespräch ergaben sich dann auch recht schnell verschiedene Ansichten die jeder von uns hatte. So haben wir uns ein paar Fallbeispiele hergenommen und jeder hat seine Sichtweise dazu berichtet. Man kann sich recht gut vorstellen das es hier zu Gegensätzlichkeiten gekommen ist ohne diese jetzt beispielhaft zu benennen. Klar wurde dabei das es nur bedingt, also dem Betriebsablauf wichtig erscheinenden Dingen, übereinstimmende Interessen gab. Persönliche Fahrerinteressen bleiben dabei im großen Rahmen unberücksichtigt. Der Dispo als verlängerter Arm des Chef`s, wird dieser Rolle sehr gerecht ohne das es ihm selbst evtl. sogar bewusst ist.

gruß irrlicht

Wilddieb Stuelpner

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ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
« Antwort #5 am: 12:33:01 Mi. 19.März 2008 »
So organisieren Speditionsunternehmer gleichzeitig Schwarzarbeit, Scheinselbststständigkeit, Steuer- und Sozialversicherungsbetrug, klinken sich aus der Fürsorgepflicht für ihre Fahrer im Fall von Verkehrsunfällen, der technischen Wartung und Pflege der LKWs und wälzen die unternehmerischen Betriebsrisiken auf die Fahrer ab.

Verschärft wird diese Entwicklung durch die Auftraggeber, die

a) auf eine eigene Lagerhaltung verzichten, also die Unsitte Just-in-time,
b) den Speditionsunternehmen unabhängig von Straßenverkehrs- und Witterungsbedingungen oder dem Fahrzeugzustand, -reparaturen und Unterwegskontrollen durch Behörden, Wartezeiten beim Zoll an Grenzübergängen, Be- und Entladezeiten, Verfügbarkeit von Be- und Entladetechnik wie -personal enge Zeitspannen und -termine setzten.

Alle wissen es - Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung, AG-Verbände, Politiker, Finanzamt, Fahndungsgruppe "Schwarzarbeit" vom Zoll und Arbeitsageturen, Finanzamt, Kranken-, Renten- und Unfalversicher, Gewerkschaften, Polizei (z.B. Autobahnpolizei, Bundesamt für Güterverkehr (BAG) und keiner haut kräftig mit der Faust an den Tisch, hängt exemplarisch ein paar Speditionsunternehmer an Bäumen und Laternenpfählen auf. Das würde abschrecken.

Aber wo bei dieser Bande kein Kläger, da auch kein Richter. Eben kapitalistische Mafiosigeschäftspraktiken! Unternehmer-Beamten-Politikerfilz der besten Sorte.

So wie es im Speditionsgewerbe läuft, so will man es flächendeckend für die ganze "Deutschland AG", für alle Branchen, nach Wünschen der INSM, Konvent für Deutschland, Bertelmann-Stiftung, ifo-Institut, Wirtschaftsweisen, der Unternehmerparteien und anderem Kroppzeug.

Was soll man von der BRD und EU halten?




Medienecho: Du bist Deutschland

Schon zum Start von Du bist Deutschland wollte man 15 Millionen Menschen erreichen und mit der guten Botschaft massieren, die auch die zusammen gewürfelte Schar der “Botschafter”, denen das nicht zu peinlich ist, wie Reinhold Beckmann, Johannes B. Kerner, Florian Langenscheidt, Frauke Ludowig, Peter Maffay, Henry Maske, Nina Ruge, Eva Padberg, Renate Schmidt oder Michael Stich überbringen soll.

Wilddieb Stuelpner

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« Antwort #6 am: 12:41:28 Mi. 19.März 2008 »
Fürs Sektsauferle zur Erklärung: Was ist der Unterschied zwischen echter Selbststädigkeit und Scheinselstständigkeit?

Wikipedia: Definition von arbeits-, wirtschafts-, finanz- und strafrechtlich zu verfolgender Scheinselbstständigkeit

Sektsauferle

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« Antwort #7 am: 12:52:15 Mi. 19.März 2008 »
au mann, da hab ich mir ja noch einiges anzulesen.

und du meinst, das hätte dann was von scheinselbstständigkeit?
aber wenn er rundum als selbstständiger angemeldet wäre, und auch sämtliche beiträge selbst bezahlen würde, stimmt doch alles, oder?
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Wilddieb Stuelpner

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ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
« Antwort #8 am: 13:30:43 Mi. 19.März 2008 »
Was ist das wichtigste Feststellungsmerkmal von Scheinselbstständigkeit und zur richtigen, tatsächlchen Zuordnung zum Status eines Arbeitnehers (AN)?

"... Nachdem 1999 zunächst anhand von einzelnen konkreten Umständen eine Einstufung vorgenommen wurde, ist nunmehr in § 7 SGB IV geregelt worden, dass es entscheidend darauf ankommt, ob die Tätigkeit nach Weisungen eines Auftraggebers ausgeführt wird bzw. ob eine Eingliederung in die Organisation des Auftraggebers erfolgt ist.

Ein echter Selbstständiger arbeitet nicht fredbestimmt auf Arbeitsanweisung, Auftrags- und Arbeitszeiteinteilung eines Auftraggebers, sondern hat die eigenständige Gestaltungsfreiheit, wieviel, wann, von wem, in welcher Reihenfolge und welchem Arbeitstempo er die angenommenen Arbeitsafträge abarbeitet. und er hat seine eigene Buchhaltung, Rechnungslegung und Mahnwesen, hoit er seine Aufträge von Auftraggeber und rechnet gegenüber dem Auftraggebern.

Ein Scheinselbstständiger braucht keine eigene Buchhaltung, Rechnungslegung und Mahnwesen.

Selbstständige sind vergleichbar mit Freiberuflern oder Handelsvertretern.

Ein sauberes Arbeitsverhältnis ist eins mit einem schriftlichem Arbeitsvertrag und angehängter Stellenbeschreibung, die den eigenen Verantwortungsbereich klar abgrenzt.

Was mindestens in einem Arbeitsvertrag zu regeln ist, siehst Du unter MDR, Sendung "Ein Fall für Escher" vom 19.05.2005: Was muss im Arbeitsvertrag geregelt sein? in den Aufzählungspunkten.

Grundsätzlich verhält es sich so, dass der Arbeitgeber spätestens einem Monat nach dem vereinbarten Beginn des Arbeitsverhältnisses die wesentlichen Vertragsbedingungen schriftlich niederzulegen hat. Diese Niederschrift ist zu unterzeichnen und dem Arbeitnehmer auszuhändigen.

Dagegen sind Außendienstmitarbeiter oder Reisende/Handelsreisende angestellte AN einer Firma.

Sektsauferle

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ARD plusminus: Lkw-Fahrer - Miete statt Lohn
« Antwort #9 am: 13:51:39 Mi. 19.März 2008 »
mir raucht der kopf

wenn er für seinen jetzigen chef, der ihm das fahrzeug weiter stellt, als selbstständiger die touren fährt, sich selbst versichert und und und, dann ist das doch weisung eines auftragsgeber ausführen  ?(


ich muß mich da mal schlau machen, wie das genau laufen sollte, bei den anderen ist das aber so, da läuft alles über die selbstständig basis, es werden rechnungen geschrieben usw.
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Wilddieb Stuelpner

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« Antwort #10 am: 14:41:20 Mi. 19.März 2008 »
Wenn Dir der Kopf "raucht" und Du Dich in öffentlichen Einrichtungen aufhälst, dann bist Du wie ein Raucher verpflichtet, Dich in Raucherzimmern aufzuhalten oder vor die Haustür zu gehen. ;)

Sektsauferle

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« Antwort #11 am: 19:19:29 Mi. 19.März 2008 »
gott sei dank bin ich daheim und kann qualmen, was das zeug hält :]
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