Autor Thema: Ausbeutung von Burn-Out-Kranken in wirtschaftsgesponserten Behindertenwerkstätten  (Gelesen 11900 mal)

Carpe Noctem

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Hallo Alan,

die Sache sieht auf den ersten Blick ziemlich verzwickt aus... Aber immerhin hat es deine Bekannte geschafft sich durchzubeissen. Wie macht sie das? Sie scheint stärker als man so auf Anhieb glaubt...

Vielleicht ist ihr damit geholfen, eine Kontaktperson bei der örtlichen Arbeitslosen-Initiative zu finden, um mit dieser gemeinsam zu Terminen bei der ARGE zu gehen. Offensichtlich liegt der Schwerpunkt der Problematik mit Behörden darin, sich allein dem SB bei der ARGE gegenüber zu behaupten. Wenn es einen zuverlässigen Beistand gibt, lassen die Ängste vielleicht nach. Verschwinden werden sie wohl nicht, aber evtl. erträglicher?

Gibt es einen Betreuungsverein in ihrem Wohnort? dort kann man sich informieren, wie das Betreuungsgesetz angewandt wird (die Rechtslage und Rechtsprechung haben sich in letzter Zeit erheblich geändert) und was eine Vorsorgevollmacht ist. Es gibt mit Sicherheit andere Wege als die Einrichting einer gesetzlichen Betreuung. Allerdings ist auch diese als letzte Lösung denkbar, wenn ein Mitarbeiter des Betreuungsvereins, den man vorher kennenlernen sollte, sich als vertrauenswürdig ud geeignet erweist. Kontakt aufnehmen und selbst informieren, halte ich für das Beste. Entscheiden sollte man einen Antrag auf Betreuung immer in Ruhe. Man kann die Anregung der Betreuung übrigens selbst beim Vormundschaftsgericht / Amtsgericht stellen! Der Sozialbericht und das medizinische Gutachten müssen dann vom Gericht beauftragt werden.

Ist vor Ort ein Sozialpsychiatrischer Dienst vorhanden? Diesen kann sie ebenfalls aufsuchen um sich unverbindlich über Hilfemöglichkeiten für psychisch Kranke zu informieren. So lange man nicht sich selbst oder andere Personen akut(!) gefährdet, lassen die einen auch wieder ziehen sofern einem nach dem ersten Besuch dort der Eindruck reicht. Diese Dienste arbeiten nach dem PsychKG des jeweiligen Bundeslandes, d.h. sie müssen Hilfen leisten, nicht nur zwangseinweisen im Fall der Fälle. Dort sind Sozialarbeiter mit psychiatrischer Zusatzqualifikation angestellt.

Kommt evtl. ein Umzug in die Nähe der Tochter bzw. dir in Frage? Ich weiss, es ist ein Kreuz von der ARGE die Genehmigung zu bekommen ohne Arbeitsplatz am Zielort... Man müsste dann einfach so umziehen, auf eigene Kosten und mit Hilfe durch Angehörige und Freunde, anschliessend am Zielort ALG II beantragen und ein bisschen "Spielgeld" für den Übergang in der Hinterhand haben. Als Möglichkeit würde ich das aber nicht von vornherein ausschliessen, da an eurem Wohnort offenbar Sozialstrukturen bestehen die deine Bekannte vom institutionellen Hilfesystem unabhängig machen. Sowas kommt einem misstrauischen Menschen m.E. am ehesten entgegen. Persönliche Bekannte machen halt nicht den ganzen Tag einen auf "professionelle Distanz", was letztlich nichts anderes heisst als Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal des Klienten.

Grüsse - CN
Art. 1 GG: "Die Menschenwürde steht unter Finanzierungsvorbehalt"

Alan Smithee

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Hi, Carpe Noctum;

Zitat
Aber immerhin hat es deine Bekannte geschafft sich durchzubeissen. Wie macht sie das? Sie scheint stärker als man so auf Anhieb glaubt...

Ja, da wundere ich mich auch immer wieder. Laut ihrer Tochter ist ihr großer Rettungsanker ihr Psychiater, zu dem sie seit Jahren geht und zu dem offensichtlich ein großes Vertrauensverhältnis besteht. Jedenfalls ist es nicht so einer, der nur auf Bedarf krankschreibt (obwohl einigen schon allein dadurch geholfen wäre), sondern er nimmt sich die Zeit und geht auf die Leute persönlich ein. Sie kann da quasi jederzeit reinmaschieren, auch ohne Termin.

Aber alles was außerhalb ihres gewohnten Freundeskreises ist (und das ist nur eine Handvoll) wird von ihr äußerst ängstlich und misstrauisch beäugt. Da wird es sehr schwer fallen, dass sie einer Kontaktperson von einer örtlichen Arbeitslosen-ini vertraut (sofern dort überhaupt vorhanden). Ich denke auch nicht, dass sie bereit wäre, umzuziehen. Sie ist schon vor 1 1/2 Jahren von ARGE in eine kleinere Wohnung verpflanzt worden, und ich glaube sie ist ganz froh, dass sie sich dort ein wenig eingerichtet hat und in der Gegend auskennt. Zudem besucht sie ihre Mutter, wenn sie es gerade kann, im Altersheim. Sie versucht schon irgendwie, eine Struktur in ihr Leben zu bringen, so mindestens 1x die Woche zum Einkaufen, 1x die Woche zur Mutter e.t.c. aber immer schafft sie es nicht. Sie ist übrigens hochintelligent, hat ein naturwissenschaftliches Studium absolviert und auch lange in dem Bereich gearbeitet. Nur durch ihre Phobien fällt es ihr eben sehr schwer, sich entsprechend bei ARGE & Co. zu wehren.

Ich glaube nicht, dass es einen Betreuungsverein in ihrem Wohnort gibt, das ist alles ein wenig weg vom Schuss. Einen sozialpsychatrischer Dienst ist vorhanden, aber auf den ist sie gar nicht gut zu sprechen...die haben dort scheinbar eine Tageseinrichtung (eine Art Cafe für psychisch Kranke), vollkommen verwahrlost mit unqualifiziertem Personal. Die Leute dort hocken den ganzen Tag in einem Zimmer, dürfen puzzeln und Radio hören; hauptsache weg von der Straße.

Jetzt ist sie wie gesagt gerade über Weihnachten hier bei ihrer Tochter; ich rufe mal morgen an, ob ich vorbeikommen kann. Ist bei ihr immer besser, sie nicht unerwartet zu "überraschen", obwohl wir uns schon fast 10 Jahre kennen. Werd sie vielleicht je nach Lage mal auf alles ansprechen und schauen, ob sich nicht irgendeine gute Lösung für ihr ARGE-Problem findet; denn ich glaube, diese ganze Unsicherheit mit EGV´s, Maßnahmen, Vorsprachen dort vermiest ihr Leben nur noch mehr, wenn sie den ganzen Druck mit Hartz IV nicht hätte, wäre ihr sicher schon sehr geholfen.

Grüße, Alan.


...still dreaming of electric sheep...