Autor Thema: "Antiprostitutionsgesetz" in Frankreich  (Gelesen 2329 mal)

Angie

  • Gast
"Antiprostitutionsgesetz" in Frankreich
« am: 18:09:12 Do. 21.August 2003 »
Aus: Junge Welt 22.7.03
 
Zitat
Frauen der Gewalt ausgeliefert
 
Die gefährlichen Folgen des drei Monate alten Antiprostitutionsgesetzes in Frankreich: Eine erste Bilanz
 
In der ersten Aprilhälfte trat in Frankreich ein Gesetz in Kraft, das das »Anwerben von Kunden« verbietet. Es verdrängt also die Prostitution wieder ins Verborgene. Seitdem mehren sich Berichte über eine akute Verschlechterung der Arbeitsbedingungen der Prostituierten. »Früher hat uns der Anblick eines Polizeiautos beruhigt. Auch die Freier wußten, daß wir gute Beziehungen zur Polizei hatten. Heute verstecken wir uns, sobald wir eine Uniform sehen«, erzählt Isabelle vom Verband »Grisélidis«.

Die Umkehrung der bisherigen Polizeifunktion hat zum Teil dramatische Folgen. Überfälle und Gewalttaten mehren sich. Doch nur die wenigsten Frauen wagen noch, Anzeige zu erstatten, seit das Gesetz sie selbst zu Straftätern gemacht hat und ihnen sechs Monate Gefängnis und eine Geldstrafe von 3750 Euro androht. Die Flucht vor der Polizei zurück in dunkle, verlassene Viertel bringt weitere Gefahren für die Frauen mit sich. In diesem Klima der Schutzlosigkeit sind die Huren mehr denn je der Gewalt ihrer Zuhälter, doch auch vieler Kunden ausgeliefert. »Plötzlich tauchen Freier auf, die wieder auf ungeschützten Verkehr bestehen. Sie behandeln uns wie den letzten Dreck, denn sie wissen, daß wir uns kaum wehren können«, bestätigt Elodie, eine Pariser Prostituierte.

Diskriminierungen und Demütigungen sind für die Frauen nichts Neues. »Wir sind immer soziale Randfiguren gewesen«, bestätigt Isabelle, »doch nun hat das Gesetz aus uns potentielle Straftäter gemacht und uns damit jeglicher sozialer Legitimität beraubt.«

Zu dem Gefühl der Minderwertigkeit kommen die finanziellen Folgen des Gesetzes. Der Kleinkrieg mit der Polizei, die Feindseligkeit von Anwohnern, die sich in ihrer Ruhe gestört fühlen und Anzeige erstatten, die Entwicklung einer neuen mobilen Prostitution, die sich nur noch per Telefon oder übers Internet organisiert – all dies hat viele »traditionelle« Prostituierte in eine bisher ungekannte Armut getrieben. Dabei hatte das Gesetz all jenen Frauen eine »würdevolle soziale Wiedereingliederung« versprochen, die sich nicht mehr prostituieren wollen. »Doch alles, was ihnen nun angeboten wird, sind wöchentlich vier oder sechs Stunden Putzen«, beklagt Camille Cabral von der »Passt«, einer Hilfsorganisation für Transsexuelle.

Die französische Regierung hat zweifellos den falschen Weg gewählt, wenn sie glaubt, die Prostitution könnte auf dem Verbotswege verschwinden. Fest steht, daß es in Frankreich noch nie so viele Huren gab wie heute. »Die Zuhälter stocken schon im Voraus ihre Bestände auf, um eventuelle Festnahmen und Ausweisungen auszugleichen«, erklärt Claude Boucher von der Sozialeinrichtung »Frauenbus«. »Die Neuen werden noch schärfer überwacht und sind der Gewalt ihrer Zuhälter stärker ausgeliefert als je zuvor.« Angesichts dieser Situation klingt die offiziell bekundete Absicht des Gesetzes, Menschenhändlerringe zerschlagen zu wollen, wie blanker Hohn: »Welche Hure wäre wohl verrückt genug, ihren Zuhälter zu denunzieren, wo sie doch jeden Tag mit ansehen muß, wie ihre Kolleginnen in Polizeigewahrsam genommen werden, während die Zuhälter in Freiheit weiterhin ihren Geschäften nachgehen.«