Autor Thema: Arbeit macht (MACHT) krank  (Gelesen 1390 mal)

regenwurm

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Arbeit macht (MACHT) krank
« am: 08:39:21 Di. 22.Juli 2008 »
Arbeit macht krank

Interview mit dem Psycholgen Klaus Weber - Teil 1

Professor Klaus Weber forscht an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule München. Telepolis befragte den Psychologen zur aktuellen Entwicklung psychosomatischer Krankheiten in der neoliberalisierten Gesellschaft.

 Herr Weber, was sind heutzutage die häufigsten psychosomatischer Krankheiten und was hat sich generell an psychosomatischen Erkrankungen in den letzten Jahren geändert?

Klaus Weber: Ich bleibe im nationalen Bereich: Es gibt eine Studie der AOK aus dem Jahre 2005 über die körperliche und psychische Belastung am Arbeitsplatz. Die Untersuchung betraf 30.000 Mitarbeiter in Firmen, Verwaltungen und Industriebetrieben. Da hat sich herausgestellt, dass der Anteil der psychischen Erkrankungen an den Gesamtkrankheitstagen enorm im Ansteigen begriffen ist.

Phänomene wie burning out, Erschöpfungsgefühle, Depression wurden von fast einem Drittel der Arbeitnehmern in den anonymen Umfragen angekreuzt. Dann kommt noch ein Faktor hinzu, der psychosomatisch nicht so leicht aufzuschlüsseln ist, obwohl sie in der Regel immer mit psychosomatischen Belastungen zu tun haben, nämlich Nacken-, Schulter- und Rückenbeschwerden, worunter fast die Hälfte leidet.

Inwieweit hängt diese Tendenz mit der fortschreitenden Neoliberalisierung der Gesellschaft, der Prekarisierung von Existenzen und Ausweitung der Konkurrenzverhältnisse zusammen? Und wie wichtig ist der Faktor Angst in dieser Entwicklung?  

Klaus Weber: Bei dieser Umfrage geht es in der Regel um Facharbeiter im öffentlichen Dienst oder Angestellte in den Verwaltungen die schwer oder kaum kündbar sind. Und dort sagt der normale, durchschnittliche Arbeiter: "Da wo früher vier Leute beschäftigt waren, sind es heute zwei - und die haben aber sechs mal so viel Arbeit." Das heißt auch in den "guten" Arbeitsplätzen (wie sogar der DGB dazu sagt) werden mit Zustimmung der Betriebsräte Überstunden ohne Ende geschoben. Um die prekarisierten Arbeitsplätze ging es in diesen Studien der AOK und der IG Metall nicht, da hat man bestimmt noch viel grausamere Probleme.

"Überalterung der Belegschaften"

Es geht darum, in jeder Hinsicht körperlich und psychisch mehr aus den Arbeitnehmern herauszuholen - und das bedeutet Verdichtungsprozesse. Das kann man in jeder Branche feststellen und natürlich hängt das mit technologischen Veränderungen zusammen: Dadurch, dass Computer die Grundlagen der Arbeitsprozesse - von der Lagerhaltung bis hin zum normalen Tippen im Sekretariat – geworden sind, gibt es auch die Möglichkeit, Arbeitsprozesse so zu gestalten, dass ein Mitarbeiter an drei, vier Objekten und Projekten gleichzeitig arbeiten kann oder sogar muss. Das ist das eine.

Ein anderer Punkt, der sehr gründlich erforscht wurde ist das, was man als "Überalterung der Belegschaften" bezeichnet. Das heißt, dass die Arbeitsplätze und Abläufe, also Prozessorganisation und Betriebsorganisation, für Leute zwischen 25 und 35 gemacht sind. Das Durchschnittsalter in den größeren Metallbetrieben (und das sind ja die meisten Auto- und Autozuliefererfirmen) beträgt aber 50 Jahre - und in den nächsten 10 Jahren wird sich daran nicht viel ändern, weil nicht so viele Jüngere nachkommen. Das heißt hier müssen Menschen, die schon einen gewissen körperlichen und geistigen Verschleiß haben, mit hohem körperlichen und psychischen Aufwand Arbeit leisten, die normalerweise 20 Jahre jüngere machen sollten und das führt dazu, dass man einfach nicht mehr kann und depressiv wird. Dass zusätzlich auch noch Konkurrenz, Ängste und Mobbing hinzukommen, die es in jedem Betrieb gibt, wäre der dritte Faktor bei psychischen Erkrankungen.

  Welche Rolle hierbei spielt die wachsende Individualisierung, also die Tendenz, dass die Leute die Bürde der verdichteten Arbeitsanforderungen auf ihre eigne Schippe nehmen, keine Gegenwehr organisieren, sondern arbeiten bis zum Umfallen?

Klaus Weber: Ich würde sagen, das ist die Grundlage dafür. Erst einmal könnte man sagen, hat es der Neoliberalismus geschafft, mit Begriffen wie der "Selbstverantwortung" und des "Arbeitskraftunternehmers" die Solidarität oder die Gemeinschaft, die vielleicht vorher über den Betriebsrat oder über die Gewerkschaften vorhanden war, ideologisch aber auch praktisch zu zerstören, indem die Leute in Projekte eingeteilt wurden und auch konkurrierten. Zum Beispiel wird in Arbeitsgruppen eine Prämie für die gesündeste Gruppe ausgeschrieben. Das heißt, es wird um eine Prämie von 1.000 Euro pro Mitarbeiter und Jahr konkurriert. Und diejenige Abteilung, welche die wenigsten Fehlzeiten hat, bekommt diese 1.000 Euro. Das führt natürlich dazu, dass die Leute krank in die Arbeit gehen und die Batterie solange benutzen bis gar nichts mehr da ist.

Ich denke, die Individualisierung ist die Folge dieser Prozesse - dass Leute dies nach Innen nehmen, versuchen, für sich Wege zu gehen. Erst jetzt setzt langsam wieder die Gegenwehr ein, zum Beispiel von Seiten der Betriebsräte. Das geschieht aber zum Teil zu einem Zeitpunkt, an dem die Leute nicht mehr können. Zudem ist die Gegenwehr relativ kläglich.

Das Arbeitsschutzgesetz existiert seit 1996 und bietet ja sogar in den Paragrafen 3, 4 und 5 die Möglichkeit, Einfluss auf die Arbeitsorganisation zu nehmen, um damit Betriebsabläufe zu verändern, wenn sie zu psychischen Erkrankungen führen. So steht es im Gesetzestext. Die Arbeitgeber haben sich seinerzeit massiv empört, dass so große Eingriffsmöglichkeiten für Gewerkschaften vorhanden sind. Aber 30 Prozent aller Firmen haben dieses Arbeitsschutzgesetz noch nicht einmal umgesetzt, obwohl es eine Muss-Bestimmung ist.

Und auch viele Betriebsräte kümmern sich überhaupt nicht darum, dass es umgesetzt wird, weil dies eine Gefährdungsanalyse jedes Arbeitsplatzes in einer Firma beinhalten würde. Das heißt wenn ein Mitarbeiter psychisch oder physisch gefährdet ist, dann müsste ein Maßnahmenkatalog erstellt werden, damit er weniger gefährdet ist und gesünder arbeiten kann. Der muss dokumentiert und mindestens einmal jährlich überprüft werden. Große Firmen wie Siemens und BMW haben eine Arbeitsgruppe "Gesundheitsschutz" - und die macht das ganze Jahr nichts anderes als von Arbeitsplatz zu Arbeitsplatz zu gehen um diesen zu überprüfen. Das Problem sind hier eher die mittelständischen und kleinen Unternehmen.

Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28352/1.html


"Man setzt auf Brot und Spiele"

Reinhard Jellen 22.07.2008
Zweiter Teil des Interviews mit dem Psychologen Klaus Weber

Wie halten die Menschen im Neoliberalismus die wachsende Unterordnung unter ökonomische Prozesse bei unterstellter wachsender Selbstbestimmung psychisch aus? Pflanzt sich da eine zunehmende gesellschaftliche Schizophrenie in den Individuen fort?

Klaus Weber: Man könnte sich überlegen, ob nicht die verschiedenen Anteile des Geforderten - nämlich auf der einen Seite in der Firma hoher Fleiß, hoher Energieaufwand, viel Kopf und Körper zu verausgaben und damit sehr diszipliniert, organisiert, sehr klar und strukturiert selbstverantwortlich zu handeln und auf der anderen, der Konsumtionsseite, alles sofort, frei fluktuierend zu verausgaben (damit der Mittelstand gefördert wird et cetera) Widerspruchsanforderungen an die Subjekte sind, die genau das Problem der Schizoidität erzeugen.

Darüber hat schon Peter Brückner geschrieben, der sich daraus auch die Problematik erklärte, warum die Arbeitnehmer zu Aggression und Gewalttaten neigen: Weil sie mit diesen Widerspruch in ihrer Identitätsbildung nicht umgehen können. Sie werden permanent aufgefordert diszipliniert zu schuften und dann sollen sie die Sau rauslassen, Bier trinken, konsumieren, viele Markenprodukte kaufen. Eigentlich lässt sich die die Psychostruktur nicht innerhalb so kurzer Zeit umorganisieren. Und trotzdem machen es die Leute - irgendwie. So ein switching passiert, von der Arbeit zum Fernseher. In der Arbeit den linken Gewerkschafter zu spielen und am Fernseher mit dem Bier in der Hand den altfaschistoiden Fußballidioten zu geben, das ist alles drin. Dass dies aber Widerspruchskonstellationen sind ist auch klar.

Wie äußert sich die Aggression? Nimmt die Familiengewalt zu und wird während internationaler Fußballturniere mehr ausgeflippt? Nimmt der Alkoholismus und der Drogenkonsum zu?

Klaus Weber: Wir haben eine Zunahme der Anzahl der gefährdeten und schwer abhängigen Alkoholkranken (auch bei den Jugendlichen) und eine Zunahme des Drogenkonsums in fast jedem Bereich. Auch die Aggression nimmt deutlich und in jeder Hinsicht zu. Die Zahlen steigen. Das ist um die Jahreswende bei der Debatte um die Jugendkriminalität deutlich geworden. Auch Straftaten im innerfamiliären Bereich nehmen zu.

Was auf einer anderen Ebene deutlich wird, ist etwas, wovon Frau Merkel um die Jahreswende gesprochen hat: "Wir müssen aufpassen, dass uns der Laden nicht auseinander kracht": Damit hat sie die ideologische Absicherungsarbeit gemeint: Die Schere zwischen arm und reich klafft als Folge der Neoliberalisierung so weit auseinander, dass es immer schwerer vermittelbar ist, warum die Bevölkerungsmehrheit brav arbeiten gehen soll und ihre Lage immer heikler wird, während eine Minderheit in Saus und Braus lebt .

"Du bist in Ordnung, wenn du den anderen mit Füßen kaputt trittst"

Und "den Laden zusammenhalten" heißt für sie, jedes Fußballspiel zu besuchen, zu zeigen, dass die Nation das verbindende Ganze ist, dass es gut ist, Leistung zu bringen, dass es notwendig ist, auf Brot und Spiele zu setzen und nicht die Probleme in irgendeiner Weise so anzugehen, dass die Menschen tatsächlich zufrieden und selbstbestimmt arbeiten.

Welche Rolle spielen die Medien in diesem Prozess?

Klaus Weber: In den Bundesländern, die von geringer Arbeitslosigkeit geplagt sind, wie Bayern und Baden-Württemberg, schaut jeder Mensch am Tag durchschnittlich 3 Stunden fern, in anderen Ländern, vor allen in den neuen Bundesländern, wird vier Stunden ferngesehen. Wenn man sich das mediale Angebot anschaut und neben den Groß-Events die medialen "Highlights" herausnimmt, dann gibt es auf der anderen Seite, eine Art suggerierte Wissensgesellschaft, für die Leute wie Günter Jauch stehen, der von den meisten Bürgern in einer Umfrage neben Thomas Gottschalk als der intelligenteste Mann Deutschlands gewählt wurde.

Und dann gibt es die ganzen politischen Talkshows, in denen die Menschen, die uns repräsentieren sollen, nicht argumentieren, sondern Standpunkte austauschen, so dass es selten passiert, dass die Menschen Antworten in ihrem Sinne finden können. Weiter gibt es noch - und ich glaube, dass ist das Entscheidende - die Soaps oder Sendungen wie die von Stefan Raab, die die Funktion haben, den Menschen ein emotionales und ideologisches Angebot zu liefern, indem sie sagen: Du bist in Ordnung, wenn du den anderen mit Füßen kaputt trittst.

Ich denke schon, dass die Medien auch die Funktion übernommen haben, das System zu stabilisieren, indem sie den Leuten signalisieren: "Du bist in Ordnung, weil es unter Dir noch jemanden gibt, dem es schlechter geht und auf den Du treten kannst." Immer ist irgendjemand der bad guy und irgendwer der good guy - und alle identifizieren sich mit dem Guten und finden etwas, um sich über die Abwertung der Anderen zu stabilisieren. Es wird personalisiert, moralisiert, psychologisiert, emotionalisiert, dass die Schwarte kracht, aber keinesfalls nach Strukturen gefragt, die die Menschen erst zu dem machen, was sie meinen, schon immer zu sein.

Artikel-URL: http://www.heise.de/tp/r4/artikel/28/28353/1.html
Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler.

Pinnswin

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Arbeit macht (MACHT) krank
« Antwort #1 am: 08:59:36 Mi. 23.Juli 2008 »
"Man setzt auf Brot und Spiele"

Boah, ich kann dieses ewige Endzeitgelaber echt nicht mehr  :wallbash> :tischkante>- mhmmm okay, ich gebs zu, ich hab nur die Überschriften gelesen. Immerhin nett, das der Herr Professor Doktor für seine Endzeitthese Geld bekommt.

Mir hat mal jemand erzählt, das die meisten Depressiven gar nicht krank sind, sondern einfach nur Erwerbslos. Man geben ihnen also Anstelle von Medikamenten einen Job,
- den sie Lieben,
- der ihnen ein gutes Auskommen sichert
- und Voilá - die Welt ist gerettetet.  :sark> *duck-unn-wech**
Das Ende Der Welt brach Anno Domini 1420 doch nicht herein.
Obwohl vieles darauf hin deutete, das es kaeme... A. Sapkowski