Autor Thema: Lehrer als Saisonarbeiter  (Gelesen 10749 mal)

Eivisskat

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Lehrer als Saisonarbeiter
« am: 08:05:49 Sa. 02.August 2008 »
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Entlassen bei Ferienbeginn

von Anke Becker-Wenzel und Werner Martin Doyé

In wenigen Wochen ist es wieder soweit: Dann sind endlich Sommerferien. Für viele befristet angestellte Lehrer kein Grund zur Freude: Sie werden zu Tausenden während der Ferien in die Arbeitslosigkeit geschickt. Damit entlasten einige Bundesländer ihre Haushalte - allerdings auf Kosten des Bundes, der Lehrer und der Schüler.
 
Lehrerin Laura RothLängst ist es vielfach gängige Praxis Lehrer nur noch mit Zeitverträgen auszustatten. Sie werden als Schwangerschaftsvertretungen oder für andere Springertätigkeiten jeweils für ein Schuljahr befristet beschäftigt und mit Beginn der Sommerferien dann in die Arbeitslosigkeit entlassen. Zum Schuljahresanfang werden sie dann oft wieder eingestellt.

So erging es, nach Erhebungen der Bundesagentur für Arbeit, im Sommer 2007 mehr als 5000 jüngeren Lehrerinnen und Lehrer. Und auch in diesem Jahr werden es wieder so viele sein. Eine von ihnen ist Laura Roth. Trotz abgeschlossenem Staatsexamen und Referendariat hat sie bisher keinen festen Arbeitsvertrag bekommen können. So wird sie in den kommenden Sommerferien wieder arbeitslos. Für die junge Lehrerin bedeutet das: sechs Wochen lang leben von Hartz IV.

Nicht wissen, was einen erwartetDoch das ist nicht das Einzige, was sie unzufrieden macht. Während andere Lehrer nach den Ferien in ihre Klassen zurückkehren werden, weiß Roth nicht, was sie bei Schuljahresbeginn erwartet: "Ich weiß nicht, welche Klasse bekomme ich. Ich werde eben da eingesetzt, wo Not am Mann ist."
So hatte sie sich die Arbeit als Lehrerin nicht vorgestellt: "Es fehlt dieses Vertrauensverhältnis einfach. Die Schüler müssen sich auf eine Lehrerin einstellen können. Müssen auch wissen, das ist meine Klassenlehrerin. Ich muss mich genauso auf die Schüler einstellen können als meine Klasse. Wenn ich dann ständig wechselnde Klassen habe, ist da natürlich keine Basis da."

Nicht wissen, welcher Lehrer kommtUnd darunter leiden dann vor allem die Schüler. In der Klasse 7c der Martin-Buber-Schule in Heppenheim wechselten die Lehrer zeitweilig alle sechs Monate. Das blieb nicht ohne Folgen, meint Felix: "Unsere Klasse ist dann sozusagen auseinandergebrochen." Und Yannick bestätigt: "Ja, wir haben uns nur gestritten und haben uns gegenseitig fertig gemacht, weil wir einfach keinen Ansprechpartner hatten."
 
Keine Kontinuität im Unterricht, Lehrkräfte, über denen ständig das Risiko der Arbeitslosigkeit schwebt und Kollegien, die nicht über einen längeren Zeitraum zusammenarbeiten können - offenbar treten Schüler und Lehrer in den Hintergrund, sobald es um finanzielle Interessen geht. Denn die Sommer-Arbeitslosigkeit der Lehrer entlastet erheblich die Haushaltskassen einiger Bundesländer. Sie sparen kräftig auf Kosten der Sozialkassen.

"Wir haben das hochgerechnet: Eine sechswöchige Arbeitslosigkeit bei etwa 5000 Lehrern kostet etwa 17 Millionen Euro und das sind Beitragsgelder, die alle Versicherten bezahlen", sagt Frauke Wille, Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit.

Hier wird von den Bundesländern an der falschen Stelle gespart, kritisiert auch die Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW). "Ich empfinde es als Skandal. Da kommt nicht nur eine Geringschätzung für die Personen zum Ausdruck, sondern eine Geringschätzung für den ganzen Bereich der Bildung. Man meint, dass man Kindern und jungen Leuten eben zumuten kann, ständige Wechsel zu verkraften", so die stellvertretende Vorsitzende der GEW, Marianne Demmer.

http://frontal21.zdf.de/ZDFde/inhalt/4/0,1872,7247076,00.html?dr=1

Kater

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Lehrer als Saisonarbeiter
« Antwort #1 am: 18:36:29 Mi. 06.August 2008 »
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LEHRER ALS LÜCKENBÜSSER - Sommerferien in der Arbeitslosigkeit

So werden junge Lehrer zu Saisonarbeitern wider Willen: Einige Bundesländer stellen sie für das Schuljahr ein - und machen sie in den Ferien stets arbeitslos, die Sozialkassen müssen einspringen. Dieses Spiel wird auch der Bundesagentur für Arbeit inzwischen zu dreist.

Für Tausende von Lehrern bedeuten sechs Wochen Sommerferien keine Freude, sondern Arbeitslosigkeit und Geldmangel. Besonders in Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen müssen junge Lehrer mit befristeten Verträgen in den Sommerferien oft Arbeitslosengeld beantragen. Andere Bundesländer haben diese von der Bundesagentur für Arbeit (BA) kritisierte Praxis inzwischen geändert.

Als "Saisonarbeitslosigkeit" bezeichnet die Bundesagentur das Phänomen, das nicht verbeamtete Lehrer trifft. "Es geht vor allem um jüngere Lehrer, die etwa eine Schwangerschaftsvertretung übernehmen und befristet eingestellt werden", erklärt BA-Sprecherin Adriana Galunic.

Teilweise enden die Verträge zum Schuljahresende, damit auch die Gehaltszahlung. Während der Sommerferien müssen die Lehrer Arbeitslosengeld I beantragen - oder sogar ALG II, wenn sie noch nicht ausreichend Beiträge zur Arbeitslosenversicherung gezahlt haben, was bei Junglehrern oft der Fall ist. Nicht die Bundesländer, sondern die Arbeitsagentur muss zahlen, wenn der Lehrer im Sommer von Stütze lebt.

"In den Monaten Juli und August werden auffallend viele Lehrer entlassen. Nach den Sommerferien sinkt die Arbeitslosigkeit von Lehrern schlagartig wieder", heißt es in einem Papier der BA. Im Sommer 2007 seien bundesweit knapp 7000 Lehrer in diesen beiden Monaten arbeitslos gewesen, darunter 5400 jüngere: "Besonders auffällig ist, dass der erhöhte Zugang an jungen Lehrern in die Arbeitslosigkeit und die gut sechswöchige Erhöhung des Bestandes an arbeitslosen Lehrern seit Jahren in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg, aber auch in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz beobachtet werden kann."

"Keine Überlegungen, das zu ändern"

In Baden-Württembergs Schulministerium ist man sich keiner Schuld bewusst. Es handele sich um Vertretungslehrer mit befristeten Verträgen, somit könne von Entlassung keine Rede sein, heißt es dort. In Niedersachsen reagiert das Ministerium ähnlich: Es handele sich um Verträge, die an einen Vertretungsgrund gekoppelt seien und damit solange gelten, bis der Vertretungsgrund wegfalle. "Da gibt es im Moment keine Überlegungen, das zu ändern", sagt Sprecher Stefan Muhle.

Diese Argumentation stößt in der Bundesagentur für Arbeit auf wenig Verständnis. Aus ihrer Sicht ärgerlich: Oft müssten sich Lehrer arbeitslos melden, obwohl schon Zusagen für eine Wiedereinstellung oder Vertragsverlängerung im nächsten Schuljahr vorlägen. "Die fraglichen Bundesländer handeln legal, aber nicht legitim, indem sie mit den Lehrern faktisch Kettenverträge schließen", kritisiert die BA. Diese Praxis reize "die gesetzlichen Schutzbestimmungen des Arbeitsrechts bis an die Grenzen aus".

Auch der Bundesrechnungshof kritisierte bereits 2001 in einem Gutachten, "dass sich die Länder eines Teils ihrer Arbeitgeberverpflichtungen zu Lasten des BA-Haushalts entledigen, der Bund oder die BA jedoch keine praktische Handhabe besitzen, um dem entgegenzuwirken". Die Bundesagentur schätzt die zusätzliche Belastung auf rund 17 Millionen Euro. Die Notwendigkeit sei "mehr als fraglich" - schließlich kämen die anderen Länder, darunter der wirtschaftlich schwächere Osten, ohne Saisonarbeitslosigkeit bei Lehrern aus.

Hessen und Rheinland-Pfalz machen reinen Tisch

Außerdem könnten die scheinbar arbeitslosen Lehrer während der Sommerferien gar nicht sinnvoll vermittelt werden: Zum einen fühlten sie sich ihrem Beruf und ihrem Arbeitgeber verpflichtet, zum anderen hielten sie mündliche Wiedereinstellungszusagen davon ab, nach anderen Jobs zu suchen. Sollten sie sich aber doch dafür entscheiden, den Arbeitgeber und damit in der Regel den Beruf zu wechseln, "verlieren die Länder dauerhaft hochqualifizierte Fachkräfte, die sie ja immerhin während der zweijährigen Referendariatsphase mit erheblichem Aufwand (und entsprechenden Kosten) ausgebildet haben", heißt es in dem Papier.

Das nordrhein-westfälische Schulministerium verweist auf das juristische Problem der "Anschlussbeschäftigung": Eine Zusage des Schulleiters auf Weiterbeschäftigung nach den Ferien reiche nicht aus, um die Lehrer auch zwischen den Schuljahren zu bezahlen. Wenn Lehrer vor Beginn der Sommerferien nachweisen könnten, dass sie im neuen Schuljahr weiterbeschäftigt würden, dann würden sie auch bezahlt - aber für den Nachweis seien die Bezirksregierungen zuständig. Diese seien vom Ministerium aufgefordert worden, entsprechend zu agieren.

In Hessen soll die kritisierte Praxis bald der Vergangenheit angehören: Am 27. Mai beschlossen alle Landtagsfraktionen einstimmig eine Änderung, wie das Schulministerium betont. Und Rheinland-Pfalz weist den Vorwurf der BA gänzlich zurück: Seit dem Schuljahr 2007/08 würden nur noch Vertretungsverträge geschlossen, die erst sechs Wochen nach Beginn des neuen Schuljahres abliefen, sagt Ministeriumssprecher Wolf-Jürgen Karle. Und davor habe man Lehrern die Sommerferien nachträglich vergütet, wenn sich erst im Lauf der Ferien herausgestellt habe, dass sie auch im neuen Schuljahr als Vertretung benötigt würden.

http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,570396,00.html

Arwing

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Lehrer als Saisonarbeiter
« Antwort #2 am: 22:34:14 Mi. 06.August 2008 »
Ein Hurra auf den Niedergang der Bildung in Deutschland :aggressiv>
Das aktuelle Geldsystem ist auf die Gewinnmaximierung einer kleinen Elite ausgerichtet, die von der Gemeinschaft der Bürger Europas erbracht werden soll und die politische Elite fungiert als Handlanger.

flipper

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Lehrer als Saisonarbeiter
« Antwort #3 am: 19:29:22 Do. 07.August 2008 »
lehrer 2. klasse. und kein wort dazu vom beamtenbund.
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admin

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Re:Lehrer als Saisonarbeiter
« Antwort #4 am: 11:05:32 So. 13.März 2016 »
Zitat
   Proteste gegen schlechte Arbeitsbedingungen in Erwachsenenbildung
von Catharina Kronisch

Die Osnabrücker Initiative Deutsch als Zweitsprache plant eine Protestaktion für bessere Arbeitsbedingungen. Laut Neuer Osnabrücker Zeitung protestieren die Lehrkräfte, da viele freiberuflich, ohne festen Arbeitsvertrag arbeiten würden. Hinzu komme, dass freiberufliche Lehrkräfte in den Ferien nichts verdienen.  Dadurch sei  Altersarmut  vorprogrammiert. Die schlechten Arbeitsbedingungen würden bedeuten, dass viele Lehrkräfte aus der Erwachsenenbildung häufig besser bezahlte und abgesicherte Arbeitsplätze an der Schule vorziehen. Dagegen protestiert die Osnabrücker Initiative Deutsch als Zweitsprache am kommenden Dienstag. Los geht es um 10.30 an der Käthe-Kollwitz-Schule.
http://www.osradio.de/proteste-gegen-schlechte-arbeitsbedingungen-in-erwachsenenbildung/

Kuddel

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Re:Lehrer als Saisonarbeiter
« Antwort #5 am: 18:39:46 Sa. 14.Juli 2018 »
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Lehrerin mit 31 befristeten Arbeitsverträgen
"Ich kam mir vor wie ein Spargelstecher"

Während des Schuljahrs war Gabriella von Rédey als Lehrerin angestellt, in den Ferien immer arbeitslos.


Gabriella von Rédey, 61, unterrichtete seit 2007 an elf verschiedenen Schulen in Köln und Umgebung. Nun möchte das Schulamt sie nicht mehr beschäftigen. Der Grund: Redéy habe zu viele Arbeitsverträge bekommen und hätte Anspruch auf eine Entfristung.
http://www.spiegel.de/plus/lehrerin-mit-befristeten-vertraegen-kam-mir-vor-wie-ein-spargelstecher-a-00000000-0002-0001-0000-000158383101