Autor Thema: Tunesien  (Gelesen 10316 mal)

ManOfConstantSorrow

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Re:Tunesien
« Antwort #30 am: 11:40:57 Mo. 15.Mai 2017 »
Zitat
Unruhen in Tunesien
Es ist wieder Frühling

Bürgerproteste weiten sich aus. Aber nicht alle Soldaten wollen gemäß dem Wunsch des Präsidenten dagegen vorgehen.




Der tunesische Präsident Beji Caid Essebsi hat angekündigt, die Armee gegen die sich ausweitenden Straßenproteste im Süden Tunesiens einzusetzen.

In der vom Staatsfernsehen Watanya live übertragenen Rede am Mittwoch hielt der 90-jährige eine Deklaration der Protestbewegung aus der Stadt Tataouine in die Kameras und machte sich über deren Forderung nach Verbleib von 20 Prozent der Erlöse aus der Öl- und Gasförderung in der Region lustig.

Seit Mitte Februar blockieren Aktivisten die Zugänge zu den Ölförderanlagen. Der österreichische Ölproduzent OMV zog daraufhin 800 seiner internationalen Mitarbeiter aus dem Südwesten Tunesiens ab.

„Das Recht auf Meinungsfreiheit und Protest schließt nicht die Blockade von Tunesiens wenigen Resourcen ein“, sagte Essebsi und begründete die Drohung mit Einsatz der Armee: „Dies ist eine schwerwiegende Entscheidung, aber wir müssen unseren Wohlstand schützen.“ Die Proteste würden die junge Demokratie gefährden, kommentierten auch den moderaten Ennahda-Islamisten nahestehende Medien.

In Tataouine und rund um die Phosphatförderanlagen in Gafsa haben bereits Soldaten Stellung auf Straßenkreuzungen bezogen. Zwei Jugendliche, die T-Shirts mit Slogans gegen Polizeigewalt drucken ließen, wurden von Spezialeinheiten festgenommen und zu sechs Monaten Haft verurteilt.

Tarek Haddad, Koordinator der Sit-Ins in El Kamour nahe den Ölfeldern, reagierte empört. „Wir werden nicht klein beigeben“, sagte er. Die Forderung, die Region „am Wohlstand zu beteiligen“, wolle man weiterhin „im Dialog erreichen“.

Spontane Bürgerbewegungen

Staatsmedien unterstellen der Protestbewegung, von islamistischen Parteien unterwandert zu sein. Es bilden sich in der unterentwickelten Sahel-Region Tunesiens jedoch immer mehr spontane Bürgerbewegungen, die sich sowohl von Parteien als auch von Gewerkschaften distanzieren.

Wie 2011 weigern sich auch jetzt Soldaten, gegen Bürger Gewalt einzusetzen

In Kebili behindern so Bürger die Phosphatproduktion und protestieren damit gegen Arbeitslosigkeit und Umweltbelastung. Das Versprechen der Regierung, ein Zehntel der Einnahmen in Entwicklungsprojekte in Gafsa zu stecken, wurde nach Meinung der Aktivisten nicht umgesetzt.

Die betroffenen Unternehmen bekommen die Folgen zu spüren. „Unter normalen Bedingungen würden wir bis zu 10 Millionen Dollar pro Tag einnehmen, nun verdienen wir nichts“, beschwert sich Mohammed Hamdi, Abteilungsleiter in der Groupe Chimique aus Tunis, wohin fast alle Einnahmen der Phosphatproduktion fließen.

Sollten die Straßenblockaden weitergehen und die CPG ihren fast 8000 Mitarbeitern die Löhne nicht mehr zahlen können, befürchtet Hamdi bürgerkriegsähnliche Zustände.

Immer mehr Soldaten verweigern sich

Ob die Armee tatsächlich gegen die Blockaden vorgeht, ist ungewiss. Wie während des Aufstandes gegen Ben Ali Anfang 2011 weigern sich auch jetzt viele Soldaten und Offiziere, gegen unbewaffnete Bürger Gewalt einzusetzen.

In sozia­len Medien posteten Hunderte Uniformierte ihre Rangabzeichen und den Slogan der Bürgerbewegung: „Wir werden weitermachen.“
http://www.taz.de/Unruhen-in-Tunesien/!5408802/
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re:Tunesien
« Antwort #31 am: 19:01:13 Do. 31.Mai 2018 »
Schrecklich, daß unser Bild vom Rest der Welt weitgehend von unserem Bildungssystem und den Medien geprägt ist.
In der Beziehung sind wir langsam ähnlich ahnungslos, wie die Amis, die oftmals keinen Schimmer haben, wie die Zustände irgendwo auf der Welt sind. Eigentlich überall nur Terrorosten.

Wer hat hierzulande schonmal davon gehört:
Zitat
Anti-Ramadan Proteste in Tunesien

Wie jedes Jahr demonstrieren auch in diesem Ramadan einige Tunesier gegen den auferlegten Zwang, sich auch dann öffentlich an die Fastenregeln zu halten, wenn man selbst nicht fastet. Sie fordern etwa, dass Cafés tagsüber öffnen sollen. Im folgen zwei kurze Videos über eine Kundgebung der „Libre Penseurs“, einer Gruppe bekennender Atheisten und Agnostiker.
www.youtube.com/watch?time_continue=13&v=DAj_WG-LVvo
https://www.mena-watch.com/anti-ramadan-proteste-in-tunesien/

Kuddel

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Re: Tunesien
« Antwort #32 am: 14:30:25 Do. 17.Januar 2019 »
Zitat
8 Jahre nach der Revolution
So geht es Tunesien heute: In Wirklichkeit hat der IWF das Sagen


Tunesien gilt als das geglückte Beispiel des arabischen Frühlings: Demokratische Wahlen, Meinungsfreiheit und eine fast säkulare Verfassung. Seit der Revolution wird offen über Politik debattiert, diskutiert und erbittert gestritten. Die Zivilgesellschaft und die Gewerkschaft sind sehr aktiv und wenn etwas nicht gefällt, wird demonstriert. Zum Anlass des 8-jährigen Jubiläums der Jasminrevolution  hat Kontrast.at mit der tunesischen Journalistin Malek Lakhal gesprochen.

"...Die Macht liegt nicht innerhalb des Landes. Die Politik hört nur auf das was im Ausland gesagt und gefordert wird.

    Statt auf die Interessen der Bevölkerung im Auge zu haben, wird nur darauf geschaut, was ausländische Partner wie der Internationale Währungsfonds oder die Weltbank wollen. Die Menschen schauen durch die Finger.

Die Politik macht sich abhängig von externer Expertise und folgt einer Logik der Technokratie, aber sie hat den Bezug zur Bevölkerung verloren. Das ist doch absurd, wir haben ein demokratisches System erkämpft und jetzt ist es, als ob die Bevölkerung zum Zuschauer degradiert wurde und ergeben auf ihr Schicksal wartet..."
https://kontrast.at/tunesien-arabische-fruehling-revolution/

Zitat
Tunesien:
Die Hoffnung verflogen, der Fluchtweg versperrt
Acht Jahre nach der Vertreibung Ben Alis ist die Stimmungslage im nordafrikanischen Land düsterer denn je. Viele wollen ihre Heimat verlassen – wenn sie denn können.


...Der primäre Grund für die grosse Wut im Land ist klar: Die «Revolution», die die meisten nicht mehr so nennen mögen, hat den ärmeren Bevölkerungsschichten nichts gebracht. Ganz im Gegenteil: Es geht ihnen heute deutlich schlechter als vor 2011. «Acht Jahre sind seit der Revolution vergangen», sagt der Politologe und Berater Kais Djelassi. «Der tunesische Bürger ist ärmer, unglücklicher, verzweifelter. Das muss aufhören!»...
https://www.nzz.ch/feuilleton/tunesien-hoffnung-verflogen-fluchtweg-versperrt-ld.1449487

Zitat
Die Ernüchterung nach der tunesischen Revolte

...Die Protestformen nehmen hier inzwischen verstärkt radikalere Formen an. Am 24. Dezember hatte sich der Journalist und Kameramann Abderrazak Zorgui in der Region Kasserine aus Protest gegen die nach der Revolte gemachten, aber nicht eingehaltenen sozialen Versprechen selbst angezündet – ganz nach dem Vorbild von Mohamed Bouazizi, der mit seiner Selbstverbrennung in Sidi Bouzid 2011 die damalige Revolte maßgeblich ausgelöst hatte. In einem zuvor veröffentlichen Video hatte Zorgui erklärt, er wolle im Namen der "Arbeitslosen und Armen" Kasserines, die seit acht Jahren Opfer von "Lügen" seien, eine neue Revolution beginnen. Und er war nicht der Einzige. Innerhalb einer Woche habe es mindestens 13 Selbstmordversuche gegeben, die meisten in Kasserine durch Selbstverbrennungen, so Messaoud Romdhani, Präsident der Menschenrechtsorganisation FTDES, zum STANDARD. Die Wirtschaftskrise, die sich durch eine rasant steigende Inflation, Preissteigerungen, wachsende Staatsschulden und eine hohe Arbeitslosenrate auszeichnet, hat die Kluft zwischen dem Hinterland und Tunesiens Küstenregionen, denen es aufgrund des Tourismus vergleichsweise gutgeht, weiter vergrößert. Kasserine sei eine der besonders unterprivilegierten Regionen im Land, sagt Romdhani: "Sehr hohe Analphabetenrate, keine spezialisierten Ärzte, schlechte Infrastruktur. Die meisten Menschen hier leben von der informellen Wirtschaft." Die Provinz sei jahrzehntelang vernachlässigt worden. "In Sidi Bouzid gibt es wenigstens etwas Landwirtschaft, in Kasserine gibt es nur die Schattenwirtschaft", erklärt der Menschenrechtler...
derstandard.at/2000096287872/Die-Ernuechterung-nach-der-tunesischen-Revolte

Zitat
Generalstreik für bessere Bezahlung


Bereits im November wurde gestreikt

In Tunesien hat der Dachverband der Gewerkschaften zu einem landesweiten Generalstreik aufgerufen.

Damit wollen die Gewerkschaften Druck auf die Regierung ausüben, die rund 670.000 Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst besser zu bezahlen. Von dem Streik sind unter anderem Flughäfen, Schulen, Krankenhäuser und die staatlichen Medien betroffen. Am Flughafen von Tunis wurden die meisten Flüge gestrichen.

In Tunesien arbeitet rund ein Viertel der Beschäftigten für den Staat. Der Internationalen Währungsfonds fordert von der Regierung Kürzungen und Reformen im Öffentlichen Sektor.
https://www.deutschlandfunk.de/tunesien-generalstreik-fuer-bessere-bezahlung.1939.de.html?drn:news_id=967289