Autor Thema: Rollende Zeitbomben - Mit stumpfen Waffen gegen gefährliche Lkw aus Osteurop  (Gelesen 2242 mal)

Wilddieb Stuelpner

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ARD, Sendung "Plusminus": Rollende Zeitbomben

Mit stumpfen Waffen gegen gefährliche Lkw aus Osteuropa

Von Michael Lang

Nach einem Lkw-Unfall ist meistens nicht mehr festzustellen, ob der Fahrer übermüdet war oder ob das Auto technische Mängel hatte. Eines ist den Autobahnpolizisten im nordrhein-westfälischen Kamen jedoch klar: Die Unfälle mit Lkw aus Osteuropa nehmen zu und das liegt daran, das diese schlecht oder gar nicht gewartet werden.

Wenige Kontrolleure

Die Autobahnpolizei in Kamen ist eine der wenigen Polizeigruppen in Deutschland, die sich auf Lkw-Kontrollen spezialisiert haben. Doch von den 22.000 Gütertransporten, die am Tag über das Kamener Kreuz rollen, können die Beamten gerade mal 30 überprüfen. Sie konzentrieren sich daher auf gezielte Stichproben, erklärt Polizeioberkommissar Immanuel Noske: „Wir schauen vor allem nach Fahrzeugen, die einen auffällig hohen Sicherheitsabstand halten.”

Bei den Kontrollen werden zuerst die Bremsen der Lastwagen kontrolliert. Sind sie kalt, sind sie außer Funktion. Neben abgeklemmten Bremsen finden die Beamten auch regelmäßig schiefe Achsen, abgebrochene Stoßdämpfer, defekte Lenkungen. Jeder einzelne dieser Mängel reicht schon, um den Wagen stillzulegen. Bei den kontrollierten Fahrzeugen finden sich aber meistens mehrere Defekte.

„Medienhype“?

Die Bundesregierung sieht die Sache gelassen. Als „Medienhype“ bezeichnet der Pressesprecher des Bundesverkehrsministeriums Meldungen über unsichere Lkw aus Osteuropa. „Die sind genauso gut wie die deutschen“, meint Felix Stenschke und weist auf Untersuchungen hin, die belegen, dass osteuropäische Speditionen oft sogar mit den neuesten Modellen unterwegs sind. Das bestätigen sogar die Beamten in Kamen. „Aber“, so Polizeioberkommissar Noske, „die osteuropäischen Lkw werden bei weitem schlechter gewartet als westeuropäische. Wir hatten auch schon einmal einen Lkw mit 400.000 Kilometern ohne Wartung auf dem Prüfstand. Die Bremsen waren auf.”

Zeitaufwendige Untersuchungen, geringe Strafen

Die Untersuchung der Bremsen kostet die Beamten in jedem Einzelfall wertvolle Zeit, die Ihnen für die Kontrollen weiterer Fahrzeuge fehlt. Mangels eigener Ausstattung vor Ort müssen alle Lkw einer TÜV- oder DEKRA-Stelle weitab der Autobahn vorgeführt werden.

Auch die Höhe der Bußgelder trägt kaum zur Entschärfung des Problems bei. Heute kostet eine einzelne Beanstandung den Spediteur in Deutschland nur 100 Euro und auch jeder weitere Mangel, ob schräge Achse, defekte Bremse oder lockere Lenkung, wird nur mit jeweils 100 Euro Bußgeld belegt. „Das wird teilweise schon einkalkuliert“, meint Polizeioberkommissar Noske und verweist auf die weiterreichenden Möglichkeiten seiner niederländischen Kollegen. Sie sind zum Teil Sachverständige in Uniform, die noch auf der Autobahn zum Beispiel eine Bremsprüfung durchführen und drastische Bußgelder verhängen können. Für eine defekte Bremsanlage kann das Bußgeld in den Niederlanden immerhin auf bis zu 2.000 Euro klettern. Solche Strafen machen schnell den Gewinnvorteil zunichte, den Spediteure der schlecht gewarteten Lkw gegenüber ihrer verantwortungsbewussten Konkurrenz haben.