Autor Thema: »Depressionen nehmen zu« Ökonomischer Druck führt bei vielen Menschen zur Überl  (Gelesen 10379 mal)

Eivisskat

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Ein Gespräch mit Michael Wilk - Interview: Gitta Düperthal.
Quelle: http://www.jungewelt.de/2009/06-13/011.php

Merken Sie bei Ihrer täglichen Arbeit, daß die Wirtschaftskrise bei den Kranken angekommen ist?


Ich registriere einen zunehmenden psychischen Druck bei vielen Menschen – und eine wachsende Hemmungen, sich arbeitsunfähig schreiben zu lassen. Viele fürchten Repressalien, wenn sie krank werden, oder sinkende Chancen auf dem Arbeitsmarkt – vor allem wenn sie älter als Mitte 40 sind. Statistisch gibt es zwar 2008 wieder mehr Krankmeldungen, nachdem 2007 der Krankenstand das Rekordtief von 3,2 Prozent der Sollarbeitszeit erreicht hatte. Das verwundert nicht: Krankheiten lassen sich nicht verschleppen oder verdrängen; das »Rollback« kommt heftig. Die momentane Krise ist noch nicht statistisch erfaßt –in späteren Statistiken wird vermutlich eine Zunahme psychosomatischer Krankheiten erkennbar werden. Aus subjektiver Sicht kann ich nur konstatieren: Depressionen als Folge des ökonomischen Drucks nehmen zu.

Wie macht sich das bemerkbar?

Eine Amerikanisierung der ökonomischen Verhältnisse macht sich breit: Viele können sich nur noch mit zwei Jobs über Wasser halten, teilweise mit einer 60-Stundenwoche. Das führt zur Überlastung: Burnout oder Depression als Antwort auf Mangel an Zeit zur Regeneration, für die Familie und private Interessen. Neu ist, daß die gesellschaftliche Mittelschicht vom Druck erfaßt ist. Durch die Bankenkrise haben kleine Unternehmer und Handwerker einen Großteil ihres Vermögens verloren.

Ärzte, die ein offenes Ohr und Zeit haben, um diese Probleme der Patienten überhaupt wahrzunehmen, sind rar geworden. Woran liegt das?

Ohne mich in das Jammern von Ärzten einreihen zu wollen: Fakt ist, daß die Krankenkassen nicht belohnen, wenn Ärzte sich dem Patienten zuwenden. Deshalb versuchen einige, mit Masse und kurzgetakteten Terminen zu kompensieren. Das ist an Ärzten zu kritisieren – vor allem aber ein Systemfehler: Gerätemedizin wird hingegen überdimensional gut bezahlt. Es geht nur nach Kosteneffizienz und Gewinndenken, der Mensch interessiert kaum. Privatkassen und Krankenkassen in der jetzigen Form mit der Unterschiedlichkeit der Entlohnung sind meiner Meinung nach aufzulösen. Sonst kommen wir dahin, daß Ärzte gesetzlich Versicherten irgendeinen Humbug anbieten, der privat zu bezahlen ist, nur um Geld zu verdienen. Zudem ist das System intransparent. Alle Beteiligten sollten wissen, was eine Leistung bringt und was sie kostet – auch der Patient.

Gibt es angesichts des zunehmend von unternehmerischem Gewinndenken dominierten Gesundheitssystems Gegenwehr von Patienten?

Das ist ja das schlimme: In Deutschland gibt es keine breite Bewegung selbstorganisierter Patienten und Patientinnen, die das Gesundheitssystem hinterfragen – obgleich das bitter notwendig wäre. Wenn du dich gegen Atomkraft engagierst, wartest du ja auch nicht, bis Gorleben atomverseucht ist. Dabei offenbart sich die negative Rolle von Gewerkschaften, die im Grunde immer nur Kompromisse von Lohnanpassung und Stillhalteabkommen erzielen. Im Gesundheitsbereich existiert nicht einmal eine Lobby im etablierten System. Ein sozialkritischer Ansatz, der dazu führt, daß Leute sich organisieren und über den Tellerrand hinaus das Gesellschaftssystem kritisch beleuchten, fehlt. Das Bismarcksche Versorgungssystem hält bequem mit jener »Ich-werde-versorgt-Mentalität«. Sicherheitssysteme werden permanent heruntergefahren, der Sozialstaat wird ausgedünnt – aber die Leute haben nicht gelernt, sich um sich selber zu kümmern. Da müssen wir gegensteuern. Patienten müssen emanzipativ ihre Belange in die Hand nehmen.


Michael Wilk ist Arzt für Allgemeinmedizin und Psychotherapeut >> http://deu.anarchopedia.org/Michael_Wilk

Rede von Michael Wilk bei Demo "Wir zahlen nicht für eure Krise" >>

Troll

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Schwarz, rot, depressiv!

Der Psychiater hat den Frisör abgelöst. Jedenfalls als Gesprächsthema bei Partys – vor allem bei Jugendlichen. Das hat unsere Autorin, gerade in den Endzügen ihrer Masterarbeit, beobachtet und sich gefragt: Warum sind eigentlich so viele junge Menschen depressiv?

Irgendwas ist anders. Waren wir früher noch "deprimiert", weil wir unsere Eltern wild pubertierend zu der beliebten Jugendstrafe Hausarrest getrieben hatten, sind wir es heute, wenn es mit der fünfzehnten Bewerbung immer noch nicht geklappt hat oder der Geldautomat uns mit der Frage "Wollen Sie Ihren aktuellen Kontostand sehen?" verhöhnt. Früher haben wir Depression offenbar mit Langeweile verwechselt. Heute wissen wir nicht mal mehr, wie sich Langeweile anfühlt. Je älter man wird, desto größer werden die Sorgen – wie weiße Elefanten, die sich in die Mitte unseres geistigen Wohnzimmers stellen und die Sicht auf alles andere blockieren. Zumindest manchmal. Der ganz normale Wahnsinn.

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Der britische Sozialtheoretiker David Harvey wies darauf hin, dass die in den 68ern artikulierten Forderungen nach mehr Autonomie und Selbstbestimmung von der politischen Gegenbewegung des Neoliberalismus aufgenommen und in ein wirtschaftspolitisches Programm übersetzt wurden, das die permanente Mobilisierung und Verwertung aller individuellen Ressourcen verfolgte. Die Konsequenz dieser pervertierten Freiheit war unter anderem eine soziale Entsolidarisierung – im uneingeschränkten Wettbewerb ist jeder sich selbst der Nächste.

Doch Freiheit ist immer auch eine Frage der Befähigung zur Autonomie, und in diesem Punkt hat die Geschichte der 68er-Bewegung einen blinden Fleck. Die Freiheit, die wir heute besitzen, fordert einen hohen Preis, weil wir uns nie gefragt haben, was wir eigentlich mit ihr anstellen wollen. Wir wollten frei sein, jetzt sind wir es irgendwie und werden depressiv, weil wir frei sein müssen. Der moderne Mensch soll um jeden Preis er selbst sein und beständig an der Großbaustelle "Ich" arbeiten – das macht müde. Die Forderung nach hyperaktiver Selbstoptimierung und Eigenverantwortung mündet so letztlich auch im Gefühl der Eigenverantwortung der Depression gegenüber, die als persönliches Versagen empfunden wird. Dabei ist sie den gesellschaftlichen Verhältnissen geschuldet, in die das Individuum von Geburt an verwoben ist.

Dass wir heute relativ offen mit dem Thema Depression umgehen, ist eine positive Entwicklung, der die verzögerte Einsicht zugrunde liegt, dass sie nicht dem Versagen des Einzelnen geschuldet ist, sondern dem neoliberalen Diktat der Freiheit, man selbst zu sein. Wie ist man denn aber überhaupt man selbst? Dass wir schon alleine andere werden, wenn wir mal nicht wissen, wie wir unsere Miete bezahlen sollen, gibt zu denken. Schwierig, schwierig.
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Quelle: kontextwochenzeitung.de


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Meinungsmacht, 26.12.2013 12:47
Ich kann dieses gemosere nicht mehr hören. Unser Wirtschaftssystem ist also schuld daran, dass die Leute so depressiv sind? Weil sie nicht mehr mithalten, sich überfordert fühlen, ihre Bedürfnisse nicht mehr befriedigt werden? Habt ihr euch schon überlegt, ob das an der falschen Einstellung liegt? Vielleicht ist das nichts anderes als ein Gesundschrumpfen der Gesellschaft? Jene, die nicht mithalten, genügen, scheitern, funktionieren werden sukzessive aussterben - je schneller desto besser. Denn nur so können wir den Wohlstand wahren, den auch die "Depressiven" gerne in Anspruch nehmen. Diese Flucht in die Depression hat auch sehr viel mit einem falschen Sicherheitsbedürfnis - welches unser Sozialstaat vorgaukelt - zu tun und mit der Unlust, sich auf das Risiko des Kapitalismus und der Globalisierung einzulassen. Man könnte es auch anders ausdrücken: Wer keine Lust mehr hat zu arbeiten, flüchtet sich in eine "Depression" oder einen "Burn out". Arbeiten sollen die anderen!

Einen dort abgegebenen Kommentar zu dem Artikel möchte ich hier auch posten, der schreibende schreit förmlich nach handfesten Prügeln um auszuprobieren wie lange er/sie mithält. Da könnte ich sogar einem Gesundschrumpfen der Gesellschaft etwas abgewinnen.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
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Kuddel

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Das Thema wird von der Springerpresse aufgegriffen...

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Warum Ihr alle psychisch gestört seid

Mindestens die Hälfte meiner Bekannten hatte schon mal die Diagnose: psychisch krank. Wer nicht depressiv ist, muss blind sein, wer kein Burn-out hat, hat nie für etwas gebrannt.


Krankheit gibt Sicherheit, macht unangreifbar

Psychische Probleme sind so normal wie Magen-Darm-Infekte


http://www.welt.de/kultur/article138785887/Warum-Ihr-alle-psychisch-gestoert-seid.html

Der Artikel hat jedoch einen ekligen Unterton. "Ihre Diagnose ist wie früher der Entschuldigungszettel vom Arzt"
Aha, also so eine Art Drückebergersyndrom.

Ich sehe es anders. Der gesamte menschliche Lebensraum, alle Winkel, wurden neoliberal zerschossen. Alles wird durchleuchtet und nach Verwertbarkeit und Profitabilität ausgecheckt. Wer sich nicht fügt wird zum Outcast, wird gemobt, in Betrieb, in der Gesellschaft. Der durch alle Raster gefallene Teil der Menscheit, der nicht profitabel verwertbar ist, ist Ausschuß, wird zur Fußmatte für die anderen.

Alles, was es mal an Schutzmechanismen gab, wie Gewerkschaften, Arbeits- und Sozialgesetze, sind zu einer Karrikatur verkommen. Der letzte Schutzraum in dieser Gesellschaft ist die Krankheit.

Und nun kommen Springer Schreiberlinge und spucken selbst darauf...

Troll

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Das sind Artikel die mich zur Weißglut treiben.
Hey Schatz, ich geh mal eben zum Doc um mir eine Depression zu holen, soll gerade angesagt sein, soll ich dir etwas Burn-Out mitbringen?

Diese Artikelschreibenden Arschgeigen sehen das tatsächlich als Modeerscheinung das man sich zulegt wie seine Klamotten.
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Dieter Hildebrandt
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Onkel Tom

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Nö, das ist nur ein Eimer Wasser gegen den Stein, der den Schwächeren und kranken noch
Schutz bietet. Glaubt es der Leser ist es eine Badewanne, die den Stein weg spült.  ::)
Lass Dich nicht verhartzen !

Kuddel

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Verrückt sind die, die noch können
Depressionen und Suizide. Sie sind ständiger Begleiter der modernen Welt. Wer nicht so kann, wie er soll, wird zurechtgebogen oder bleibt auf der Strecke.
https://www.freitag.de/autoren/konstantin-nowotny/verrueckt-sind-die-die-noch-koennen