Autor Thema: Anarchismus  (Gelesen 8665 mal)

Strombolli

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 6796
Re:Anarchismus
« Antwort #30 am: 19:42:43 Di. 09.Februar 2010 »
Das ist ein Lied, erschaffen in einer Stimmung ähnlich der, wie sie Wolf Biermann damals bestimmt hatte. Aber von dem kommen solche Lieder ja nicht mehr. Er ist ja mittlerweile mit Auszeichnung "assimiliert".

Bravo, Mr. Schönleben!

Bloß die "paar Wochen" halte ich für reichlich überoptimistisch.
Das Systemmotto: "Gib mir Dein Geld! - Jetzt, Du dreckiges Opfer !!!! - Und habe immer ANGST VOR DEM MORGEN !!!"

"Hört auf, Profite über Menschen zu stellen!" Occupy
Permanent angelogen & VERARSCHT IN DEUTSCHLAND! - Ich habe mit Dir fertig

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 16083
  • Fischkopp
Re:Anarchismus
« Antwort #31 am: 17:16:25 Mo. 12.Juni 2017 »
Rudi hatte letzt im Glotze Thread zwei Videos verlinkt, die nicht mehr erreichbar sind.
Ich habe sie unter einer anderen Adresse wieder gefunden:

! No longer available

! No longer available

Ein informativer Artikel ist auch bei Telepolis erschienen:
Zitat
Immer noch kein Gott, kein Staat, kein Kapital


Screenshot IRPGF-Anarchisten in Rojava,

Die große Schnauze der Revolution: Wo und wie kämpfen gerade die Anarchisten?

Der Anarchismus hat eine altehrwürdige Geschichte, seine glorreichen Niederlagen sind der Basso ostinato der organisierten menschlichen Freiheitsliebe. Von Diogenes bis Durruti, von Zo d’Axa bis zu den Zapatisten hat es viele Spielarten der Bewegung gegeben. Auch aktuelle Kombattanten in Rojava und Griechenland bedienen sich der bekannten Argumente und Aktionsformen.

Erst das Geräusch einer Spraydose, die geschüttelt wird. Dann sieht man den Mann, der sie in der Hand hält, auf eine Mauer zugehen und ein A im Kreis an die Wand sprühen.

Nichts, was Punkvideos oder YouTube-Beiträgen aus der Anarcho-Szene nicht schon hundert Mal gezeigt hätten. Irritierend allerdings: Der vermummte Sprayer hat eine Kalaschnikow umgeschnallt. Schnitt. Zwei maskierte Männer an einem Tisch, umgeben von noch mehr Männern mit verschiedenen Waffen (Maschinengewehren, RPGs, etc.) und von diverser Revolutionsdeko.

Der militärische Aspekt

Einer der Männer am Tisch liest auf Englisch eine Erklärung vor, der die Entstehung einer bewaffneten anarchistischen Formation im Kampf um das Rojava-Projekt verkündet. In die Rede hat man kurze Clips von angeblichen Kämpfern hineingeschnitten, die mit ihrem Kriegsgerät hantieren. Zum Schluss explodiert irgendwas vor irgendeiner Mauer, an der wiederum Flaggen hängen. Willkommen bei den International Revolutionary People's Guerrilla Forces (IRPGF).

Um den Eindruck zu zerstreuen, hier seien die Enkel der Monty Python-Komiker am Werk gewesen - das Veröffentlichungsdatum des Videos lag nahe am 1. April - hat einer der Aktivisten dem linksradikalen Blog "Insurrection News" Anfang Mai ein langes Interview gegeben.

Einige Punkte werden darin abgehakt. Befreiung habe immer einen militärischen und einen sozialen Aspekt; die IRPGF seien nun mal Teil des militärischen. Der Kampf ist, wie es sich für Anarchisten gehört, international, und er dient auch der ganzen Menschheit. Bisher hätten anarchistische Standpunkte bei den ausländischen Unterstützern des Rojava-Projekts bitter gefehlt; man sei dabei, das zu ändern.

"Die Revolution ist kein Wunschkonzert"

Im Moment ist man noch Teil des International Freedom Battalion (IFB), das maßgeblich von kommunistisch inspirierten Gruppen geprägt wird; es gibt aber in dem "Battalion" mindestens eine weitere anarchistisch bestimmte Gruppe, nämlich die Revolutionary Union for Internationalist Solidarity (RUIS), hauptsächlich aus griechischen Mitgliedern bestehend. Was die Bündnispolitik angehe, sei eine Revolution nun mal kein Wunschkonzert; ideologische Reinheit könne man sich leisten, wenn man in Europa auf dem Sessel sitze und nur am Herumdebattieren interessiert sei. An der Front gehe es auch um Pragmatismus.

Ein ums andere Mal betont der Interviewte, wie ernst ihm und seinen Genossen die Sache ist. Sie seien keine der üblichen Kriegstouristen, von denen es leider derzeit in Syrien einige gebe; man müsse schon bereit sein, sein Leben zu riskieren, um als ernsthafter Revolutionär durchgehen zu können. Der Respekt für die Kurden, die Rojava maßgeblich aufbauen, bestimmen und verteidigen, sei der allergrößte. Zu den Fragen, wovon die IRPFG-Revolutionäre leben, wo ihre Waffen herkommen und wie viele es von ihnen überhaupt gibt, hört man nichts.

Sind das reine Politclowns mit einem Waffenfetisch? Man kann den Kopf schütteln über Leute, die anscheinend glauben, dass der spanische Bürgerkrieg 1939 nicht geendet hat. Aber dass das Rojava-Projekt bewaffnet verteidigt werden muss, ist für jeden offensichtlich, der es auch nur in Maßen für sinnvoll hält.

Westliche Unterstützung für Rojava sinnvoll

Die türkische Armee macht das immer wieder klar und die Albtraumgestalten von ISIS mögen derzeit massiv unter Druck stehen, aber besiegt sind sie noch nicht. Es ist keine drei Jahre her, da hätten sie beinahe Kobane erobert.

Wenn man sich anschaut, wie der Westen pausenlos und zu Recht die rückständigen Verhältnisse "im arabischen Raum" beklagt, kann man schon auf den Gedanken kommen, dass die westliche Unterstützung für Rojava sinnvoll war und ist. Außer Israel und Rojava gibt es da in der Gegend nicht viel, was unterstützt werden sollte

Dass die Präsenz einer dezidiert anarchistischen Kraft in einem revolutionären Projekt Sinn macht, das überraschenderweise die Ideen von Murray Bookchin verwirklichen will ist nicht von der Hand zu weisen; man müsste sich bei den ganzen "libertären" Bekenntnissen sogar umgekehrt fragen, warum das International Freedom Battalion immer noch so massiv kommunistisch dominiert ist.

Und neben all dem fragwürdigen Gerede gibt es in dem Interview auch ziemlich trockene und korrekte Analysen, so zum Beispiel zu Donald Trumps Tomahawk-Getue in Syrien.

Unauflösbare Widersprüche

Dennoch sind die Prognosen schlecht. Wenn diese Leute ihre Revolution überleben, dann werden sie nie loswerden, was sie erlitten und anderen angetan haben. Für die Toten gibt es entweder schöne Reden oder Massengräber, wenn die stalinistischen oder die westlichen Verbündeten eines Tages beschließen sollten, dass es jetzt aber mal gut ist mit dem Freiheitsgelaber.

Wie das halt bei revolutionären Soldaten so ist. Mut haben sie? Sicher. Aber auch barbarische Schlächter können mutig sein. Man kann auch zu einem unsinnigen Kampf hinrennen, weil man das Leben langweilig findet oder fürchtet, und das kann auch wie Schneid aussehen.

Viele deutsche Künstler haben das im Ersten Weltkrieg so gemacht, und bei vielen Jihadis hat man heute den gleichen Eindruck. Soll das schöne Leben, für das die Anarchisten immer kämpfen, im immerwährenden Krieg stattfinden? Da kann man noch so sehr betonen, dass es bei dem Kampf nicht primär um das Opfer als Selbstzweck geht - es bleibt ein unauflösbarer Widerspruch.

Anarchistische Gruppen in Griechenland

Anderswo macht die Anarchie auch von sich reden. Die Ausplünderung Griechenlands durch die EU und die griechische Oberschicht hat mittlerweile einen Grad erreicht, dass zum Beispiel in Athen an manchen Orten ein Macht- und Verwaltungsvakuum entstanden sind. Mit den großen Augen der Liberalen berichtet die griechische Journalistin Niki Kitsantonis für die New York Times, dass dieses Macht- und Verwaltungsvakuum teilweise von anarchistischen Gruppen gefüllt wird.

Die Unterbringung von Flüchtlingen, die Aufrechterhaltung zivilgesellschaftlicher Strukturen, die Abwehr von Drogenhandel und Minderjährigenprostitution in den Parks des Stadt, Kulturarbeit: Staatsfeinde haben teilweise die Aufgaben übernommen, die der griechische Staat nicht mehr übernehmen kann oder will.

Das ist nun nicht so furchtbar überraschend, wenn man sich die Rolle anschaut, die linke Solidaritäts-Kooperativen in Griechenland seit Ausbruch der verschärften Krise gespielt haben. 2015 gab es davon 3391, wie der Autor George Kokkinidis jüngst berichtet hat und sie organisieren eine Vielzahl an Unternehmen, von kleinen Café-Kollektiven bis zu stattlichen Fabriken - was stark an die argentinische Krise 2001/2002 erinnert.

Diese Kooperativen bestehen ganz gewiss nicht ausschließlich aus Anarchistinnen und Anarchisten, aber die Idee der Selbstverwaltung, ein zentraler Bestandteil der anarchistischen Überzeugungen, ist für sie leitend.

Die Verwunderung in Niki Kitsantonis’ Artikel darüber, dass Anarchisten nicht den ganzen Tag mit Molotow-Cocktails herumrennen, die Scheiben von Banken einschlagen oder in Rojava mit Kalaschnikows herumballern, ist ermüdend. Aber es gibt implizite Kritik in Kitsantonis’ Zustandsbeschreibung, die valide ist.

Die politische Ökonomie?


Die jahrhundertealte Schere zwischen dem anarchistischen Idealismus und der anarchistischen Schwäche in Fragen der politischen Ökonomie ist auch hier wieder evident. Selbstverwaltungsideen sind schöne Konzepte; wie aber eine selbstverwaltete Fabrik bestehen soll, wenn der globalisierte Kapitalismus weiterbesteht, ist ein ungelöstes Rätsel.

Der Hühnerstall auf dem Dach eines besetzten Hochhauses in Athen ersetzt keine moderne Landwirtschaft. Die klassischen anarchistischen Lebenslügen sind anscheinend so verführerisch wie eh und je. Die unbelegte Behauptung, anarchistische Organisation müsse und könne prinzipiell von den traditionellen Vorstellungen geordneten menschlichen Zusammenlebens unterschieden sein, und dafür gebe es auch historische wie aktuelle Beispiele, bestimmt anscheinend immer noch das Denken.

Dass politische Organisationen mit mehreren Tausend Mitgliedern Parteien sind, wenn sie ständige Institutionen unterhalten, Kongresse veranstalten, Vertretungsmechanismen und Mandate kennen, oder sogar, wie in der spanischen Revolution, Minister in einer linken Regierung stellten, kann man zwar leugnen, aber es wirkt dann weniger und weniger glaubwürdig.

Dass man eine Gewerkschaft aus "Syndikaten" zusammensetzt und die Fahnen schwarzrot statt nur rot färbt, ändert trotz der historischen und aktuellen Leistungen des Anarchosyndikalismus nichts an der Tatsache, dass man immer noch eine Gewerkschaft mit all ihren Stärken und Schwächen vor Augen hat.

Die zwei aktuellen Beispiele Rojava und Griechenland zeigen: Anarchistische Ideen entfalten nach wie vor Strahlkraft. Sie bringen aber auch historisches Gepäck mit: Militanzfetischisierung, Selbstüberschätzung, politische und ökonomische Naivität, die Gefahren eines Idealismus, der sich so hoch erhebt, dass er früher als später auf die Schnauze fliegen muss - um nur einige zu nennen.

Der Anarchismus lebt, seine Fehler auch. Allein das macht ihn im Jahr 2017 zu einer Sache, über die nachzudenken sich lohnt.
https://www.heise.de/tp/features/Immer-noch-kein-Gott-kein-Staat-kein-Kapital-3740299.html

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 16083
  • Fischkopp
Re: Anarchismus
« Antwort #32 am: 10:00:20 So. 20.September 2020 »
Zitat
Die Querfront der „anarchistischen“ Szene
Den Strich ziehen – „Nationalanarchismus“

Bei Telegram gibt es seit 6.8.2018 einen Kanal zum sogenannten „National Anarchist Network“.

https://www.untergrund-blättle.ch/politik/theorie/nationalanarchismus-querfront-esoterik-5999.html

Man kriegt einfach nur das Kotzen!

Etwas zum Thema an anderer Stelle im Forum:
http://forum.chefduzen.de/index.php?topic=27487.0

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 16083
  • Fischkopp