Autor Thema: Studiengebühren im verschärften Kapitalismus  (Gelesen 2813 mal)

Wildkätzchen

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Studiengebühren im verschärften Kapitalismus
« am: 17:39:35 Do. 10.Februar 2005 »
Also ich habe nach Realschule, Ausbildung und Jobben/Arbeitslosigkeit mein Abi auf dem zweiten Bildungsweg nachgeholt und studiere jetzt seit einem Semester. Ich kenne noch viele andere, die es grad genauso über den zweiten Bildungsweg versuchen, einige sogar in der Kombination Abendschule/Arbeit, was extremen Stress bedeutet. Die sind jetzt natürlich derbe angepisst: reißen sich den Arsch auf für Abitur und müssen jetzt hören, dass sie bald möglicherweise um die 500 Euro Gebühren pro Semester zahlen sollen, falls sie dann mal einen Studienplatz kriegen sollten. Das ist für niemanden von uns Arbeiterkindern finanzierbar, der Stress um das Abi auf dem zweiten Bildungsweg war also praktisch umsonst!

Auch ich bin nicht vor zukünftigen Gebühren sicher, obwohl ich mein Studium in einem noch gebührenfreien Semester begonnen habe- jedes Semester schließe ich nämlich (wie jeder andere Student auch) durch meine Rückmeldung für das Folgesemester einen neuen Vertrag mit der Uni ab und stimme den jeweiligen Bedingungen zu. Ob das bei einer möglichen Studiengebühren-Einführung wirklich so aussehen wird, dass auch Studierende, die schon seit einigen Semestern gebührenfrei studiert haben, plötzlich Gebühren bezahlen müssen, ist zu diesem Zeitpunkt natürlich erstmal reine Theorie. Aber allein die gar nicht so unwahrscheinliche Möglichkeit, dass dies so geschehen könnte, sollte jene Studenten, die glauben, sie würden von dieser Verschärfung ausgespart bleiben, zum Widerstand treiben- aber offenbar haben die meisten noch nicht wirklich darüber nachgedacht (was mich angeht, wäre/bin ich natürlich auch solidarisch, selbst wenn mich die Studiengebühreneinführung nicht betreffen würde/betrifft; bei anderen bin ich mir da aber sehr viel weniger sicher).
Immerhin hat mein alter Herr die Lage erfasst: "Was?! 500 Euro pro Monat sollst du dann zahlen?! Und Schulden machen fürs Studium?! Wenn das passiert, gibt´s Revolution und ich mach mit!!" :D

Vor allem sollte mal verstanden werden, dass all das, was gerade alles auf Kosten der Lebensqualität der Menschen geschieht, also die Einführung von Hartz IV, die Verlängerung der Arbeitszeit bei weniger Lohn oder auch die Durchsetzung von Studiengebühren in einem Zusammenhang steht, nämlich in dem des Klassenkampfs von oben. Solange nur vereinzelt in getrennten Interessengruppen Widerstand geübt wird, wird dieser Klassenkampf von oben auch erfolreich sein fürchte ich: und dann sieht´s für Widerstand von unten ziemlich mies aus, von ner Revolution ganz zu schweigen. :P
Achtung: Kapitalismus fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu

aian19

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Studiengebühren im verschärften Kapitalismus
« Antwort #1 am: 02:46:00 Mo. 14.Februar 2005 »
Und wart erstmal ab, wenn aufgrund der Gebühren viel Studis abbrechen müssen.....das Semesterticket (gibt´s glaube ich mittlerweile fast überall) finanziert sich nämlich über die Masse.....

Das wird düster ! Hab damals 900.-DM BafÖG bekommen ! Musste 350.-DM Miete zahlen, 50.-DM Nebenkosten, 50.-DM Monatsticket Bus und 230.-DM Monatsticket BAHN AG.....War nicht wirklich witzig.....
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Carpe Noctem

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Studiengebühren im verschärften Kapitalismus
« Antwort #2 am: 14:35:30 Di. 15.Februar 2005 »
Zitat
Original von Wildkätzchen
Ob das bei einer möglichen Studiengebühren-Einführung wirklich so aussehen wird, dass auch Studierende, die schon seit einigen Semestern gebührenfrei studiert haben, plötzlich Gebühren bezahlen müssen, ist zu diesem Zeitpunkt natürlich erstmal reine Theorie.

Nicht ganz "reine Theorie". In NRW waren wir 2002 mit einer ähnlichen Situation konfrontiert:

Plötzlich sollte das "Kontenmodell" mit den "Langzeitgebühren" alle treffen, nicht nur die neu zu Immatrikulierenden. Sämtliche eingeschrieben Studierenden erhielten Gebührenbescheide, sofern die Regelstudienzeit um 150% überschritten war. Von Vertrauensschutz o.ä. war weit und breit nichts in Sicht. Der zunächst vorgelegte Gesetzesentwurf der Landesregierung von Anfang 2002 war übers Knie gebrochen worden und dem entsprechend löcherig. Ein massiver Streik mit diversen Formen öffentlichen Protestes incl. Landtagsbelagerung hat zumindest eine Überarbeitung des Gesetzes und ein verzögertes Inkrafttreten bewirkt. Somit konnten einige Leute, wie ich damals auch, noch ihr Diplom machen und mussten nicht kurz vor Schluss abbrechen. Das wären dann 6 Jahre Studium für den Fuss gewesen - Langzeitstudent wird man nämlich auch wenn man kein BAFöG bekommt und ständig "nebenbei" arbeiten gehen muss.

Grüsse - CN
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Wildkätzchen

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Studiengebühren im verschärften Kapitalismus
« Antwort #3 am: 21:39:48 Do. 17.Februar 2005 »
Zitat
Original von Carpe Noctem
Plötzlich sollte das "Kontenmodell" mit den "Langzeitgebühren" alle treffen, nicht nur die neu zu Immatrikulierenden. Sämtliche eingeschrieben Studierenden erhielten Gebührenbescheide, sofern die Regelstudienzeit um 150% überschritten war. Von Vertrauensschutz o.ä. war weit und breit nichts in Sicht. Der zunächst vorgelegte Gesetzesentwurf der Landesregierung von Anfang 2002 war übers Knie gebrochen worden und dem entsprechend löcherig. Ein massiver Streik mit diversen Formen öffentlichen Protestes incl. Landtagsbelagerung hat zumindest eine Überarbeitung des Gesetzes und ein verzögertes Inkrafttreten bewirkt. Somit konnten einige Leute, wie ich damals auch, noch ihr Diplom machen und mussten nicht kurz vor Schluss abbrechen. Das wären dann 6 Jahre Studium für den Fuss gewesen - Langzeitstudent wird man nämlich auch wenn man kein BAFöG bekommt und ständig "nebenbei" arbeiten gehen muss.

Grüsse - CN

Ich kenne jemanden, der kriegt nur ein Bafög-Almosen von 25 Euro, weil seine Mutter angeblich "zu viel" Geld habe. Keine Ahnung, was das heißen soll, denn reich ist die Frau offensichtlich nicht. Der Arme muss jetzt natürlich nebenbei arbeiten, überlegt aber auch schon abzubrechen...

Wie´s mit dem Widerstand aussieht, wird sich im Sommersemester zeigen. Einen einfachen Streik halt ich aber für wirkungslos. Ob Studenten "streiken" interessiert Staat/Kapital genau so wenig, als wenn Arbeitslose "streiken" würden. Das stört doch niemanden und denjenigen, die sich so ein Streiksemester nicht leisten können, weil sie sonst in die Gruppe der gebührenpflichtigen "Langzeitstudenten" reinrutschen, schadet´s zudem. Studenten sind doch ähnlich machtlos wie Arbeitslose und müssen andere Aktionsformen entwickeln als Arbeiter.
Mit den Aktionen der piqueteros in Argentinien sollte mensch sich in diesem Zusammenhang mal beschäftigen: Ein kurzer Überblick über die Piquetero-Bewegung
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aian19

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Studiengebühren im verschärften Kapitalismus
« Antwort #4 am: 02:34:00 Mo. 21.Februar 2005 »
Zitat
Studenten sind doch ähnlich machtlos wie Arbeitslose und müssen andere Aktionsformen entwickeln als Arbeiter.

Eben, und das sollten sie zusammen MIT den Arbeitslosen, ebenso wie einige andere Berufsklassen wie Krankenpfleger, Erzieherinnen und Verkäuferinnen, die gerade kleingekocht werden ! Denn die Ursache des Übels ist nämlich bei allen dieselbe.....
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