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Hohe Kosten, wenig Leistung - Chronisch Kranke nach der Gesundheitsreform

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Wilddieb Stuelpner:
ZDF, Sendung "Frontal21": Hohe Kosten, wenig Leistung

Chronisch Kranke nach der Gesundheitsreform

Viele Patienten fühlen sich mit den neuen Chronikerprogrammen (DMP) der Krankenkassen deutlich schlechter versorgt. Dabei war es gerade das Ziel, mit der Einführung einheitlicher Programme für alle Kassen eine qualitativ hochwertige medizinische Betreuung chronisch Kranker zu sichern.

von Ulrike Hinrichs und Dana Nowak, 15.02.2005

Manfred Steinbach ist seit sieben Jahren chronisch krank. Der Diabetiker muss mehrmals täglich seinen Blutzucker prüfen und Insulin spritzen. Seit der Gesundheitsreform hat sich viel für ihn verändert. Seine Krankenkasse hat ihm ein einheitliches Chronikerprogramm dringend angeraten. Doch seitdem fühlt er sich schlechter versorgt: "Zum Beispiel teilweise bei Medikamenten oder Teststreifen wird eingespart. Man ist auch nicht mehr so großzügig mit Hilfsmitteln wie früher."

Steinbach geht es seitdem gesundheitlich schlechter. Er glaubt, den Grund zu kennen: Er musste sein seit Jahren bewährtes Medikament eintauschen. Und das Neue wirke nicht mehr so gut.

Schlechtere Versorgung

Wie Steinbach klagt ein großer Teil der Diabetiker über eine schlechtere Versorgung. Denn das neue Programm behandelt alle chronisch Kranken gleich und nicht mehr individuell. Früher schlecht Versorgten geht es besser und umgekehrt. Die Reformidee lautete: Gleicher medizinischer Standard für alle soll die Qualität steigern und die Kosten senken.

Das klingt gut, funktioniert aber nicht richtig. Diese Erfahrung hat auch Richard Kühne gemacht. Mit Diabetes lebt er schon mehr als 20 Jahre, er kennt seine Krankheit in- und auswendig. Ganz penibel notiert er jeden Tag seine Werte. Auch er musste sein Medikament gegen ein billigeres eintauschen - seitdem, so sagt er, geht es ihm schlechter. Doch sein Arzt hat immer weniger Zeit, um mit ihm darüber zu sprechen.

Mehr Papierkram

Kühne über seine Arztbesuche: "Die Sprechzeit ist kürzer geworden, bedeutend kürzer. Ich habe jetzt allerhöchstens drei Minuten Zeit beim Arzt, um zu erzählen, wo es mir fehlt. Vorher, beim alten Vertrag, hatte ich längere Zeit."

Jetzt haben die Ärzte immer mehr Papierkram zu erledigen. Sie müssen jeden einzelnen Behandlungsschritt von jedem Patienten immer wieder aufwändig schriftlich festhalten. Die Ärztin Kathrin Drynda zum Beispiel betreut bis zu 50 Diabetes-Patienten pro Tag in ihrer kleinen Praxis in Leipzig. Das Ausfüllen der Behandlungsbögen kostet sie wertvolle Zeit. Zeit, die ihr jetzt bei der Behandlung der Patienten fehlt.

Drynda über diese Veränderung ihrer Arbeit: "Diese ganzen Daten, die erfasst werden, werden nicht nur erfasst, indem ein Bogen ausgefüllt wird, der mit dem Patienten besprochen werden muss. Sondern damit beginnt eigentlich erst die Verwaltung und die Kosten, die nach unserer Meinung fehlinvestiert werden. Das ist der Hauptkritikpunkt. Unsere Aufgabe ist es, dass die Mittel dafür eingesetzt werden, um Menschen zu behandeln und nicht Menschen zu verwalten."

Hohe Kosten, wenig Leistung

Chronisch Kranke nach der Gesundheitsreform (Teil 2)

Menschen werden mehr verwaltet und weniger behandelt. Das kostet obendrein Geld. Vor allem den Krankenkassen drohen immense zusätzliche Kosten. Das hat der Schätzerkreis der Krankenkassen festgestellt.

15.02.2005

So lagen die Verwaltungskosten der Programme 2004 bei rund 150 Millionen Euro. 2005 sollen diese Kosten auf rund 330 Millionen Euro steigen. Einzelne Kassen wie die Techniker Krankenkasse (TK) befürchten sogar eine weitere Steigerung.

Dazu sagt Prof. Dr. Norbert Klusen, der Vorstandsvorsitzender der TK: "Nach unseren Schätzungen sind die wirklichen, tatsächlichen Verwaltungskosten, die nicht in diese 330 Millionen eingerechnet wurden, weitaus höher. Wir rechnen sogar damit, dass wenn alle beabsichtigten DMP (Disease-Management-Programme, Anm. d. Red.) umgesetzt sind, hier ein Milliardenbetrag zustande kommt."

Falsches Zahlenspiel

Gesundheitsexperten wie Professor Dr. Karl Lauterbach haben die Programme entwickelt. Für ihn betreiben manche Kassen ein falsches Zahlenspiel. Lauterbach erläutert das: "Es handelt sich auch nicht um Verwaltungskosten, sondern um Schulungen der Patienten. Es wird damit sehr viel Geld gespart durch vermiedene Komplikationen, zum Beispiel Erblindungen oder Amputationen oder Infarkte bei Patienten."

Und so sehen die Schulungen zum Beispiel aus: Eine Ernährungsberaterin erläutert den Kranken, was sie essen dürfen und was nicht. Es herrscht Teilnahmepflicht, egal wie gut der Patient die Krankheit kennt. Bis zu zwölf Stunden dauern solche Schulungen. Und das kostet.

Überflüssige Schulungen

Für neu Erkrankte ist das durchaus sinnvoll. Doch Manfred Steinbach weiß nach sieben Jahren Diabetes genau, wie er mit seiner Krankheit umzugehen hat. Schulungen hält er für überflüssig: "Ich sehe keinen Sinn in diesem Programm. Es ist möglich, dass andere Patienten, die nicht so gründlich in ihrer Art sind, jetzt zu Schulungen gezwungen werden."
Überflüssige Schulungen lassen die Kosten steigen. Warum also bieten die Kassen freiwillig überhaupt solche Programme an? Die Antwort ist einfach: Man hat die Chronikerprogramme an den Finanzausgleich zwischen den Kassen gekoppelt, um für sie einen finanziellen Anreiz zu schaffen. Denn jede Kasse erhält für jeden Chroniker im Programm viel Geld.

Gutes Geschäft für die Kassen

Für einen 50-jährigen Patienten, der nicht im Chronikerprogramm ist, kann die Kasse einen Beitragsbedarf von durchschnittlich 1550 Euro geltend machen. Für einen Patienten im Chronikerprogramm aber rund 2700 Euro. Ein gutes Geschäft für die Kassen, nicht aber für die Patienten.

TK-Chef Klusen sagt dazu: "Jetzt kümmern die Krankenkassen sich vor allem darum, dass die Finanzströme fließen. Und die Qualität dieser Programme und die gute Behandlung chronisch kranker Menschen steht nicht mehr im Vordergrund."

"Das kann nicht der Zweck sein"

Ähnlich sieht es Wolfgang Zöller (CSU), der sozialpolitischer Sprecher der Unionsfraktion im Bundestag: "Auf der einen Seite wird der Sinn dieser Programme, dass chronisch Kranke optimal versorgt werden, dadurch in Frage gestellt, in dem man das einfach mit einem Finanzausgleich zwischen den Kassen verknüpft. Das heißt, viele Kassen müssen eigentlich bestrebt sein, möglichst viele Leute in diese Programme einzuschreiben, und dann nach Möglichkeit möglichst wenig für diese Leute auszugeben. Dann sind sie wirtschaftlich gut dran. Das kann nicht der Sinn und Zweck dieser Regelung sein."

Mittlerweile sind schon mehr als eine Million in Chronikerprogrammen. Die Gesundheitsministerin sieht das Problem bei den Kassen, nicht beim Programm oder gar im System.

Opfer der Reform

Ulla Schmidt (SPD) sagt uns: "Wenn eine Kasse meint, dass liefe nicht optimal, dann ist es ihre Aufgabe, dafür zu sorgen, dass für ihre Versicherten eine optimale Versorgung auch garantiert wird. Denn man kann nicht auf der einen Seite Managergehälter kassieren und dann sagen: Aber die Versorgung, da kritisiere ich nur von außen her."

Viele Patienten zumindest fühlen sich als Opfer einer gut gedachten aber schlecht gemachten Reform.

von Ulrike Hinrichs und Dana Nowak

aian19:
Tja, und dann ruf mal beim Bundesgesundheitsministerium in Berlin an:

O-Ton: "Was haben wir denn mit der Gesundheitsreform zu tun ??? Dafür sind wir nicht verantwortlich !"

Wie man dann an dem schönen Planspiel auf der Bundestags-Seite sehen kann, wie ein Gesetz ensteht, sind sie´s aber doch !!!! X( X( X(

Wilddieb Stuelpner:
Ist doch immer wieder erstaunlich wie sich die Verursacher einer schlechten Reform aus der Verantwortung stehlen wollen, wenn sie den Früst der Bürger massiv zu spüren bekommen.

Dann verhält man sich nach dem Prinzip:

"Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts.
Ist hier was geschehen, ich kann's nicht verstehen.
Mein Name ist Hase, ich weiß nicht Bescheid!"

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