Autor Thema: Sucht und Abhängigkeit  (Gelesen 76867 mal)

Ziggy

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Sucht und Abhängigkeit
« am: 20:11:33 Di. 30.März 2010 »
Hi Leutz,

ich mache mal diesen Thread auf, um Leuten mit Suchtproblemen Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Hilfestellung zu geben.

Ich wollte eigentlich heute mit einem größeren Beitrag starten, aber das werde ich zeitlich nicht mehr hinkriegen.

Stattdessen einfach mal ein paar kurze Infos zu meiner Suchtgeschichte:

Ich bin Alkoholiker. Trocken seit dem 25. Januar 1989, hab also grade mein 21. Jubi "gefeiert". Davor jahrzehntelanger exzessiver Alkoholkonsum, typische Säuferkarriere, regelmäßig "harte" Getränke ab dem 12. Lebensjahr, kaputte Jugend, Schule ohne Abschluß, Lehre ohne Abschluß, Wehrdienst, gescheiterte Ehe, zweimal im Gefängnis, viermal im Irrenhaus, zweimal dem Tod grade noch von der Schippe gesprungen. Im Knast 1985 die Anonymen Alkoholiker kennengelernt, deren Meetings regelmäßig besucht, dann 14 Monate in Freiheit trocken geschafft. 1987 schwerer Rückfall, dauerte bis zu eben jenem 25.01.1989, seitdem dauerhaft trocken.

Das nur mal so als Einstieg. Ausführliches folgt noch. Wenn jemand einen besseren Tread-Titel hat, bitte Wortmeldung.
Um seine Liebe zu beweisen, erklomm er die höchsten Berge, durchschwamm die tiefsten Meere und zog durch die weitesten Wüsten. Doch sie verließ ihn – weil er nie zu Hause war.

Lefat

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #1 am: 14:18:07 Do. 01.April 2010 »
Jo danke für den Thread
Ich werde demnächst auch dann mal meine Erfahrungen hier posten , aber zur Zeit bin Ich zu ausgepowert um sinnvolle Texte zu schreiben !
Es ist immer wieder erstaunlich, dass ein Jahr der Arbeitslosigkeit einen ehemaligen Leistungsträger zu einem bildungsfernen Asozialen verkommen läßt..so zumindest die landläufige Meinung.

Ziggy

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #2 am: 11:48:39 Fr. 02.April 2010 »
Zitat
Allerdings kannst du, wie auch Ziggy, eine sehr abschliessende Betrachtungsweise in recht nachdrücklichem Ton hervorbringen, so dass man lieber nicht dagegen hält und kein Öl mehr ins Feuer kippen mag. Gegen eure Statements ist es nicht leicht, sich zu behaupten. Hab aber oft von stabil trockenen Süchtigen sowas erlebt, da ist eine gewisse Konsequenz hinter, die nach aussen als Härte erscheint. Kann ich glaub ich auch. Manche Leute legen sich ungern mit mir an, dabei bin ich der Klassiker "Harte Schale, weicher Kern" und kann sehr plüschig sein wenn ich will. Ihr wahrscheinlich auch.

Als ich noch trank, fällten die Leute allerlei Urteile über mich: Ich sei haltlos, unzuverlässig, ein Maulheld, willensschwach, schlampig, ein kompletter Versager ... ich denke, das stimmte alles, ABER: Das ist nur eine Seite von mir, die nasse!

Heute fällen die Leute auch Urteile über mich, aber die unterscheiden sich grundlegend von denen aus der nassen Zeit. Heute heißt es, ich sei ein Pedant, supergenau, überpünktlich, extrem zuverlässig, unnachgiebig, ein "harter Hund". Auch hier stimmt das meiste. Und natürlich steckt hinter dem harten Kerl ein weicher Keks ...

Die Sache ist doch die: Das Hauptmerkmal des Alkoholismus ist der Kontrollverlust. Man verliert die Kontrolle über seinen Trinkkonsum, sein Trinkverhalten, sein Denken, Fühlen, Tun, letzten Endes verliert man die Kontrolle über alle Bereiche des Lebens, der Alkohol besetzt die Brücke und übernimmt das Kommando. Was ahnungslose, unaufgeklärte Mitmenschen als "Willensschwäche" klassifizieren, ist die Krankheit Alkoholismus. Beim Alkoholiker gehen nach und nach alle Schalter kaputt (sofern sie je richtig funktioniert haben), die anderen Leuten erlauben zu sagen: "Jetzt reicht's. Das nächste Bier trinke ich nicht mehr. Ich muß noch dies oder jenes tun ..." Beim Alkoholiker reduziert sich irgendwann ALLES auf einen einzigen Gedanken: "Wo bekomme ich die nächste Dosis von meinem Stoff?!" Alles, wirklich alles, wird diesem einen Trieb untergeordnet. Und man tut alles dafür, wirklich alles. Man tötet einen Menschen, wenn es sein muß ...

Irgendwann erreicht man einen Punkt, der gemeinhin als "Tiefpunkt" bezeichnet wird. Dieser Tiefpunkt hat viele Gesichter, das reicht von relaiv harmlos bis Schockzustand. Gemeinhin ist das der Moment, wo einem klar wird, was mit einem los ist, und wo man sich entscheiden MUSS ... für mich war der Tiefpunkt im Knast, als mir klar wurde, daß sich alle Menschen von mir abgewandt hatten, daß ich keinen einzigen Freund mehr hatte auf der Welt, daß ich alleine war, und daß die Schuld alleine bei mir lag. Meine letzte Freundin hatte Schluß gemacht mit mir, als sie sah, daß sie gegen den Alkohol keine Chance hatte. In meinen Alpträumen sah ich meine eigene Beerdigung, die Menschen, die ich je geliebt hatte, waren gekommen und sie sagten: "Endlich hat der Wahnsinn ein Ende. Endlich hat er sich totgesoffen ..."

Dieser Moment war für mich ein unbeschreiblicher Zustand, ein Augenblick absoluter Klarheit, ich sah von einem erhöhten Standpunkt aus mein ganzes elendes, verpfuschtes Leben, ich sah mich so, wie andere mich wahrnahmen, es war so tief beschämend, so erniedrigend, so anklagend, so anrührend, daß mich zwei Tage und Nächte das "heulende Elend" überkam, ich musste beinahe pausenlos weinen. Ich konnte plötzlich "fühlen", was ich anderen Menschen angetan hatte, Menschen, die ich über alles liebte, denen war ich der schlimmste Alptraum gewesen.

In diesem Moment, den viele Gläubige als "Gnadenakt" erleben und beschreiben, entschloß ich mich, mein Leben radikal zu ändern. Mein Leben radikal ändern hieß: Das Trinken sein lassen, und zwar überhaupt, das "erste Glas" stehen zu lassen. Was sich hier wie eine ganz banale Erkenntnis liest, ist es für den Alkoholiker ganz und gar nicht. Das größte Problem des Alkoholkranken ist nämlich, daß ihm der Weg zur Selbsterkentnis versperrt ist, soll heißen, er sieht sich selbst nicht als Alkoholiker. Er weiß wohl, daß etwas mit ihm nicht stimmt, er weiß aber nicht, was es ist. Er sieht sich als Pechvogel, als einen, der das Unglück magisch anzieht, glaubt sich verflucht, hängt Verschwörungsphantasien nach ... er kommt nicht auf die einfache Idee, daß alleine sein Trinken für alles Unglück verantwortlich ist. Er probiert daraufhin alles mögliche, weniger zu trinken, nur zu bestimmten Anlässen, kurz: "kontrolliert" zu trinken. Das kann er aber nicht, sonst wäre er ja kein Alkoholiker ... und das Rad dreht sich ... der Gedanke "nie wieder" im Leben zu trinken, ist so unwirklich, so wahnsinnig, so grausam ... eine so einfach, brutale Wahrheit, daß er sie nicht fassen kann ... Deshalb, wenn ein Alkoholiker sich radikal und dauerhaft ändert, also trocken wird und bleibt, kann man sicher davon ausgehen, daß er diesen Tiefpunkt, diesen Moment der Erkenntnis, diese tiefe seelische und geistige Erschütterung, diesen Moment der Klarheit, erlebt hat.

In einem der ersten Meetings bei den AA sagte ich: "Ich trinke, weil ..." und dann kam eine ganze Liste mit "Gründen", mit Entschudigungen, mit Ausflüchten ... die "alten Hasen", die Profis, hörten sich das schweigend an, manche schmunzelten zwischendurch. Als ich fertig war, sagte einer: "Wenn du scharf nachdenkst und dir richtig Mühe gibst, wirst du noch tausend Gründe mehr dafür finden, warum du trinkst. ICH sage dir: Es gibt in Wirklichkeit nur einen einzigen: Du trinkst, weil du Alkoholiker bist, weil dein einziger Daseinszweck darin besteht, zu trinken. Das ist der Grund - der einzige! - warum du trinkst." Und fügte hinzu: "Obwohl dir völlig klar ist, daß es dich tötet."

Tatsächlich hängt für den Alkoholiker alles an dem so schlichten "Stehenlassen" des ersten Glases, des Nichttrinkens des ersten Schlucks. Aber das ist nur der Anfang einer langen Passion. Dannbeginnt die eigentliche Arbeit: Inventur machen, Aufräumen, die knallharte Abrechnung mit sich selbst, der Versuch der "Wiedergutmachung" (ein heikles Thema!) ... da laufen psychosoziale Prozesse ab, von denen sich ein "normaler" Mensch keine Vorstellung macht. Und so kommt es, daß ein trockener Alkoholiker, der ernsthaft an sich arbeitet, teilweise erschreckend auf seine Umwelt wirkt ("So kenne ich dich ja gar nicht!" Natürlich nicht, möchte man sagen, du kennst mich doch nur besoffen ...) Ich habe miterlebt, wie Ehen, die zwanzig und mehr Jahre alle Saufstürme überstanden haben, in kürzester Zeit kaputt gingen, als der Säufer trocken und plötzlich "komisch" wurde. Jahrzehntelang sagt die Frau "Wenn er nur aufhören würde mit dem trinken!", und dann tut er's und sie versteht die Welt nicht mehr ... weil er so ganz anders ist, als sie sich vorgestellt hat. Ein Fremder.

Viele Menschen haben zu mir gesagt: "Wenn du ein paar Tage mal nicht trinkst, bist du so ein liebenswerter Kerl!" Dieselben Leute wünschen mich heute zum Teufel. - Warum? Ganz einfach: Wenn ein Alkoholiker mal "eine Weile" nicht trinkt, verändert sich ein bißchen. Je nach Veranlagung wird er entweder ein wenig mürrisch oder "lieb". Das ist aber immer noch der "nasse" Alkoholiker, der ist vielleicht körperlich gerade trocken, aber geistig-seelisch noch lange nicht, eine wirkliche Veränderung zu seinem wahren Selbst hin hat noch nicht eingesetzt. Wirkliche Veränderung fängt "im Kopf" an und wirkt im "tiefsten Inneren", das Physische, das Nichttrinken ist nur der Anfang, der Beginn, die Voraussetzung. Nichttrinken alleine ist aber nichts ohne wirkliche anschließende Veränderung. Ein Alkoholiker, der "nur" nicht trinkt, aber sonst alles belässt, wie es ist, ist im Denken weiterhin "nass" und er wird früher oder später wieder trinken!

Deshalb muss ein Alkoholiker, wenn er dauerhaft überleben will, sich radikal ändern. Und diese Veränderung wird von seiner Umwelt oft als extrem wahrgenommen, viele stoßen sich daran. Und warum? Weil die Umwelt eines Alkoholikers auch "krank" ist, weil sie Erwartungen an ihn haben, und wenn er die nicht erfüllt, wenn er sich anders entwickelt als erhofft, heißt es plötzlich "Was ist denn jetzt mit dem los? Dreht der jetzt völlig durch?"

Und so kommt es gar nicht selten vor, daß ein Alkoholiker, dem es ernst ist mit dem Nüchternwerden, auch die Leben seiner Liebsten gehörig auf den Kopf stellt. Daß er ihnen plötzlich total fremd ist.

Manchmal ist es auch umgekehrt: Unsere Nichte ist jetzt 22 Jahre alt. Wenn man der erzählt, wie der gute Onkel so war, als er noch gesoffen hat, da wird's der unheimlich und sie sagt "Das gibt es nicht, das kann überhaupt nicht sein!" Und das ist für mich der beste Beweis, wie sehr ich mich verändert habe seither. Natürlich hat das auch Schattenseiten. Manche werfen mir vor, ich nehme manches "supergenau", lasse keine Fünfe grade sein, ich solle doch mal den Ball flachhalten. Aber so einfach ist das nicht. Ich bin ja auch trotz meines abstoßenden Wesens manchmal eingeladen, da gibt es dann Braten mit Soße oder einen Salat oder ein leckeres Dessert ... ob ich da "supergenau" bin, wenn ich ein Tiramisu ablehne oder die "klasse" Soße, die "MUSST du nehmen, da ist so gut wie nichts drin", das ist für mich lebensentscheidend. Eine Soße, mit "so gut wie nicht drin", ist für mich eben nun mal eine alkoholische Soße und kann einen Rückfall auslösen ... und ehe ich mich's versehe und ohne es zu wollen, bin ich plötzlich der Mittelpunkt des Abends und betreibe Aufklärung ... das ist ein Dilemma. Mit den Jahren kommt man aber damit klar.
Um seine Liebe zu beweisen, erklomm er die höchsten Berge, durchschwamm die tiefsten Meere und zog durch die weitesten Wüsten. Doch sie verließ ihn – weil er nie zu Hause war.

Hedgegina

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #3 am: 14:33:11 Fr. 02.April 2010 »
@Ziggy

Wow. Respekt - dein Post liest sich wie ein frischer Wind. Du hast da einen ziemlich genialen roten Faden bei dir nach viel harter Arbeit entdeckt. Hört sich gut an!  :)

Hedgegina

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #4 am: 14:54:59 Fr. 02.April 2010 »
ich wollte das folgende gerade in dem alf-thread posten, da ist mir kellerkind mit der schließung des threads zuvorgekommen. ist jetzt vielleicht ein bisschen ausm zusammenhang gerissen, aber ich hoffe, trotzdem noch verständlich.

Zitat
Herzlichen Dank Hedgi! Find ich süss von dir Smiley Bei mir ging es bis jetzt auch nie so gut aus... Wer hätte das gedacht - ausgerechnet "so einer"?! Aber das Leben bahnt sich seinen Weg, und wenn zwei Menschen zusammen gehören, zählen Statusunterschiede nicht mehr. Das ist die wahre Anarchie Cheesy

@cn
gern geschehen. statusunterschiede sind was für leute, die sich aufgrund mangelnder eigener wertigkeit von anderen abgrenzen wollen - interessieren mich auch nicht wirklich. ich mag nette leute, leute mit denen man lachen kann, leute die mir gut tun, von denen ich auch was lernen, was mitnehmen kann. da interessiert mich das eventuelle "dr." oder "prof." vor einem namen oder das portemonaie (scheiß wort ;) in der tasche nicht. bin gerad selbst dabei, mein leben umzukrempeln, und befürchte, dass ich damit noch mindestens 2 jahre gut zu tun habe. aber dann passieren gerade auch so verrückte dinge, wenn man ganz verzweifelt ist, über die man wieder lachen kann. man nimmt sachen wahr, die man sonst nicht bemerkt hätte, kann sich über kleinigkeiten freuen, die werden ganz wichtig. manchmal sitze ich abends da, und heule einfach 10 min. warum weiß ich auch nicht - hat aber wohl was mit eigener vergangenheitsbewältigung zu tun. und auch damit, sich vergangenem NÜCHTERN zu stellen (jetzt sind wir wieder bei dem thema sucht). und manchmal treibe ich nachts hier solche netten user wie bakurock mit plüschtierfolter in den wahnsinn. (an dieser stelle noch einmal eine leise gemurmelte entschuldigung in dessen richtung  :)

Positiv gesehen entwickelt sich bei mir eine kraft, die mir selbst angst macht, andererseits befinde ich mich aber zur zeit noch in einem sehr zerbrechlichen gleichgewicht. ich weiß nicht - wohin das noch führen wird - aber ich weiß/hoffe,dass es gut wird. aus diesem grund passt z zt in mein leben keine "wildromantische geschichte", aber wer weiß, was in zwei jahren ist. umso mehr freut es mich, solche geschichten bei anderen zu hören, womit wir wieder beim ausgangspunkt sind. so. und nu hör ich auf zu schwafeln.

hab gerade 3 stunden auf dem balkon in der sonne gesessen und nichts getan außer lesen, und heute abend werde ich pinnswin heimsuchen und die kräftig ärgern. so sollte es sein!  :D alles wird (hoffentlich) gut. schön dass diese beschissenen christlichen feiertage zum kraft tanken taugen können - wie auch schon ziggy in dem oster-thread bemerkte.

in diesem sinne....
 :)

Hedgegina

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #5 am: 15:06:54 Fr. 02.April 2010 »
So - einen hab ich noch (ihr könnt mich auch Colombo nennen):

Zitat: Ziggy
Zitat
Hi Leutz,

ich mache mal diesen Thread auf, um Leuten mit Suchtproblemen Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch und gegenseitiger Hilfestellung zu geben.

Da ich mich selber z zt eingehend mit dem Thema Sucht beschäftige - aus aktuellem Anlass - möchte ich hier kundtun, dass es die sehr hilfreiche Möglichkeit gibt, sich bei den AAs in so eine Online-Gruppe eintragen zu lassen, man wird dann in einen Emailverteiler aufgenommen. Mir hilft das z Zt sehr. Ich komme dann abends nicht mehr auf die Idee - mich - aus welchen Gründen auch immer - zuzuschütten, sondern lese die 20 bis 30 Emails aus diesem Verteiler, die mich erwarten, lache, weine, schmunzle, - und gehe dann - nüchtern - zu Bett. So, nu isses raus. Warum auch nicht?

Nu bin ich aber still.

Lefat

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #6 am: 18:06:48 Fr. 02.April 2010 »
Tja , da sitze Ich in meiner neuen Wohnung ! und weiss nicht was Ich machen soll !
bin wieder voll dabei !
Habe Angst !
darf meinen Sohn nicht mehr sehen !
Habe fürchterliche seelische Schmerzen !
und morgen ist Umzug !!
Ich habe das alles wieder organisiert bekommen !, aber Ich weiss selbst nicht mehr wie lange Ich diesen Stress noch durchhalten kann !!

Ich kann jetzt schon nicht mehr !!!!!!!

Ps . und jetzt wird meine Mutter auch noch mit sowas wie einer Telefonbombe konfrontiert ! meine Mutter die mit nix was zu tun hat !!!! ausser das sie mich ein Paar tage aufgenommen hat !

Es macht mich alles so fertig !

Ich denke Echt 3 Pullen Vodka und alles ist erledigt !

Es ist immer wieder erstaunlich, dass ein Jahr der Arbeitslosigkeit einen ehemaligen Leistungsträger zu einem bildungsfernen Asozialen verkommen läßt..so zumindest die landläufige Meinung.

Alex22

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #7 am: 19:41:22 Fr. 02.April 2010 »
Ich habe zwar keine Suchprobleme, verstehe aber aus einigen eigenen Erfahrungen, dass man süchtig werden kann.
Auch habe ich persönlich schon Menschen kennen gelernt, die es schafften von der Sucht (Alkohol, Tabak, Tabletten) los zukommen. 
Ich habe vor solchen Kämpfern ganz große Achtung. Mir helfen diese Menschen mit ihrem Beispie mit meinen Problemen besser zurecht zu kommen und mich nicht zu sehr von schlechten Menschen mit bösen Sinn beeinflussen zu lassen.
Es ist sehr interessant hier mitzulesen. Ich wünsche Euch Freude am Leben.
 :)

Eivisskat

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #8 am: 19:43:10 Fr. 02.April 2010 »
Das wäre aber schade, lieber @Tafel, wo du doch schon so weit gekommen bist!

UMzüge sind immer ganz furchtbar, auch für Nicht-Abhängige, wir kennen das alle. Und TOLL wie du alles allein organisiert hast, das ist nicht leicht.

Schalte ab, geh`früh schlafen, denk`nicht an die Probleme, denn morgen ist ein neuer Tag, da sieht schon alles anders aus, wirst du sehen... :)

Alles Gute für dich, eine ruhige,angenehme Nacht und liebe Grüße

 :-*

Ziggy

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #9 am: 20:14:21 Fr. 02.April 2010 »
@Tafel
Wenn du die Möglichkeit hast, besuche ein Meeting. In beinahe jeder Stadt gibt es welche, meist täglich von 20 bis 22 Uhr.

Gibt es jemanden, den du anrufen kannst? Tu es! Mir haben solche manchmal nächtelangen Telefonate das Leben gerettet. Gibt es jemanden, der vielleicht zu dir kommt? Oder den du besuchen kannst?

Tu etwas. Sitz nicht da und grübel. Bewege dich. Geh raus, laufe, atme ...

Versuche, die Gedanken zu ordnen: Inwieweit kannst du die Situation beeinflussen, inwieweit bist du verantwortlich? Die "Telefonbome" (was ist das?) deiner Mutter - was hat das mit dir zu tun? Zieh dir keine "fremden" Schuhe an!

Mach dir folgendes klar:

3 Flaschen Wodka lösen das Problem nicht. Du kommst wieder zu dir, die jetzigen Probleme sind immer noch da, nur viel schlimmer und MINDESTENS EINES ist noch dazu gekommen! Du hast nur EIN wirkliches Problem, und das ist Alkohol. ALLE ANDEREN Probleme sind ein Klacks und lösbar, wenn du JETZT NICHT TRINKST! Sie werden sich allesamt in Luft auflösen. Du hast nur eine Panikattacke. Du musst und du wirst das durchstehen! Dir wird nichts passieren! Das Schlimmste was passieren kann, ist, daß du WIEDER TRINKST!

Wenn du nicht raus kannst, wenn du der Situation nicht entkommst, bleib hier bei uns, wir sind bei dir, du bist nicht alleine. Ich weiß, was du durchmachst, ich kenne es, ich hab es oft selbst erlebt. Es ist ein Anfall, nichts weiter. Die Sucht arbeitet wieder in deinem Kopf. Jeder trockene Alkoholiker kennt das "trocken besoffen" sein. Dein süchtiges Ich will, daß du wieder trinkst. Du darfst jetzt nicht nachgeben, sonst waren alle deine Anstrengungen bisher umsonst!

Baue dich selbst auf. Halte dir vor Augen, was du schon erreicht hast, was schon alles hinter dir liegt, wie stark du sein kannst. Halte alles Negative von dir fern.
Um seine Liebe zu beweisen, erklomm er die höchsten Berge, durchschwamm die tiefsten Meere und zog durch die weitesten Wüsten. Doch sie verließ ihn – weil er nie zu Hause war.

Carpe Noctem

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #10 am: 21:58:16 Fr. 02.April 2010 »
Namd!

Wie befürchtet, passen meine "Lyrics" schon wieder nicht so richtig hier rein. Aber der "Alf"-Thread ist zu, denn es gibt wichtigeres als 1 abwesende Person, nämlich die Frage, wie man mit sich selbst und anderen umgeht. Dafür sind wir ja jetzt hier.

@Tafel:
Erinnerst du dich, das ich dir in besagtem Thread den lapidaren Spruch gedrückt habe, "versauf die neue Bude nicht"? du hast abgewunken. Jetzt hat dich der grosse Frust am Wickel - allein und mit viel Orgakram vor der Brust - und was ist dein spontaner Wunsch? Trinken und Vergessen. So gut ich dich auch verstehe, finde ich es traurig. Sieh dir mal an was du geschafft hast! Du bist trocken geworden, stehst inzwischen zu dem Rückfall den du gebaut hast, jetzt machst du sogar vorher die Klappe auf. Bist du sicher dass du trinken willst? Oder möchtest du, dass wir - wie vor allem Ziggy mit seiner jahrelangen Erfahrung - dich davon abhalten? Du bist viel weiter als noch vor einigen Monaten. Was du jetzt erlebst, ist ein Trockenrückfall, das sagt Ziggy auch und ich kenne das von der Guttempler-Selbsthilfe her. Kannst du dir vorstellen, wie stolz du auf dich sein wirst, wenn du JETZT die Kraft aufbringst, den Umzug NÜCHTERN zu schaffen und in einem Meeting hinterher davon zu erzählen? Die Kraft, die du dabei aufbaust, kann dir niemand mehr nehmen. Die gehört zu dir. Das ist deine ureigene Selbstachtung und darauf kannst du STOLZ sein! Trotz Widernissen kommst du vorwärts und hast eine neue Wohnung. Ich wünsche dir einen nüchternen Einzug und möchte hier gerne lesen, wie es gelaufen ist! Wir sind eine Gemeinschaft :)

@Hedgi:
Was du über Kraft sagst, kenne ich aus meiner Erinnerung gut. Ich habe nach 15 Jahren regelmässigem Absturzsaufen (4-5 mal wöchentlich) Angst bekommen, abhängig zu sein. Ich lernte zu der Zeit einen konsumierenden Alkoholiker kennen, der nicht körperlich abhängig war aber psychisch (Feierabend-Absturztrinken, kein Spiegelsaufen). Wie fies das war, wenn er abends am Telefon lallte und die Matratze oft aufrecht stand zum Trocknen, weil der Mann da nachts unkontrolliert reingeseicht hatte, ih. Ich rief die Hotline für Suchtgefährdete an und fragte, was man als Angehörige / Freunde tun könne. Man riet mir, das Telefon einzuhängen mit den Worten, "melde dich wieder wenn du nüchtern bist!" Was ich auch tat, rein verstandesmässig zunächst.

Still und heimlich reflektierte ich dann aber auch mein eigenes Trinkverhalten vor diesem quasi vorgehaltenen Spiegel. Das war mien Glück, so beschämend sich das auch ausnahm. Ich schämte mich, bekam Angst, das heulende Elend (@Ziggy: Das geht wohl mehreren Leuten so, auch ohne manifeste Abhängigkeit) und wusste schlagartig, dass ich ausprobieren muss ob es noch ohne Alkohol geht.

Ich hatte Ziele, die sich mit einer Suchtkarriere nicht vereinbaren liessen: Mein Diplom, eine ordentliche berufliche Laufbahn als ernstzunehmende Fachperson, und - last but not least - eine gesunde Beziehung! Das ging meiner neuen Erkenntnis nach nicht in Verbindung mit dem Trinken. Ich entschied mich also, zu testen ob ich noch ohne fremde Hilfe davon loskomme. Alles geschah im Verborgenen, weil ich mich so schämte. Der Versuch gelang aber zu meiner grossen Überraschung. Ich habe das Saufen nicht mal sonderlich vermisst, weil ich plötzlich ohne Saufplanung meinen Abend frei gestalten konnte! Die Erleichterung ist kaum in Worte zu fassen! Mir war klar, dass ich Sau gehabt hatte und beschloss, ab dem Tag keinen Tropfen mehr anzurühren. Das Eingeständnis "Suchtgefährdung" und dass ich mit Alkohol schlicht und ergreifend nicht umgehen kann, teilte ich nach und nach meiner Umwelt (sozialen Kontrolle!) mit. Dies lieferte eine Erklärung, weshalb ich es fortan ablehnte mitzutrinken und rückversicherte mich, dass ich nie wieder saufen kann, ohne dass jemand kritisch fragt ob ich einen Suchtrückfall baue.

Plötzlich musste aber alles, was vorher ein "Anlass" zum Saufen war, nüchtern bestanden werden. Ungeduld, Frust, Traurigkeit, alles was man vorher "plattsaufen" konnte (bzw. vor sich her schieben, um ehrlich zu sein!) musste jetzt ertragen werden, pur ohne Eis. Dazu benötigt man Kraft. Es ist tatsächlich anfangs etwas unheimlich, wo die auf einmal herkommt und wie viel davon aus dem Off aufsteigt! Es spukt in der Seele, die innere Welt ist eine Geisterbahn. Erst nach längerer Zeit ist man in der Lage, sich auf diese Kraft zu verlassen, ihr zu vertrauen und eine Gelassenheit zu entwickeln, auch mit dem Konsumverhalten anderer. Gerade hiermit konfrotiert zu werden, habe ich eine ganze zeitlang vermieden. Ich nenne das "die radikale Phase", in der man Konsumenten aus dem Weg geht. Mit den Jahren habe ich dazu Distanz entwickelt, inzwischen ist mir jedes Interesse an Alkoholkonsum und sonstigem Drogenkonsum (vertrage ich eh alles nicht) abhanden gekommen. Ich bin geduldiger, ausgeglichener (jawollja, der Handfeger CN kann meditieren und entspannen, bloss nicht hier im politischen Aktionsradius), habe weniger Angst, kaum depressive Phasen und der frühere Jähzorn ist wie vom Erdboden verschluckt.

Was allerdings für immer bleiben wird: Ich kann nie mehr wieder unbeschwert an Rauschmittel denken. Das ist für immer vorbei. Auch wenn es für frisch Trockene und frisch gebackene Aufhörer erschreckend klingt: Es ist GUT SO!

Grüsse - CN
Art. 1 GG: "Die Menschenwürde steht unter Finanzierungsvorbehalt"

Lefat

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #11 am: 22:08:10 Fr. 02.April 2010 »
Zitat
ALLE ANDEREN Probleme sind ein Klacks und lösbar,
Das weiss Ich, und das ist das was mich noch am Leben hält !


Junx Ich schreibe beizeiten echt mal einen Roman !

nur ein Beispiel :

Ich habe gerade durch einen Zufall (danke Gott) erfahren , das , wenn Ich Morgen bei dem Umzug anwesend bin , sofort verhaftet werde (Aussage der Polizei )
habe da wohl eine einstweilige verfügung von der ich bis gerade nix wusste ! woher auch , wenn deine Post von deiner Ex unterschlagen wird !
Ich werde deswegen auch Strafanzeige wegen versuchter Freiheitsberaubung stellen !
Die beiden (Ex und Exex ) wollten mich morgen eiskallt auflaufen lassen !!
durch Zufall und oder weil der liebe Gott mich so lieb hat habe Ich davon gerade noch Kenntniss bekommen !
wie gesagt , schreibe Ich wirklich mal mein ganzes Leben hier rein , viel zu Lachen und viel zu weinen wird dabei sein !
aber jetzt habe Ich gerade andere Probleme und Ich bin auch nicht so firm zu schreiben !
Schreiben !!!!!!!!! ja ich kann besser Reden , Ich habe schon 60 Jahre alte FDP,ler dazu gebracht in die Linke einzutreten !!! kein Scherz !!!
so ist das !!
Bis gerade war Ich echt depri , aber jetzt habe ich echt Wut im Bauch !! und glaubt Mir Wut ist ein echt guter Antrieb etwas zu ändern !!

@ziggy
du hilfst mir wirklich weiter , aleine deine Texte zu lesen !
du und Ihr seid alle wichtiger als ihr glaubt !!

P.s.
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Carpe Noctem

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #12 am: 22:23:40 Fr. 02.April 2010 »
Bis gerade war Ich echt depri , aber jetzt habe ich echt Wut im Bauch !! und glaubt Mir Wut ist ein echt guter Antrieb etwas zu ändern !!

Aber hallo! Vor allem ist es schön, hier von dir zu lesen. Egal welche Scherereien anliegen. You are here :)

Zitat
du und Ihr seid alle wichtiger als ihr glaubt !!

Hier posten ist echt besser als Ostern in der Kirche "Halleluja" auf die Nächstenliebe zu plärren, zumal wenn man - wie ich - gar nicht singen kann *krächz* ;D

Tafel, das wird alles. Soll die Ex doch deinen Kram vor die Tür stellen, wenn sie nicht will dass du ihn selber holst. Einstweilige Verfügung stellen, die Post unterschlagen und dann mit dem Arsch auf deinen Sachen sitzen, das kannst du der Polizei mal vortragen. Das ist *Tateinheit mit Tatmehrheit StGB* usw., eine schicke Anzeige wird das! Kurz und gut: Die muss deine Sachen rausrücken, alles andere ist ein Eigentumsdelikt.

Grüsse - CN
Art. 1 GG: "Die Menschenwürde steht unter Finanzierungsvorbehalt"

Lefat

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #13 am: 22:45:13 Fr. 02.April 2010 »
Ja CN ich bin da gedanklich schon auch Dienstag beim Amtsgerich (wie polizeilich angeraten)
andere Frage :
Ich habe jetzt wegen drohender Obdachlosigkeit eine 60 qm Wohnung gemietet (echt klasse Wohnung )
45 qm Stehen mir halt nur zu , die Differenz beträg so um die 70 €
Müssen die mir vom Amt die ganze Miete zahlen ? wegen obdachlosigkeit .
Ich habe da echt glückgehabt , weil Ich so keine Wohnung bekomme , wegen 5000 € Mietschulden (junx Ich sage ja Ich schreibe mal mein Leben hier hernieder , weil Ich habe ca 5 Riesen Mietschulden , habe aber nie Mietschulden gemacht !!)
was ist mit den 300€ Kaution die Ich gezahlt habe !
Die möcht Ich zumindestens als Darlehen wiederhaben!
habt ihr tips ?

Und nochmal !!
Ich danke euch allen , ihr zieht mich aus einem tiefen Loch !!!
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Ziggy

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #14 am: 23:12:34 Fr. 02.April 2010 »
Mit am Schwierigsten war am Anfang meines trockenen Lebens für mich, mit Gefühlen umgehen zu lernen. Man muß sich vorstellen, daß ich meine ersten Räusche noch vor der Pubertät hatte. Schnell hatte ich den Bogen raus, wie ich Alkohol "nutzen" konnte, um mich selbst, aber auch andere, zu manipulieren.

Rückblende. Ich kam als schwer erziehbares Kind im Alter von 9 Jahren in ein katholisches Erziehungsheim in Marktl am Inn (ja, der Geburtsort des aktuellen Papstes). Das ist ein Nest in der Nähe des marienverehrenden Wallfahrtsortes Altötting, die wahrscheinlich katholischste Gegend Deutschlands, da wo es am Schwärzesten ist. Ich verbrachte dort 3 Jahre unter Nonnen. Nein, ich wurde NICHT sexuell mißbraucht, aber tägliche Prügel, meist mit dem Rohrstock, waren an der Tagesordnung. Sexualität war Teufelswerk, das Herumspielen an sich selber eine Todsünde.

So kam ich im Alter von 12 Jahren zurück in die "normale" Welt, an eine Schule mit Jungs und Mädchen. Ich fühlte mich unwohl in weiblicher Gegenwart, andererseits zog es mich hin. Wenn mir ein Mädchen über den Weg lief, wurde ich rot und brachte keinen Ton heraus. Es gab da eine, die himmelte ich an, aber ich wagte es nie, sie anzusprechen. Was hätte ich denn sagen sollen? Etwa "Ich war 3 Jahre im Heim, meine Mutter ist Putzfrau ..."? Es war zum Verrücktwerden. Eines Tages war da irgendwie Party, die ganze Klasse ging da hin, also machte ich mich fein und ging auch. Da war ein Stand mit Getränken. Bier mochte ich nicht, der bittere Geschmack stieß mich ab, aber Süßes trank ich gerne, ich hatte als Kind schon dann und wann Eierlikör getrunken, das schmeckte gut und fühlte sich gut an im Bauch. Jedenfalls, an diesem Abend, entschied ich mich für Cola mit einem Schuß Whisky, das hatte ich vorher noch nie getrunken, es schmeckte süß und harmlos, und als ich 2 davon getrunken hatte, merkte ich, wie sich etwas veränderte. Sicher trug auch die ganze Atmo dazu bei, die schummrige Beleuchtung, die geile Musik, jedenfalls war plötzlich meine Angst weg ... ich marschierte schnurstracks zu der süßen Maus und fragte sie, ob sie tanzen wolle, und oh Wunder, sie tanzte mit mir (na ja, "tanzen" würde ich das heute nicht mehr nennen, wie's halt so war in den 70s, machten alle irgendwelche Verrenkungen auf der Tanzfläche, ein Wunder, daß niemand sich schwer verletzte).

Wir "gingen" dann 6 Wochen miteinander. Ich war dermaßen verknallt, wir knutschten bei jeder Gelegenheit ... irgendwann wollte sie dann aber mehr, ich checkte das nicht, sie fing an, an mir rumzumachen und legte meine Hand auf ihren Busen und führte sie zwischen ihre Beine, da kriegte ich die Panik und versaute alles ... 3 Jahre katholisches Heim zwischen Hölle und Teufel wirken lange nach, das kann ich euch sagen ... jedenfalls war's dann aus mit uns, sie suchte sich einen richtigen Kerl.

Meinen Kummer ertänkte ich dann ordentlich. Inzwischen hatte ich gelernt, daß ich mit Alkohol meinen Gemütszustand beeinflussen konnte, die langweiligste Party kam mit ein paar Gläsern in Schwung, ich verlor meine Hemmungen, konnte plötzlich reden, hatte coole Sprüche drauf, war witzig, war im Mittelpunkt, konnte Mädels aufreißen ... es dauerte nicht lange, da ging nichts mehr ohne Alk bei mir.

Jetzt ein Sprung in die Zeit, als ich trocken wurde: Ich hatte nie gelernt, mit echten Gefühlen umzugehen. Angst, Liebe, Freundschaft, Hingabe, Trauer ... das war alles alkoholisch durchsetzt. War ich traurig, trank ich, war ich verliebt, trank ich, hatte ich Probleme am Arbeitsplatz, trank ich ... nie hatte ich gelernt, Gefühle auszuhalten, mich zu stellen. Umso schlimmer beutelte es mich jetzt. Ich musste auch lernen, Gefühle zu deuten. Angst zum Beispiel: War das echte Angst oder wütete der Alkohol in meinem Kopf? Auch "normale" Menschen kennen ja irreale Ängste, man macht sich wegen irgendwas verrückt, dabei ist alles ganz harmlos. Deshalb ist für mich immer die wichtigste Frage bei einer Panikattacke: "Wie real ist das? Was passiert hier eigentlich wirklich?" Ich gebe zu, das ist verdammt schwer und es braucht viel Übung und Training, in so einem Moment die Ruhe zu bewahren. Aber bedenkt folgendes: Den "Kopf zu verlieren" ist für einen Nichtalkoholiker vielleicht schlimm, vielleicht sogar sehr schlimm, für einen Suchtkranken aber ist das eine Frage auf Leben und Tod! Ein Suchtkranker, der überleben will, MUSS lernen, in egal wie heiklen Situationen möglichst kühlen Kopf zu bewahren. Er muss "Gelassenheit" lernen. Was manche Uneingeweihte oft mit Gleichgültigkeit verwechseln, ist ein lebenserhaltender Mechanismus, die Fähigkeit, eine heikle Situation zu analysieren, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen und dann das Notwendige und Richtige zu tun.

Und damit komme ich zu dir, @Tafel, dies ganze Geschwafel diente nämlich nur einem einzigen Zweck, nämlich der an dich gerichteten Frage: "Wie real ist deine Angst? Was kann dir schlimmstenfalls passieren?"

Meine Antwort:

Option 1 - Du trinkst heute nicht
Vielleicht wirst du morgen verhaftet. Vielleicht auch nicht. Ich weiß nicht genau, worum es geht, aber ich denke, es gibt einen  Ausweg, wenn du dir klaren Kopf bewahrst und kühles Denken.

Option 2 - Du trinkst wieder
Du bist morgen vielleicht schon tot. Vielleicht auch nicht. Dann wirst du mit einem dumpfen Gefühl im Schädel aufwachen, in den Spiegel gucken, kotzen, dich selbst hassen und gleich wieder trinken wollen, um die schlechten Gefühle zu bekämpfen. Irgendwann kommt dann die Polizei und holt dich ab. Vielleicht bist du sogar froh darüber. Man wirft dich in eine Zelle, wo du deinen Rausch ausschlafen kannst - muß ich weitererzählen ...?

Die Wahrheit ist: Du hast überhaupt nur eine Chance, halbwegs klarzukommen, wenn du dich heute nacht für Option 1 entscheidest ... egal wie schlimm es kommt, es kann nicht so schlimm kommen wie mit Option 2 ...
Um seine Liebe zu beweisen, erklomm er die höchsten Berge, durchschwamm die tiefsten Meere und zog durch die weitesten Wüsten. Doch sie verließ ihn – weil er nie zu Hause war.