Autor Thema: Sucht und Abhängigkeit  (Gelesen 76896 mal)

Carpe Noctem

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #15 am: 23:15:41 Fr. 02.April 2010 »
Ich habe jetzt wegen drohender Obdachlosigkeit eine 60 qm Wohnung gemietet (echt klasse Wohnung )
45 qm Stehen mir halt nur zu , die Differenz beträg so um die 70 €
Müssen die mir vom Amt die ganze Miete zahlen ? wegen obdachlosigkeit .

Je nach dem, wie wichtig in eurer Stadt die Beseitigung von Obdachlosigkeit genommen wird, könntest du Glück haben. Gewöhnlich lässt man sich eine Wohnung ja erst von der ARGE genehmigen. Hast du nicht gemacht, du hast einfach mal angemietet. Auch gut, das bügeln wir schon irgendwie. Ich suche dir die Tage mal das Urteil raus, nach dem man bis zu 10% überm Satz wohnen darf. Irgendwas gabs da, hab nur vergessen wo das steht. Ich antworte jetzt mehr aus menschlichen Gründen so flott und kenntnisfrei, damit du siehst dein Geschreibsel geht nicht ins Leere ;)

Zitat
Ich habe da echt glückgehabt , weil Ich so keine Wohnung bekomme , wegen 5000 € Mietschulden (junx Ich sage ja Ich schreibe mal mein Leben hier hernieder , weil Ich habe ca 5 Riesen Mietschulden , habe aber nie Mietschulden gemacht !!)

Finger heben, Entschuldungshilfe, Inso... Lass mal laufen, die Baustelle ist später dran. Aktuell drückts doch nicht, oder? Da kannst du in Ruhe was planifizieren.

Zitat
was ist mit den 300€ Kaution die Ich gezahlt habe !
Die möcht Ich zumindestens als Darlehen wiederhaben!

Ich fürchte, ohne Genehmigung zur Anmietung der Wohnung ist Kohle weg. Wenn sich die Bude lohnt - so what the fuck? Versoffen wärs auch weg.

Zitat
Und nochmal !!
Ich danke euch allen , ihr zieht mich aus einem tiefen Loch !!!

Na klasse, immer hoch die Hinterbuchstaben! Wir mussten uns glaub ich alle schon an den eigenen Haaren aus der Grütze ziehen. Wenn jemand da ist der mitzerrt ist es wenigstens nicht so frostig ums Herz :D

Grüsse - CN
Art. 1 GG: "Die Menschenwürde steht unter Finanzierungsvorbehalt"

Ziggy

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #16 am: 23:36:32 Fr. 02.April 2010 »
Zitat
... so flott und kenntnisfrei ...

Schöner Ausdruck, den kannte ich noch nicht. Kann ich bestimmt mal gut gebrauchen, vielleicht schon am Dienstag bei meinem Termin in der Agentur ...  ;D
Um seine Liebe zu beweisen, erklomm er die höchsten Berge, durchschwamm die tiefsten Meere und zog durch die weitesten Wüsten. Doch sie verließ ihn – weil er nie zu Hause war.

Lefat

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #17 am: 23:54:15 Fr. 02.April 2010 »
Zitat
Jetzt ein Sprung in die Zeit, als ich trocken wurde: Ich hatte nie gelernt, mit echten Gefühlen umzugehen. Angst, Liebe, Freundschaft, Hingabe, Trauer ... das war alles alkoholisch durchsetzt.

Das alles kenne Ich sehr gut !
Ich dachte immer Ich wüsste was Liebe ist ! und durfte dann im Alter von 35 Jahren erstmals dieses gefühl erleben ! Liebe echte bedingungslose Liebe !!
alles im klaren Kopf ! und dann mach mit dieser Frau mal Schluss , aus reinem Selbstschutz , weil du weisst das du stirbst , wenn du es nicht tust !
macht das mal ! Lieben tue Ich diese Frau über alles , aber Ich habe Sie verlassen um Mich nicht selbst zu zerstören !
Ich musste gehen und als Akt der Vergeltung kann dann das betrachtet werden was jetzt geschieht
Rache pure Rache wird mir entgegen geschmissen !!
Ich bin schon lang nicht mehr da und es wird gesagt man hätte Angst vor Mir !
das tut weh , das kann man sich als nicht Betroffener nicht vorstellen !
Ich und Böse passt schlicht und ergreifend nicht zusammen das ist so und wird auch von jeden so bestätigt der mich besser kennt !!
Es ist immer wieder erstaunlich, dass ein Jahr der Arbeitslosigkeit einen ehemaligen Leistungsträger zu einem bildungsfernen Asozialen verkommen läßt..so zumindest die landläufige Meinung.

Ziggy

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #18 am: 01:35:37 Sa. 03.April 2010 »
Bei den AA-Meetings gibt es am Ende immer den "Gelassenheitsspruch", der geht so:

"Gott gebe mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!"

Bezogen auf dein Problem, auf das, was du an Information preisgegeben hast, stelle ich fest, du hast eigentlich alles richtig gemacht:

1. Du hast erkannt, daß du etwas ändern kannst und musst. Du hast das, was du ändern konntest und musstest, geändert. Es ging um dein Leben. Es gab keine Alternative.

2. Gegen die Rachegelüste deiner ehemaligen Freundin bist du machtlos. Das kannst du nicht ändern, du musst es hinnehmen und damit leben. Und hoffen, daß sie es irgendwann versteht. Außerdem, wer weiß ... niemand kann in die Zukunft sehen, wie sich Dinge entwickeln. Es gibt ein Sprichwort, das heißt "Die Hölle kennt keinen größeren Zorn als den Haß einer verschmähten Frau!" Ich weiß, daß das stimmt.

Was bleibt also? Eine Gefühlshölle tief im Inneren ...

Ich würde dir jetzt gerne etwas Nettes sagen, etwas, das dir hilft. Aber das wäre alles Lüge. Die brutale Wahrheit ist: Du musst es aushalten. Widerstand ist zwecklos. Du musst es zulassen, aushalten und durchstehen. Ich weiß, daß das absolut schlimm ist. Ich weiß auch, daß du mir wahrscheinlich nicht glauben wirst, aber die meisten trockenen Alkoholiker mussten so etwas durchstehen, nicht die gleiche Situation, aber etwas Vergleichbares. Vielleicht ist es eine Art Prüfung, ein Test deiner Ernsthaftigkeit ... ich weiß es nicht. Alles was ich weiß - und das weiß ich sicher! - ist, daß daraus letztlich etwas Gutes entstehen wird, auch wenn es jetzt überhaupt nicht danach aussieht. Es wird dich stark machen, es wird dich härten, es wird dir in deinem künftigen Leben von Nutzen sein. Eines Tages wirst du zurückblicken und erkennen, daß es einen tiefen Sinn hatte.

Vielleicht hilft dir folgendes Gedankenspiel:

Die Frau hasst dich, weil sie sich von dir zurückgewiesen fühlt. Sie hasst dich so sehr, daß sie sich an dir rächen will. Aber - davon bin ich überzeugt! - sie hat auch Respekt vor dir. Insgeheim bewundert sie dich, weil du dein Ding durchgezogen hast, ehrlich und konsequent. Sie sieht in dir eine starke Persönlichkeit. Salopp ausgedrückt: Die steht immer noch auf dich! Will sagen: Sie hasst dich, weil du ihr nicht egal bist!

Wenn du jetzt wieder trinken würdest, würde etwas Furchtbares passieren: Sie würde sich vielleicht nicht mehr rächen wollen, vielleicht hätte sie sogar Mitleid mit dir, ABER du würdest ihre Achtung, ihren Respekt verlieren, sie würde dich als Loser sehen, als Umfaller, als inkonsequenten Maulhelden. Auf Dauer wäre das noch schlimmer als der jetzige Zustand.

Vielleicht liege ich ja falsch, aber so sehe ich die Dinge aus der Entfernung.

Zum Schluß noch eine wahre Geschichte: Meine jetzige Partnerin und ich sind jetzt 20 Jahre zusammen. Wir waren schon einmal zusammen, für kurze Zeit, aber da war ich noch nass, und es endete in ziemlich heftigen Szenen. Sie hat mich voller Zorn verlassen, mich niedergemacht, mich gehasst. Danach sahen wir uns 8 Jahre (!) lang nicht mehr und hörten auch nichts voneinander. Zwischenzeitlich war ich trocken geworden, und wir trafen uns zufällig wieder. Und plötzlich passte alles wunderbar zusammen. Wenn mir das irgend jemand prophezeit hätte, ich hätte das nie, nie, niemals für möglich gehalten. Du siehst also, Unmögliches wird möglich. Wenn man trocken ist.

Ich wünsche dir Gute 24 Stunden! Das ist alles, was zählt.
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Hedgegina

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #19 am: 21:22:01 Sa. 03.April 2010 »
Zitat: carpe noctem

Zitat
Still und heimlich reflektierte ich dann aber auch mein eigenes Trinkverhalten vor diesem quasi vorgehaltenen Spiegel. Das war mien Glück, so beschämend sich das auch ausnahm. Ich schämte mich, bekam Angst, das heulende Elend (@Ziggy: Das geht wohl mehreren Leuten so, auch ohne manifeste Abhängigkeit) und wusste schlagartig, dass ich ausprobieren muss ob es noch ohne Alkohol geht.

Die Phase kenne ich gut. Vermutlich befinde ich mich da gerade mitten drin - ich probiere gerade aus, ob ich "normal" trinken kann - oder den Alkohol komplett von meiner Getränkekarte schmeiße. Es wird sich zeigen. Im Moment ist ein Aufwärtstrend abzusehen, und solange dieser anhält, ist für mich alles paletti. gehts wieder abwärts - sind die nächsten maßnahmen face-to-face meetings bei aa und der komplette alk kommt weg. so einfach ist das/oder so schwierig wohl eher. cn - die hörst dich nach ner ziemlich starken persönlichkeit an - dass du das alles so geschafft hast!

Zitat
Plötzlich musste aber alles, was vorher ein "Anlass" zum Saufen war, nüchtern bestanden werden. Ungeduld, Frust, Traurigkeit, alles was man vorher "plattsaufen" konnte (bzw. vor sich her schieben, um ehrlich zu sein!) musste jetzt ertragen werden, pur ohne Eis.

Genau. Ganz genau. Abends nach Hause kommen und minutenlang herumheulen. Diese Situation AUSHALTEN. Ich laufe in der Wohnung herum und sage laut "Nein". Kein Bier aufreißen. Nicht rüber zum Imbiss und Alkohol kaufen. Es ist schwer aber im Moment klappts.

Wahrscheinlich muss jeder seine eigenen Lösungsstrategien da entwickeln. Ich selbst bin seit 11 Jahren Hobbymäßig im Tanzbereich unterwegs, seit 5 Jahren mit Gelegenheitsauftritten. Bei aufsteigendem Lampenfieber, kurz bevor es raus geht auf die Bühne, sind Eigenschaften wie Gelassenheit, Ruhe bewahren, Cool bleiben, gaaanz groß gefragt. Dann heißt es Augen zu und durch.....und raus - Vorhang auf! Das ist auch so eine Situation, der ich nicht entrinnen kann, der ich mich stellen muss, und wenn ich gut sein will, darf ich nicht tanzen, als wäre jemand mit ner Pistole hinter mir her, sondern ich muss Ruhe bewahren, jeden einzelnen Moment aushalten, Gelassenheit und Selbstsicherheit verströmen. Das - vereint mit der Grundkörperhaltung, vermittelt durch den Tanz - nicht zusammensacken, sich klein machen - näh - Schultern zurück, Kinn hoch - sich groß machen!, versuche ich auch in mein nichttänzerisches Leben mitzunehmen, und es funktioniert. Den Wert der eigenen Person erkennen. Dann brauche ich den Alkohol nicht, um Probleme zu lösen,...dann kann ich das auch ganz allein!

Autor : Ziggy
Zitat
Rückblende. Ich kam als schwer erziehbares Kind im Alter von 9 Jahren in ein katholisches Erziehungsheim in Marktl am Inn (ja, der Geburtsort des aktuellen Papstes). Das ist ein Nest in der Nähe des marienverehrenden Wallfahrtsortes Altötting, die wahrscheinlich katholischste Gegend Deutschlands,

Ich durfte Markl am Inn und Altötting kennenlernen, da eine Freundin von mir ins "schöne" Mühldorf gezogen ist. Wir haben uns dann mal - ich bin mir nicht mehr sicher - ob´s Markl am Inn oder Altötting war - diese Leute anguckt, die sich son Holzkreuz über die Schulter hängen und für begangene Sünden Buße tun - indem sie immer inner Runde laufen - gibt große und kleine Kreuze für die Kinder. Mich hat´s gegruselt - und ich wusste kurzfristig nicht mehr, wo zum Teufel ich da war....für sone olle Kielerin ist das ziemlich unfassbar. Und es ist scheiße zu hören, dass Kinder, die in einem Alter, wo sie am leichtesten lernen können, geprägt werden in ihrer Geisteshaltung, durch katholische Betschwestern lernen, dass erstmal das wichtigste Ziel im Leben ist, dem Rohrstock zu entgehen. Na, schönen Dank auch...

Hey Tafel,

ich wünsch dir alles Gute. Glaube es mir: zum Thema Beziehungsstress kann ich ohne Probleme eine Trilogie schreiben. Du schaffst das alles - bestimmt - Ziggy und Carpe haben ja schon super-Tipps gegeben. Bei mir ist das auch so gewesen (nach ner hässlichen Trennung im Dezember): Aushalten. Ruhe bewahren. Durchhalten. Nicht schlapp machen. Das vielbesungene Licht am Ende des Tunnels kommt...ganz sicher! Ich habe viel geheult. Und auch viel zu viel getrunken (aber das auch schon vorher). Aber jetzt hab ich ganz viele neue Leute kennengelernt, seitdem ich meine eigenen 4 Wände (gottseidank!) wieder habe - und die kommen mir so schnell nicht wieder abhanden - weder die neuen Freunde noch die 4 Wände.
Immer schön ein Problem nach dem anderen lösen, geh nach außen, sprich mit Leuten, sei kommunikativ - wenn du kannst. Setz dich irgendwo hin, und lass dir die Frühlingssonne aufn Bauch scheinen. Abstand, versuch Abstand innerlich zu finden von deiner Nicht-mehr-Freundin. Der Stress ist immer noch da - aber hauptsache du bleibst HEIL und GANZ. Das ist erstmal wichtig. Ohne Alkohol.

So jetzt noch was Allgemeines zum Thema Alkohol:
Ich hab gestern mit ner Menge Leuten einen Tanzschuppen geentert, wo ich eigentlich seit Jahren so einmal im Monat hingeh. Diesmal war´s anders: Ich war nicht wie sonst immer sturzbesoffen, konnte optische Eindrücke auf mich wirken lassen, den Leuten beim Spaß haben zuschauen, beim Tanzen - und mich selbst - nichttorkelnd - unters Tanzvolk mischen. Ich war mal nicht randvoll mit Alkohol - und konnte jede Menge Gefühle erleben: Einfach rumstehen und die ganzen interessanten, unterschiedlichen Leute betrachten, mich freuen! Da isse wieder - diese Kraft. Und ich konnte mich morgens um 4 noch an die taxifahrt erinnern, watn wunder.

Es wirkt und wirkt . Ich bin nicht übern Berg, aber aufm Weg...und das wünsche ich auch dir , lieber Tafel, und allen anderen, die das auch noch vor sich haben!!! Ansonsten wiederkommen und sich hier auskotzen. ich werd zuhören, soviel ist mal klar.

ich möchte mich ziggy anschließen: gute 24h euch allen.

hedgegina

Isnogud

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #20 am: 21:50:39 Sa. 03.April 2010 »
bin zwar seit acht Jahren trocken, hab aber immer noch Angst allein zu sein, denn ich weiß, das der Schalter im Gehirn noch nicht umgelegt ist. Ich war mal allein ne Woche im Urlaub und habs durchgehalten und es war richtig klasse, das ich nicht einmal gedacht hab, boah ey, jetzt ein irgendwas Hauptsache Alk. Tolles Gefühl. Aber die Angst ist noch da. Ich arbeite dran.
Hab nicht die klassische Karriere hinter mir aber es gab Zeiten, da war ich teilweise ne Woche am Stück breit. Vier Tage ausnüchtern, dann mitm Auto zu Plaza(Kohle war immer da)den Einkaufswagen vollgepackt mit allem was dröhnt, Hartgas und beim Bier nur Bock oder Ele und dann wieder tagelang nicht aus der Bude gekommen. Zum Glück für mich gab es Menchen, die sich für mich intressierten, die mich immer wieder genervt hab, jetzt komm endlich mitm Arsch ausm Knick.
Hab dann auch noch ne Paranoia entwickelt, massive Angstzustände, Verfolgungswahn. Hab dann in ner Zeitung von einer Phobie gelesen, wo die Symtome 100% auf meinen Zustand passten(hab den Namen vergessen).
Ist Vergangenheit. Mir gehts gut, hab ne Partnerin.
Was jetzt immer mehr mein Prob ist, ich bin langsam im Kopf. Nicht lachen, es ist so. Wenn ich ein Gespräch mit meinem Chef hab, dann weiß ich am nächsten Tag, was ich für Argumente bringen sollte. Wenn ich was lernen soll(CNC zB.brauch ich immer doppelt so lange wie die Kollegen, bis ich den Stoff gefressen hab, wir haben einige Maschinen und ich lern jeden Tag einen Schalter dazu)
Jetzt fällt mir ertmal nix mehr ein. Der Kurze fordert meine Aufmerksamkeit. 50%GdB. Der braucht mich. Biba und danke fürs zuhören.
@Ziggy, ich find das ungeheuer mutig von Dir, so in Vorleistung zu gehen. Respekt!
Isnogud
wer bei Regen Sonnenmilch kauft, weiß, das der Stuhl ein Baum war.

Carpe Noctem

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #21 am: 22:08:14 Sa. 03.April 2010 »
Hab dann auch noch ne Paranoia entwickelt, massive Angstzustände, Verfolgungswahn. Hab dann in ner Zeitung von einer Phobie gelesen, wo die Symtome 100% auf meinen Zustand passten(hab den Namen vergessen).

Du hattest auch eine Doppeldiagnose? Wie ist die Fachwelt mit dir umgegangen? Oder warst du nur zur Selbshilfe. Wenn ja, wie reageiren die wenn man ausser der Sucht noch ein psychisches Problem hat? Mich interessiert das nicht weil ich in deiner Vergangenhait rumwühlen will, sondern weil ich damit aktuell selber zu tun habe. Zu meinen "besten Zeiten" kam ich auf 4 F-Nummern, die Rechenschwäche F81.2 mitgerechnet. Seit Jahren gibt es bei mir nichts mehr festzustellen, aber mein Partner hat eine Doppeldiagnose F20.0 und F12.1. Das Hilfesystem reagiert i.d.R. auf mindestens eine davon immer etwas überzogen oder unvorbereitet.

Zitat
@Ziggy, ich find das ungeheuer mutig von Dir, so in Vorleistung zu gehen. Respekt!

Ja, der Mann hat hier wirklich was für uns geleistet! Ich glaube, wenigstens 2 von den Leuten die hier mitschreiben, hat das wirklich geholfen. Chefduzen ist zwar kein Selbshilfeforum sondern eine politische Plattform, aber Selbstermächtigung gehört in jedem Fall dazu, deswegen passt das hier gut rein. Halbwegs gesund und aufrecht wehrt man sich leichter gegen ARGE & Co. KG!

@Hedgi:
Beim Lesen deines Beitrags ging mir vieles durch den Kopf. Ich hatte das Gefühl, du beschreibst eine Suchtgefährdung, nicht eine massive Abhängigkeit. Und das Tanzen scheint dein Ding zu sein. Warum nicht einfach mehr tanzen? Tanzen als ob es niemand sieht. Tanzen als ob heute der letzte Tag wäre - *yeah* (Ich muss dringendstens wieder tanzen... tanzen als ob...) ^^

Grüsse - CN
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Isnogud

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #22 am: 23:06:14 Sa. 03.April 2010 »
@Carpe Noctem, ich hatte nie was mit Ärzten zu tun. Meine kleine Nichte hat mir gezeigt wie man chattet. Dort hab ich dann viele liebe Leute kennengelernt. Dort hatte ich eine Familie, wenn auch virtuell, wo man mich ernst nahm. Hab dann auch irl einige Leute kennengelernt, mit meiner allerbesten besten Chatfreundin schreib/tele/chatte/icq ich heut noch.
Hab dann ein Mädel kennengelernt im chat, das zu mir gezogen ist und dann nach neun Monaten wieder ausgezogen ist, weil ich den Alk nicht aus dem Hals gekriegt hab.
Hab dann wieder ein Mädel kennengelernt(auch im chat), die hat allerdings nicht locker gelassen. Und ich war mittlerweile auch etwas schlauer geworden. Hab rigoros den Alk weggelassen, und bin weg vom Stoff, aber eben nur körperlich. Ich hoffe, ich schaff auch irgendwann den Rest.
Ob das ne Paranioa war, wie immer der genaue Fachausdruck ist? Jedenfalls war ich im meinem "Endstadium" der Meinung, bei mir laufen Aliens durch die Wohnung, hab deswegen im Flur das Licht brennen lassen, damit ich sie durch die Glastüre sehen konnte, was aber nie der Fall war, hab im Spiegel nicht mich sondern andere Pesonen gesehen, das war extrem beängstigend. Erst bei zweiten hinschauen war ich das. Es waren noch ein paar andere Sachen dabei. Reichte mir jedenfalls.
Nach den Artikel in der Zeitung war das ne Schutzmassnahme des Körpers, bzw. er hat sich so gewehrt gegen den Alk. Wenn es denn stimmt was dort so geschrieben stand. Leider hab ich den Artikel nicht mehr. Ich hatte ihn ne ganze Zeit noch aufbewahrt, aber dann, als es mir richtig besser ging, zusammen mit anderen Sachen meiner Vergangenheit beerdigt. Symbolischer Schlussstrich sozusagen. Isnogud
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Hedgegina

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #23 am: 23:09:29 Sa. 03.April 2010 »
Zitat
Beim Lesen deines Beitrags ging mir vieles durch den Kopf. Ich hatte das Gefühl, du beschreibst eine Suchtgefährdung, nicht eine massive Abhängigkeit.
Yup. Das gilt es - für mich herauszufinden. Was bei mir anliegt - ob die schwere Kavallerie anrücken muss, oder ob man es bei einem leichten Scharmützel bewenden lassen kann, um wieder fitt fürs Leben zu werden..

Zitat
Chefduzen ist zwar kein Selbshilfeforum sondern eine politische Plattform, aber Selbstermächtigung gehört in jedem Fall dazu, deswegen passt das hier gut rein. Halbwegs gesund und aufrecht wehrt man sich leichter gegen ARGE & Co. KG!

Seh ich genauso. Und bei mir ist/war ein auslösender Faktor für Teufel Alkohol zumindest der Stress im Job. Wenn man mit dem Alk aufräumt, kann man auch gleich am Arbeitsplatz weitermachen. Sich nicht verstecken und deprimiert sein, sondern lose Fäden suchen und zusammenbinden, sich behaupten, zurückbrüllen, gelegentlich explodieren und dann wieder nett sein :) ...und tanzen, carpe noctem. glaub es mir, die schmerzen in meinem oberschenkel kommen nicht von ungefähr. das wird schon.

so - bevor mir die augen jetzt noch zufallen und sich "QWERTZ" auf meine Stirn tätowiert...

Gute Nacht!


Carpe Noctem

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #24 am: 23:12:03 Sa. 03.April 2010 »
Hi Isnogud!

Danke für deine ausführliche Antwort!

Ob das ne Paranioa war, wie immer der genaue Fachausdruck ist? Jedenfalls war ich im meinem "Endstadium" der Meinung, bei mir laufen Aliens durch die Wohnung, hab deswegen im Flur das Licht brennen lassen, damit ich sie durch die Glastüre sehen konnte, was aber nie der Fall war, hab im Spiegel nicht mich sondern andere Pesonen gesehen, das war extrem beängstigend. Erst bei zweiten hinschauen war ich das. Es waren noch ein paar andere Sachen dabei. Reichte mir jedenfalls.
Nach den Artikel in der Zeitung war das ne Schutzmassnahme des Körpers, bzw. er hat sich so gewehrt gegen den Alk. Wenn es denn stimmt was dort so geschrieben stand.

Letztlich dürfe es vollkommen egal sein was das war. Du hast es so interpretiert, dass es dir geholfen hat mit dem Trinken aufzuhören. Das zählt!

Grüsse - CN
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Ziggy

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #25 am: 09:32:31 So. 04.April 2010 »
Zitat
Hab dann wieder ein Mädel kennengelernt(auch im chat), die hat allerdings nicht locker gelassen. Und ich war mittlerweile auch etwas schlauer geworden. Hab rigoros den Alk weggelassen, und bin weg vom Stoff, aber eben nur körperlich. Ich hoffe, ich schaff auch irgendwann den Rest.

Etwas Ähnliches widerfuhr mir auch, und tatsächlich konnte ich damals sogar einige Wochen (was für mich eine unglaubliche Leistung war) die Finger von der Flasche lassen. Irgendwann flogen die "Schmetterlinge" dann woanders hin und ich trank wieder.

Wie du selbst sagst, bist du körperlich trocken. Das ist gut! Denn  es ist die Voraussetzung für alles andere! Du hast den ersten Schritt getan!

Auf dem Weg zur geistigen Genesung wirst du irgendwann unweigerlich vor der Frage stehen: "Wozu das alles?" Und dann wird's schwierig ...

Ich kenne viele Leute, die trocken geworden sind. Ob das alles Alkoholiker sind, weiß ich nicht, das muß jeder für sich selbst entscheiden, jedenfalls hatten wohl all jene ein Problem, sonst hätten sie nicht aufgehört. Die meisten von ihnen haben aber wieder angefangen zu trinken, und natürlich interessiert die Frage nach dem "Warum". Ich denke nicht, daß die alle "schwächer" waren als ich, daß sie weniger motiviert waren, daß es ihnen nicht wirklich ernst war, nein, im Gegenteil, einigen war es verdammt ernst. Und trotzdem ...

Ich habe mir bei einigen die Umstände angesehen, die dazu führten, daß sie trocken wurden, und die Umstände, die dazu führten, daß sie wieder anfingen zu trinken. Und es gab erstaunliche Parallelen.

Alle hatten gemeinsam, daß etwas in ihrem Leben "passierte" und sie davon abbrachte, zu trinken: Eine neue Liebe, ein neuer Job, die Wiedererlangung des verlustig gegangenen Führerscheins, ein Umzug ...

Alle hatten gemeinsam, daß etwas in ihrem Leben "passierte" und sie wieder dazu brachte, zu trinken: Neue Liebe wieder kaputt, Job weg, Lappen weg, Frust, Pech ...

Was lerne ich, was schließe ich daraus? - Alles, was mich unter bestimmten Umständen trocken werden lässt, lässt mich unter bestimmten Umständen auch wieder trinken.

Ich habe lange, wirklich lange gebraucht, um auf bittere Weise zu lernen: Solange du deine Trockenheit auf Variable aufbaust, bist du auch abhängig (!) von diesen Variablen. Du brauchst eine Konstante! Etwas, das immer da ist, etwas Tragfähiges, etwas Unverrückbares! Was könnte das wohl sein? - Antwort: Das bist du selbst! Alles in deinem Leben, alles um dich herum ändert sich, es kommt, es geht, aber du - du bist immer bei dir! Also ...?

Wenn du Alkoholiker bist - ich sage: WENN! Und das entscheidest nur du alleine! - stehst du irgendwann einmal am Scheideweg. Da steht ein Wegweiser, der zeigt in die beiden Richtungen, und darauf steht "Weitertrinken (Sterben)" und "Nüchternheit (Leben)". Wenn dir jetzt der Gedanke kommt "na, das ist aber simpel, was will mir der Idiot damit sagen?", dann denke noch einmal darüber nach! Es IST simpel, ja, natürlich, aber es ist gleichzeitig die bedeutendste und wichtigste Sache, mit der sich ein Alkoholiker auseinandersetzen muß. Es ist das Fundament, auf dem alles fußt, was er tut. Es ist die Antwort auf die Frage "Wozu das alles?".

Was ich letztlich damit sagen will: Wenn du wegen einer Frau aufhörst zu trinken, wirst du wegen derselben Frau früher oder später auch wieder anfangen, zu trinken. Wenn eine Frau dich trockenlegt, kann (und wird) sie dich auch wieder nass machen - wenn du Alkoholiker bist.

Ich bin mit meiner Holden 20 Jahre zusammen, ich liebe sie, ja, wirklich. Und ganz gewiß hat sie einen gehörigen Anteil daran, daß ich schwierige Situationen meistern konnte, gewiß hat sie mir den Rücken gestärkt, gewiß hat sie mir Halt gegeben. Aber daß ich heute noch trocken bin, hat andere Gründe. Und die liegen bei mir, und zwar zu einhundert Prozent. Was sich so "großspurig" liest, ist eine einfache Tatsache: Niemand - ich betone: niemand! - könnte mich 24 Stunden am Tag davon abhalten zu trinken, wenn ich es wollte. Außer ich selber. Ich selbst bin in dieser wichtigen Sache die einzig kompetente Instanz. Daraus folgt aber auch: Wenn es mich heute wieder "erwischen" sollte, liegt es alleine an mir. Und an sonst niemandem. Das ist ein sehr unangenehmer Gedanke ...
Um seine Liebe zu beweisen, erklomm er die höchsten Berge, durchschwamm die tiefsten Meere und zog durch die weitesten Wüsten. Doch sie verließ ihn – weil er nie zu Hause war.

Ziggy

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #26 am: 12:00:00 So. 04.April 2010 »
@Hedgegina
Ich wünsche dir wirklich, daß deine "Experimente" gut gehen!

Darf ich dir einige Gedanken mit auf den Weg geben (bitte antworte nicht mir, sondern nur dir selbst, aber ehrlich!)?

1. Welchen Grund hast du für deine Selbstversuche? Oder anders gefragt: Hat ein "normaler" Mensch Grund, sich Gedanken über sein Trinkverhalten zu machen?

2. Wie stellst du dir selbst das Ende deiner Nachforschungen vor? Wie sähe der schlüssige "Beweis" für dich aus?

3. Macht das Spaß? Oder ist es nicht vielmehr eine Quälerei. Kostet es nicht unnötig Energie? Kraft, die du woanders dringend bräuchtest?

4. Wenn du herausgefunden hast, was mit dir los ist - was wirst du dann tun? Und wird das Ergebnis unverfälscht sein oder manipuliert? Anders gefragt: Wird der Wunsch, kein Alkoholiker zu sein, Einfluß auf das Ergebnis haben? Eine wirklich "unabhängige" (Vorsicht Falle!) Selbsteinschätzung zulassen?

Du hast dir da wirklich etwas Großes vorgenommen ...

Und um die Gemeinheiten vollständig zu machen:

1. Stimmst du mir zu, daß ein Alkoholiker im Anfangsstadium jede Menge Hinweise finden wird, die ihn daran zweifeln lassen, Alkoholiker zu sein?

2. Stimmst du mir weiter zu, daß ein Alkoholiker im Endstadium zwar sehr sicher sein kann, Alkoholiker zu sein, daß es aber für ihn in dieser Phase beinahe unmöglich ist, mit dem Trinken aufzuhören, und er diese Erkenntnis möglicherweise mit dem Leben bezahlt?

Nehmen wir doch mal als Vergleich eine andere Krankheit, die nicht so auf den Geist wirkt, aber sonst viele Parallelen aufweist: Diabetes. Was für den Alkoholiker der Alkohol, ist für den Diabetiker der Zucker.

Nehmen wir an, du gehst zum Arzt, und der sagt zu dir: "Sie sind diabetes-gefährdet, haben Risko-Faktoren. Sie sind übergewichtig, ihr Blutdruck ist zu hoch etc. Sie sollten Gewicht reduzieren, Stress abbauen, sich mehr bewegen." Was würdest du tun? Eben. Ich nämlich auch. Wir sind doch nicht blöd, oder?

Und jetzt übertrage dieses Beispiel mal auf einen alkoholgefährdeten Menschen ... was wird der tun?

Antwort A: Alkohol ist mir egal, er ist nicht lebenswichtig, also lasse ich ihn einfach weg.

Antwort B: Ein Leben ohne Alkohol ist längst nicht so lustig wie mit. Das würde mir schon fehlen. Ich werde wohl einen "gesunden" Mittelweg finden ...

Verstehst du, worauf ich hinauswill? Du wirst erst merken, daß du abhängig bist, wenn du es bist! Vorher wirst du immer zur Diagnose kommen "Ich bin es nicht!" Selbst wenn du schon ziemlich tief drinsteckst, wirst du immer noch denken, du hast kein Problem damit oder es sei nicht sooo schlimm. Das ist der Unterschied einer Suchtkrankheit zu allen anderen Krankheiten: Du rutschst da rein und merkst erst, was los ist, wenn die Falle bereits zugeschnappt ist.

Wenn Alkohol für dich kein Problem ist, hast du keinen Grund, dir Gedanken zu machen. Du machst dir aber Gedanken. Also ...? Wie gesagt, antworte nicht mir, sondern nur dir selber. Aber ehrlich.

Und falls du zur Diagnose kommst "Na ja, vielleicht bin ich ja ein bißchen abhängig ...?", frage dich, ob du das bei einer Schwangerschaft auch sagen würdest.
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Lefat

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #27 am: 12:54:47 So. 04.April 2010 »
Danke an alle die hier schreiben !
Diese Artikel von euch zu lesen hat mir bis jetzt mehr gebracht , als die 4 Monate Therapie letztes Jahr !
bin gestern in meine neue Wohnung gezogen , konnte meine Sachen nicht selbst abholen , weil mir ein sehr netter Cop davon dringenst ab geraten hat .
mir wurden eine Menge meines Eigentums unterschlagen ,und da werd Ich dann wohl Dienstag erstmal zum Gericht (warum das immer so laufen muss??)
Donerstag habe Ich dann nen Termin bei der Arge ,wegen der Wohnung !
Dann hat meine Ex Mir gesagt Sie hätte den Hund ins Tierheim gebracht ! Scheisse ist !
ausgesetzt hat Sie ihn !!
wurde von der Polizei an meiner alten Wohnung eingefangen und über Zeitung sucht das Fundbüro nun den Besitzer !
Ich werde Dienstag dann mal nach dem Hund schauen und den Besitzer (meine Ex)  melden , vieleicht kriege Ich es bis dahin hin, das Ich ihn nehmen kann .

soweit erstmal meine Situation jetzt !
wird alles schon wieder !!!
Es ist immer wieder erstaunlich, dass ein Jahr der Arbeitslosigkeit einen ehemaligen Leistungsträger zu einem bildungsfernen Asozialen verkommen läßt..so zumindest die landläufige Meinung.

Carpe Noctem

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #28 am: 16:04:11 So. 04.April 2010 »
Hallo Ziggy,

wie gehst du mit dem Thema "Suchtgefährdung" um?

Ich hätte diese Fragen beantworten können, als ich den Selbstversuch "kontrolliertes Trinken" gemacht habe:

1. Welchen Grund hast du für deine Selbstversuche? Oder anders gefragt: Hat ein "normaler" Mensch Grund, sich Gedanken über sein Trinkverhalten zu machen?

Nein, nur problematisches Trinkverhalten führt zu solchen Selbstversuchen. Alkoholmissbrauch, Suchtgefährdung und Abhängigkeit heissen die Probleme, nicht "normales kultiviertes Gläschen Wein".

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2. Wie stellst du dir selbst das Ende deiner Nachforschungen vor? Wie sähe der schlüssige "Beweis" für dich aus?

Der für mich schlüssige Beweis dass ich nicht voll abhängig bin (sondern suchtgefährdet hart an der Grenze zum manifesten Alkoholismus) ist, dass ich es noch ohne fachliche Hilfe schaffe, aus eigener Kraft mit dem Trinken aufzuhören. An dem Punkt landete ich damals. Die Angst vor einer Suchtkarriere war auf einmal stärker als das Bedürfnis zu saufen.

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3. Macht das Spaß? Oder ist es nicht vielmehr eine Quälerei. Kostet es nicht unnötig Energie? Kraft, die du woanders dringend bräuchtest?

Kontrolliertes Trinken ist tatsächlich Energieverschwendung. Allein die Frage, wann, wieviel und ob überhaupt getrunken wird, lässt die Gedanken letztlich um Alkohol kreisen. Ich wollte nicht mehr an Alkohol denken müssen, daher fand ich aufzuhören macht frei. Das hat sich bestätigt. Frei bedeutet, ohne Alkohol und ehrlich zu mir selbst leben.

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1. Stimmst du mir zu, daß ein Alkoholiker im Anfangsstadium jede Menge Hinweise finden wird, die ihn daran zweifeln lassen, Alkoholiker zu sein?

Das bringt mich auf die Eingangsfrage. Gibt es in deiner Ordnung auch einen suchtgefährdeten Trinker?

Grüsse - CN
Art. 1 GG: "Die Menschenwürde steht unter Finanzierungsvorbehalt"

Ziggy

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Re:Sucht und Abhängigkeit
« Antwort #29 am: 17:24:58 So. 04.April 2010 »
Schwierig für mich zu beantworten. Ich denke wohl, daß es den suchtgefährdeten Trinker gibt. Aber die eigene Erfahrung dazu fehlt mir.

Die Forschung ist uneins in der Frage über die Entstehung von Alkoholismus. Manche sagen, man wird mit einem genetischen Defekt geboren, ist quasi "geborener" Alkoholiker. Andere vertreten die These, man entwickelt sich dahin. Wahrscheinlich stimmt beides. Ich zähle mich selbst zur ersten Gruppe.

Für mich war Alkohol niemals Genußmittel, sondern Wirkstoff, Hilfsmittel, Krücke. Ich trank gezielt, um Hemmungen abzubauen, in Stimmung zu kommen. Ich glaube nicht, daß ich jemals suchtgefährdet war, ich saß sofort in der Falle. Natürlich zeigte mir der Alkohol nicht sofort seine Krallen, seine dunklen Seiten, das kam erst mit der Zeit. Aber ich war sehr schnell hörig, sobald ich die Wirkung gespürt hatte.

Als mir dämmerte, ich könnte vielleicht Alkoholiker sein, war ich es längst. Tatsächlich habe ich allerlei angestellt, mir selbst und anderen das Gegenteil zu "beweisen", und - oh Wunder - es gelang auch ganz gut. Ich war wirklich gut darin, mir "Tests" auszudenken, die beweisen sollten, ich sei nicht abhängig. Ich glaube, das Schwierigste ist nicht, seiner Umwelt etwas vorzumachen, sondern sich selbst. Mir gelang das - wie gesagt - ganz gut. Ich war ein zäher Brocken, schwer zu fassen, aalglatt. Was bedeutet: lange Leidensgeschichte. Mein Einfallsreichtum, meine Tricksereien, meine Unfähigkeit, mein Schicksal zu akzeptieren, brachten mich mehr als einmal an den Rand des Wahnsinns und die Schwelle des Todes. In der Rückschau finde ich, das hätte ich alles "billiger" haben können.

Eine meiner größten, hm, Schwächen ist wohl, daß ich nicht einfach glaube, was man mir sagt. Bevor ich rückfällig wurde, besuchte ich regelmäßig Meetings. Wir kannten uns alle sehr gut. Einmal sagte einer der "alten Hasen" zu mir: "Ziggy, mein Freund, du bist auf einem gefährlichen Weg ...", und ich dachte "was für ein Arschloch. Na ja, viele Jahre Saufen machen die Birne weich und man sieht Gespenster..." Was war das Ende vom Lied? Er mit seinen vielen Jahren Erfahrung hatte gesehen, was mit mir los war (und nicht nur er), aber Ziggy war ja schlauer, stärker, ausgefuchster, nicht wahr? Und so lag ich bald wieder angezählt auf dem Boden ...

Alkoholismus ist tückisch. Du denkst, du hast alles unter Kontrolle, alles im Griff. Aber das denkst du nur.

Ein alter Fuchs hat mich gelehrt: "Wenn du Alkoholiker bist, und steigst mit dem Alkohol in den Ring, wirst du den Ring niemals als Sieger verlassen. Also bleibt nur eins: Steig nicht in den Ring! So bleibst du am Leben ..."

Man könnte meinen, ich sei, was das Thema Alkohol angeht, fixiert und verkrampft. Aber das stimmt nicht. Ich pflege heute ein völlig neutrales Verhältnis zu Alkohol, er ist weder Freund noch Feind. Wir leben friedlich nebeneinander her. Es macht mir auch nichts, wenn in meiner Gegenwart getrunken wird. Das ist nicht mein Bier. Die meisten Leute, die mich heute kennenlernen, haben keine Ahnung, daß ich Alkoholiker bin, und die, die es wissen, haben aufgehört, darüber nachzudenken. Ich führe ein völlig "normales", ja, beinahe langweiliges Leben. Aber mir gefällt's.

Aber, um die Kurve zu kriegen: Ich glaube nicht, daß Abhängigkeit da anfängt, wo man nicht mehr ohne kann. Für mich beginnt Abhängigkeit bereits da, wo ein Zweck dahintersteht. Wenn man Alkohol nicht mehr trinkt, weil er so gut schmeckt (tut er das?), sondern sich eine Wirkung erhofft, Entspannung, Lockersein, Enthemmung. Ab da ist Alkohol kein Genussmittel mehr, sondern Medikament, Freund und Helfer, wie die ganzen bunten Pillen, die der Onkel Doktor verschreibt, um dir durch den Tag und die Nacht zu helfen.
Um seine Liebe zu beweisen, erklomm er die höchsten Berge, durchschwamm die tiefsten Meere und zog durch die weitesten Wüsten. Doch sie verließ ihn – weil er nie zu Hause war.