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Wie Auszubildene massiv ausgebeutet werden! Traumberuf Koch?

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--- Zitat ---Ausbildung mangelhaft

Zahnarzthelferinnen putzen Fenster, Kaufleute bauen Messestände auf: In der Ausbildung von Fachkräften läuft vieles schief. Eine Lösung ist nicht in Sicht.
von Morten Freidel

Jugendliche in Deutschland werden vielerorts mangelhaft und unter unwürdigen Bedingungen ausgebildet. Nach Recherchen dieser Zeitung müssen sie vor allem in Kleinbetrieben regelmäßig Überstunden machen, die ihnen weder auf den Urlaub angerechnet noch bezahlt werden. Viele verrichten Arbeiten, die nichts mit dem Inhalt ihrer Ausbildung zu tun haben. Zahnarzthelferinnen putzen jahrelang die Fenster und wischen den Boden, angehende Kaufleute bauen Messestände auf. So lernen sie nur einen Bruchteil dessen, was ihren Beruf eigentlich ausmacht. Stehen die Abschlussprüfungen in der Berufsschule an, fallen sie durch – sofern sie überhaupt dort erscheinen. Denn manche Betriebe wollen vermeiden, dass die Jugendlichen auch nur einen Tag fehlen, und setzen sie so unter Druck, dass ihre Lehrer sie kaum zu Gesicht bekommen.

Besonders schlimm ist die Lage nach Auskunft von Berufsschullehrern und Auszubildenden bei Friseuren, in Zahnarztpraxen, Reisebüros, in der Gastronomie sowie der Hotel- und Reinigungsbranche. In einigen Wäschereien werden Auszubildende etwa systematisch gezwungen, Überstunden zu leisten. Steht ein Feiertag an, sollen sie schon im Vorfeld die Stunden ausgleichen, die sie später fehlen werden. Also arbeiten sie in den Wochen vor dem Feiertag jeden Tag eine Stunde länger, manchmal auch den ganzen Samstag. Bezahlt wird die Arbeit häufig nicht, denn die Vorgesetzten halten die Überstunden selten offiziell fest. Auch bei manchen Discountern haben Überstunden System. Dort werden die Azubis angehalten, zwei Stunden vor der eigentlichen Schicht zu erscheinen. Weil aber in den Dienstplänen nichts davon steht, haben Beschwerden gegen diese Praxis fast nie Aussicht auf Erfolg.

Mit den Überstunden häufen sich in der Berufsschule die Fehltage. Normalerweise dürfen die Jugendlichen dort pro Jahr höchstens fünf Tage fehlen, wenn zusätzliche Arbeit im Betrieb ansteht. Die Unternehmen müssen das beantragen, tun es aber oft nicht. Stattdessen fordern sie die Jugendlichen auf, den Unterricht zu schwänzen, und schüren ihre Angst, nach der Ausbildung keine Festanstellung zu bekommen. So verantworten die Azubis ihre Fehltage am Ende selbst.

Auszubildende ersetzen häufig Praktikanten

Solche Missstände treten nicht nur in den genannten Branchen auf, sondern teilweise auch in Ausbildungsberufen, die unter Jugendlichen besonders begehrt sind, zum Beispiel bei Regieassistenten. Und das, obwohl in Deutschland Fachkräftemangel herrscht. Seit acht Jahren gibt es jedes Jahr mehr Ausbildungsplätze als Bewerber. Man sollte also meinen, dass die Unternehmen sich Mühe geben, damit sie überhaupt Auszubildende bekommen. Viele tun das auch. Trotzdem bleibt eine Gruppe von Schulabgängern, die niemand haben will. Wenn Firmenchefs solche Leute ausbilden, dann oft nur aus einem Grund: Bei ihnen ersetzen die Auszubildenden die Praktikanten.

Früher war es an diesen, lästige Arbeiten zu übernehmen. Doch seit zwei Jahren müssen Unternehmen Praktikanten den Mindestlohn zahlen, da kommen schnell 1500 Euro im Monat zusammen. Auszubildende sind billiger, in manchen Branchen kriegen sie gerade mal 500 Euro im Monat. Und man kann sie nach drei Jahren auf die Straße setzen. Das spricht sich zwar herum, trotzdem finden die Betriebe immer wieder neue Azubis – jene, die froh sind, dass sie überhaupt einen Ausbildungsplatz bekommen. Zum Beispiel Hauptschüler mit besonders schlechten Noten. Dabei profitieren die Unternehmen davon, dass Auszubildende nur selten die Stelle wechseln. Manche haben Angst davor, andere können oder wollen ihren Heimatort nicht verlassen.

Alles nur Einzelfälle? Tobias Wunsch, bei der IG Metall für Ausbildung zuständig, sagt: nein. „Als Unternehmer kann ich das System entweder nutzen, um jemanden sehr gut, auch technisch, auszubilden. Oder ich kann es nutzen, um jemanden günstig drei Jahre lang zu beschäftigen. Und natürlich sind das nicht alles nur Einzelfälle oder schwarze Schafe.“ Nach einer Statistik des Deutschen Gewerkschaftsbunds sind Jugendliche seit Jahren unzufrieden mit der Ausbildung in Branchen wie der Gastronomie oder dem Hotelgewerbe.

Bei wem liegt die Verantwortung für die Misere?

Für diese Probleme ist die Politik mitverantwortlich. Im Jahr 2003 senkte die rot-grüne Bundesregierung die Hürden für Unternehmen, Jugendliche auszubilden. Damals gab es fünf Millionen Arbeitslose im Land, viele Schulabgänger hatten große Schwierigkeiten, einen Ausbildungsplatz zu finden. Deshalb entschied die Regierung, dass Ausbilder keinen Lehrgang mehr machen mussten, um jemanden auszubilden. Ein Formular reichte.

Eine der schwierigen Branchen: Berufsschullehrer und Auszubildende berichten, dass in der Gastronomie Überstunden üblich sind – häufig zulasten des Berufsschulunterrichts.

Zwar wurde diese Regelung 2009 wieder abgeschafft. Doch Ausbilder, denen es in jenen Jahren gestattet wurde, ohne entsprechenden Nachweis auszubilden, dürfen das weiterhin. Darunter leidet die Qualität der Ausbildung. So erzählen Berufsschullehrer, dass sie Ausbilder nicht erreichen konnten – weil es sie nämlich nicht gab. Die Unternehmenschefs hatten Ausbilder benannt, die nur auf dem Papier existierten. Eine Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung kommt außerdem zu dem Schluss, dass Azubis in solchen Betrieben viel häufiger durch die Abschlussprüfungen fallen als andere.

Obwohl all das schon lange bekannt ist, tut kaum jemand etwas dagegen. Eigentlich müssten die Handwerkskammern und die Industrie- und Handelskammern über die Qualität der Ausbildung wachen. Nur sie können Betrieben die Ausbildungserlaubnis entziehen. Das geschieht aber so gut wie nie. Die Handwerkskammer in Frankfurt hat in 25 Jahren nur einmal einer Firma die Ausbildungserlaubnis entzogen. Und in der örtlichen Industrie- und Handelskammer ist kein Fall aus den letzten zehn Jahren bekannt.

Warum greifen die Kammern nicht durch? Anne-Kathrin Reich, Schulleiterin der Modeschule in Frankfurt, sagt, die Kammern würden vor allem die Interessen der Unternehmen vertreten. Die müssten immerhin Geld bezahlen, um Mitglied der Kammern zu sein. „Man pinkelt sich doch nicht gegenseitig ans Bein.“ Tobias Wunsch von der IG Metall bestätigt das: „Die Industrie- und Handelskammern und die Handwerkskammern könnten durchgreifen, tun es aber nicht. Weil sie immer wieder die Interessen der Wirtschaft vertreten, nicht die der Jugendlichen.“ Hinzu kommt: Die Kammern verlangen von den Azubis, ihnen handfeste Beweise für das Fehlverhalten ihres Betriebs zu liefern, bevor sie tätig werden. Doch die Jugendlichen schrecken vor einem solchen Schritt oft zurück.

Die Parteien tun wenig, um die Ausbildung zu verbessern

Dabei wäre es für die Kammern ein Leichtes, die Betriebe selbst zu überprüfen. In jedem Bezirk des Landes beschäftigen sie einen Ausbildungsberater, der für mehrere Branchen und Betriebe zuständig ist. Dieser Mitarbeiter darf jederzeit unangekündigt Unternehmen besuchen und sich ein Bild über die Zustände am Ort machen. Doch auch das passiert so gut wie gar nicht, wie es etwa aus der Industrie- und Handelskammer in Frankfurt heißt. Man wolle mit den Unternehmen zusammenarbeiten statt gegen sie.

Auch die Parteien tun wenig, um die Ausbildung zu verbessern. Im Programm der Union für die kommende Bundestagswahl steht nur, das Überangebot an Ausbildungsplätzen in Deutschland zeige, dass es dem Land gutgehe. Die FDP will sich zwar für eine „Aufwertung und Ausweitung“ der dualen Ausbildung einsetzen. Damit meint sie allerdings nur: mehr digitalen Unterricht. Die Grünen fordern wie die SPD einen Mindestlohn für Auszubildende. Doch obwohl die Sozialdemokraten seit 2013 im Bund mitregieren, haben sie kaum etwas unternommen, um die Ausbildungsqualität zu verbessern. Vielleicht liegt es daran: Die meisten Azubis dürfen noch nicht wählen.

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