Autor Thema: Billiglöhne im Schlachthof  (Gelesen 43109 mal)

patrick

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Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #15 am: 16:00:14 Sa. 26.März 2005 »
lol
sie sind 24 jahre haben den meister oder besser noch sind studiert? sie haben berufserfahrun von min.5 jahren? dann sind sie bei uns richtig....!!! wir bieten ihnen 6 euro brutto....deutschlandweit

echt tolles deutschland...!!!!!

Wilddieb Stuelpner

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Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #16 am: 17:47:58 Sa. 26.März 2005 »
Zitat
Original von aian19

...

Zum einen stimme ich da dem Joachim zu, zum anderen liegt es immer noch daran, daß das Klassensystem und die Neidkampagne der Regierung hier voll aufgeht ! Schau mal ins Tacheles-Forum oder z.T. auch hier, da gibt´s einige Arbeitslose, die sich für bessere Arbeitslose halten als andere und dementsprechend auftreten ! Sei es, weil sie aus dem Angestelltenbereich kommen oder aus der akademischen Richtung oder sie denken, sie seien bessere Arbeitslose als andere, weil sie dem "Reform-Programm" in der Allerwertesten kriechen. Die wachen erst auf, wenn sie trotzdem von diesem unsozialen und undemokratischem System getreten werden !

Richtig, die besseren AN, die dem Kapitalisten treu zur Seite standen, bezeichnete man früher markant mit einem Wort - Stehkragenproletarier -.

Äußerliches Kennzeichen: Angestellter mit Schirmblende und Ärmelschoner ausgerüstet. Angestellte hatten auch ihre eigenen Gewerkschaften und Versicherungen, um sich vom Proleten abzuheben.

Mit zunehmender Technisierung, Ökonomisierung und Spezifizierung der Arbeits- und Produktionsbedingungen im Zuge der »industriellen Revolution« (Friedrich Engels, 1845) während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand eine neue, proletarische Definition des Begriffs »Typograph«, die bis in die späten 1980er Jahre ihre Gültigkeit behielt. Über 150 Jahre lang verstand man darunter nur noch den Beruf des handwerklichen »Schriftsetzers« ( Stehkragenproletarier) oder, wie der »Duden« bis in die 1980er Jahre noch erklärte, eine mechanische »Zeilensetzmaschine«. So vertrieb beispielsweise die »Berliner Typograph GmbH Setzmaschinenfabrik« ihre Satz- und Gießmaschine Modell UB ab 1965 als »Typograph«.

Typolexikon: Die Brotschrift

Deutschlandradio, Sendung MerkMal:
Montag bis Freitag • 16:15

5.11.2003 Stehkragenproletarier
Die Welt der Angestellten Margit Bergner

Margit Bergner

Thomas Schwarz ist Mitte dreißig, verheiratet und stellvertretender Leiter für Abwicklung und Verwertung in einer Bank. Er ist die Hauptperson in dem Angestelltenroman "Alles, was zählt" von Georg M. Oswald. Kaum hat Thomas Schwarz am Morgen das Bankgebäude betreten, umfängt ihn das noble Entrée eines postmodernen Geschäftshauses:

Das Foyer ist ein bemerkenswert geschmackvolles Gesamtarrangement aus Carrara-Marmor, Chromblenden, Travertin, Spiegelflächen, Glasfronten und tropischen Hydrokulturen, das mir mein erstes morgendliches Highlight verschafft. Die dezente Glocke, die die Ankunft des Lifts meldet. Ich betrete seinen verspiegelten Innenraum und stehe vor drei Ansichten eines jungen Geschäftsmannes auf seinem Weg ins Büro: adrett, entschlossen, optimistisch. Die leicht bräunliche Tönung des Spiegels gibt meiner Haut einen noch gesünderen Teint, lässt mich noch jünger, frischer und erfolgreicher aussehen, als ich es ohnehin bin. Die Bank tut alles dafür, dass ihre Mitarbeiter sich wohlfühlen. Sie fordert auch viel von ihnen.

Fit und forsch kommt er daher, der leitende Angestellte von heute - lässig und sportlich im legeren Designer-Sakko, ausgestattet mit Kreditkarten, Handy und Laptop. Allen Aktenstaub und alle Büroblässe hat er abgeschüttelt, und nichts ist seinem kultivierten Manager-Image so feind wie der behäbige Ärmelschoner-Träger aus den düsteren Kontoren des 19. Jahrhunderts. Ein solches Kontor hat Charles Dickens in seinem Roman Dombey und Sohn beschrieben:

Das schale und dürftige Tageslicht, das durch die Glasfenster und Oberlichter in den Raum drang und auf den Scheiben eine schwärzliche Ablagerung hinterließ, zeigte die Bücher und Papiere mit den über sie gebeugten Gestalten von beflissenem Trübsinn umgeben und dem Anschein nach so von der Außenwelt abgeschlossen, als seien sie auf dem Meeresboden versammelt, wobei ein schimmerndes Tresorgebäude, in welchem stets eine schwache Lampe brannte, die Höhle eines Seeungeheuers hätte darstellen können.

Welten liegen zwischen dem muffig-düsteren Kontor, das Charles Dickens schildert, und dem lichtdurchfluteten Angestelltenkosmos, den wir in Oswalds Roman betreten. Hundertfünfzig Jahre trennen die beiden Bücher, und in dieser Zeit meisterte der Angestellte seinen gesellschaftlichen Siegeszug.

Anstellen heißet bei einem Gute dem Gesinde und Arbeitern dasjenige anbefehlen, was dieselben von Zeit zu Zeit verrichten sollen,

definierte Zedlers Lexikon im Jahre 1732. Eine "Anstellung" setzte also schon damals eine gewisse Kontinuität der Beschäftigung und damit des Entgelts voraus.
Von "Angestellten" sprach man erst seit dem 19. Jahrhundert. Staatsbedienstete fielen unter diese Kategorie, aber auch Haushofmeister, Kammerdiener oder Schauspieler, alle, die eine relativ feste Dienststellung hatten und Gehalt empfingen. Von ihnen unterschieden sich die weniger vornehmen Lohnempfänger. Sie verrichteten meist niedrige gewerbliche Tätigkeiten, oft auch Gelegenheitsarbeiten, die den Beschäftigten kaum Sicherheit boten und stets tage- oder wochenweise entlohnt wurden, je nach Bedarf und Kalkül des Brotgebers. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbargen sich hinter der sogenannten "Lohnarbeiterschaft" schließlich die wachsenden proletarischen Massen, die Tag für Tag in die Werkshallen strömten, wo der Einzelne unter qualmenden Schloten verschwand wie ein Rädchen im Getriebe.

Sie hat die Stelle. Ein schöner Nebenverdienst. Zahlt anständig, der Mann. Stunde 1,50. Dass sie ihre eigene Maschine mitbringen wird, hat sie über die anderen Bewerberinnen siegen lassen. Vielleicht auch, dass sie so ein bisschen verheißungsvoll mit den Augen gekullert hat. So niedliche Von-unten-nach-oben-Blicke wirken bei Männern über fünfzig fast immer. Ferner ist's gut, an Beschützerinstinkte zu appellieren, im richtigen Augenblick solides Selbstbewusstsein durch kleidsame Hilflosigkeit zu ersetzen. Man muss das alles verstehen. Gilgi versteht es. Auf die Arbeitgeber ist man nun mal angewiesen, und ganz ohne Mätzchen ist ihnen nicht beizukommen. Können allein entscheidet nicht - beides zusammen entscheidet meistens.

In Irmgard Keuns Sekretärinnenroman Gilgi, eine von uns sind der adretten Protagonistin 1931 keine Grenzen gesetzt, um missliebige Konkurrentinnen auszustechen. Hauptsache, sie setzt sich durch und muss sich nicht als Nobody in der Fabrik die Hände schmutzig machen...

Mit der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts, der Ausweitung des Nachrichten-, Verkehrs- und Geldwesens, stieg nicht nur die Zahl der Lohnarbeiter. Auch die Anzahl der Gehaltsempfänger, der Angestellten, nahm rasch zu. Neue Spezialberufe entstanden: Einkäufer, Verkäufer, Kassierer, Schreiber, Buchhalter, Registratoren, Prokuristen, Kommissionäre. Der Personalbedarf war so groß, dass weibliche Arbeitskräfte "rekrutiert" werden mussten. Frauen hatten bis dahin höchstens als Gesellschafterinnen oder Gouvernanten, Köchinnen oder Dienstmädchen in privaten Haushalten gearbeitet. Jetzt trat neben den Buchhalter die Buchhalterin, neben den Verkäufer die Verkäuferin!

Die männlichen Kollegen waren allerdings weniger erbaut; sie fürchteten Unruhe und lästige Konkurrenz durch den weiblichen Zuwachs im Geschäft. Aber die meisten Verkäuferinnen unterstanden ohnehin männlichen Vorgesetzten oder bekamen für die gleiche Arbeit weniger Gehalt als die Männer. Noch in den zwanziger Jahren wurden die leitenden Positionen zu 95 Prozent von Männern besetzt, während der Anteil der Frauen zunahm, je weiter die Stufenleiter nach unten führte.

Als die Industrialisierung im ausgehenden 19. Jahrhundert auch den Bürobereich erfasste, strömten ganze Heere von angelernten weiblichen Billigkräften in die kaufmännischen Großbetriebe: In riesigen Bürosälen klapperten Dutzende Schreibmaschinen, eine Erfindung des Amerikaners Philo Remington. Zur ersten öffentlichen Vorführung seiner Novität hatte Remington sich 1873 etwas ganz Besonderes einfallen lassen: Er ließ die Maschinen von eigens ausgebildeten jungen Frauen präsentieren. Das sorgte für Aufsehen, und die ersten Kunden hätten die Schreiberinnen am liebsten gleich mitgeordert.

Obwohl eine kleine Tippmamsell manchmal sogar weniger verdiente als eine Fabrikarbeiterin, wäre es ihr kaum eingefallen, den Schreibsaal gegen eine Werkshalle einzutauschen. Bei der Arbeit in einem Büro oder Geschäft bestand wenigstens die Möglichkeit, aufzufallen, wenn man sich nur schick genug kleidete und den Kolleginnen die Show stahl. Ein aufmerksamer Blick vom Juniorchef - und schon regte sich der Traum vom besseren Leben, ausgewalzt in zahllosen Kolportageromanen, Schlagern und Filmen, die im Kunstlicht der großstädtischen Angestelltengesellschaft monströse Blüten trieben.

In seinem berühmten Reportage-Essay über Die Angestellten stellte der Soziologe und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer 1929 fest:

Nichts kennzeichnet so sehr dieses Leben, das nur in eingeschränktem Sinne Leben heißen darf, als die Art und Weise, in der dem Angestellten das Höhere erscheint. Es ist ihm nicht Gehalt, sondern Glanz. Der genaue Gegenschlag gegen die Büromaschine aber ist die farbenprächtige Welt, wie sie in den Schlagern erscheint. Eine Welt, die bis in den letzten Winkel hinein wie mit einem Vakuumreiniger vom Staub des Alltags gesäubert ist.

Das Gefühl der "besonderen Note" prägt laut Kracauer den Sozialcharakter des Angestellten, der stets ein Zwitterwesen zwischen den Fronten war, "geistig obdachlos", wie Kracauer es nannte. Denn weder gehörte er dem bürgerlichen Kaufmannsstand an, noch war er der proletarischen Lohnarbeiterschaft zuzuordnen. Gerade deshalb warben die Parteien in Krisenzeiten besonders eifrig um die Solidarität der Angestellten.

Die Handels-Angestellten haben andere Interessen wie die Chefs, aber dieselben Interessen wie Arbeiter anderer Berufe. Und deswegen müssen die Handels-Angestellten, besonders die Handlungsgehilfen, lernen, sich als Arbeiter zu fühlen, als Arbeiter zu denken.

Das war 1892 in der sozialistischen Publikation "Der Handels-Angestellte" zu lesen. Die Angestellten aber dachten gar nicht daran, sich als Arbeiter zu fühlen und zu denken! Streik war für sie ein Fremdwort, denn schon untereinander betonten sie lieber ihre Besonderheiten, und das einzige, was sie wirklich einte, war der Wunsch, sich als Individuen von der Masse abzuheben. Das nutzten die konservativen Politiker der Bismarck-Ära und servierten den Angestellten ein besonderes Sahnebonbon - das Angestelltenversicherungsgesetz, das 1911 den Sonderstatus der Angestellten im Versicherungswesen festschrieb. Damit war das kollektive Selbstbild der Angestellten zementiert. Mochten sie in Krisenzeiten auch an den Rand des Ruins geraten wie der gelernte Buchhalter Johannes Pinneberg in Hans Falladas Bestsellerroman "Kleiner Mann, was nun?" - an ihrem Statusbewusstsein hielten die Angestellten unbeirrt fest.

Pinneberg müsste nach Hause. Aber er bleibt hier stehen unter den Arbeitslosen, er macht ein paar Schritte, und dann bleibt er wieder stehen. Äußerlich gehört Pinneberg nicht zu ihnen, ist fein in Schale, aber innerlich... Er ist eben bei Lehmann gewesen, beim Personalchef des Warenhauses Mandel, er hat sich dort um eine Stelle beworben, und er hat sie erhalten, das ist eine ganz einfache geschäftliche Transaktion. Aber irgendwie fühlt Pinneberg, trotzdem er nun gerade wieder Verdiener geworden ist, doch viel eher zu diesen Nichtverdienern gehört als zu den Großverdienern. Er ist einer von diesen, jeden Tag kann es kommen, dass er hier steht wie sie, er kann nichts dazu tun. Nichts schützt ihn davor. Ach, er ist ja einer von Millionen. Minister halten Reden an ihn, ermahnen ihn, Entbehrungen auf sich zu nehmen und die staatstragende Partei zu wählen. Ob ich verrecke oder nicht, das ist ihnen ja so egal. Und die, die hier alle stehen, die ungefährlichen, ausgehungerten, hoffnungslos gemachten Bestien des Proletariats, denen geht's wenigstens nicht anders. Das sind die einzigen Gefährten, diese hier, sie tun mir zwar auch was, sie nennen mich feiner Pinkel und Stehkragenprolet, aber das ist vorübergehend. Heute, nur heute, verdiene ich noch, morgen, ach morgen, stemple ich doch...

"Kleiner Mann - was nun?" Johannes Pinneberg kann die Frage nicht beantworten. Ratlos zieht Falladas Romanheld sich in die private Idylle zurück.

Heute leben wir alle in einer Gesellschaft illusionssüchtiger Einzelkämpfer. Die Klassengesellschaft alter Couleur existiert nicht mehr. Überholt scheint die feste lebenslange Bindung an eine Klasse, einen Beruf, eine bestimmte Person. Im Berufs- wie im Privatleben gilt gleichermaßen: Je teamfähiger, mobiler und flexibler einer ist, desto besser. Ob einer Angestellter oder Unternehmer, Mafioso oder Arbeitsloser ist, sieht man ihm weniger denn je an der Nasenspitze an! Doch sobald das Gewand des relativen Wohlstands fällt, hört der Spaß auf und die Provokation beginnt...

Die erste wirklich ernst zu nehmende Depression des Tages überfällt mich, wenn ich die vollgekotzten Rolltreppen zum Bahnsteig hinunterfahre, inmitten von diesem Geschmeiß von Leuten, die mir mit ihrem schlechten Atem, ihren ungewaschenen Haaren, ihren erzdummen Fressen auf die Pelle rücken, ohne das geringste Empfinden für - Privatsphäre. So ist es doch,

so schimpft der Bankangestellte Thomas Schwarz in Georg M. Oswalds Roman "Alles, was zählt". Doch kaum hat der Held das Bankgebäude betreten, gewinnt er seine Ruhe wieder, besänftigt durch die polierte Welt um ihn herum:

Raus aus dem Lift und den Gang mit den echten Mondrians, Kandinskys und Mirós entlang zu meinem Büro! Meine Sekretärin naht mit einem Latte Macchiato auf einem Silbertablett. Anrufe bitte erst ab zehn. Ich werfe meinen Computer an. Ich spiele ein Spiel. Das Spiel heißt 'Virtual Corporation'. Der gnadenlose Wettlauf um die Führungsspitze!' Sie finden es merkwürdig, dass leitende Angestellte einer Bank am Arbeitsplatz Computerspiele spielen? Dieses Spiel wurde auf Anordnung der Geschäftsleitung auf jedem PC im Haus installiert. Die Mitarbeiter sollen es spielen, zur Stärkung ihres Durchsetzungsvermögens. Damit sie auch noch reale Arbeit leisten, ist das Spiel so programmiert, dass es sich nach einer Viertelstunde von selbst abschaltet. Ich spiele jeden Morgen ein Level durch und mehre mein virtuelles Vermögen. Dann gehe ich hochmotiviert an die Arbeit.

Wilddieb Stuelpner

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Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #17 am: 23:41:50 Do. 17.Juli 2008 »
ZDF-Reportage: Angst um den Arbeitsplatz - Das Geschäft mit Billigarbeitern aus Osteuropa vom 17.07.2008

Reinhard Bauch ist Schlachter. Zusammen mit seiner Frau und neun Kindern wohnt er im Raum Cloppenburg, einer Hochburg der Fleischindustrie. Zweimal hat er seinen Job in den letzten Jahren verloren. Den machen jetzt Arbeiter aus Osteuropa. Die sind billiger, erzählt Schlachter Bauch - und sie würden auch nicht so viel meckern. Oft kommen die osteuropäischen Arbeiter durch Arbeitsvermittler an deutsche Schlachthöfe. Und das nicht immer auf legalem Weg.

...Laut deutschem Entsendegesetz dürfen nur ausländische Schlachthöfe Arbeitskräfte nach Deutschland schicken. Legal ist das dann, wenn sie mehr Arbeitskräfte als Arbeitsplätze haben oder ihre Arbeiter zur Fortbildung nach Deutschland kommen. ...

... Gewerkschafter Matthias Brümmer (NGG) kennt die illegalen Machenschaften. Hinter ausländischen Firmen würden sich oft reine Anwerberbüros verbergen, einen Schlachtbetrieb gebe es nicht, erzählt er und nimmt uns mit nach Budapest, Hauptsitz eines der größten Anwerberbüros Europas. Von hier aus werden Arbeitskräfte nach ganz Deutschland vermittelt.

Und tatsächlich: Beim Firmensitz in Budapest findet Matthias Brümmer keinen Schlachtbetrieb. Trotzdem hat die Firma offenbar beste Kontakte zu deutschen Schlachthöfen. Matthias Brümmer will das unterbinden - er hat Strafanzeige gestellt. Der Gewerkschafter fordert ein konsequenteres Vorgehen gegen die Anwerberbüros und die unseriösen Schlachtbetriebe. Ein Ruf, der bislang nur wenig Gehör findet.

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Am Ende der Sendung befragte der ZDF-Reporter den entlassenen Reinhard Bauch, was er von der Billgstarbeit durch seine ausländischen Kollegen halten und wem er die Schuld für diese Zustände gebe.

Seine Antwort: Die ausländischen Kollegen können nichts dafür. Die müssen ihre Familien wie er auch ernähren. Die Schuld gibt er den AG und der Bundesregierung, die nichts gegen Hungerlöhne unternimmt, sondern erst deren Einrichtung zulässt und organisiert.

Seine Meinung: Wenn wir billige Arbeitskräfte in der Wirtschaft reinholen, dann können wir unsere Politiker und den gesamten Bundestag sofort entlassen und billiger von deren Konkurrenz aus Polen, Bulgarien oder Rumänien machen lassen. Recht hat er!!!

ManOfConstantSorrow

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #18 am: 14:30:34 Do. 23.Juli 2009 »
Zitat
Schlachthöfe
Letzte Reise über die Grenze


Von Thomas Öchsner

Billiglohnland BRD: Dänen lassen Schweine zunehmend in Deutschland schlachten, weil Löhne hier viel niedriger sind.




Anfang des Jahrtausends war die Welt für die Mitarbeiter in bundesdeutschen Schlachthöfen noch in Ordnung: Für die Knochenjobs gab es ordentlich Geld - 30 bis 40 Mark die Stunde. Das war einmal.

Heute verdienen die Schlachter so wenig, dass ein ungewöhnlicher Grenzverkehr zwischen Dänemark und Deutschland stark zugenommen hat: Immer mehr dänische Schweine werden in die Bundesrepublik gekarrt, weil das Töten und Zerlegen der Tiere hierzulande viel weniger kostet. Das Beispiel zeigt: In der globalisierten Welt ist Deutschland inzwischen auch als ein Billiglohnland gefragt, in dem es keinen flächendeckenden Mindestlohn gibt.

Exportprodukt Schweinefleisch

Die Dänen züchten schon lange mehr Schweine, als sie selbst benötigen. Der Selbstversorgungsgrad liegt bei mehr als 700 Prozent. Der größte Teil des produzierten Fleisches wandert also in den Export, die größte Menge - im Jahr 2008 waren es etwa 542.000 Tonnen - geht in die Bundesrepublik.

Neu ist allerdings, dass Schweinemäster und -züchter ihre Tiere zunehmend lebend über die Grenze transportieren, und auch Schweine in norddeutschen Schlachthöfen grob zerlegen lassen, um die Teilstücke wieder zurück nach Dänemark zu schicken. Das liegt vor allem am Lohngefälle zwischen den beiden Nachbarstaaten.

Osteuropäische Schlachter arbeiten in Deutschland für Dänemark


Was früher die Ausnahme war, ist in Deutschland längst die Regel: In der Schlachtindustrie arbeiten vor allem osteuropäische Arbeitnehmer für Niedriglöhne von fünf bis neun Euro, in einzelnen Fällen für sogar noch weniger Geld.

Diese osteuropäischen Schlachter haben in der Regel Werkverträge. Ihr Arbeitgeber, der sie in die deutschen Betriebe schickt, sitzt im Ausland. Möglich ist dies durch das EU-Entsendegesetz. Bernd Maiweg, Referatsleiter für Fleischwirtschaft in der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), schätzt, dass inzwischen "mehr als die Hälfte der Arbeitnehmer in den klassischen Schlachtbetrieben der Republik nicht dem deutschen Arbeitsrecht unterliegen".

Die übrig gebliebenen heimischen Mitarbeiter verdienen nach seinen Angaben etwa 15 Euro je Stunde. Aber auch für sie gilt kein Flächentarifvertrag. In der Fleischindustrie gibt es keinen Arbeitgeberverband, mit der die NGG verhandeln könnte. Nicht selten sind deshalb Haustarifverträge.

Personalabbau beim dänischen Branchenriesen


Ganz anders sieht es in den dänischen Schlachthöfen aus. Bislang erhielten Fachkräfte, die fast alle Mitglied einer Gewerkschaft sind, Stundenlöhne von um die 20 Euro. Doch nun müssen sie um ihre berufliche Existenz fürchten.

2600 Mitarbeiter hat der dänische Branchenriese Danish Crown bereits entlassen. Einen weiteren Personalabbau hat das Unternehmen bereits angekündigt. Die NGG wettert deshalb: "Billiglöhne auf deutschen Schlachthöfen vernichten Arbeitsplätze in Dänemark."

Für die Gewerkschaft sind die Zustände in der Branche ein Beispiel dafür, warum in Deutschland eine gesetzliche Lohnuntergrenze notwendig ist. "Wir brauchen einen flächendeckenden Mindestlohn von 7,50 Euro, um Dumpinglöhne zu verhindern", sagt NGG-Referent Maiweg. Und dieser sei möglichst schnell schrittweise zu erhöhen.

Freiwilliger Mindestlohn bei deutschem Fleischvermarkter

Da es dafür aber derzeit keine politische Mehrheiten gibt, hofft die Gewerkschaft zumindest, dass die Fleischindustrie in das neugefasste Mindestarbeitsbedingungen-Gesetz aufgenommen wird. Dies erlaubt Mindestlöhne in Wirtschaftszweigen, in denen die Tarifbindung unter 50 Prozent liegt.

Dass es auch anders geht, zeigt Westfleisch, der drittgrößte Fleischvermarkter Deutschlands. Das Unternehmen zahlt seit Oktober 2007 freiwillig einen Mindestlohn von 7,50 Euro - daran müssen sich auch die osteuropäischen Subunternehmer halten, deren Mitarbeiter bei Westfleisch Schlachttiere zerlegen.

(SZ vom 23.07.2009/kfa/pak)

http://www.sueddeutsche.de/,ra3m1/wirtschaft/81/481551/text/
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #19 am: 17:51:28 Mi. 15.Dezember 2010 »
Zitat
Grotelüschen verantwortlich für Dumpinglöhne

Niedersachsens Agrarministerin Astrid Grotelüschen (CDU). Fotograf: Holger Hollemann Detailansicht des Bildes Niedersachsens Agrarministerin Grotelüschen (CDU) gerät immer stärker unter Druck. Neue Vorwürfe gegen Astrid Grotelüschen (CDU): Nach Recherchen des NDR Magazins "Menschen und Schlagzeilen" hat Niedersachsens Landwirtschaftsministerin als Prokuristin in einem Schlachtbetrieb in Neubrandenburg Dumpinglöhne und fragwürdige Arbeitsbedingungen mit verantwortet. Ähnlich lautende Vorwürfe zu einem Schlachtbetrieb in Wildeshausen, an dem die Familie der Ministerin beteiligt ist, hatte Grotelüschen in den vergangenen Tagen zurückgewiesen: Sie habe in dem betreffenden Betrieb nicht gearbeitet.

Die neuen Anschuldigungen stehen in Zusammenhang mit der "Fitkost Geflügelverarbeitungs- und Vertriebsgesellschaft mbH". In dem Neubrandenburger Betrieb war Niedersachsens Landwirtschaftsministerin über 15 Jahre als Prokuristin tätig und dort nach eigenen Angaben für das Personal zuständig. Mehrere Mitarbeiter, die über einen längeren Zeitraum bei Fitkost beschäftigt waren, berichten von Billiglöhnen und Regel-Arbeitszeiten von 12 bis 13 Stunden pro Tag. Dennoch habe der monatliche Verdienst teilweise nur maximal 680 Euro betragen.

Akkordlohn von 90 Cent in der Stunde


In der Geflügelmast werden oft nicht tiergerechte Mittel eingesetzt. Für bestimmte Arbeiten in der Schlachtung und Zerlegung sei ein Akkordlohn pro Tier bezahlt worden, der für aufwändige Tätigkeiten jedoch extrem ungünstig ausfiel. So kamen die ehemaligen Mitarbeiter beispielsweise beim Schlachten schwerer Puter regelmäßig auf nur 90 Cent realen Stundenlohn. Dieser Niedriglohn wurde zwar durch andere Tätigkeiten aufgebessert. Dennoch habe der auf den Monat umgerechnete reale Stundenlohn regelmäßig nur 3,50 Euro betragen. "Das war pure Sklaverei. Es war ein Horror morgens aufzustehen und zu wissen: Da muss ich hin. Es war ein einziges Verheizen von Leuten", sagte ein ehemaliger Arbeiter dem NDR. Die Mitarbeiter berichten außerdem von "extremem Druck" in dem Schlachthof. Die Anzahl der täglich zu zerlegenden Puten sei von 6.500 auf 9.500 pro Tag gesteigert worden.

"Man hatte keine Rechte im Betrieb"

Durch die schwere Arbeit hätten die Beschäftigten massive Gesundheitseinschränkungen erlitten, beispielsweise an den Handgelenken. "Man hatte keine Rechte im Betrieb", so ein ehemaliger Angestellter. "Wenn man etwas wollte, hieß es: Vor dem Tor stehen genug Leute. Also hat man seinen Mund gehalten." Die "Fitkost Geflügelverarbeitungs- und Vertriebsgesellschaft mbH" schlachtete und zerlegte Geflügel. Das Unternehmen wurde in diesem Sommer geschlossen, die Produktion unter anderem Namen in einen Betrieb in Wildeshausen verlegt. An "Fitkost" war Grotelüschens Familienbetrieb, die Mastputenbrüterei Ahlhorn, mit 50% beteiligt. Von 1995 bis kurz vor ihrem Amtsantritt als Landwirtschaftsministerin im Frühjahr 2010 hatte Astrid Grotelüschen in dem Unternehmen Einzelprokura für alle betrieblichen Funktionen. Auf Anfrage des NDR wollte sich Astrid Grotelüschen nicht zu den neuen Vorwürfen äußern.
http://www.ndr.de/regional/niedersachsen/grotelueschen165.html

Kuddel

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #20 am: 13:23:05 So. 14.April 2013 »
Zitat
Niedriglöhne in der Fleischproduktion
Die Tricks der Schlachthöfe



Fleischunternehmen in Belgien und den Niederlanden können dem Preisdruck aus Deutschland nicht mehr standhalten.

Schlachten in Deutschland ist so billig wie nirgendwo sonst in Europa. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum Beispiel zahlen viele Betriebe Dumpinglöhne und werden dafür vom Staat belohnt.

Ein Euro und drei Cent – für diese Summe kann selbstverständlich kein Mensch ein Schwein kaufen, aber schlachten kann man es für dieses Geld. 1,03 Euro sind der Lohn, den ein rumänischer Werkvertragsarbeiter für diese Arbeit erhält. So geschehen im niederländischen Lebensmittelkonzern Vion in Emstek, im Landkreis Cloppenburg in Niedersachsen. Die Stammbelegschaft, der Vion immerhin 2,50 Euro pro Schwein zahlte, war dem Unternehmen zu teuer geworden. Seit Februar beschäftigt der Schlachthof deshalb Werkvertragsarbeiter, die ihren Lohn von einem rumänischen Subunternehmer erhalten. Der zahlt weniger als fünf Euro die Stunde. Der branchenübliche Tariflohn liegt zwischen zehn und 15 Euro.

Hungerlöhne in der Fleischbranche sind nicht ungewöhnlich, inzwischen aber so weit verbreitet, dass der Politik daraus ein Problem erwächst. Es gab viel Ärger um die Schlachthöfe - in Niedersachsen, in Nordrhein-Westfalen und auch in Bayern. Die Gewerkschaften laufen Sturm und im Landkreis Cloppenburg-Vechta schloss sich auch die katholische Kirche dem Protest an.

Nachbarländer sind verärgert


Dort rief der Ärger schließlich auch den Bundestagsabgeordneten Franz-Josef Holzenkamp auf den Plan, immerhin ist es sein Wahlkreis und Emstek ist Holzenkamps Wohnort. Bei der Landtagswahl in Niedersachsen musste die CDU Federn lassen. Verantwortlich dafür war nicht zuletzt der Ärger um die Schlachthöfe. Holzenkamp drängt nun darauf, dem missbräuchlichen Umgang mit Werkverträgen in der Fleischbranche ein Ende zu bereiten – eine Forderung, die die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) schon lange erhebt.
Beim neuen niedersächsischen Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) wurde im März der belgische Wirtschaftsminister vorstellig, um sich über die Dumpinglöhne in den niedersächsischen Großschlachtereien zu beschweren. Inzwischen liegt die Beschwerde auch der Kommission der Europäischen Union (EU) in Brüssel vor.

Schlachten in Deutschland ist so billig wie nirgendwo sonst in Europa. Das sorgt jenseits der deutschen Grenzen für Unmut. Die Konkurrenzbetriebe in Belgien und den Niederlanden können dem Preisdruck nicht mehr standhalten.
Das Problem könnte noch drängender werden, denn neben dem Preisvorteil, den die deutschen Schlachthöfe daraus ziehen, ihre Personalkosten niedrig zu halten, liegt der Reiz der Werkverträge darin, dass sie die Betriebe in den Genuss einer weiteren Einsparmöglichkeit bringen. Sie können sich von der sogenannten EEG-Umlage befreien lassen. Der Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG in Oldenburg-Ostfriesland, Matthias Brümmer, erklärt den Vorgang: „Übersteigt der Anteil der Energiekosten an den übrigen Kosten eines Unternehmens den Grenzwert von 14 Prozent kann es sich nach einer besonderen Ausgleichsregelung des EEG-Gesetzes von der Umlage befreien lassen.“

Die Lohnkosten zu drücken, lohnt sich gleich mehrfach, erklärt Brümmer: „Das Unternehmen beschäftigt kein oder kaum noch eigenes Personal, es zahlt Dumpinglöhne, nicht direkt aber indirekt über einen Subunternehmer, spart die Sozialabgaben und kann die geringeren Kosten auch noch als Sachkosten absetzen. Als energieintensiver Betriebe kann sich das Unternehmen so von EEG-Umlage befreien lassen. Was sich die Bundesregierung dabei gedacht hat, möchte ich wissen.“

Die SPD-Abgeordnete im Niedersächsischen Landtag Renate Geuter wollte im Januar zunächst einmal wissen, was sich die niedersächsische Landesregierung dabei denkt. Sie richtete eine schriftliche Anfrage an den damaligen Umweltminister Stefan Birkner und seinen Kollegen aus dem Wirtschaftsressort Jörg Bode, beide FDP.

Ob sie es für einen Zufall hielten, dass es in der Liste der niedersächsischen Unternehmen, die von der EEG-Umlage befreit worden seien, ein erheblicher Anteil von Firmen aufgeführt würden, die in großem Umfang mit Werkvertragsarbeitern arbeiteten, wollte Geuter wissen.

In seinem Antwortschreiben vom 7. Februar 2013 bestätigte Birkner die Vermutung Geuters: „Wie Sie zutreffend ausführen, können Kosten für Leiharbeiter damit den Betrag der Bruttowertschöpfung vermindern. Im Ergebnis könnte mit dieser Regelung im EEG ein mittelbarer Anreiz verbunden sein, verstärkt Leiharbeiter einzusetzen.“

Legale Einsparmöglichkeiten


Geuter empörte außerdem, dass auch berufsständische Vertretungen und Kammern in Niedersachsen ihre Klientel auf entsprechende „Gestaltungsmöglichkeiten“ hinweisen. Tatsächlich findet sich im Merkblatt des Bundesamtes für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle unter „Kostenabzugspositionen“ der Hinweis, dass „Kosten für durch andere Unternehmen ausgeführte Lohnarbeiten“ als „betriebsfremde Aufwendungen“ abzugsfähig sind.

All diese „Einsparmöglichkeiten“ sind legal. Es verstößt auch nicht gegen das Gesetz, rumänische Arbeiter zu beschäftigen, die weniger als fünf Euro Stundenlohn erhalten. Die Vion Emstek GmbH hat keine rechtliche Handhabe, in die Lohngestaltung der Subunternehmen und deren Mitarbeiter einzugreifen, heißt es in einer Stellungnahme des Unternehmens.

„Mit den Werkvertragspartnern wird nur der Werklohn für die jeweiligen Gewerke ausgehandelt. Die Lohngestaltung für die Arbeitnehmer obliegt daher ausschließlich unseren Werkvertragspartnern. Deren unternehmerische Freiheit bei der Lohngestaltung können wir als Vertragspartner nicht einschränken.“ Die Geschäftsführung von Vion setze sich überdies „seit Jahren für gesetzliche Mindestlöhne in der Schlachtbranche ein“. Das Unternehmen ist von der Umlage befreit. Der Präsident des Niedersächsischen Landvolks und Vizepräsident des Deutschen Bauernverbandes Werner Hilse war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Er sitzt im Aufsichtsrat der Vion Holding.
http://www.fr-online.de/lebensmittel/niedrigloehne-in-der-fleischproduktion--die-tricks-der-schlachthoefe,21868140,22362222.html

Kuddel

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #21 am: 21:07:15 So. 23.Juni 2013 »
Zitat
Skandalöse Verhältnisse in der Fleischindustrie
Lohnsklaven in Deutschland


 Schlechte Bezahlung, unwürdige Unterkünfte, Erniedrigung und Erpressung: Was sich in Schlachthöfen abspielt, ist für viele Kritiker mehr als Ausbeutung. Die Rede ist von Menschenhandel und organisierter Kriminalität.

Von Hans Leyendecker


Die Frau, sie mag Ende dreißig sein, kam aus einem Dorf in Rumänien nach Deutschland, um neu anzufangen. Sie arbeitete in der Verpackung eines Schlachthofs in Norddeutschland am Band. Ihr Arbeitgeber war eine spanische Firma mit rumänischer Geschäftsführerin, die einen Werksvertrag mit der norddeutschen Fleischfirma abgeschlossen hatte. Und der Eigentümer der spanischen Klitsche war ein Deutscher, gegen den inzwischen die Staatsanwaltschaft Düsseldorf wegen Verdachts der Steuerhinterziehung ermittelt.

Mit drei anderen Frauen hauste die Rumänin für viel Geld in einem Zimmer. Ein Landsmann hatte als Vorarbeiter das Kommando. Sie arbeitete, wie auch die anderen Frauen, auf Abruf. Auch nachts. Als sie mal Urlaub machen wollte, wurde sie gefeuert. Sie ging zum rumänischen Vorgesetzten, um ihre Papiere fürs Arbeitsamt abzuholen, doch der weigerte sich zunächst. Sie drohte mit einem Anwalt.

"Hast du keine Angst, zum Anwalt zu gehen?" warnte der Vorgesetzte. "Weil es kann dir passieren, dass du über die Straße gehst und ein Auto dich überfährt." Auch könne sie leicht im Graben landen, "der Kopf zwei Meter weiter" und ein Bein "sonst wo". - "Nein, ich habe keine Angst". Er: "Das gilt sogar in Rumänien. Du weißt nicht, ob dein Kind über die Straße geht und ein Auto es vielleicht überfährt." So stellt man sich eigentlich Dialoge mit der Mafia vor oder mit anderen schweren Jungs - nur nicht am Arbeitsplatz.
Drecksarbeit international operierender Werkvertragsfirmen

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Der Wortwechsel zwischen Sklavin und Chef ist Teil eines Films über "Lohnsklaven in Deutschland". Die Autoren, Marius Meyer und Michael Nieberg, haben mit verdeckter Kamera in Rumänien Arbeitsvermittler gefilmt, die viel versprechen. Und dann haben sie versucht, die Drecksarbeit international operierender Werkvertragsfirmen nachzuzeichnen.

Der in solchen Zusammenhängen gern verwendete Begriff von der "Ausbeutung" umschreibt die Lage ungenau, weil er angesichts des tatsächlichen Elends irgendwie abgenutzt wirkt: "Das ist Menschenhandel, das ist Organisierte Kriminalität", sagt Matthias Brümmer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in der Fleischregion Oldenburg, im Gespräch mit der SZ.

Im TV-Film fahren dunkle Limousinen vor, und die Männer, die aussteigen, sehen wie dunkle Männer in Kinofilmen aus. Sie tragen Koffer mit Bargeld. Billiglöhner bekommen für 150 Stunden Arbeit vielleicht 600 Euro, und wer krank wird, soll gehen.
Seltsam gewundene Antworten

Menschenunwürdig sind manchmal auch die Unterkünfte. Viele Arbeiter hausen in abbruchreifen Häusern, Vermieter verdienen am Sklavenhandel mit. Neuerdings werden von Werkvertragsfirmen auch spanische Arbeiter angeworben, die mehr Lohn als etwa die Rumänen bekommen, aber bis zu 400 Euro für ein Bett zahlen und auch dem Vermittler daheim Geld geben müssen.

Meist wollen die Fleischarbeiter bleiben. Saisonarbeiter, die zur Erdbeerernte kommen, zum Spargelstechen oder zur Weinernte haben es beim Bauern meist besser. Und sie fahren nach ein paar Wochen wieder nach Hause. Wenn die Fleischfabrikanten Fragen zur Entlohnung der Arbeiter oder zu deren Wohnungen beantworten sollen, fallen die Antworten seltsam gewunden aus: "Mit uns vertraglich verbundene Werksunternehmen sind selbständige Unternehmen, auf deren Geschäftsbereich wir keinen Einfluss haben", schreibt ein Anwalt im Auftrag eines norddeutschen Fleischunternehmens. Ansonsten sei man "Verfechter eines bundesweiten Mindestlohns".

Überdies seien die "Werkvertragsunternehmen gehalten, ihre Mitarbeiter ordnungsgemäß unterzubringen. Soweit uns die Unterbringungsorte bekannt sind, behalten wir uns vor, Überprüfungen durch unabhängige Personen vornehmen zu lassen". Zu "Detailinformationen können wir schon aus Gründen der gebotenen Vertraulichkeit" keine Auskunft erteilen, "da sie Personen und Vertragsverhältnisse betreffen". Von "Missständen" sei allerdings nichts bekannt.

Die Namen der vielen Akteure tun eigentlich wenig zur Sache. Bei dem Fleisch-Sklavenhandel geht es längst nicht um Einzelfälle, sondern um ein seit vielen Jahren bestehendes System, das von der Öffentlichkeit manchmal mit Erstaunen und dann wieder mit bleierner Gelassenheit hingenommen wird. "Der Menschenhandel in dieser Branche wird immer raffinierter und immer schlimmer", sagt der Gewerkschafter Brümmer. Auch Bordellbetreiber gehören zu den Akteuren der Leiharbeiter-Mafia.

"Der Umfang illegaler Tätigkeiten und deren Selbstverständlichkeit sind erschreckend. Das Gewerbe scheint von diesen Straftaten durchdrungen zu sein", hat die Düsseldorfer Richterin Brigitte Koppenhöfer im Dezember 2010 über die Arbeit auf deutschen Schlachthöfen mal gesagt.

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Die 14. Große Strafkammer des Düsseldorfer Landgerichts hatte acht Angeklagte zu Strafen zwischen fünfeinhalb Jahren Haft und Bewährung verurteilt. Die Arbeiter-Verleiher hatten rund tausend meist rumänische Leiharbeiter, die gegenüber den Finanzämtern als Selbständige mit Werkverträgen geführt wurden, in Schlachthöfe geschickt und den Fiskus sowie Sozialversicherungen um 15 Millionen Euro geprellt. Fast jedes Jahr gibt es ein neues Großverfahren.
Es geht ums Geld

Als die Dreharbeiten zu dem NDR-Film noch liefen, suchte die Schwerpunktabteilung für Wirtschaftsstrafsachen der Staatsanwaltschaft Düsseldorf Mitte Mai dieses Jahres nach mehr als zweijähriger Vorbereitung Büros und Privatwohnungen von 22 Beschuldigten an 90 Orten heim.

Die von einem Staatsanwalt geleitete Ermittlungskommission "Karo", die aus Zollfahndern, Steuerfahndern und Kriminalbeamten besteht, untersucht ein Geflecht von mehr als zwei Dutzend Unternehmen und Subunternehmen, die in mehr als zwölf deutschen Schlachthöfen von Rheinland-Pfalz bis Norddeutschland Polen und Rumänen, für die es keine sogenannte Entsendungsgenehmigung gab, untergebracht hatten.

Es geht auch in diesem aufwendigen Verfahren nicht um Lohndumping, nicht um Sklavenhälterei und unmenschliche Arbeitsbedingungen, sondern wieder mal um den Verdacht der Vorenthaltung von Sozialversicherungsabgaben und der Hinterziehung von Umsatzsteuern und Lohnsteuerbeträgen in Millionenhöhe.

Es geht ums Geld.
http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/skandaloese-verhaeltnisse-in-der-fleischindustrie-lohnsklaven-in-deutschland-1.1703776

hoessi666

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #22 am: 16:41:55 Di. 25.Juni 2013 »

Just B U

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #23 am: 17:07:41 Di. 25.Juni 2013 »
Ähm...mal was O.T.:

wenn dieses "Schwein" für 500 000,- Euro Steuerhinterziehung schon fast 4 Jahre ins Gefängnis muss...äh...

Was ist eigentlich aus der "Hoeneß-Sache" geworden?

Hatte der  nicht grob geschätzt:  "mindetsens  12 Millionen" Euros Steuern hinterzogen = also den Staat um  12 Millionen Euros BETROGEN???

Dann müßte das "Schwein" doch umgerechnet fairerweise mindestens 24 Jahre ins Gefängnis oder so!

Die Dummheit der Einen ist die Macht der Anderen.
Je dümmer u. desinteressierter die Einen desto mächtiger die Anderen.

Hätte man den christlichen Klerus mit der gleichen Vehemenz verteidigt, wie Teile der Linken das heute mit dem islamischen tun, hätte die Aufklärung nie stattgefunden.
Seyran

Rudolf Rocker

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #24 am: 17:12:03 Di. 25.Juni 2013 »
Mich wundert ehrlich gesagt, das gegen die "Fleischmafia" nur wegen Steuerhinterziehung ermittelt wird.

Ich dachte bisher immer das Menschenhandel und Sklaverei in der BRD Straftaten sind.
Muss ich mich wohl geirrt haben!

Eivisskat

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #25 am: 14:12:23 Sa. 29.Juni 2013 »
Sollte die Politik jetzt tatsächlich ein Einsehen haben und gegensteuern?

Zitat
Billiglohn im Schlachthof -  „Ausbeuterfleisch“ contra „faires Fleisch“

 Niedersachsens viel kritisierte Schlachtbetriebe bleiben hart beim Thema Lohndumping. Eine freiwillige Selbstverpflichtung für höhere Löhne lehnen sie ab. Die Landesregierung reagiert empört und kündigt eine härtere Gangart auf allen Ebenen an.

http://www.wlz-fz.de/Welt/Buntes/Uebersicht/Schlachthoefe-in-Niedersachsen-lehnen-Mindestlohn-ab


Gar nicht erst ausmalen möchte man sich allerdings den Umgang mit den Tieren in diesen Horrorhöfen, wo dort mit den Menschen schon so verbrecherisch umgegangen wird...

 ::) :o


Rudolf Rocker

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #26 am: 15:37:26 Sa. 29.Juni 2013 »
Zitat
Sollte die Politik jetzt tatsächlich ein Einsehen haben und gegensteuern?

Ganz sicher nicht.
Aber im September sind Wahlen.
Da muss man wenigstens so tun als ob! ;)

Pinnswin

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #27 am: 19:27:34 So. 30.Juni 2013 »
Die Politik schläft lange aus und ißt dann Kaviar-Schnittchen. Schnöden
Aktionissimuss überlasst "Politik" lieber der sozialen Marktwirtschaft. Nachdem
nun die Russen die Türken aus dem Fleischverarbeitenden Betrieben rausgedrängt
haben...
... aber das ist ja nun auch schon ~5 Jahre her...

*gähn-Popo-kratz-schnarch****
Das Ende Der Welt brach Anno Domini 1420 doch nicht herein.
Obwohl vieles darauf hin deutete, das es kaeme... A. Sapkowski

Fritz Linow

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #28 am: 23:29:38 Mo. 19.September 2016 »
19.09.2016

Zitat
Bakumer Ehepaar muss ehrenamtliche Hilfe aufgeben

Beratungsstelle schließt wegen Überlastung

Oldenburger Münsterland - Sie kommen aus Osteuropa und wurden Opfer von Ausbeutung. Im Forum der St.-Andreas-Gemeinde hatten Werkvertrag-Arbeiter drei Jahre lang einen Anlaufpunkt.
Gegen 21 Uhr lässt Audra Brinkhus-Saltys die Jalousien herunter. So wie immer freitags. Diesmal aber hat sie zuvor ein Informationsplakat von der Fensterscheibe entfernt. Es zeigt eine Szene mit einem Arbeiter aus einem Schlachthof und darauf steht „Beratungsstelle“. Als Organisator ist das Netzwerk für Menschenwürde in der Arbeitswelt (Mida) vermerkt, dem 16 Gruppen aus Gewerkschaft, Kirche und Politik angehören, darunter ist auch die Katholische Arbeitnehmerbewegung (KAB).
Drei Jahre lang haben die Lehrerin Brinkhus-Saltys und ihr Mann, der Rechtsanwalt Johannes Brinkhus, in den Räumen des Forums der katholischen Kirchengemeinde St. Andreas in der Cloppenburger Innenstadt osteuropäischen Arbeitern in Not geholfen.
Der Jurist Brinkhus gab rechtlichen Beistand, führte etliche Prozesse. All das ehrenamtlich. An der Seite des Bakumer Ehepaars war von der ersten Stunde an Julia Bunea aus Rumänien. Sie übersetzte, nahm an Außenterminen und Info-Veranstaltungen teil.
Andrang von Hilfesuchenden massiv
Nun schließt die Beratungsstelle – das landesweit erste Hilfsangebot für ausgebeutete Arbeiter. Seit Oktober 2013 folgte das Land Niedersachsen mit eigenen Anlaufsstellen für mobile Beschäftigte aus Osteuropa. Auch hier ist der Andrang von Hilfesuchenden massiv. Es ist daher ein deutliches Alarmsignal, wenn Brinkhus-Saltys sagt: „Wir schließen wegen zuviel Arbeit.“ Der Ansturm sei „zu groß“, er könne ehrenamtlich nicht mehr bewältigt werden. Etwa 400 Fälle im Jahr gab es im Durchschnitt.
Die Missstände im Umgang mit den osteuropäischen Arbeitern wuchern weiter. Der Mindestlohn ist oft nur Fassade. Das zeigen auch die Fälle, denen sich die Beratungsstelle noch am letzten Tag widmete: Nicolae P.* aus Rumänien musste vier Wochen in seinem Auto leben. Er war bei einem Geflügel-Ausstaller beschäftigt, als er krank wurde, meldete ihn sein Arbeitgeber von der Krankenversicherung ab und warf ihn aus der Betriebswohnung. Brinkhus stellt zudem fest: Auf der Lohnabrechnung von Nicolae P. seien zwar Nachtzuschläge ausgewiesen, diese seien aber nicht ausgezahlt worden.
Während des Urlaubs gekündigt
Monica S.*, ebenfalls aus Rumänien, hat sechs Monate für ein Subunternehmen in einem Schlachthof im Kreis Cloppenburg geschuftet. 300 Stunden pro Monat sei sie im Einsatz gewesen, bei einem Nettoverdienst von 1 100 Euro. Urlaubsgeld habe sie nicht erhalten, da sie nach rumänischem Recht beschäftigt war. Dann folgte eine Anstellung für ein Subunternehmen, das seine Arbeiter in einem Cloppenburger Schlachthof einsetzte. Dort arbeitete Monica S. mit ihrem Mann. Beiden sei während des Urlaubs gekündigt worden. „Ich habe viel geweint“, sagte sie über ihre Lage in Deutschland. Die Beratung durch das Ehepaar Brinkhus habe ihr viel geholfen.
Auf die Schließung der Beratungsstelle reagierte das Offizialat in Vechta „mit Bedauern“, wie Stephan Eisenbart, zuständig für die KAB und einer der Mida-Sprecher, erklärte. Das Netzwerk wolle versuchen, auch in Zukunft die Beratung zu organisieren. „Entweder finden wir Anwälte, die die Aufgabe ehrenamtlich weiterführen, oder es muss irgendwie eine finanzielle Basis geschaffen werden, um die Arbeit zu honorieren“, sagt Eisenbart. Für Anwalt Brinkhus ist die Arbeit derweil noch nicht ganz zu Ende. Etwa 300 Mandanten aus der Beratungsstelle vertritt er noch vor Gericht.
http://www.kreiszeitung.de/lokales/niedersachsen/beratungsstelle-schliesst-wegen-ueberlastung-6762286.html


Fritz Linow

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #29 am: 21:48:25 Di. 27.September 2016 »