Autor Thema: Billiglöhne im Schlachthof  (Gelesen 43113 mal)

Fritz Linow

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Re:Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #45 am: 12:12:22 So. 27.Januar 2019 »
Zitat
24.10.18
Trickst Schlachtunternehmen Kontrolleure aus?

Nach außen hin ist alles sauber. Vor dem Mietshaus in Kellinghusen (Kreis Steinburg) stehen keine Müllsäcke mehr. Zum Teil wurde frisch gestrichen. Die Öffentlichkeit guckt auf dieses und weitere Häuser, seitdem Anwohner, Gewerkschaften und Politiker die Arbeits- und Wohnbedingungen der Werkvertrags-Mitarbeiter eines Kellinghusener Schlachthofs zum Thema gemacht haben.(...)
https://www.ndr.de/nachrichten/schleswig-holstein/Trickst-Schlachtunternehmen-Kontrolleure-aus,schlachthof350.html

Und nun die Pressekeule:

Zitat
Jour Fixe Gewerkschaftslinke bekam am Freitag, 18.01.2019, einen 27-seitigen Brief vom Landgericht Hamburg. Veranlasser dieses Briefes ist die Großschlachterei Tönnies, Rheda-Wiedenbrück. Sie hatte die renommierte Anwaltskanzlei Schertz Bergmann (Berlin) mit der Forderung nach einer Unterlassungserklärung beauftragt. (*)

Worum geht es? Wir hatten zum 9.1.2019 zu einem Jour Fixe eingeladen, bei dem es um Informationen und Aufklärung zu den Arbeits- und Wohnbedingungen der im Tönnies-Betrieb Kellinghusen Arbeitenden mit Werksvertrag geht.(...)
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/01/25/stellungnahme-zum-gerichtlichen-vorgehen-der-grossschlachterei-toennies-gegen-jour-fixe-gewerkschaftslinke-hamburg/

admin

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #46 am: 12:42:26 So. 27.Januar 2019 »
Tönnis ist bereits juristisch gegen chefduzen vorgegangen.

Ein zwielichtes Unternehmen, das sich scheinbar vor Öffentlichkeit und öffenlichen Diskussionen fürchtet.

admin

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #47 am: 14:03:19 Di. 29.Januar 2019 »
Wir möchten an dieser Stelle die Stellungnahme vom Jour Fixe Hamburg dokumentieren.

Zitat
Stellungnahme zum gerichtlichen Vorgehen der Großschlachterei Tönnies gegen Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg

https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/01/25/stellungnahme-zum-gerichtlichen-vorgehen-der-grossschlachterei-toennies-gegen-jour-fixe-gewerkschaftslinke-hamburg/

und hier ein zweiteiliger bericht von journalisten von schattenblick, die beim jour fixe am 9.1. dabei waren:
BERICHT/115: Großschlachtung - Werkverträge und Profite ... (1) (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brrb0115.html

BERICHT/116: Großschlachtung - Werkverträge und Profite ... (2) (SB)
http://www.schattenblick.de/infopool/buerger/report/brrb0116.html

und hier noch eine bemerkenswerte rede vom prälaten peter kossen aus lengerich, der mit seinem bruder, dem arzt florian kossen seit mehreren jahren front macht.
https://www.wn.de/Muensterland/Kreis-Steinfurt/Lengerich/3602896-Fuer-Wuerde-und-Gerechtigkeit-Peter-Kossens-Rede-in-Stapelfeld

Und hier noch eine Anmerkung zu unserer Stellungnahme:

Zu den Begriffen union busting bzw Fertigmacher/Fertigmachen:

Der Begriff Union Busting stammt aus den USA. Werner Rügemer und Elmar Wigand von der aktion./.arbeitsunrecht hatten sich sich mit den Arbeitsverhältnissen in den USA beschäftigt und das Ausmaß von Union Busting dort entdeckt und in Büchern und Artikel und bei Vorträgen seit über sieben Jahren in Deutschland skandalisiert. Sie hatten belegt, daß ähnliches auch hier in Deutschland vermehrt passiert, durch Anwaltskanzleien, die sich auf Arbeitsrecht spezialisiert haben und nicht nur gegen aktive Betriebsräte sondern jeglichen aktiven Kollegen/Kollegin vorgehen. Rügemer/Wigand haben den Begriff "Union Busting" in Gewerkschaftskreisen ziemlich bekannt gemacht.
Als wir vor über fünf Jahren einen Kreis  zu dem Thema gründeten, vermieden wir jedoch den Begriff Union Busting für uns und nannten uns  bewußt "GewerkschafterInnen gegen Fertigmacher". Weil diese Bezeichnung allgemeiner und treffender ist. Es gibt mehrere kleine Organisationen in Deutschland, die sich mit dem Thema beschäftigen, außer aktion./.arbeitsunrecht und workwatch (beide köln) und uns, auch z.B. einen Kreis in Mannheim: http://www.gegen-br-mobbing.de/konferenz-br-im-visier/197-bossing-und-mobbing-von-betriebsraeten-stoppen

Die bisherigen fünf Konferenzen in Mannheim waren gut besucht, besonders von BetriebsrätInnen und hauptamtlichen VertreterInnen der DGB-Gewerkschaften.

Die Mannheimer focussieren sich jedoch auf „Mobbing gegen Betriebsräte“, wir sehen das als politische Einengung, vielleicht um anschlußfähig zu DGB-Apparaten zu sein.

Nachdem die SPD/FDP-Regierung 1973 (Brandt-Scheel) gesetzlich Leiharbeit in Deutschland eingeführt hatte, natürlich mit Zustimmung der DGB-Gewerkschaften, hat jede Regierung diese Begünstigung des Kapitals erweitert. Leiharbeit, Befristungen, Werkvertragsarbeit sind zu einem Erfolgsrezept des Modell Deutschland geworden, zum Vorteil des Standortes Deutschland und der Sicherung der ökonomischen Vormachtstellung in Europa.

Und das alles mit politischer Absicherung durch die DGB-Gewerkschaften! Deren Rechtfertigung ist so: Wir sind gegen den Mißbrauch von Leiharbeit und Werkverträgen und für die Gestaltung derselben und ihre faire Anwendung! Das ist, als wenn gegen die Füchse in Deutschland ein Gesetz erlassen würde: Ihr dürft nur Mäuse jagen, aber ihr müßt fair bleiben und in den Dörfern keine Hühner und Gänse erbeuten.

Und wenn der Fuchs trotzdem seinem Instinkt nachgeht und Hühner und Gänse frißt, darf kein Jäger und kein Bauer auf den Fuchs schießen.

Da freut sich der Fuchs über die Zustände in diesem Land!
Da freuen sich Tönnies&Co und ihre Subunternehmer über die Zustände in diesem Land!

Nikita

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Tönnies Zensurmaschine
« Antwort #48 am: 23:32:34 Di. 03.September 2019 »
Clemens Tönnies Zensurmaschine läuft weiter auf Touren. Wieder gibt es Berichte über zwielichtiges Verhalten der Kanzlei Schertz Bergmann.

http://www.labournet.de/interventionen/solidaritaet/einstweilige-verfuegung-gegen-kritsche-informationen-der-toennies-konzern-geht-gegen-aktion-arbeitsunrecht-vor/



"3. September 2019
Einstweilige Verfügung gegen kritsche Informationen: Der Tönnies-Konzern geht gegen aktion./.arbeitsunrecht vor

Die berüchtigte Berliner Medien(verhinderungs)-Kanzelei, die regelmäßig und berechenbar für den Tönnies-Konzern aktiv wird, konnte vor der Pressekammer des Landgerichts Berlin (Vorsitzender Richter: Holger Thiel) eine einstweilige Verfügung gegen die aktion ./. arbeitsunrechterwirken.
Der Beschluss ist auf verschiedene Weise skandalös: Unser Anwalt erhielt keine Möglichkeit zur Stellungnahme, die Gegenseite konnte keine glaubhafte Vollmacht beibringen, einzelne Punkte sind inhaltlich geradezu hanebüchen…
Doch davon lassen wir uns jetzt – mitten in der Vorbereitung auf den Aktionstag #FREITAG13 – nicht beeindrucken. (…)

 Besonders sensibel reagiert Tönnies offenbar auf Behauptungen zu Lohn und Gerechtigkeit, Lohn-Dumping, eventuelle Arbeitszeitverstöße und zum Aufkauf von anderen Schlachthöfen im Stil einer Heuschrecke.

Wir werden den anstehenden Medien-Prozess durch vertiefende Recherchen und Zeugenaussagen zu einem Tribunal gegen Tönnies und die Praktiken von Schertz Bergmann verwandeln…”

 Pressemitteilung von aktion./.arbeitsunrecht vom 03. September 2019 (per e-mail), in der um Spenden für deren Rechtshilfe-Fonds Meinungsfreiheit in der Arbeitswelt externer Link gebeten wird. Für Arbeitsbedingungen bei Tönnies siehe unsere Rubrik zur Fleischbranche "


Nikita

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #49 am: 23:33:04 Di. 03.September 2019 »

Fritz Linow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #50 am: 23:41:59 Di. 03.September 2019 »
Bei den geschwärzten Passagen kann man ja jetzt lustig Ratemal spielen:

Vertreter der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG), der IG Werkfairträge und der Faire Mobilität (DGB) berichten von:

systematischem ■■■■ (Lohnraub?)
durch ■■■■■■■■■■■■ (Unterschlagung der?)

Zuschläge für Sonntags- und Nachtarbeit, ■■■■ (Verarschung?)

der Beschäftigten um Bezahlung für Rüst- und Wegezeiten

Tönnies-Werkvertragsarbeiter*innen sollen Gewerkschaftern von ■■■■ (doppelten?)

Schichten berichten.


Man weiß es nicht...

Kuddel

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #51 am: 09:51:32 Mi. 04.September 2019 »
Man sieht an dem aggressiven Umgang des Ausbeuters mit öffentlicher Kritik und Protesten von außen, daß Öffentlichkeitsarbeit eine wirkungsvolle Waffe ist und da auch Proteste von Unterstützern Gewicht haben, wenn es nicht möglich ist, daß die Beschäftigten selbst kämpfen.

ManOfConstantSorrow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #52 am: 19:53:10 Mi. 04.September 2019 »
Zitat
Fleischindustrie – zu Lasten von Menschen und Tieren und Erzeugerpreisen
Dr. Florian Kossen und Prälat Peter Kossen:
„Menschen werden verschlissen und entsorgt“

Dr. Florian Kossen, hausärztlich tätiger Internist in Goldenstedt, und Prälat Peter Kossen, Pfarrer in Lengerich, erheben schwere Vorwürfe gegen die Verantwortlichen in der Fleischindustrie: „Menschen werden benutzt, verbraucht, verschlissen und dann entsorgt!“


Arbeitsmigranten aus Rumänien, Bulgarien und Polen behandelt Dr. Kossen täglich in seiner allgemeinmedizinischen Praxis. Sie arbeiten in Großschlachthöfen in Wildeshausen, Ahlhorn und Lohne. Was er sieht und hört, macht den Mediziner fassungslos und zornig. Die Totalerschöpfung der Patientinnen und Patienten ist fast schon alltäglich: „Viele arbeiten sechs Tage in der Woche und zwölf Stunden am Tag. Sie haben keine Möglichkeit der Regeneration, weil sie durch ihre Arbeits- und Lebensbedingungen ständig physisch und psychisch unter Druck stehen.

Daraus resultieren eine ganze Reihe von Krankheitssymptomen: Von Überlastungsschäden im Bereich der Extremitäten und Wirbelsäule über psychovegetative Dekompensationen bis hin zu wiederholten bzw. hartnäckigen Infekten durch mangelhafte hygienische Zustände in den Unterkünften und gesundheitswidrige Bedingungen an den Arbeitsplätzen. Aber auch eine totale körperliche Erschöpfung, wie ich sie in meinen 20 Jahren ärztlicher Tätigkeit vorher selten gesehen habe.“ Arbeitsunfälle wie Schnittverletzungen seien an der Tagesordnung. „Häufig lassen sich die Verletzten aber nicht krankschreiben, weil ihnen vom Arbeitgeber ganz deutlich gesagt worden ist: Wer mit dem gelben Schein kommt, kann gehen. So geschehen bei einer Arbeiterin mit einer ca. 10 cm langen, mit Naht versorgten, Schnittwunde, die sie sich bei der Arbeit zugezogen hatte. Trotz mehrmaligen dringenden Anratens lehnte sie eine Krankschreibung ab.“

Verätzungen am ganzen Körper sieht Kossen bei Patienten, die für Reinigungsarbeiten in den Schlachthöfen keine ausreichende Schutzkleidung zur Verfügung haben und zudem unter hohem Zeitdruck arbeiten. „Das berichtete ein Mitarbeiter einer Reinigungskolonne auf einem Großschlachthof in Lohne, der sich, übersät mit ausgeprägtesten Verätzungen am ganzen Körper, in der Praxis vorstellte. Sämtliche Arbeiter der Reinigungskolonne, so berichtete er, hätten ähnliche Verätzungen, da es zwar Schutzanzüge gäbe, diese jedoch defekt und völlig unzureichend wären.“ Oft erzählen ihm Patienten von Kolleginnen und Kollegen, die aufgrund von Krankheit sofort aussortiert und ersetzt werden. Entsprechend hoch sei der Druck, trotz Krankheit und Schmerzen durchzuhalten.

Prälat Peter Kossen ergänzt: „Der Nachschub von Arbeitskräften geht den Subunternehmern offensichtlich nicht aus. Dafür sorgt ein florierender Menschenhandel.“  Was den Arbeitern zugesagt worden ist und was sie bekommen, liegt oft weit auseinander. Kürzlich hat ein bulgarischer Werkvertrags-Arbeiter eines Großschlachthofs in Wildeshausen dem Arzt Kossen seine Lohnabrechnung gezeigt: 1200,- € für 255 geleistete Arbeitsstunden. „Zur Ausbeutung kommt die Demütigung: Du bist, deine Arbeitskraft ist, nicht mehr wert!“

Peter Kossen: „Die Fleischindustrie behandelt Arbeitsmigranten wie Maschinen, die man bei externen Dienstleistern anmietet, benutzt und nach Verschleiß austauscht.“ Weil in der Regel ein Großteil der Arbeiter (80% oder mehr) nicht beim Schlachthof angestellt ist, sondern bei einem Subunternehmer, bräuchten sich die Unternehmer der Fleischindustrie bei dieser Form moderner Sklaverei gar nicht die Hände schmutzig machen. Subunternehmen würden vielfach von Kriminellen nach Mafia-Art geführt; Drogenhandel, Frauenhandel und Zwangsprostitution gehörten zum „Geschäft“. Manchmal seien es auch nur Briefkastenfirmen, die bei Problemen vom Markt verschwinden und unter neuem Namen bald wiederauftauchen. „Mit Ausnahme weniger wie Brand in Lohne, Schulte in Lastrup oder Böseler Goldschmaus in Garrel weigern sich die Unternehmen, Verantwortung für die Arbeits- und Lebensbedingungen der eingesetzten Arbeitskräfte zu übernehmen“, so Kossen,

„Und man lässt sie gewähren – auf Kosten der Gesundheit der Arbeiter und auf (Sozial-)Kosten der Allgemeinheit.“ Überall dort, wo Werkverträge und Leiharbeit das Mittel seien, um Arbeitskräfte wie Verschleißmaterial behandeln zu können, sei die Mitarbeiterfluktuation enorm hoch. Inzwischen würden die Arbeitskräfte aus immer ärmeren Regionen Osteuropas rekrutiert: „Erst waren es Menschen aus Polen, später aus Rumänien, Ungarn und Bulgarien, jetzt kommen sie aus Moldawien oder der Ukraine, dann ist ihr Einsatz nicht selten illegal“, weiß Kossen.

Sein Bruder sieht jeden Tag in der Praxis, „dass diejenigen, die es trotz der Menschenschinderei schaffen, über mehrere Jahre durchzuhalten, chronische Leiden davontragen. Durch die harte körperliche Arbeit in feuchten und sehr kalten Räumen unter ständigem Druck, noch schneller zu arbeiten, ist auch der Stärkste irgendwann physisch und psychisch am Ende.“

Prälat Kossen ergänzt: „Durch die Arbeitszeiten sind die Betroffenen über Jahre hin nicht in der Lage, Sprachkurse oder Integrationsangebote wahrzunehmen. So sprechen viele kaum Deutsch. Rund um die Uhr haben sie bereit zu stehen, Arbeit wird häufig kurzfristig per SMS befohlen, Überstunden werden nicht selten spontan angeordnet.“ Die Teilhabe am sozialen und kulturellen Leben in den Orten sei dadurch sehr erschwert. „Eine Integration der Arbeiter und ihrer Familien findet kaum statt. Parallelwelten sind entstanden.“

Ein Übriges tue die auf Abschottung angelegte Unterbringung. „Rattenlöcher, die zu Wuchermieten mit Werkvertragsarbeitern vollgestopft werden“, daran hat sich nach dem Eindruck der Brüder flächendeckend nichts verändert. „Die Verhältnisse entwickeln sich zurück“, ist Dr. Kossen überzeugt, und weist hin auf das, was Patienten ihm über ihre Wohnverhältnisse anvertrauen, und er nennt als ein Beispiel für viele eine Arbeiterunterkunft in Ellenstedt, bei der das ganz offensichtlich sei.

„Wenn hier nicht Unternehmer und Staat und Kommunen für einen sozialen Wohnungsbau zusammenwirken und Lösungen schaffen, wird sich absehbar nichts ändern, und das Elend und die Abzocke nehmen ihren Lauf“, ist Prälat Kossen sicher. „Erzieherinnen erzählen mir von verstörten, verängstigten und geschwächten Kindergartenkindern, die in solchen Verhältnissen leben und aufwachsen. Manche verschlafen fast den ganzen Kindergartentag, weil sie nachts in den Unterkünften Gewalt, Alkohol- und Drogenmissbrauch und auch Prostitution miterleben.“

Es brauche einen Neuanlauf der Politik, um die Branche zu zwingen, für die eigenen Leute Verantwortung zu übernehmen und sich nicht zu verstecken hinter dubiosen Subunternehmen und Leiharbeitsfirmen. Selbstverpflichtungserklärungen der Fleischindustrie hätten allenfalls den Sklaventreibern Luft und Zeit verschafft, ihr menschenverachtendes Geschäft unbehelligt weiter zu betreiben. „Wenn der Rechtsstaat hier nicht völlig ad absurdum geführt werden soll, braucht es eine Behörde, die Recht und Gesetz durchsetzen kann. Die nicht, wie die Kontrollbehörden bisher, der Mafia machtlos hinterher schaut,“ sagt Peter Kossen. „Arbeitsabläufe müssen so gestaltet sein, dass sie die Gesundheit der Arbeitskräfte nicht ruinieren“, fordert Florian Kossen. „Wie lange will die Öffentlichkeit der menschenverachtenden, systematischen Ausbeutung noch zusehen?“

Florian und Peter Kossen fordern: „Das Ausbeuten und Verschleißen von Menschen muss ein Ende haben! Es braucht einen Systemwechsel – jetzt!
http://www.labournet.de/?p=136378
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Fritz Linow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #53 am: 15:32:47 Fr. 06.September 2019 »
Zitat
6.9.19
Schwere Vorwürfe gegen Schlachthof Tönnies in Weißenfels

Osteuropäische Arbeiter haben Rechtsverstöße beim Schlachthof in Weißenfels beklagt. Sie machten ihren Unmut am Donnerstag bei einem Bürgerdialog deutlich. Gabriela Buszala vom Deutschen Gewerkschaftsbund sagte MDR SACHSEN-ANHALT, nach Aussage der Arbeiter werde gegen den Mindestlohn verstoßen. Überstunden würden nicht bezahlt. Zudem sei Gewalt ein Thema: Wenn Arbeitnehmer sich wehrten, würden sie "rausgeschmissen mit den Händen, mit Gewalt".

Ein Sprecher des Unternehmens Tönnies sagte MDR SACHSEN-ANHALT dazu: er könne die Vorwürfe nicht nachvollziehen und halte sie für eine Kampagne der Gewerkschaften. Das Unternehmen beklagt zudem, dass es nicht  zu der Veranstaltung eingeladen war.
https://www.mdr.de/sachsen-anhalt/morgenticker-freitag-bauhaus-einhundert-jahre-museum-eroeffnung100.html

Zitat
6.9.19
„Die Leute haben Angst“ Mitarbeiter von Tönnies klagen ihr Leid

Weißenfels -

Zunächst ist es relativ leer an dem Info-Stand am Neumarkt in Weißenfels, den Mitarbeiter des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) sowie der Beratung migrantischer Arbeitskräfte (BemA) aufgebaut haben. Sie wollen mit osteuropäischen Mitarbeitern des Weißenfelser Tönnies-Schlachtbetriebs über deren Arbeitssituation zu sprechen.

„Die Leute haben Angst, dass sie wegen ihrer Anwesenheit hier gekündigt werden können“, sagt DGB-Mitarbeiter Piotr Mazurek. Dann finden sich doch immer mehr ein.

Über 1.000 Osteuropäer arbeiten laut NGG im Schlachthof

Über 1.000 Osteuropäer arbeiten laut NGG in dem Schlachthof. Einige Dutzend besuchen den Infostand. Richtig zufrieden scheint keiner von ihnen mit den Arbeitsbedingungen zu sein. Die Beschwerden, die von zwei polnischen Mitarbeitern gegenüber der MZ geäußert werden, reichen von nicht bezahlten Überstunden über nicht eingehaltene Ruhezeiten bis hin zum Anschreien der Arbeitnehmer durch ihre Vorarbeiter.

Von nicht bezahlten Überstunden habe auch Weißenfels’ Oberbürgermeister Robby Risch (parteilos) gehört. „Wir haben die Versicherung von Tönnies, dass dort alles rechtskonform abläuft, aber der Überblick ist schwierig“, sagt Risch. „Uns fehlt der Einblick in die Szene.“ Die Info-Veranstaltung sei deshalb der richtige Weg, um einmal die Meinung der osteuropäischen Arbeitnehmer zu hören.

Vertreter von Tönnies waren zur Infoveranstaltung nicht eingeladen

Gabriela Ruszala arbeitet für die BemA, ist Dolmetscherin fürs Polnische und des Öfteren mit prekären Arbeitsverhältnissen konfrontiert. Was sie an diesem Tag hört, erstaunt aber auch sie. Hinter vorgehaltener Hand werden gegenüber der MZ noch weitaus gravierendere Mängel genannt. So sollen die Arbeitnehmer absichtlich hingehalten worden sein, was die Anmeldung bei der Krankenversicherung anbelangt.

Vertreter von Tönnies waren zur Infoveranstaltung nicht eingeladen. „Damit die Arbeitnehmer ohne Angst erzählen können, was ihnen auf dem Herzen liegt“, begründet NGG-Regionalgeschäftsführer Jörg Most. Man werde beraten, was gegen die Missstände unternommen werden kann. Auch die MZ bleibt an dem Thema dran und wird sich bei Tönnies natürlich auch um eine Stellungnahme bemühen.
https://www.mz-web.de/weissenfels/-die-leute-haben-angst--mitarbeiter-von-toennies-klagen-ihr-leid-33127466

ManOfConstantSorrow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #54 am: 18:45:55 Mo. 09.September 2019 »
Wir sollten nicht müde werden an die Schweinereien von Tönnies zu erinnern und an den Widerstand dagegen.

Zitat
Sommerfest mit Kinderbelustigung auf dem Schlachthof

Tönnies hatte für Samstag, 7.9. in Kellinghusen (Holstein) zu einem Sommerfest geladen, wie er das in vielen seiner Produktionsstätten macht. Ein Fest mit viel Kinderbelustigung und Wurstständen und Betriebsführungen. Sommerfest im Schlachthof (für diesen Tag keine Schlachtungen!) – schon aus ästhetischen Gründen kommt einem der Widerwille hoch. Das ist wie Kindergeburtstag in einem ehemaligen KZ.

Die Tierrechtsgruppe animal save  hatte vor dem Schlachthof eine Kundgebung angemeldet. Wer das Fest besuchen wollte, muß durch ein Spalier von ca. 100 DemontrantInnen von animal save und peta aus Kiel, Lübeck, Flensburg und natürlich auch Kellinghusen. Direkt am Eingang war ein Zelt aufgebaut mit Info-Material und einem Lautsprecher. Immer wenn eine Gruppe zur Werksbesichtigung ging, wurden das Todesquieken von Schweinen abgespielt.

Es kamen etwa 200 BesucherInnen, aus Kellinghusen und Umgebung, etliche mit ihren Kindern. Die Situation ist völlig anders als in Groß- und Mittelstädten. Außer einer Eisdiele und ein paar Gaststätten am Samstag und Sonntag ist nichts vorhanden. Tote Hose.

Da geht man schon in einen Schlachthof mit Kinderbelustigung und Essen, wenn sowas geboten wird.

An die BesucherInnen wurden von der Initiative Saustarkes Kellinghusen und vom Jour Fixe Gewerkschaftslinke Hamburg Flugblätter verteilt. Außer einigen Verbiesterten nahmen fast alle das Flugi, mit etlichen kam man in interessante Gespräche. Es waren Kellinghusener BürgerInnen, die aus Neugier gekommen waren und mit denen man völlig dacor war. Es waren auch Bauernfamilien aus der Umgebung gekommen, die einerseits sahen, daß Tönnies die Bauern kaputt macht zugunsten großindustrieller Landwirtschaft „Ich liefere an einen Schlachter in Itzehoe, der noch ein Handwerksbetrieb ist“ – andererseits die Zustände im Schlachthof bagatellisierten, „Unfälle kommen in jedem Großbetrieb vor und geprügelt wird sich immer mal“. Das war die Reaktion zu meiner Argumentation, daß sich ein rumänischer Werkvertragsarbeiter die Hand verstümmelt hatte (Tönnies hatte ihm darauf Selbstverstümmelung unterstellt!) und mindestens zwei Rumänen von Vorarbeitern zusammengeschlagen worden waren.

Ich sprach auch mit vielen der Tierrechtler. Einige haben weniger die Arbeits- und Lebenssituation der Werksvertragsarbeiter im Blick, waren oft kam darüber informiert sondern sind fokussiert auf den Umgang mit Tieren, hier den Schweinen. Sie ließen sich aber doch beeindrucken, wenn man ihnen schilderte, daß die – meist rumänischen – Werksvertragsarbeiter in der Hierarchie der Lohnabhängigen in diesem Lande ganz unten stehen, in welchen Verhältnissen sie arbeiten und wohnen müssen. Einig war man sich dann in der Einstellung gegen die industrielle Landwirtschaft und der Schließung der Großschlachtereien. (DW)

 

Der Bericht der Kollegin Gabriele vom „Stützkreis“ in Kellinghusen:

Moin,

es waren gestern knapp 200 Tierrechtsaktivisten, Bürgerinitiativenmitglieder, Politiker und tönnieskritische Bürger vor dem Schlachthof. Und damit waren es weit mehr als Besucher, die in erster Linie aus Mitarbeitern (Rumänische Familien,  Fahrer etc. ) und Geschäftspartnern bestand. An den Begehungen des Schlachthofs nahmen viele kritische Bürger,  grüne Politiker der LAG Mensch und Tier und Tierrechtsaktivisten teil. Entsprechend wurden unbequeme Fragen gestellt, die nur mangelhaft und/oder nicht zufriedenstellend beantwortet wurden.

Das Tierleid wurde sogar offen zugegeben und die Schuld dem Verbraucher zugeschoben, der ja Billigfleisch haben will. Ich könnte noch endlos über die Eindrücke und das beklemmende Gefühl der Menschen,  die sich das Schlachthaus angesehen haben berichten. Für ALLE war dieser Ort als Arbeitsplatz unvorstellbar.

Ich habe mit sehr vielen Menschen,  die die Begehung gemacht haben gesprochen.

Eine junge Frau bekam einen Weinkrampf, eine andere bekam Atemnot in der Betäubungshalle aufgrund der Luft dort und drohte ohnmächtig zu werden. Die meisten waren sprachlos und geschockt.

Die Tatsache,  dass mehr Menschen VOR dem Schlachthof standen als auf dem Gelände waren, ist bezeichnend und lässt mich hoffen. Bleiben wir dran…..

Wichtig ist, dass sich die Interessengruppen der Menschenrechtler,  Gewerkschaften,  Tierrechtsaktivisten, Tier- und Umweltschützer und Bürgerinitiativen aller Art zusammen schließen und gemeinsam kämpfen bis sich endlich die Politik bewegt und den gesetzlichen Rahmen schafft, damit diese ganzen Verfehlungen der Tierindustrie ausgemerzt werden (können). Bei Tönnies (stellvertretend für die gesamte Fleischindustrie) wird sich NIE freiwillig etwas ändern. Das ist mein persönliches Resümee der letzten 1,5 Jahre. Dies geht nur mit zügig verabschiedeten Gesetzen und den entsprechenden Kontrollen, ob diese denn auch eingehalten werden.

In diesem Sinne

Herzliche Grüße

Gabriele Piachnow-Schmidt
https://gewerkschaftslinke.hamburg/2019/09/08/sommerfest-mit-kinderbelustigung-auf-dem-schlachthof/
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Fritz Linow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #55 am: 12:54:05 Di. 10.September 2019 »
#FREITAG13 gegen Tönnies. Mobi-Video zum Aktionstag 13. September 2019:
https://www.youtube.com/watch?v=Qe75i6xwu1E

ManOfConstantSorrow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #56 am: 10:01:13 Fr. 13.September 2019 »
Zitat
Aktionstag gegen Tönnies in Rheda-Wiedenbrück

    Aktivisten kritisieren Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt
    Fridays for Future und Bund-OWL beteiligt
    Kundgebung und Proteste geplant

Um auf vermeintliche Missstände beim Schlacht- und Fleischverarbeitungsunternehmen Tönnies aufmerksam zu machen, gibt es am Freitag (13.09.2019) eine bundesweite Aktion des Vereins "Aktion gegen Arbeitsunrecht". Am Nachmittag ist in Rheda-Wiedenbrück eine Kundgebung mit Protestmarsch zum Schlachthof geplant.
Forderungen der Aktivisten

Anlass der Aktion ist der vermeintliche Unglückstag Freitag, der 13. Die Aktivisten werfen Tönnies unter anderem die "brutale Ausbeutung von Mensch, Tier und Umwelt durch Werkverträge, Lohndumping oder Massenschlachtung" vor. Sie fordern die Abschaffung von Werkverträgen und die Einschränkung von Fleisch-Exporten und Tiertransporten.

Die Aktion in Rheda-Wiedenbrück ist unter anderem vom Bündnis gegen die Tönnies-Erweiterung organisiert. Auch Fridays for Future und der BUND-OWL stehen hinter der Aktion. Weitere Proteste sind vor Supermärkten in Paderborn und Bünde sowie in Köln und 21 weiteren Städten geplant.

Nach Angaben der Veranstalter geht das Unternehmen juristisch gegen die Behauptungen der Aktivisten vor.
https://www1.wdr.de/nachrichten/westfalen-lippe/toennies-rheda-wiedenbrueck-aktion-gegen-arbeitsunrecht-protest-100.html
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Fritz Linow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #57 am: 11:13:45 So. 15.September 2019 »

Nikita

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Das System Tönnies muss gestoppt werden!
« Antwort #58 am: 13:15:15 So. 15.September 2019 »
Großartige Aktion! Richtig Klasse in 35 Städten und Clemens Tönnies bekommt kein Bein auf den Boden mit seiner zwielichtigen Anwaltstruppe.

Tönnies Unternehmen behauptet, sie haben einstweilige Verfügungen gegen Arbeitsunrecht eingereicht, da sie nicht gesprächsbereit waren. Arbeitsunrecht geht von einer Lüge aus, da kein Gesprächsangebot vorliege. Es existiert eine Pressemitteilung der Tönnies Holding, die keine Substanz bietet. Im Wesentlichen findet der Pressesprecher Dr. André Vielstädte das eigene Unternehmen toll und spricht es von Anschuldigen frei.
Link Pressemitteilung


Rede "Das System Tönnies muss gestoppt werden!" von Werner Rügemer zum Aktionstag, #Freitag13. September 2019
Link Das System Tönnies muss gestoppt werden!

Nikita

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #59 am: 15:11:19 So. 15.September 2019 »