Autor Thema: Billiglöhne im Schlachthof  (Gelesen 47690 mal)

Fritz Linow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #120 am: 23:03:46 Fr. 06.November 2020 »
Ein weiterer Artikel mit Schranke zur körperlichen Züchtigung in der holländischen Fleischindustrie:
Zitat
Der Rumäne, der in Schijndel von einem Manager seiner Arbeitsagentur misshandelt wurde, sagte, er sei getroffen worden, weil er an diesem Tag nicht arbeiten wollte. Ein Video über den groben Missbrauch sorgt im Fleischsektor und darüber hinaus für viel Aufregung.
https://www.ed.nl/brabant/mishandelde-arbeidsmigrant-in-elkaar-geslagen-omdat-ik-niet-wilde-werken~a422a297/

Der Einsatzbetrieb ist Vion, bei dem ebenfalls nun in Bayern...

Zitat
...Im Schlachthof Furth im Wald, der zum Konzern Vion Food Group gehört, ruht der Betrieb seit Dienstag weitgehend. Hintergrund sind mehrere aufgetretene Corona-Fälle. Das hat der Geschäftsführer Markus Fischer dem BR auf Anfrage bestätigt....
https://www.br.de/nachrichten/bayern/mehrere-corona-faelle-further-schlachthof-ausser-betrieb,SFMMPDh

Diese Mafiamethoden dürften überall gleich sein, weil die Sklavenzulieferer im Moment unter enormen Druck stehen. Gleichzeitig funktioniert die Lobby zwischen CDU/CSU und den Fleischbaronen anscheinend ziemlich gut. Wir sind wieder bei den Union Stock Yards.
https://de.wikipedia.org/wiki/Union_Stock_Yards

Nikita

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Sklaven bei Tönnies
« Antwort #121 am: 12:35:41 Fr. 13.November 2020 »
Schuften im Schlachthof
Rumänen in Deutschland, Asiaten in Rumänien

https://www.arte.tv/de/videos/098419-002-A/re-schuften-im-schlachthof/

ArbeiterInnen berichten von menschenunwürdigen Bedingungen in Tönnies Schlachthöfen. Sie sprechen von Sklaverei, Erpressung und werden nicht wieder zu Tönnies zurückgehen. "Die Tiere werden dort mehr respektiert als die Menschen." "Wenn die Journalisten und Behörden nicht wären, würde Tönnies niemand aufhalten."

"Die Arbeit ist hart, oft ekelhaft und durch Corona sogar gefährlich – und trotzdem kommen zig-tausende Rumänen nach Deutschland oder Frankreich, um in der Fleischbranche oder bei der Ernte ihr Geld zu verdienen. Warum tun sie sich das an, warum ist die Fremde oft der einzige Ausweg – und wer macht die Arbeit in Rumänien? Asiaten füllen die Lücken. Eine Spirale der Verzweiflung.

Das Dorf Goreni liegt im rumänischen Transsilvanien. Hier gibt es außer Landwirtschaft kaum Jobs. Die meisten gehen daher zum Arbeiten nach Westeuropa. So wie Elisabeta, die in Deutschland Erdbeeren pflückt. Ihr Mann Zlotan ist Schweißer in Frankreich. Sohn Paul war bis März Schichtarbeiter bei Tönnies und will jetzt wieder zurück – obwohl sich seine Tante und sein Onkel genau bei diesem Fleischkonzern mit Covid-19 infiziert haben und im Moment in Deutschland in Quarantäne sind. Elisabeta bereitet das große Sorgen. Gerade erst wurde die 54-Jährige in Deutschland um einen großen Teil ihres Lohnes betrogen. Dennoch, irgendwie muss die Familie Geld verdienen, sonst kommen sie nicht durch. Seit dem EU-Beitritt Rumäniens sind die Preise explodiert und gerade Lebensmittel oft sogar noch teurer als in Deutschland. Doch ein Viertel aller Rumänen sind als Kleinbauern tätig. Gerade sie kommen nicht über die Runden. Vier Millionen Rumänen arbeiten daher im Ausland – das ist jeder fünfte – darunter viele junge Erwachsene, wie Elisabetas 20-jähriger Sohn Paul. Die Folge der Arbeiterkarawane nach Westeuropa erlebt man in Cluj, Nordrumänien: Vasile, der Betreiber einer Hamburger-Restaurantkette, sucht händeringend Arbeitskräfte. Doch kein Rumäne will für das Geld, das er zahlen kann, arbeiten. Und so hat er 13 Männer aus Sri Lanka angeworben. Auch in der Fleischfabrik in Cluj arbeiten Asiaten, die dort für wenig Lohn Därme reinigen und Fleisch zerlegen. Über 30.000 Visa hat Rumänien – trotz der Coronakrise – allein im Jahr 2020 für Arbeiter aus asiatischen Ländern ausgestellt."

Fritz Linow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #122 am: 00:05:50 Sa. 21.November 2020 »
Zitat
20.11.20
Der Fall Sabine T. – Wie Tönnies eine mögliche Whistleblowerin umgarnen wollte

Die Fleischlobby hat schärfere Regeln vorerst abgewendet. Schlachtkonzerne wie Tönnies wollen daher Negativschlagzeilen vermeiden – mit hohem Einsatz.

Der Anruf kam an einem Abend im August, die Anruferin klang verzweifelt. Sie und ihr achtjähriger Sohn würden bedroht, sagte Sabine T.* mit zitternder Stimme. Ihr Chef habe soeben versucht, sie anzugreifen. Das für den nächsten Tag geplante Treffen mit dem Handelsblatt müsse sie absagen.

Sabine T. wollte auspacken. Über ihren Chef und die Firma FS Fleischservice aus Werpeloh, die Arbeiter für das Tönnies-Werk Sögel nahe Meppen besorgte – jenen Schlachthof, den Behörden zwei Monate später wegen eines Corona-Ausbruchs vorübergehend geschlossen haben. FS, so hatte Sabine T. es geschildert, habe falsche Gesundheitszeugnisse für seine Arbeiter vorgelegt. Ihr Chef bestreitet das.

Doch zum Auspacken kam es erst Monate später. Zunächst sagte Sabine T. ab. Die Firma Tönnies kümmere sich nun um sie, habe ihr Sicherheitsleute vor die Tür gestellt und bezahle auch ihren Anwalt. „Außerdem habe ich ein Jobangebot als Integrationsbeauftragte für Tönnies bekommen“, schrieb sie über WhatsApp.

Zwei Monate lang stand Sabine T. im Austausch mit Tönnies-Geschäftsführer Frank Duffe und Chefjustiziar Martin Bocklage. Das belegen E-Mails und Textnachrichten. Die Manager sprachen ihr Mut zu, Duffe bezeichnete ihren Ex-Chef als „Verbrecher“. Und als sie sich für den Personenschutz bedankte, versprach Hausjurist Bocklage: „Wir bleiben an ihrer Seite.“

Man könnte das nett finden. Aufmerksam, zugewandt, hilfsbereit. Doch Recherchen des Handelsblatts legen nahe, dass es den einflussreichen Tönnies-Verantwortlichen weniger um Fürsorge gegangen sein könnte als vielmehr darum, eine mögliche Whistleblowerin ruhigzustellen. Denn was Sabine T. zu erzählen hatte, könnte die gesamte Branche in Verruf bringen.

Die Fleischindustrie steht unter Druck. Der Corona-Massenausbruch im Tönnies-Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück hat ein Schlaglicht auf die miserablen Bedingungen osteuropäischer Arbeiter in der Branche geworfen.

Erst kürzlich brachte eine Razzia der Bundespolizei ans Licht, dass Schleuserbanden Scheinstudenten an Schlachthöfe vermittelt haben. So waren angebliche Studenten aus Rumänien, die in einem Tönnies-Werk in Weißenfels schufteten, in Wahrheit illegal eingereiste Weißrussen und Ukrainer.

Auch die Politik sitzt der Branche im Nacken. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte im Juli einen Gesetzentwurf vorgelegt, der härtere Regeln vorsieht. Zwar hat die Fleischlobby es geschafft, diese Initiative vorerst zu stoppen. Doch die Situation bleibt angespannt. Umso wichtiger ist es für Schlachtkonzerne wie Tönnies, nicht mehr unangenehm aufzufallen. Sabine T. bekam das zu spüren.

Sie half FS Fleischservice sieben Monate lang, falsche Gesundheitszeugnisse für die Arbeiter auszustellen. Gesundheitszeugnisse sind notwendig, um in einem Schlachthof arbeiten zu können. Wegen des Coronavirus können Arbeiter die Hygieneschulung derzeit auch online absolvieren. Alles, was dafür benötigt wird, ist ein Personalausweis.

Dem Handelsblatt liegen Text- und Sprachnachrichten von Sabine T.s Chef vor. Sie zeigen, dass er Sabine T. die Pässe rumänischer Arbeiter zuschickte und sie aufforderte, sich um die Zeugnisse zu kümmern.

Sabine T. sagt, sie habe in seinem Auftrag Belehrungen und Tests für etwa 200 Frauen und Männer absolviert, die später bei der Tönnies-Tochter Weidemark eingesetzt wurden. FS streitet das ab. Wenn Gesundheitszeugnisse in rechtlich unzulässiger Weise ausgestellt worden seien, dann „nicht auf Anordnung oder mit Billigung oder gar in Kenntnis meiner Mandantin“, teilte ein Anwalt mit. Tönnies wollte sich nicht offiziell äußern.
Branche kann Skandale nicht vermeiden

Im August eskalierte die Situation. Bei Sabine T. meldeten sich Arbeiter, weil es Probleme mit ihrer Bezahlung und Unterbringung gab. Die informierte eine Beratungsstelle für Arbeitsmigranten, die wiederum die Gemeinde und Tönnies einschaltete. Eine Unterkunft wurde umgehend geräumt.

Bei einem Termin vor Ort tauchte auch der Vorgesetzte von Sabine T. auf. Er soll noch vor den Augen der ebenfalls anwesenden Tönnies-Verantwortlichen versucht haben, auf die Frau loszugehen. Sein Anwalt spricht von einer nur „verbalen Auseinandersetzung“.

Für Tönnies war der Vorfall heikel. Die Diskussion um das von Arbeitsminister Heil geplante Verbot von Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischbranche lief damals auf Hochtouren. Das Letzte, was der Konzern gebrauchen konnte, war ein weiterer Skandal um einen Subunternehmer.

Das wurde auch Sabine T. an diesem Abend klar, als ein Tönnies-Vertreter ihr sein Handy gab. Am anderen Ende der Leitung: Geschäftsführer Duffe, verantwortlich für die Sparte Schweinefleisch. „Er stellte sich als derjenige vor, der direkt nach Clemens Tönnies kommt“, sagt Sabine T.

Duffe habe ihr am Telefon gesagt, man werde sie unterstützen – finanziell und sozial. Schon für den nächsten Tag vereinbarte er ein Treffen mit Sabine T. und Tönnies-Chefjustiziar Bocklage. Die Zusammenarbeit mit FS beendete der Konzern umgehend.

Wieso kümmern sich zwei so hochrangige Manager um eine kleine Angestellte? Ermittler, die sich in der Branche auskennen, vermuten dahinter einen ihnen bekannten Trick. „Wird ein Subunternehmer auffällig oder will jemand auspacken, versuchen sich die betroffenen Unternehmen in die Verfahren einzumischen, auch auf juristischem Weg“, sagt ein Fahnder. Das häufige Ziel: Einsicht in die Akten zu erhalten und mögliche Whistleblower auszuhorchen.
Immer wieder vertröstet

Neben dem Bereitstellen von Sicherheitsleuten hätten Duffe und Bocklage ihr auch den Job als Integrationsbeauftragte versprochen, sagt Sabine T. Tönnies will das nicht offiziell kommentieren. Justiziar Bocklage schrieb ihr aber noch am Tag des Treffens bei WhatsApp: „Danke für das Gespräch. Auf eine bessere Zukunft.“

Drei Tage später bestellte er Sabine T. nach Sögel. Er plane eine Versammlung mit den FS-Mitarbeitern, die Tönnies inzwischen bei einem anderen Subunternehmen untergebracht hatte. „Sie meinten zu ihnen, dass ich weiterhin für sie da sein werde – als Integrationsbeauftragte für Tönnies“, erzählt Sabine T. Ein Arbeiter bestätigt das. Tönnies will sich auch hierzu nicht offiziell äußern.

Mit ihrem Chef, der ihr mittlerweile gekündigt hatte, stritt Sabine T. derweil vor Gericht. Die Kosten für den Juristen übernahm laut Sabine T. Tönnies. Der Anwalt, der ihre Interessen vertreten sollte, arbeitete fortan auch für den Schlachtkonzern, weil der sich ebenfalls von FS Fleischservice betrogen sah.

Der Jurist arbeitete eng mit Bocklage zusammen. Als seine Mandantin einen Brief vom Anwalt ihres Ex-Chefs bekam, schrieb ihr der Tönnies-Justiziar: „Senden Sie das mal. Ich bespreche am Montag mit Ihrem Anwalt die passende Antwort.“

Lag darin nicht ein erkennbarer Interessenkonflikt? Weder der Jurist noch Tönnies wollen sich dazu offiziell äußern. Beide Seiten hätten Sabine T. allerdings gemahnt, nicht mit der Presse zu sprechen.

Das tat sie lange Zeit auch nicht – bis Duffe und Bocklage abtauchten. Sabine T. fühlte sich ausgenutzt. Zweimal hakte sie wegen ihres Jobs nach, doch zweimal wurde sie vertröstet. Ende September schrieb der Justiziar: „Moin!! Bin dran und habe Termin deswegen im Büro noch diese Woche!!“ Dann verstummte der Chat ganz.
https://www.handelsblatt.com/unternehmen/handel-konsumgueter/fleischbranche-der-fall-sabine-t-wie-toennies-eine-moegliche-whistleblowerin-umgarnen-wollte/26629570.html?

Fritz Linow

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Re: Billiglöhne im Schlachthof
« Antwort #123 am: 03:46:21 Mi. 25.November 2020 »
Zitat
14.11.20
Als Danish Crown nach Husum in Schleswig-Holstein kam

Die Gewerkschaft NGG in Schleswig-Holstein unter der Leitung von Geschäftsführer Finn Petersen kann eine traurige Geschichte erzählen. Über dänische Schlachthofbosse, die aus dem Norden kamen und den schnellstmöglichen Gewinn erzielten und eine gewerkschaftsfeindliche Politik verfolgten.
(...)
Pressesprecher der dänischen Krone Jens Hansen bestätigte, dass der spürbare Lohnunterschied zwischen Dänemark und Deutschland entscheidend sei und eine Annäherung an dänische Standards für den Schlachthof negativ wäre. Deutschland ist ein Niedriglohnland und "Wir halten uns an das Gesetz, aber wenn sich die Rahmenbedingungen ändern, ist Husum für uns möglicherweise nicht mehr interessant".

Die Danish Crown behandelt Deutschland fast als Entwicklungsland mit Zugang zu billigen Arbeitskräften ohne Gewerkschaften. Es wird auch als "Systematic Union Busting" bezeichnet.
(...)
https://gylle.dk/da-danish-crown-kom-til-husum-i-slesvig-holsten/ (googleübersetzt)