Autor Thema: Bodenpersonal  (Gelesen 10086 mal)

Kuddel

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #45 am: 09:24:47 Mi. 03.März 2021 »
Zitat
Busfahrer in London solidarisieren sich mit den WISAG-Flughafenarbeitern in Deutschland
https://www.wsws.org/de/articles/2021/03/02/lond-m02.html

Kuddel

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #46 am: 14:42:35 Mi. 03.März 2021 »
Es gibt eine Fülle an türkischsprachigem Material zu dieser Auseinandersetzung.

Googleübersetzt:
Zitat
Der Widerstand der türkischen Arbeiter in Deutschland hält an



Arbeitnehmer, die vor etwa fünf Monaten in Frankfurt entlassen und für den Übergang zu einem Subunternehmer verurteilt wurden, haben vor der WISAG-Firma Maßnahmen ergriffen.


(...) Von 230 Arbeitern, von denen die meisten Türken waren, marschierten diejenigen, die an dem Protest teilnahmen, mit Slogans wie "Wir wollen unseren Arbeitsplatz zurück, den Sie uns gestohlen haben", "Weiter Widerstand leisten", (...)"Nein zur Boss-Tyrannei". (...)
https://www.arti49.com/almanyada-turk-iscilerin-direnisi-suruyor-2350387h.htm

Zitat
(...) Die Arbeiter können nach ihrer Entlassung nicht die notwendige Unterstützung von ihrer Verdi-Gewerkschaft erhalten und bemühen sich, ihre Stimme mit verschiedenen Aktionen zu Gehör zu bringen, wobei die Medien und die im Landtag vertretenen Parteien uninteressiert bleiben.

WISAG-Mitarbeiter, die seit Monaten vor dem Frankfurter Flughafen protestieren, versuchen mit einem Hungerstreik am Flughafen auf sich aufmerksam zu machen, wenn sie nach Gerichtsverfahren keine Ergebnisse aus ihren Aktionen in der Innenstadt erhalten.

Kurz vor den Landtagswahlen versprachen Vertreter von Oppositionsparteien, die sich vor dem Hungerstreik mit Arbeitern getroffen hatten, das Thema auf die parlamentarische Tagesordnung zu setzen. Mit diesen Entwicklungen in den Medien tauchen seit kurzem Nachrichten über die hungerstreikenden Arbeiter auf. (...)

Der Widerstand der WISAG-Beschäftigten hat es Arbeitnehmern, die für andere Unternehmen an verschiedenen Standorten am Frankfurter Flughafen arbeiten, ermöglicht, ähnliche Probleme laut auszusprechen.

Die Delegationen, bestehend aus Arbeitnehmern und Vertretern am Arbeitsplatz, die den Hungerstreik am Terminal 1 des Frankfurter Flughafens besuchten, erklärten, sie hätten ähnliche Probleme und seien solidarisch wie Flughafenarbeiter und betonten, dass sie sich zusammenschließen wollten.

In seiner Rede erinnerte der Opel-Arbeiter Metin Yıldız, der den Hungerstreik unterstützte, daran, dass die Behörden in dem Teil, in dem der Streik aufgrund der Pandemie stattfand, nicht mehr als 30 Besucher zugelassen hätten, und betonte, dass sie einen Job machten, der nicht sein sollte unterschätzt, da viele Leute in Gruppen zu Besuch kamen und sich auch die Medien bewegten.

"Es besteht keine Notwendigkeit für Pessimismus, was wir tun, ist nicht umsonst", sagte Yıldız und fügte hinzu, dass der Kampf unter Beteiligung anderer Arbeiter, die die gleichen Probleme haben, auf ein höheres Niveau gebracht werden sollte. Er kündigte auch an, dass sie eine Aktion planen, um ihre Rechte vor dem hessischen Parlament geltend zu machen, unter Beteiligung anderer Flughafenangestellter, die in den kommenden Tagen ähnliche Probleme hatten. (...)
https://sol.org.tr/haber/wisag-iscilerinin-aclik-grevine-destek-ziyareti-26939

Es ist beeindruckend, wie sich ein Arbeitskampf entwickeln kann, wenn er nicht unter der Kontrolle des DGB steht. Es spielen verschiedendste linke Gruppen als Unterstützer eine Rolle. Es scheinen auch migrantische Netzwerke und Strukturen, die wir nicht auf dem Zettel haben, eine große Bedeutung zu haben.

Besonders gut gefällt mir, daß man versucht auch andere Flughafenbeschäftigte mit einzubeziehen und die Unterstützung von Arbeitern anderer Betriebe sucht.

Kuddel

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #47 am: 20:21:01 Sa. 06.März 2021 »
Die FR hinkt völlig hinterher und staunt, daß es einen Arbeitskampf bei WISAG und einen Hungerstreik gibt:
https://www.fr.de/frankfurt/frankfurt-flughafen-corona-wisag-hungerstreik-kuendigung-protest-klage-mitarbeiter-zr-90230266.html

Fritz Linow

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #48 am: 20:31:22 Sa. 06.März 2021 »
FR hat den Artikel von der fnp von gestern einfach übernommen. Diese einseitige Übernahme der Position von wisag ist ein journalistisches Trauerspiel.

Fritz Linow

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #49 am: 19:58:06 Mo. 08.März 2021 »
Es gibt nun eine Aktualisierung des Artikels in der fnp, demnächst wohl auch fr:
Zitat
8.3.21
(...)
Einige der gekündigten Mitarbeitenden veranstalteten in der vergangenen Woche einen Hungerstreik im Terminal 1, Halle A des Frankfurter Flughafens, um gegen ihre Entlassung zu protestieren. Sie werfen der Firma Wisag vor, die Corona-Pandemie werde nur als Vorwand genutzt, um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit alten Arbeitsverträgen „loszuwerden“ und sie durch „billigere Kräfte“ von Leiharbeitsfirmen zu ersetzen. Das berichtet ein Betroffener unserer Redaktion. Bis zur Entlassung am 17. Dezember 2020 hatte er bereits mehr als 20 Jahre für die Wisag gearbeitet.
(...)
Die Wisag betonte in einer Pressemitteilung, dass sie den betroffenen Angestellten im November 2020 einen Sozialplan angeboten habe, „um die Folgen der Kündigung im Rahmen des Möglichen abzumildern“. Dieser sei vom Betriebsrat der beiden Gesellschaften abgelehnt worden. Der Mann berichtet nun, die entlassenen Mitarbeiter hätten weder über den Betriebsrat, noch über die Gewerkschaft Ver.di je von diesem Sozialplan erfahren. Stattdessen sollen den Entlassenen nach jahrzehntelanger Arbeit lediglich Abfindungen zwischen 3500 und 4000 Euro angeboten worden sein. „Ein Witz“, sagt Gekündigte.
Der Mitarbeiter beklagt zudem, dass es keinerlei Gespräche zwischen der Wisag-Geschäftsführung und den entlassenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gegeben habe. „Wir Mitarbeiter mussten diesen Weg zum Hungerstreik gehen, weil Firmeninhaber Claus Wisser sich nach sieben Demonstrationen nicht ein einziges Mal an uns gerichtet hat“, erklärt der ehemalige Mitarbeiter weiter. Die Industriegewerkschaft für Arbeitnehmer im Luftverkehr (IGL) habe sich nicht von dem Hungerstreik der einzelnen Wisag-Mitarbeiter distanziert, sie aber auch nicht zu diesem Schritt ermutigt.
(...)
https://www.fnp.de/frankfurt/frankfurt-flughafen-corona-jobs-entlassungen-wisag-hungerstreik-kuendigung-klage-mitarbeiter-kritik-news-zr-90230266.html

Fritz Linow

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #50 am: 14:12:32 Do. 11.März 2021 »
Heute vor dem Hauptgebäude von wisag:


Kuddel

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #51 am: 14:55:45 Do. 11.März 2021 »
Wow! Dieses Durchhaltevermögen!
Das Zugehen auf Kollegen anderer Betriebe!
Einfach vorbildlich!


https://www.unsere-zeit.de/hungerstreik-bei-wisag-143198/


Britische und türkische Aktionskomitees für sichere Bildung unterstützen Kampf der WISAG-Arbeiter am Frankfurter Flughafen

Zitat
Diese Arbeiter widersetzen sich in ihrem Kampf gegen Entlassungen, Lohnraub und diskriminierende Arbeitsbedingungen, die unter dem Vorwand der Pandemie verhängt werden, den Gewerkschaften, welche die WISAG-Beschäftigten im Stich gelassen, von der breiteren deutschen Arbeiterklasse isoliert und einige von ihnen dazu getrieben haben, aus Protest gegen diese Behandlung in den Hungerstreik zu treten.

Die Ereignisse bei der WISAG bestätigen die Notwendigkeit für Arbeiter, von den Gewerkschaften unabhängige Aktionskomitees aufzubauen, um ihre Interessen zu verteidigen.

Wir verpflichten uns, den Kampf der WISAG-Arbeiter öffentlich bekannt zu machen. Wir fordern die Lehrer, Erzieher und alle Arbeiter auf, Grußbotschaften zur Unterstützung der Streikenden zu senden und für den Aufbau von Aktionskomitees in ihren eigenen Betrieben zu kämpfen. Dies ist Bestandteil des Kampfs zur Vereinigung der europäischen und internationalen Arbeiterklasse.
Educators Rank-and-File Safety Committee (UK)
Güvenli Eğitim İçin Taban Komitesi (Türkiye)

Weitere Solierklärungen aus UK: https://www.wsws.org/de/articles/2021/03/10/soli-m10.html

Die beharrlichen Aktivitäten der WISAG Arbeiter schaffen es nur selten in die bürgerlichen Medien:
https://www.da-imnetz.de/hessen/frankfurt-flughafen-corona-jobs-entlassungen-wisag-hungerstreik-kuendigung-klage-mitarbeiter-kritik-news-zr-90230266.html

 

Fritz Linow

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #52 am: 21:28:56 Do. 11.März 2021 »

Fritz Linow

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #53 am: 13:15:57 Mo. 15.März 2021 »

Fritz Linow

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #54 am: 21:37:19 Mo. 15.März 2021 »
Nach dem informativen Bericht "Stoffwindel oder Wegwerfwindel?" geht es bei ZDF-wiso vom 15.3.21 ab Minute 17 um den Arbeitskampf der verarschten Wisag-Beschäftigten:
https://www.zdf.de/verbraucher/wiso/wiso-vom-15-maerz-2021-100.html

(für jungewelt, nd und labournet ist es wohl nicht fein genug.)

Kuddel

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #55 am: 18:47:56 Di. 16.März 2021 »
Zitat
Neue Entlassungen bei WISAG am Frankfurter Flughafen

Seit drei Monaten kämpft eine Gruppe von Bodenarbeitern am Frankfurter Flughafen gegen ihre Entlassung durch den Dienstleister WISAG. Mit bisher acht Demonstrationen und Kundgebungen und einem acht Tage währenden Hungerstreik haben sich diese Arbeiter unter dem Motto, „Heute wir – morgen ihr!“ an ihre Kollegen gewandt und ihren Kampf in der Öffentlichkeit bekannt gemacht.

Die Antwort des WISAG-Konzerns, der am Rhein-Main Airport Maschinen abfertigt, besteht in noch brutaleren Entlassungen: Anfang März wurden über 30 weitere langjährige Mitarbeiter, darunter Schwerbehinderte, auf Ende Juni 2021 gekündigt. Dies wurde am 11. März bekannt, als die Arbeiter sich zu einer weiteren Kundgebung vor der Zentrale des WISAG-Konzerns in der Frankfurter Bürostadt Niederrad versammelten.

weiter:https://www.wsws.org/de/articles/2021/03/15/wisa-m15.html


WISAG-Demo in Wiesbaden: Wo war die Landesregierung? Im Landtag nur Ausflüchte von Klose. Wann kommen die versprochenen Hilfen vom Bund?
https://twitter.com/stefan_naas_fdp/status/1371821042172272641?s=20

Kuddel

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #56 am: 10:30:31 So. 28.März 2021 »
Der Kampf der WISAG-Arbeiter*innen geht weiter. "Die Flughafen-Bodenarbeiter, die am Dienstag vor der verdi-Zentrale in Frankfurt demonstrierten [...] klagten [...] lautstark die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi an, die sie im Stich gelassen hat."



Zitat
Protest der WISAG-Arbeiter vor Verdi-Zentrale zeigt Bankrott der Gewerkschaften

Die Flughafen-Bodenarbeiter, die am Dienstag vor der Verdi-Zentrale in Frankfurt am Main demonstrierten, trugen einen schwarzen Totenkranz. Sie waren vor drei Monaten vom WISAG-Konzern willkürlich entlassen worden. Nun klagten sie lautstark die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi an, die sie im Stich gelassen hat. „Wir kämpfen um unsere Arbeitsplätze und unsere Rechte – aber wo war Verdi die ganze Zeit?“, rief Riza Kodak, ein Sprecher der Gruppe.

Der zuständige Verdi-Sekretär ließ sich entschuldigen. Nicht überraschend, hatte Verdi den WISAG-Arbeitern nichts zu sagen.

Der Totenkranz ist das passende Symbol für die Gewerkschaften insgesamt in der heutigen Zeit: Verdi, IG Metall und Co. sind als Interessenvertreter der Arbeiterklasse gestorben. Sie stehen mit beiden Beinen auf der Seite der Konzerne und verteidigen das kapitalistische Profitsystem. Sie werden von den Unternehmen fürstlich dafür bezahlt, dass sie in den Betrieben die Rolle einer Art Betriebspolizei übernehmen und die Opposition der Arbeiter gegen Lohnkürzungen und Entlassungen in die Sackgasse nutzloser Trillerpfeifenproteste lenken. Der Palast der IG Metall neben dem DGB-Haus am Frankfurter Mainufer steht sinnbildlich dafür.

Die WISAG-Arbeiter haben die üble Rolle Verdis am eigenen Leib erfahren und der Gewerkschaft deshalb zurecht den Rücken gekehrt. Doch es reicht nicht aus, mit der Organisation zu brechen und eine andere Gewerkschaft aufzubauen. Um ihre Arbeitsplätze und Löhne wirklich verteidigen zu können, müssen Arbeiter mit der ganzen gewerkschaftlichen Logik brechen. Die Gewerkschaften befürworten Massenentlassungen und Lohnkürzungen im Namen der Standortverteidigung und Gewinnsteigerung. Sie degradieren Arbeiter zu Bittstellern.

Das zeigt sich bei WISAG besonders deutlich. Einige Kollegen haben sich der IGL zugewandt, weil sie hoffen, dass die kleinere Gewerkschaft ihre Interessen eher vertritt als der Apparat von Verdi. Doch die Führung der IGL hat mehr als deutlich gemacht, dass sie nicht die Kumpanei Verdis mit den Unternehmen bekämpft, sondern die Stelle Verdis als gewerkschaftliche Kontrollinstanz übernehmen möchte. Sie wird von den Luftfahrtunternehmen bisher nur noch nicht akzeptiert.

Der stellvertretende Vorsitzende der IGL, Daniel Wollenberg, erklärte schon am 29. Januar in einer Videosendung, dass seine Gewerkschaft bereit wäre, empfindliche Angriffe auf die Arbeiter durchzusetzen, wenn WISAG sie denn als Verhandlungspartner akzeptieren würde.

„Wir sind keine Träumer. Wir sehen, was aktuell los ist: die Krise verschärft sich gerade nochmal und wir wissen alle nicht, wo die Reise hingeht“, erklärte er und fügte hinzu, dass die Kurzarbeit verlängert und die Entlassungen schließlich durch „befristete Teilzeitverträge“ ersetzt werden könnten. Dazu müsse WISAG mit dem IGL-Vorstand reden. „Wir wären bereit dazu“, so Wollenberg.

„Befristete Teilzeitverträge“ – das wäre eine noch üblere Lösung als die schäbigen befristeten Verträge, die WISAG einigen Arbeitern schon im Dezember als Ersatz für ihre bisherigen Arbeitsverträge angeboten hatte. Die Arbeiter hatten sie zurecht rundheraus abgelehnt.

Die IGL hat den Hungerstreik und die Proteste der WISAG-Arbeiter nie ernsthaft unterstützt. Sie richtete zwar vergebliche Bettelbriefe an Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) und Finanzminister Olaf Scholz (SPD), aber informierte nicht einmal die eigenen Mitglieder in andern Betrieben oder die WISAG-Arbeiter an anderen Standorten über den Arbeitskampf der Kollegen. Erst recht organisierte sie keine Solidaritätserklärungen oder -aktionen anderer Arbeiter. Stattdessen geht die Gewerkschaft aktiv gegen diejenigen vor, die einen wirklichen Kampf führen wollen.
(...)
https://www.wsws.org/de/articles/2021/03/26/wisa-m26.html

Fritz Linow

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #57 am: 12:47:17 So. 25.April 2021 »
Der Protest der Wisag-Beschäftigten am Frankfurter Flughafen läuft übrigens nachwievor weiter:


Fritz Linow

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #58 am: 13:44:46 Mi. 28.April 2021 »
Zitat
30.4.21 (?)
Wisag-Beschäftigte wehren sich gegen Lohndumping-System
Streik gegen Entlassung

Der Bodendienstleister Wisag ist am Rhein-Main-Airport in Frankfurt tätig. Das Unternehmen versucht in der Corona-Pandemie Entlassungen durchzusetzen. Die Beschäftigten wehren sich und machten unter anderem mit einem Hungerstreik deutlich, wie groß Wut und Verzweiflung über das Verhalten von Wisag bei ihnen sind. UZ sprach mit zwei von ihnen über ihren Kampf, darüber, wie Wisag mit den Beschäftigten umgeht, und über den Eigentümer des Unternehmens, Claus Wisser.

UZ: Ihr gehört zu insgesamt 260 Beschäftigten, die von Wisag entlassen wurden. Warum wurdet ihr entlassen?

Habip Bektas: Heute wissen wir, dass das von langer Hand geplant war. Wisag hat die Firma, bei der wir gearbeitet haben, 2017/18 übernommen. Der Manteltarifvertrag wurde gekündigt, Weihnachts- und Urlaubsgeld sollte gestrichen werden – das haben wir verhindert. Dann sollten 10-Stunden-Schichten gefahren werden. Außerdem versucht Wisag immer wieder, ehemalig Beschäftigte zu deutlich schlechteren Konditionen wieder einzustellen. Auch wenn man dann übernommen ist, geht das so weiter.

Wisag wollte die Busfahrer outsourcen, also in ein anderes Tochterunternehmen überführen. Das haben die Kollegen abgelehnt, weil die Verträge schlechter gewesen wären. Daraufhin wurden sie entlassen. So wird bei Wisag mit den Arbeitern umgegangen. Das waren aber nur die ersten Kündigungen.

Insgesamt ist auffällig, dass vor allem die älteren Beschäftigten, die viel Erfahrung haben und deswegen auch mehr Geld bekommen, gekündigt wurden. Es geht Wisag nur ums Geld.

UZ: Aber ist die Auftragslage wegen der Pandemie nicht auch wirklich schlecht?

Ertugrul Kurnaz: Ja und nein. Der Luftverkehr ist natürlich heruntergefahren. Aber kurz nach unserer Übernahme hat Wisag die Preise um circa 30 Prozent erhöht, da sind große Airlines natürlich auch wieder abgesprungen.

Aktuell haben wir bei Fracht und Cargo einen Anstieg von etwa 30 bis 50 Prozent wegen der ganzen Corona-Hilfslieferungen, wie zum Beispiel Masken. Hier gibt es Arbeit. Da ist auch pro Maschine viel mehr zu tun, weil jeder Karton einzeln getragen werden muss statt mit Förderbändern, weil auch Passagierflugzeuge genutzt werden. „Cabin Load“ heißt das.

Wisag nutzt die Pandemie und packt die Gelegenheit beim Schopf. Jetzt ist der beste Augenblick, um die Leute loszuwerden, denen man eh kündigen wollte. Nach der Pandemie wird man dann mit Leiharbeit die Arbeit wieder hochfahren.

Man könnte ja auch jetzt Kurzarbeit für uns beantragen, das geht noch mindestens bis Ende des Jahres. Das macht Wisag aber nicht. Das ergibt nur Sinn, wenn man schon plant, Leute rauszuschmeißen. Aus ihrer Sicht sind wir zu teuer.

UZ: Wisag hat den Gewinn von 2018 von 63 Millionen Euro auf fast 70 Millionen 2019 steigern können. 2020 lief sicherlich schlechter, aber Unternehmenseigentümer Claus Wisser besitzt eine knappe Milliarde Euro Privatvermögen, die er aus Wisag rausgezogen hat. Er betätigt sich auch gern als Förderer für Kunst und Kultur, ist SPD-Mitglied. Auf der Wisag-Homepage werden Tarifverträge und Mindestlohn hochgehalten. Für einen Kapitalisten klingt das doch ganz ordentlich …

Ertugrul Kurnaz: Natürlich hätte Wisser uns unterstützen können. Hat er aber nicht – und wir sind keine Bettler.

Wisser hätte von Anfang anders vorgehen, hätte mal mit uns sprechen können. Vielleicht wäre dann auch in diesen schwierigen Zeiten eine Einigung erzielt worden. Stattdessen hat er „Sanierer“ geholt – diese Leute sind für mich Schlächter. Ob Tier oder Mensch, das ist für diese Leute egal. Für die sind nur Zahlen wichtig.

Habip Bektas: Wisag hat, wie gesagt, eine Art Lohndumping-System etabliert. Man müsste sowas verbieten. Dieses System ist aber mehr oder weniger legal. Das hat der Gesetzgeber so zugelassen und es wird von der Regierung geduldet.

Die Angst wird unter den Arbeitern geschürt – so bekommen Wisag und Herr Wisser immer mehr Macht. Es ist die Arbeiterklasse, die diese Reichtümer schafft. Die Millionen vom Herrn Wisser, die sind nicht vom Himmel gefallen, die sind ja irgendwo hergekommen.

UZ: Manche Kollegen sind in den Hungerstreik getreten. Was hat sie zu diesem Schritt bewogen?

Ertugrul Kurnaz: Wir haben vorher vieles versucht, bis die Kollegen sich dazu entschlossen haben. Einen Hungerstreik macht man nicht aus Spaß. Vorher haben wir Demos gemacht, mit Betriebsrat und Gewerkschaft gesprochen, die Geschäftsleitung angeschrieben.

Letztendlich wurden wir nicht gehört. Es gibt nach wie vor keine Reaktion von Wisag. Was hätten wir sonst noch machen sollen?

Wir wollen gehört werden, wir wollen Lösungen suchen.

Habip Bektas: Wir haben bis heute nicht einmal eine Erklärung des Geschäftsführers zu der ganzen Sache. Aber auch die Medien ignorieren uns überwiegend. Erst mit dem Hungerstreik haben wir etwas Aufmerksamkeit erreichen können. Insofern war der Hungerstreik auch ein Erfolg, aber es ist bitter, dass wir zu diesem Mittel greifen mussten.

UZ: Wie geht es jetzt für euch weiter? Wie kann man euch unterstützen?

Ertugrul Kurnaz: Was hier und heute mit uns passiert, das droht morgen auch anderen.
Überall sind es die gleichen Sorgen – Existenzangst, Arbeitslosigkeit, Armut. Das ist das, was uns allen blühen wird, wenn wir nicht reagieren.

Ob wir bei der Lufthansa oder am Flughafen arbeiten, ob wir Arbeiter bei Siemens, BMW oder Audi sind – die ganze Arbeiterklasse muss aufwachen. Ohne uns gibt es die Konzerne nicht. Aber wir sind nur gemeinsam stark.

„Teile und herrsche“ ist der Motor ihres Reichtums. Wir müssen zusammenkommen und miteinander handeln. Nur so können wir die Abwärtsspirale stoppen.

Habip Bektas: Jeder sollte sich zwei Stunden am Tag oder in der Woche nehmen, um andere Kollegen zu unterstützen. Wir sind viele, wir könnten selbst die Politik in Bewegung bringen. Wir haben Macht und die müssen wir auf die Straße bringen und das werden wir am 1. Mai auch tun.

Wir haben gerade erst wieder vor dem Arbeitsgericht Frankfurt demonstriert und wir demonstrieren jeden Donnerstag im Terminal 1 am Flughafen – da kann man uns gerne unterstützen.

Wir sind auf einem guten Weg, dass sich Kollegen anderer Firmen vom Flughafen zu uns stellen und mitmachen. Das ist wichtig.

Aber unser Motor wird gerade erst so richtig warm, wir fangen gerade erst an. Es geht nicht nur um uns bei Wisag, sondern es geht um Arbeiterrechte überall.
https://www.unsere-zeit.de/streik-gegen-entlassung-145392/

Kuddel

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Re: Bodenpersonal
« Antwort #59 am: 18:39:46 Fr. 07.Mai 2021 »