Autor Thema: Die Bedeutung sozialer Bewegungen  (Gelesen 9878 mal)

Ferragus

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #30 am: 18:36:27 Do. 30.April 2020 »
Eine andere Seite der Sache. Hierzulande wird gerne von sozialen Bewegungen gesprochen, auch wenn gar keine vorhanden sind - Beispiel: Sind ein paar Demonstrationen gegen die Wohnungsnot, bei der Tausende am Wochenende durch eine unwirtliche Stadt latschen, schon eine Bewegung? Welche Maßstab wird da verwendet? Stichwort: Pseudo-Aktivität. Nicht wenige "Bewegungen" versanden und sind kurzatmig - vielleicht weil Organisations-Fragen und Bewusstseinsentwicklung zurückblieben oder weil die Institutionalisierung die Dynamik integrierte bzw. Karriere-Menschen ausgeliefert hat. Anderen gräbt man das Wasser ab, indem nicht mehr in den Massenmedien darüber geschrieben wird.

Kuddel

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #31 am: 20:06:45 Mi. 13.Mai 2020 »
Die Maßstäbe sind nicht unbedingt zahlenmäßig festzulegen. Auch kleine Bewegungen, selbst Scheinbewegungen, haben Einfluß.

Die Coronamaßnahmen sind unter skurillen Umständen entstanden und werden nicht minder skurril wieder zurückgenommen.

Die Chinesische Regierung hatte erst versucht, eventuelle Gefahren der Coronaepidemie zu verschweigen. Als der Whistleblower-Arzt  Dr. Li Wenliangn aus Wuhan (er postete bereits am 30. Dezember 2019 in sozialen Netzwerken Warnungen vor der Sars-ähnlichen Infektion.) gestorben ist, wurde die Chinesiche Regierung von der Wut ihrer Bevölkerung überrollt. Einer der mächtigsten Regierungen der Welt mit einem knallharten Überwachungs- und Repressionsapparat, sauste die Muffe. Trotz KI gesteuerter Internetüberwachung und zigtausenden Internetbullen flog ihr das Netz um die Ohren. Erst als der Staat mit rigorosen Maßnahmen auf Corona reagierte, ließ die Wut der Bevölkerung nach. Es ging noch weiter, die Regierung erfuhr starke Zustimmung für die knallharten Maßnahmen.

Das war ein drohendes Beispiel für die Fragilität der Macht und für temporär erfolgreiche Gegenmaßnahmen. Die Bundesregierung reagierte fix. Sie schnitt sich eine Scheibe von Xi Jinpings Maßnahmen ab und je autoritärer das Vorgehen, desto höher wurden und Umfragewerte für CDU/CSU.

Aber auch das ist kein Erfolgsrezept auf Dauer.

Jetzt kam es zu Protesten, die sehr, sehr überschaubar waren. Aber die brachten die bisherigen Regierungsstrategie ins Wanken. Es sind in erster Linie die Querfrontproteste, deren Zulauf ein Indiz ist, daß die Menschen das stay the fuck home nicht mehr aushalten. Es waren nur einige Tausend Menschen, aber die wachsenden Zahlen lehrten die Regierungsparteien das Fürchten.

Menschen gemeinsam auf der Straße, Bewegungen, die keine Massenbewegungen zu sein brauchen, können einen enormen politischen Einfluß haben. Deshalb gibt es die Bewegungen, die von Profis organisiert und von der Wirtschaft bezahlt werden. Es bringt wenig, dann gegen diese Menschen zu demonstrieren. Ich würde mir wünschen, es würde gelingen, die Menschen rechtzeitig in vernüftige Kämpfe mit sinnvollen Zielen einzubinden, dann wären sie immun gegen die professionellen Rattenfänger.


counselor

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #32 am: 01:54:35 Do. 14.Mai 2020 »
Klassenkampf vs Querdenken - linke Demonstrationen neu gedacht - die Linke 2.0
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Kuddel

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #33 am: 14:30:57 Do. 14.Mai 2020 »
Ich finde die ersten 12 Minuten des Videos ganz ok, die Kritik auch an linken Demos ist gerechtfertigt.
Es handelt sich um das Grundproblem, daß Linke sich oftmals für den Nabel der Welt halten und meinen, sie müßten gegen Staat und Kapital kämpfen, um die Welt zu verändern. Es muß aber die Klasse den Kampf führen, also ein Großteil der Bevölkerung und nicht dieser winzige linke Haufen. Dazu muß man diejenigen erreichen, die sich nicht unbedingt "links" fühlen. Da bin ich mit dem Videobeitrag noch einer Meinung.

Ich finde auch diese Partydemos einfach grauenhaft und zum Fremdschämen.

Aber die Vorschläge für "die Linke 2.0" :o find ich sehr befremdlich.
Klar kann man mal einen Medienevent inszenieren und das kann propagandistisch Sinn machen.
Aber dieses ganze Verkleiden, die militärische Ordnung, die Vorturner und die Choreographien, nö, nicht mit mir.
Das ist keine Protestform, das ist hippes mediales Gedödel. Ich hab das Video dann nicht mehr weitergeschaut.

counselor

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #34 am: 15:16:10 Do. 14.Mai 2020 »
Demonstrieren im Anzug in Formation wäre für mich auch ein Gräuel. Er hat aber Recht, wenn er unsere medialen Strategien kritisiert. Unsere Demonstrationen kommen meist weder in den Mainstreammedien, noch im Internet vor. Das heißt tatsächlich, es ist so, als ob die Demonstrationen nie stattgefunden hätten. Wir sollten uns daher in der Tat überlegen, ob wir unsere Demonstrationen filmen und ins Internet stellen.
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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #35 am: 15:30:36 Do. 14.Mai 2020 »
Das wird hier etwas OT.
Natürlich können wir über Optik und Inszenierung von Protesten reden, aber da sind wir gleich bei dem Thema Medienkritik. Wir müssen uns auch über eigene Medien Gedanken machen (zumal wir die taz an die Gegenseite verloren haben) und dürften uns nicht unser Protestverhalten von dem diktieren lassen, was die herrschenden Medien (inkl. Youtube) wollen.

Zitat
Wir sollten uns daher in der Tat überlegen, ob wir unsere Demonstrationen filmen und ins Internet stellen.
Sehr richtig!
Hier ist eine neue Diskussion nötig. Noch nie war die Gefahr so groß, von Linken aufs Maul zu kriegen, weil man auf einer Demo fotografiert oder filmt.

Kuddel

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #36 am: 10:35:58 Mo. 18.Mai 2020 »
Straßenproteste statt Onlinedemos
Zurück zur großen Bedeutung sozialer Bewegungen.
Wer Einfluß auf das Denken und Handeln der einfachen Menschen hat, hat die Macht, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern. Die Linken sind dabei, auf diesem Gebiet wiederholt zu verkacken.

Die Linken haben als aktuelle Modebegriffe "neue Klassenpolitik", "antikapitalistisch" oder "Klassenkampf", aber das bleiben leere Worthülsen, so lange sie kein wirkliches Interesse an Malochern und sozial Abgehängten haben. Man bewegt sich in der eigenen Subkultur und kommt nicht damit klar, daß die Klasse mit dieser Subkultur nichts zu tun haben will, sprachlich ruppig und völlig anders ist, bisweilen sexistisch, auch rassistisch. Tja, bei dieser Andersartigkeit betrachtet man die Prolls eher als Feinde und grenzt sich von ihnen ab. Man hat keinen Draht zu den Unterschichten, auch wenn man man selbst von Armut betroffen ist.

Die rechten Strategen wissen was sie tun. Die Milliardäre von Koch Industries schufen mit der Tea Party Bewegung ein Sammelbecken für Mittelschichtsmenschen mit Abstiegsängsten bis hin zu den sozial Abgehängten.

Die Rechten in Deutschland sind auch ziemlich auf Zack.
Sie reden nicht von "Klassenpolitik", sie praktizieren sie. Sie kümmern sich um Betriebsarbeit, sie gehen in die Schlüsselindustrien (u.a. Autobranche), um mit großem Aufwand dort eigene gewerkschaftliche Strukturen zu schaffen.

Die Linken kennen scheinbar nicht die Stimmungen und Bedürfnisse der einfachen Leute, die sozial immer mehr unter Druck geraten.

In Frankreich entstand auf dem Land eine diffuse Bewegung der Abgehängten. Deutsche Linke diagnostizierte die Bewegung als Protest autogeiler, tendenziell rechter Prolls, die für billigen Sprit kämpfen. Sie merkten nicht, daß sich mit der Gelbwestenbewegung der seit 1968 wichtigste Sozialprotest Frankreichs entwickelte, im dem die Rechten keine Rolle mehr spielen.

Eine entsprechende Stimmung entstand auch in der deutschen Pampa, wovon die deutschen Linken nichts spürten. Die Rechten waren jedoch zur Stelle und schufen mit Pegida Strukturen für die diffuse Wut. Sie bekamen so die Kontrolle über eine neue Bewegung.

Jetzt ist es wieder das Gleiche. Den Linken fehlte es an einer kritischen Distanz zu den staatlichen Coronamaßnahmen. Und man hatte kein Gefühl für den psychischen Druck und die sozialen Ängste der Menschen. Man war völlig aufgegangen in den Zahlen und Kurven der Coronapandemie.

Auch dieses Mal ist es den Rechten gelungen, der Unzufriedenheit eine Bühne zu bieten. Sie schaffen den organisatorischen Rahmen für die berechtigten Proteste und gewinnen die Kontrolle über sie.

Jetzt dagegen zu demonstrieren, ohne den Unzufriedenen einen besseren Protestrahmen zu bieten, wird keinen Erfolg haben.

counselor

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #37 am: 12:21:02 Mo. 18.Mai 2020 »
Der Zulauf zu den rechten Hygienedemos liegt aber auch daran, dass in den Medien breit über sie berichtet wird, während linke Aktionen totgeschwiegen werden.

Es wäre jetzt wichtig, mit den Teilnehmern dieser Demonstrationen zu diskutieren.
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Kuddel

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #38 am: 11:38:07 Fr. 29.Mai 2020 »
Für mich stellte Black Lives Matter die bedeutendste Bewegung in den USA der letzten 10 Jahre dar. Eine vielfältige und vielversprechende Bewegung. Doch sie ließ sich in die parlamentaristische Schiene lenken.
Zitat
#WhatMatters2020 is a campaign aimed to maximize the impact of the BLM movement by galvanizing BLM supporters and allies to the polls in the 2020 U.S Presidential Election...
https://blacklivesmatter.com/what-matters-2020/
Das hat die Bewegung gekillt. Die schwarze Community sieht keinen Sinn darin, sich in den Präsidentschaftwahlkampf einspannen zu lassen. Die Webseite von BLM beweist, daß die Selbstorganisation kaum noch existiert. Unter den "News" ist der letzte Beitrag vom 9.April zu Covid 19 und kein Wort zum aktuellen Geschehen in Minneapolis.

Die Medien versuchen mit dem Pushen der Grünenpolitikerin Luisa Neubauer das gleiche bei der fff Bewegung zu erreichen. Die Bewegung soll "an die Politik" appellieren und in der Wirkungs- und Bedeutungslosigkeit verschwinden.

In den USA ist der Kampf der Basis gegen Rassismus und Polizeigewalt wieder auf die Straße getragen worden.

Das fürchten die Herrschenden wirklich:
Zitat
Nach gewaltsamen Protesten wegen des Todes eines Schwarzen bei einem Polizeieinsatz hat der Gouverneur des US-Bundesstaats Minnesota die Nationalgarde mobilisiert.

Zugleich rief er den Notstand für Minneapolis und umliegende Gebiete aus. In der Verfügung heißt, friedliche Kundgebungen seien weiterhin erlaubt. Ausschreitungen bedrohten aber auch die Sicherheit friedlicher Demonstranten. Der Bürgermeister von Minneapolis wandte sich mit einem Appell an die Bevölkerung, Ruhe zu bewahren.
https://www.deutschlandfunk.de/usa-minnesota-mobilisiert-nationalgarde-wegen-protesten.2932.de.html?drn:news_id=1135539
Zitat
Präsident Trump bezeichnet die Demonstranten als „Schlägertypen“ und droht ihnen mit bewaffneten Streitkräften.

Amerikas Präsident Donald Trump hat angesichts anhaltender Proteste in Minneapolis den Demonstranten mit der Entsendung bewaffneter Streitkräfte und mit Gewalt gedroht. Mit dem Tweet „Beginnt das Plündern, beginnt das Schießen“ kommentierte Trump am frühen Freitagmorgen die Ausschreitungen in Reaktion auf den Tod des Schwarzen George Floyd durch Polizeigewalt.
https://www.faz.net/2.1677/proteste-in-minneapolis-trump-entsendet-nationalgarde-16791381.html

Troll

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Re: Die Bedeutung sozialer Bewegungen
« Antwort #39 am: 12:20:20 Fr. 29.Mai 2020 »
Ach, es funktioniert nicht sich mit dem kritisierten Objekt nach dessen Spielregeln ins Bettchen zu legen um etwas ändern zu wollen, aber das sagen sinngemäß doch alle, beliebtes Beispiel, tritt in unsere Partei ein und verändere die Welt bzw. unsere Partei, das gilt lustigerweise universell für ALLE Parteien (links wie rechts, schwarz, rot, grün), ich würde eher sagen dorthin verfrachten wo sie/er garantiert nichts "Dummes" anstellen kann.

Okkupation, sie haben es gelernt und für sich zum Erfolg geführt.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti