Autor Thema: Einkommen ohne Arbeit  (Gelesen 961 mal)

Wilddieb Stuelpner

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Einkommen ohne Arbeit
« am: 19:15:50 Fr. 04.März 2005 »
Neues Deutschland, Betrieb & Gewerkschaft: Einkommen ohne Arbeit

Von Werner Rätz

Es klingt alles sinnvoll: Ein umfassendes Investitionsprogramm, wie es gerade wieder einmal gefordert, debattiert und dementiert wird, Stärkung der Binnennachfrage, bessere Vermittlung, weit gehende Arbeitszeitverkürzungen und andere Maßnahmen, die zur Verringerung der Arbeitslosigkeit gefordert werden. Dennoch verkennen alle diese auf Wirtschaftswachstum zielenden Überlegungen das Ausmaß des Problems. Das Fehlen von Erwerbsarbeitsplätzen liegt natürlich auch an einer falschen Politik. Aber eben nicht nur.

Vielmehr haben wir es seit langem mit einer Entwicklung der Produktivität zu tun, die neue Qualität annimmt. Immer weniger Arbeitszeit wird gebraucht, um gleich viel Produkt herzustellen. Die Entwicklung der Elektronik verstärkt diesen Effekt: Immer mehr Produktionswissen, Erfahrung, gesellschaftlich aufgebrachte Entwicklungsleistung ist in den Produkten, Verfahrenstechniken und Arbeitsabläufen gespeichert, die in die aktuelle Produktion eingehen. So kann manch Produkt mehr Arbeit ersetzen, als zu seiner Herstellung benötigt wird.

Würden Menschen dadurch nicht – leider allzu oft dauerhaft – aus dem Arbeitsprozess geworfen, wäre diese Rationalisierung nicht einmal immer schlimm. Es gibt so viele gefährliche, schwere, schädliche, auch unsinnige Arbeiten, bei denen es keineswegs bedauerlich wäre, wenn sie von Maschinen oder gar nicht mehr gemacht würden. Und gleichzeitig gibt es so viele gesellschaftlich nützliche, spannende oder einfach nur schöne Tätigkeiten, denen Menschen nachgehen könnten und möchten. Nur bezahlt sie niemand dafür.

Aber genau hier liegt die Lösung und nicht das Problem. Menschen wollen in herkömmliche Erwerbsarbeit, können das aber nicht, weil sie dort nicht gebraucht werden. Gleichzeitig wollen andere raus aus ihren ungeliebten Jobs und anderswo tätig sein, können das aber nicht, weil sie kein Einkommen haben, von dem sie leben können. Viele möchten lernen, sich stärker sozial engagieren oder sich ganz neu orientieren.

Wir leisten uns einen großen Aufwand an Geld, Bürokratie und politischer Missstimmung, nur um die Illusion aufrecht zu erhalten, jede und jeder könne und müsse einer Erwerbsarbeit nachgehen. Einfacher wäre es, allen ein Grundeinkommen zu geben und darauf zu setzen, dass Neugier, Gestaltungswille und Kreativität Menschen ohnehin zur Tätigkeit drängen würden.

Der Autor ist Mitglied im bundesweiten Koordinierungskreis von Attac Deutschland und arbeitet bei der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn

(ND 04.03.05)