Autor Thema: Streik nicht nur bei Nestlé  (Gelesen 9739 mal)

Kuddel

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Streik nicht nur bei Nestlé
« am: 20:50:44 Do. 07.Oktober 2010 »
Streik in der Milchwirtschaft wird fortgesetzt

Hohe Beteiligung meldet die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bei ihren Warnstreiks im Allgäu. Nach zwei ergebnislosen Verhandlungsrunden im Tarifstreit mit dem Arbeitgeberverband der Bayerischen Milchwirtschaft hatte NGG am Montag die Belegschaft von Nestlé in Biessenhofen und gestern die von Edelweiss in Kempten zum Streik aufgerufen.

Bis zum dritten Verhandlungstag am 20. Oktober will die Gewerkschaft jeden Tag einen Warnstreik in bayerischen Molkereien durchführen, um den Druck auf die Arbeitgeber zu erhöhen. Bisher hat der Arbeitgeberverband noch kein Angebot bei den Tarifverhandlungen vorgelegt. „Die Beschäftigten sind ziemlich sauer wegen dieser Hinhaltetaktik“, sagt Peter Schmidt, Geschäftsführer der NGG Allgäu.

Schwerpunkt zu Beginn der Streikwelle ist das Allgäu: Am Montag streikte laut NGG vier Stunden lang die komplette Frühschicht von Nestlé mit rund 300 Beschäftigen. Gestern gingen bei Edelweiss 200 Beschäftigte vor die Werkstore, heute soll ein weiterer Allgäuer Betrieb folgen. In den kommenden Tagen will NGG die Warnstreiks auf ganz Bayern ausweiten.

Die Gewerkschaft fordert für die rund 14 000 Beschäftigten der Branche im Freistaat fünf Prozent mehr Lohn und eine Übernahme der Auszubildenden für zwölf Monate. Außerdem will NGG eine Regelung zur Altersteilzeit und gleiche Bezahlung für Leiharbeiter durchsetzen. „Die sehr hohe Beteiligung an den Warnstreiks stimmt uns positiv für die dritte Runde“, so der bayerische NGG-Chef Hans Hartl.

Die Arbeitgeber haben dagegen wegen der Forderungen zur Leiharbeit Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Streiks angemeldet. Tarifverträge, durch die Unternehmen gezwungen würden, mit bestimmten Personengruppen Arbeitsverträge zu schließen, seien rechtswidrig, erklärte Birgit Knappmann vom Arbeitgeberverband. sf

Kuddel

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Re:Streik nicht nur bei Nestlé
« Antwort #1 am: 21:00:46 Do. 07.Oktober 2010 »

Augenmaß in der Milchrunde

Warnstreik Im Ochsenfurter Danone-Werk üben die Mitarbeiter in Warnwesten und mit Trillerpfeifen im Tarifstreit der Milchwirtschaft Druck auf den Arbeitgeber und seine Vertreter aus.



Von 4 bis 8 Uhr versammelten sich die Mitarbeiter der Früh-
und Spätschicht am Donnerstag vor dem Ochsenfurter
Danone-Werk zum Warnstreik. Foto: Julia Riegler

Wahrscheinlich haben sie das kreischende Geräusch der Trillerpfeifen immer noch im Ohr, die Danone-Mitarbeiter, die in den frühen Morgenstunden des Donnerstags vor ihrem Betrieb im Ochsenfurter Ortsteil Goßmannsdorf beim Warnstreik wacker die Stellung hielten. Vielleicht sehen sie auch noch die leuchtend-gelben Westen vor sich und riechen den Duft der Bratwürstchen, die gegrillt wurden. Vor allem aber haben sie eins vor Augen: Die dritte Runde der Tarifverhandlungen mit der Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft, die für den 20. Oktober geplant sind.

Ein bisschen stolz ist er schon, als er sich umschaut und fast alle Mitarbeiter der Nacht- und Frühschicht auf Bänken sitzen oder stehen und sich angeregt unterhalten sieht: Ernst Valentin ist Vorsitzender des Betriebsrates im Ochsenfurter Danone-Werk. "Wir konnten die Belegschaft fast zu 100 Prozent mobilisieren", erklärt er. "Schließlich identifizieren wir uns auch zu 100 Prozent mit den Forderungen, die von der Gewerkschaft an die Arbeitgeber gestellt werden." Es sei überhaupt kein Problem gewesen, sich die Zeit zu vertreiben - auch wenn die ersten schon um 4 Uhr ihren Posten vor dem Werkseingang bezogen und bis 8 Uhr blieben. Für Verpflegung war gesorgt - ebenso wie für Gesprächsstoff.

Vor Ort waren auch Vertreter der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG), die den Streik initiiert hatte. Der Bundesstreikbeauftragte der NGG, Jürgen Hinzer, war begeistert vom Engagement der Mitarbeiter in Ochsenfurt. "Eine so hohe Motivation bei einem Streik habe ich selten gesehen", erklärte er. Dabei ist er bereits seit Montag unterwegs, um die milchverarbeitenden Betriebe in ganz Bayern bei den Warnaktionen zu unterstützen. Und auch der Würzburger NGG-Gewerkschaftssekretär Harald Lang lobte seine Mitstreiter. "Hier sind alle auf den Beinen", sagte er. Im Vorfeld der dritten Tarifrunde sei es notwendig, Druck auf den Arbeitgeberverband, die Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft, auszuüben. "85 bis 90 Prozent aller bayerischen Milchbetriebe haben für Warnstreik-Aktionen zugesagt. Das ist sehr viel."
Für die insgesamt rund 14 000 Mitarbeiter in den bayerischen Betrieben steht aber auch viel auf dem Spiel. Neben fünf Prozent höherem Entgelt fordert die Gewerkschaft einen Tarifvertrag zur Altersteilzeit und die dauerhafte Übernahme der Auszubildenden für mindestens zwölf Monate. Zudem will sie die vermehrte Einstellung von Leiharbeitern verhindern - wobei Ochsenfurt in diesem Punkt noch in weitaus besserer Position ist als andere Betriebe, in denen Festangestellte aufgrunddessen ihren Arbeitsplatz verlieren. "Hinter jedem Arbeitsplatz steht auch einen Familie", sagt eine Mitarbeiterin, als sie für einen Moment ihre Trillerpfeife aus dem Mund nimmt. "Die wollen ja schließlich alle verpflegt sein", pflichtet ihr ein anderer bei. Deswegen war es auch nicht zu viel verlangt, zwei Stunden an die Nachtschicht anzuhängen, beziehungsweise schon vor Beginn der Frühschicht an den Arbeitsplatz zu kommen. "Ich finde das ist eine super Sache", sagt ein Dritter, der das Gespräch mit angehört hat. "In Deutschland wird sowieso viel zu wenig gestreikt. Wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen!"
Wie die Chancen auf Einigung stehen, kann Harald Lang nicht wirklich einschätzen. Er betont, dass die Forderungen nicht mit Abschlussgrößen gleichzusetzen sind, man könne über alles verhandeln. "Wenn es beide Seiten schmerzt, haben wir einen guten Kompromiss gefunden."

Kaum dass er den Satz ausgesprochen hat, wird das Pfeifkonzert wieder lauter. Ein Mitglied der Geschäftsführung tritt zur Arbeit an. Sein Kopf bleibt gesenkt, den Weg durch die streikenden Mitarbeiter bahnt er sich auffällig schnell. Als er das Gelände erreicht hat, blickt er kurz auf und lächelt nach draußen. Vielleicht herrscht auch an der Spitze des Betriebes ein Stück weit Verständnis für das Anliegen der Mitarbeiter?

"Wir sind kurzfristig über den Streik informiert worden", erklärt Andreas Knaut, Pressesprecher von Danone Deutschland. Zur Position des Unternehmens wollte er sich allerdings nicht äußern. Die wesentlichen Punkte seien bekannt, weiteres wisse die Landesvereinigung der Bayerischen Milchwirtschaft. Produkt- oder Lieferausfälle habe es jedenfalls nicht gegeben - das ist für den Betrieb wohl die Hauptsache.

Der Arbeitgeberverband hatte bereits letzte Woche gegenüber einer Nachrichtenagentur sein Unverständnis für die Streikdrohungen erklärt. Die Verhandlungsführerin der Arbeitgeberseite, Birgit Knappmann, bat ihrerseits ein Stück weit um Verständnis. "Die bayerische Milchwirtschaft befindet sich in einer seit Jahren unverändert schwierigen Situation. Die niedrige Inflation rechtfertigt keinen Tarifabschluss außerhalb des branchenüblichen Rahmens. Jetzt ist Augenmaß angesagt."

http://www.infranken.de/nachrichten/lokales/kitzingen/Augenmass-in-der-Milchrunde;art218,88751,B

Kuddel

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Re:Streik nicht nur bei Nestlé
« Antwort #2 am: 18:08:39 Do. 14.Oktober 2010 »
Zitat
Streik in Cham



Der Arbeitskampf in der Milchwirtschaft geht weiter: Heute legten die Arbeiter bei Goldsteig in Cham die Arbeit nieder

„Unsere Warnstreikwelle rollt und rollt und rollt. Bis heute waren es die Belegschaften aus 15 Betrieben, mit ca. 1.700 Streikenden, die unseren Streikaufrufen gefolgt sind. Wir sind bereits in der Planung zur Ausweitung des Arbeitkampfes, falls am 20. Oktober die Arbeitgeber kein abschlussfähiges Angebot auf den Tisch legen.“, so Hans Hartl, Landesbezirksvorsitzender der NGG in Bayern.

Die Streiks in der Milchwirtschaft dauern inzwischen seit 4. Oktober an. Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gastwirtschaft (NGG) fordert fünf Prozent Lohnerhähung und die dauerhafte Übernahme der Auszubildenden für zwölf Monate.  Bis jetzt gab es von der Arbeitgeberseite keine konkreten Angebote. Weitere Forderungen sind ein Tarifvertrag zur Altersteilzeit und zu Regelungen zur Leiharbeit, bei der es darum geht, eine gerechtere Bezahlung der Leiharbeiter zu erreichen.

„Die bayrischen Milchwirtschaft ist eine kerngesunde Branche, in der von Krise nichts zu spüren war und ist, daher müssen die ArbeitnehmerInnen, Auszubildenden und die Älteren auch am Aufschwung beteiligt werden", so Hans Hartl, Landesbezirksvorsitzender der NGG in Bayern. „Da auch in der Milchwirtschaft Leiharbeit immer stärker zum Abbau von Stammbelegschaften missbraucht wird, wollen wir auch hier einheitliche tarifliche Regelungen durchsetzen, welche die Stammbelegschaften schützen und die Arbeitssituation der Leiharbeiter verbessern. Ebenso fordern wir eine Chance für Jung und Alt: Übernahme für die Jungen nach der Ausbildung und Altersteilzeit für die Älteren."

Bei einem Jahresumsatz von über 8 Mrd. € ist die Milchwirtschaft eine der größten Branchen in der bayerischen Ernährungswirtschaft.

Autor: Lothar Wandtner
http://www.wochenblatt.de/nachrichten/regen/regionales/Streik-in-Cham;art785,16678