Autor Thema: "ganz unten angekommen war" verstorben  (Gelesen 6046 mal)

Pinnswin

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"ganz unten angekommen war" verstorben
« am: 08:09:49 Mo. 27.Dezember 2010 »
http://bestatterweblog.de/archives/Eine-Trauerfeier-fuer-jedermann/5574#comments
Zitat

gibt es eigentlich für jeden Verstorbenen automatisch eine Trauerfeier?

Zum Hintergrund meiner Frage:
Vor einiger Zeit konnte ich an einem "Tag der offenen Tür" eine Krematoriumsführung mit dem Leiter der Bestattungsanstalt erleben. Der Mann versicherte glaubhaft, dass bei uns hier in Franken JEDER, aber auch wirklich jeder, unabhängig von Einkommen, sozialem Stand usw. eine "anständige" Bestattung bekommt, dazu gehöre auch eine kleine Trauerfeier.

Ein paar Monate später erfuhr ich, daß ein ehemaliger Nachbar von mir, ein ganz netter Mann, der leider "ganz unten angekommen war" verstorben ist. Etwa eine Woche hatte er tot in seiner Wohnung gelegen.
Von Bekannten wurde ich gebeten, mit der städtischen Bestattungsanstalt Kontakt wegen der Beerdigung und einer Trauerfeier aufzunehmen. Aber dort wurde ich vertröstet und als ich dann nach Tagen endlich jemanden am Apparat hatte, der Bescheid wußte, hieß es, dass die Beisetzung schon vor Tagen anonym stattgefunden hätte. Ohne Trauerfeier.
Nicht, weil irgendwelche Angehörigen das so gewollt hätten - es gab ja keine - Nein, das sei gängige Praxis bei Sozialfällen und man könne sich eine "offizielle" Bestattung mit Trauerfeier seitens der Stadt nicht leisten.

Gut, vielleicht wären nicht sehr viele Leute erschienen, aber einige hätten doch ganz gerne Abschied genommen und wenn man uns informiert hätte (siehe tägliche Anrufe meinerseits) dann hätten wir notfalls auch alle zusammengelegt und den Trauerredner selbst bezahlt.
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Grundsätzlich steht jedem eine würdige und einfache, ortsübliche Bestattung zu.
Nach Meinung der meisten Sozialbehörden umfasst das einen schlichten Sarg, eine einfache Ausstattung, manchmal auch ein paar Blümchen und bei der Frage, ob da eine kleine Traueranzeige in der Zeitung auch dazu gehört, gehen die Meinungen der Sozialgerichte schon weit auseinander.
Ortsüblich bedeutet, daß man im Regelfall schaut, ob in diesem Ort Erd- oder Feuerbestattungen überwiegen und so bekommen die Armen eben das, was üblich ist.
Eine Trauerfeier gehört nur in den seltensten Fällen dazu. Es gibt aber Gemeinden, in denen selbst die Friedhofsverwaltung, die ja sonst in solchen Fällen auf rigoroses Sparen drängt, der Auffassung ist, daß ein Pfarrer, etwas Orgelmusik und eine kleine Trauerfeier auf jeden Fall dazu gehören. Das ist z.B. in weiten Bereichen Frankens tatsächlich so üblich, selbst wenn nur Angestellte des Friedhofsamtes mit zur Beerdigung gehen.
Man sagt dort fälschlicherweise, das sei nur möglich, weil es kommunale Bestattungsdienste der Städte gebe, die so etwas kostengünstig abwickeln könnten.
Fakt ist aber, daß das deshalb geht, weil die Friedhofsverwaltung sich des gesamten Behördenapparates sicher sein kann, wenn es um die Ermittlung etwaiger Kostenträger geht.
Ein üblicher niedergelassener Bestatter kann das genauso gut und genauso günstig machen, nur müsste er alleine mit dem Geld des Sozialamtes auskommen und man würde ihm nicht bei der Suche nach weiteren Kostenträgern helfen, denke ich.

Warum nun ausgerechnet dieser Mann hier so rasch und ohne Trauerfeier bestattet worden ist, kann ich nicht sagen.
Ich mutmaße mal, daß es an der Fundsituation der Leiche gelegen hat. Nach einer einwöchigen Liegezeit kann rasches Handeln angezeigt sein.

Ich persönlich finde, daß jedem eine kleine Trauerfeier zustehen sollte. Die Trauerhallen sind sowieso da und das Personal muß ohnehin anwesend sein. Warum also nicht auch für ganz Mittellose und Vereinsamte eine kleine Aussegnungs- oder Abschiedsfeier, meinetwegen für drei Verstorbene zusammen.
Das ist wirklich das Letzte, was wir für einen unserer Mitmenschen tun können. Egal, wie der am Ende gelebt hat, wer weiß denn schon wirklich, was er in seinem Leben geleistet hat? Vielleicht wohnt man in einem Haus, das er mitgebaut hat, vielleicht hat er Deine Schwester auf die Welt gebracht, vielleicht hat er Dir jahrelang Deine Brötchen gebacken. Wer weiß?
Ein kleines "Tschüß, mach es gut!" hat jeder verdient.


Das Ende Der Welt brach Anno Domini 1420 doch nicht herein.
Obwohl vieles darauf hin deutete, das es kaeme... A. Sapkowski

unkraut

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Re:"ganz unten angekommen war" verstorben
« Antwort #1 am: 09:34:13 Mo. 27.Dezember 2010 »
Zitat
Ich persönlich finde, daß jedem eine kleine Trauerfeier zustehen sollte. Die Trauerhallen sind sowieso da und das Personal muß ohnehin anwesend sein. Warum also nicht auch für ganz Mittellose und Vereinsamte eine kleine Aussegnungs- oder Abschiedsfeier, meinetwegen für drei Verstorbene zusammen.
Das ist wirklich das Letzte, was wir für einen unserer Mitmenschen tun können. Egal, wie der am Ende gelebt hat, wer weiß denn schon wirklich, was er in seinem Leben geleistet hat? Vielleicht wohnt man in einem Haus, das er mitgebaut hat, vielleicht hat er Deine Schwester auf die Welt gebracht, vielleicht hat er Dir jahrelang Deine Brötchen gebacken. Wer weiß?
Ein kleines "Tschüß, mach es gut!" hat jeder verdient.

Dem schließe ich mich an .

Aber was will man erwarten wenn in Zeiten H4 selbst Lebenden die Grundlage entzogen wird .

Ok , mich direkt betrifft es nicht über (m)eine Beerdigung nachzudenken . Ich bin Körperspender .
Noch Fragen Hauser ? Ja Kienzle , wer ist eigentlich Unkraut ?

Wir wagen es nicht weil es schwierig ist sondern es ist schwierig weil wir es nicht wagen .

Mein Buchtip als Gastautor :  Fleißig , billig , schutzlos - Leiharbeiter in Deutschland  > ISBN-10: 3771643945

Troll

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Re:"ganz unten angekommen war" verstorben
« Antwort #2 am: 09:46:02 Mo. 27.Dezember 2010 »
Eine Trauerfeier ändert an der Vereinsamung zu Lebzeiten rein gar nichts, es ist eher eine Verhöhnung.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

Eivisskat

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Re:"ganz unten angekommen war" verstorben
« Antwort #3 am: 08:11:44 Mi. 30.März 2011 »
Zitat


Nachruf für Herrn H.

Heute habe ich etwas erlebt, von dem ich denke, dass es jeder wissen sollte, aber wahrscheinlich wissen es die wenigsten.

Ungefähr zwei Jahre habe ich Herr H. zu Ämtern begleitet, erst Hartz IV, dann Grundsicherung - er war sehr krank. Am 7. Feb. 2011 verstarb er, heute war ich zu seiner Bestattung, einer sog. "Armenbestattung" gekommen um endgültig Abschied zu nehmen.

Zuerst einmal erhielt man kaum Informationen wo das Begräbnis stattfinden sollte, dann schließlich, über den Anruf beim Bestatter, fanden wir den Weg, wo sich eine ganze Menge Menschen einfand.
Ein eingezäuntes kleines Waldstück, aus dessen Boden einige Holpflöcke ragten, eine kleine Grube, ein Handkarren, auf dem in erster Reihe 8 Urnen standen, dahinter 16 andere noch in Pappschachteln. Daneben zwei Angestellte des Friedhofes.

Pünktlich begann man die Urnen mit einem Gerät in die Grube zu stellen, wobei die Gäste an die Grube treten konnten, kein Wort wurde gesprochen. Blumenschmuck und Kerzen sind verboten! Danach warteten die nächsten Urnen um auch in die Grube versenkt zu werden, so dass 24 Urnen in ein Grab kommen. Ich erfuhr auch, warum es solange dauerte bis der  Verstorbene endlich beerdigt würde! Es wird solange gesammelt bis genügend Verstorbene zusammen sind. Die Holzpflöcke kennzeichnen andere Massengräber.
Es wurde mir auch erzählt, dass das Ganze 1600 € kostet.

Der Kapitalismus mit seinen Auswüchsen bis in den Tod hinaus. In was für einer Gesellschaft wir leben, wurde mir dort mal wieder richtig bewusst.
Eine Frau sagte zu mir: "So manches Tier wird besser beerdigt"!
Kein tröstendes Wort - verscharrt im Massengrab, das ist das was am Ende der Armut in unserer Gesellschaft steht!
Ich möchte dass es jeder weiß! Jeder, der sich über Nichtigkeiten aufregt oder diejenigen, die noch nicht begriffen haben, dass eine Veränderung nur mit der Linken möglich ist!



Ruth Tietz DIE LINKE Leverkusen bei http://www.scharf-links.de/ am 29.03.2011

schwarzrot

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Re:"ganz unten angekommen war" verstorben
« Antwort #4 am: 10:21:28 Mi. 30.März 2011 »
Eine Trauerfeier ändert an der Vereinsamung zu Lebzeiten rein gar nichts, es ist eher eine Verhöhnung.
Da hst du recht.
 :)
Eine trauerfeier ist ja auch nicht wirklich 'für' den verstorbenen, sondern für die (über)lebenden. Mit ihrem leid (und e.v. ihrem schlechten gewissen, den verstorbenen zu lebzeiten nicht mit genug aufmerksamkeit, nicht gerecht behandelt zu haben?) umzugehen und ev. durch dieses trauern, mit ähnlichen menschen in zukunft anders zu verfahren.

Und es zeigt, wie viele hier zu recht meinen, auch den wert des einzelnen in der gesellschaft, ob ein solches trauern für weggesparte mit gesamtgesellschaftlichem reichtum möglich ist, oder nicht.
Insofern wäre es bestimmt auch dem verstorbenen recht.  ;)

Allerdings sollte sowas dann möglich sein, wenn freunde/bekannte/angehörige dies wünschen und nicht automatisch: Friedhofsbedienstete (oder '1-eu jobber'?!) quasi zum zwangsberufstrauern abzustellen (damit sie ihre brötchen bekommen). Find ich noch perverserer kapitalismus, als wenn bei leuten, die es nicht schaffen am ende noch ein paar freunde zu haben, zu heucheln, als hätte sich am ende für diesen menschen noch wer interessiert.
"In der bürgerlichen Gesellschaft kriegen manche Gruppen dick in die Fresse. Damit aber nicht genug, man wirft ihnen auch noch vor, dass ihr Gesicht hässlich sei." aus: Mizu no Oto

Wieder aktuell: Bertolt Brecht

Troll

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Re:"ganz unten angekommen war" verstorben
« Antwort #5 am: 11:53:00 Mi. 30.März 2011 »
Wenn der noch lebende Freunde, Bekannte und Verwandte hat, die sich um ihn kümmern, ihn nicht vereinsamen lassen, dann denke ich werden sie auch eine Trauerfeier organisieren, dies aber zwangsmässig bei einem vereinsamten Menschen zu tun finde ich mehr als zynisch.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
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Re:"ganz unten angekommen war" verstorben
« Antwort #6 am: 14:11:04 Do. 31.März 2011 »
Mann (46) lebte jahrelang mit Skelett der Mutter
http://www.express.de/news/panorama/mann--46--lebte-jahrelang-mit-skelett-der-mutter/-/2192/8268306/-/index.html
Zitat
....Ein 46-jähriger Mann aus Saarlouis hat über Jahre hinweg neben
der Leiche seiner Mutter in einer Wohnung gelebt.
Als Polizisten die Räume am Freitag nach einem Hinweis durchsuchten,
entdeckten sie die skelettierte Leiche der Frau in einem Fernsehsessel.
„Der 46-Jährige, der über kein eigenes Einkommen verfügt, lebte offensichtlich
von der Rente seiner Mutter“, hieß es im Polizeibericht. Nach seinen Angaben
ist die Frau bereits seit 2008 tot. Woran sie starb, soll bei einer Obduktion
geklärt werden.......
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