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Tunesien

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ManOfConstantSorrow:
Unsere Presse berichtet über "moslemische Staaten", als seien die Menschen dort unsere Feinde, die nur darauf warten uns mit Sprengstoffgürteln wegzubomben.

Ich möchte darauf hinweisen, daß die Staaten des "Freien Westens" bestens mit den korrupten Regierungen (in Nordafrika, im Nahen Osten oder sonstwo) zusammenarbeiten und blühende Geschäfte betreiben. Die westlichen wie muslimischen Regierungen fürchten sich keineswegs voreinander, sondern vor der eigenen Bevölkerung.

In vielen muslimischen Staaten gibt es (von unserer Berichterstattung übergangene) soziale Konflikte, die sich gleichzeitig gegen die unerträgliche Lebenswirklichkeit der Bevölkerung, alsauch gegen die korrupten Regierungen und die Macht der Mullahs wenden. Deshalb starte ich nach "Algerien" und "Pakistan" nun (aus gegebenm Anlaß) einen Thread über "Tunesien".


--- Zitat ---Tunesien: Es gibt kein ruhiges Hinterland

Im armen und abgehängten Hinterland der Küste finden erneut massive soziale Unruhen statt. Dieses Mal erschüttern sie die Kreisstadt Sidi Bouzid. Zwei Selbstmord(versuch)e von Arbeitslosen in aller Öffentlichkeit fanden dort innerhalb von weniger als acht Tagen statt: am vergangenen Freitag und gestern Abend. Am vorigen Wochenende und zu Anfang dieser Woche kam es darüber hinaus zu heftigen Straßenkämpfen…

Die tunesische Jugend hat keine Angst mehr vor der Polizei. Jedenfalls nicht in der Kreisstadt Sidi Bouzid, 40.000 Einwohner/innen, circa 265 Kilometer süd-südwestlich der Hauptstadt Tunis gelegen. Das ist neu: Das nordafrikanische Land, das in Westeuropa - aufgrund des Hotelbooms für Dummtouristen (solche ohne Interesse für Gesellschaft & Leute) - fälschlich als idyllisches Quasiparadies betrachtet wird, ist ein „effizienter“ Polizeistaat. Letzterer schafft es bislang sogar, effektiv das Internet zu zensieren, woran sich manch' andere Regimes die Zähne ausbeißen, denkt man nur an die Diktatur im Iran. Regiert wird er von einer Clique, die aus den Familienangehörigen von Präsident Zine el-Abidine Ben Ali und vor allem der erweiterten Sippschaft seiner um mehrere Jahrzehnte jüngeren Gattin Leila Trabelzi besteht und sich hemmungslos selbst bereichert. Wie dank der Publikation der WikiLeaks-Dokumente jüngst herauskam, betrachten US-Diplomaten das dort herrschende Pack ganz offen als, wie sie sich wörtlich ausdrücklich, „Quasi-Mafia“.

Tunesien ist in vielfacher Hinsicht ein zweigeteiltes Land: Die Mittelmeerküsten im Norden und Osten Tunesiens profitieren von einem (sehr) relativen „Boom“, dank der Investitionen für den Dummtourismus und der Ansiedlung von Niederlassungen - oft europäischer - Firmen der Textilindustrie sowie im Autozulieferergewerbe. Hingegen wird das Hinterland, vor allem der größere Süden Tunesiens, weitgehend vernachlässigt und sich selbst überlassen. Die offizielle Arbeitslosenquote im Land beträgt 15,7 %, in Wirklichkeit liegt sie jedoch - allen halbwegs unabhängigen Beobachter/inne/n zufolge - deutlich höher. Noch wesentlich höher ist sie in Südtunesien, wo sie in ganzen Landstrichen 30 bis 40 Prozent beträgt. Ebenso wie in Marokko ist auch in Tunesien das Phänomen der ,chômeurs diplômes' bekannt, der Erwerbslosen mit Hochschulabschluss. Tatsächlich steigert in diesen Ländern die Tatsache, ein Universitätsdiplom zu besitzen, eher das Arbeitslosigkeits-Risiko denn die Jobchancen: Die höheren Positionen in der Ökonomie & Verwaltung sind alle fest in der Hand der herrschenden mafiösen Seilschaften, und die Industrie suchte eher „gering qualifizierte“ Arbeitskräfte für nach Tunesien ausgelagerte „niedrige“ Tätigkeiten…

Einer dieser „Arbeitslosen mit Hochschulabschluss“ ist Mohamed Bouazizi, 26 Jahre alt. Er verdiente seinen Lebensunterhalt, indem er als „Schwarzhändler“ Obst & Gemüse feilbot - und war der einzige Verdiener in seiner Familie. Wiederholt wurden seine Waren durch die örtliche Polizei beschlagnahmt, die, wie üblich, Willkür ausübte und sich dabei zusätzlich noch selbst bereicherte. Vergangene Woche war es dem jungen Mann nun zu viel, und er ging sich beschweren - erst beim Rathaus, wo man ihn hinauswarf, und dann bei der Polizeistation, wo man seine Strafanzeige nicht entgegen nahm. Daraufhin übergoss er sich vor der Polizeistation mit Benzin und zündete sich an. Derzeit wird er in einem Spezialkrankenhaus in Tunis mit schweren Verbrennungen behandelt.

Sobald die Nachricht bekannt wurde, versammelten sich am vergangenen Freitag Dutzende von Straßenhändler„kollegen“ und Jugendlichen vor dem Polizeigebäude zu einem, friedlich bleibenden, Sit-in. Am Samstag ging es weiter, doch dieses Mal vertrieb die Polizei die Protestierenden unter Einsatz von Tränengas und Knüppeln. Doch dies führte erst recht zum Aufflammen des Protests: In der Nacht und am Sonntag kam es zu „Gewalttätigkeiten“. Die örtliche Niederlassung der Staatspartei RDC wurde beschädigt, Polizisten bekamen Steinwürfe ab, wobei drei von ihnen verletzt wurden. Abfallbehälter, Autoreifen und ein vor der Polizeiwache geparkter Wagen gingen in Flammen auf. Mehrere Dutzend Protestteilnehmer sollen festgenommen worden seien, von denen fünf am Montag wieder freigelassen wurden. Erst am gestrigen Mittwoch wurde eine allmähliche „Beruhigung“ der Lage vermeldet.

Am gestrigen Mittwoch Abend kam es unterdessen vor Ort zu einem neuen Drama, wie heute (über Sidi Bouzid hinaus) bekannt wurde: Der junge Arbeitslose Houcine Neji, 24 Jahre alt, kletterte auf einen Strommast und stürzte sich vor den Augen einer Menge - die sich inzwischen unten versammelt hatte - in die 30.000 Volt-Leitungen.

Bernard Schmid, 23.12.2010
--- Ende Zitat ---
http://www.labournet.de/internationales/tn/sidibouzid1.html




außerdem:
http://www.philibuster.de/themen/alte-welt/proteste-tunesien-steht-auf.html

ManOfConstantSorrow:

--- Zitat ---Ohne die Silvesterfeiern stören zu wollen:
Tag 14 des Aufstands in Tunesien
von Karim El-Gawhary



Das Foto zeigt die Festnahme eines jungen Mannes in der tunesischen Stadt Hamma. Er hat versucht den Ort der dortigen Protestveranstaltung gegen Präsidenten Ben Ali zu erreichen,

Es war nicht einfach, die tunesischen Protest zu Beginn einzuschätzen, aber inzwischen darf man das Ganze nicht unterschätzen.

In einem lesenswerten Kommentar (http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/dec/30/tunisia-uprising-egypt-hostages) im Guardian heißt es dazu:


--- Zitat ---Was wir in Tunesien heute erleben, ist die Geburt einer authentischen, nationalen, einheimischen Volksbewegung, nicht gegen Kolonisatoren und ausländische Besatzer, sondern gegen das eigene repressive Regime (…). Jahrelang haben sich Schreiber über die “arabische Krankheit” beschwert, über die Art und Weise, wie sich die Araber daran gewöhnt haben, die Rolle des Opfers zu spielen und sich gegenüber ihren Tyrannen Hause passiv zu verhalten“.

--- Ende Zitat ---
Gestern kam erneut ein junger Mann in Sfax um. Er war während der Proteste von den Sicherheitskräften in den Rücken geschossen worden und verstarb im Krankenhaus.

Das folgende Video zeigt das Vorrücken der Polzei gegen Demonstranten in Feriana vor zwei Tagen



In diesem Link findet sich eine Video  http://24sur24.posterous.com/video-demo-in-jendouba-by-night-sidibouzid-fb vom nächtlichen Protest in Jendouba.

Ein Blick auf die Karte http://blogs.taz.de/arabesken/2010/12/26/worueber_nicht_berichtet_wird_elendsaufstand_in_tunesischer_kleinstadt/ zeigt, dass sich die Proteste inzwischen auf weite Teile des Landes ausgeweitet haben, seit sie in Sidi Bou Zid vor zwei Wochen begonnen haben.





Die Versuche in Monastir zu demosntrieren wurde von der Polzei unterdrückt, ebenso wie der Protest von Anwälten in Sousse. Eine Demonstration in Maktar fand dagegen statt.

Nur eine Idee: vielleicht könnten in Deutschland, Österreich und der Schweiz lebende Tunsesier diesen Blog nutzen, um Informationen über die Proteste auszutauschen. Ich würde dann versuchen, die Postings zu bündeln. Wer Tunesier und Tunesierinnen kennt, der kann ihnen vorschlagen, diesen Blog als Forum zu benutzen.

In diesem Sinne wünsche ich nocheinmal eine guten Rutsch ins neue Jahr, mal sehen, was dieses uns bringt:

in Tunesien, bei der Nachfolgefrage Mubaraks in Ägypten, einen friedlich oder unfriedlich auseinanderbrechenden Sudan, möglicherweise eine erneute Eskalation in Gaza, einen poltisch instabilen Libanon, einen halbtoten König in Saudi Arabien und dann ist das immer noch die große Frage, wie es mit dem Iran weitergeht.
Prost
--- Ende Zitat ---
http://blogs.taz.de/arabesken/2010/12/31/ohne_die_silvesterfeiern_stoeren_zu_wollen_tag_14_des_aufstands_in_tunesien/

Kuddel:
Ben Ali, die Studenten, die Mafia und Anonymous

Thomas Pany 04.01.2011
Die sozialen Unruhen in Tunesien könnten dem Alleinherrscher gefährlich werden. Zensurmaßnahmen und das Schweigen der ausländischen Medien schirmten die Proteste von einer größeren Öffentlichkeit ab. Das ändert sich jetzt

Man glaubt sich in aufgeklärten Zeiten; das verhindert aber nicht, dass billige Theaterkulissen wirksam als Realität verkauft werden. So etwa, wenn es um Tunesien geht. Tunesien wird als wirtschaftlich prospierendes Land dargestellt, als eine Oase der Stabilität in einer Region, für die das nicht selbstverständlich ist. Doch ist die Darstellung Fassade. Das Dahinter zeigt sich als Billiglohnland, Polizeistaat und Journalisten- Gefängnis. Das schreckt ab. Von solchen Realitäten will man nicht viel wissen. Der Ferienhimmel über dem Billigtourismusland soll ungetrübt bleiben, ebenso die lukrativen Handelsbeziehungen mit Europa. Das wäre eine Erklärung dafür, weshalb man in den Medien hierzulande kaum etwas von den Unruhen erfährt, die sich in Tunesien seit dem 19. Dezember aufschaukeln.

weiter:
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/33/33966/1.html

ManOfConstantSorrow:

--- Zitat ---Tausende Anwälte in Tunesien legen aus Protest Arbeit nieder

Tausende Anwälte haben in Tunesien am Donnerstag ihre Arbeit niedergelegt, um gegen das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte bei einer Solidaritätskundgebung von Juristen zu protestieren.

Tausende Anwälte haben in Tunesien am Donnerstag ihre Arbeit niedergelegt, um gegen das gewaltsame Vorgehen der Sicherheitskräfte bei einer Solidaritätskundgebung von Juristen zu protestieren. Rund 95 Prozent der landesweit 8000 Anwälte hätten sich an dem Streik beteiligt, sagte der Präsident der nationalen Anwaltskammer, Abderrazak Kilani, der Nachrichtenagentur AFP. Aufrechterhalten wurde demnach lediglich ein Notdienst für besonders dringende Fälle. Der Streik sei sowohl in der Hauptstadt Tunis als auch in weiteren Städten ohne Zwischenfälle verlaufen.

--- Ende Zitat ---
http://www.stern.de/news2/aktuell/tausende-anwaelte-in-tunesien-legen-aus-protest-arbeit-nieder-1640744.html

BGS:
Ich kann von hier, aus Skandinavien, die absolut miese und undemokratische Lage im Billiglohnland, Polizeistaat und Journalisten- Gefängnis Tunesien bestätigen. Denn im gleichen Sprachkurs sitzt eine junge Tunesierin, die alles Gesagte bestätigt und deswegen abgehauen ist, trotz sehr guter Ausbildung.

Mfg

BGS

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