Autor Thema: Studenten denken an Auswanderung  (Gelesen 1974 mal)

Wilddieb Stuelpner

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Studenten denken an Auswanderung
« am: 22:10:47 Mi. 16.März 2005 »
Die Welt: Studenten denken an Auswanderung

Nur 40 Prozent sehen Zukunfts-Chancen in Deutschland - Umfrage unter der jungen Elite von Joachim Peter

Berlin - Um den Standort Deutschland kann einem angst und bange werden: 56 Prozent der Studierenden können sich vorstellen, ihrem Land den Rücken zu kehren, um eine Existenz im Ausland aufzubauen. Nur 40 Prozent sehen eine sichere Zukunftsperspektive in Deutschland. Zu diesem Ergebnis kommt die repräsentative Umfrage "Generation 05 - Wie tickt die junge Elite?", die vom "Manager Magazin" und der Unternehmensberatung McKinsey in Auftrag gegeben wurde. Befragt wurden Studenten, die innerhalb der nächsten zwei Jahre ihr Studium abschließen und wirtschaftsnahen Fachrichtungen wie Betriebs- und Volkswirtschaft, Medizin oder Ingenieurs- und Geisteswissenschaften zuzurechnen sind.

Den hohen Anteil an Auswanderungswilligen hält der Präsident des Hamburgischen Welt-Wirtschafts-Archivs (HWWA), Thomas Straubhaar, für "äußerst alarmierend". Wenn nur drei bis fünf Prozent der leistungsfähigen jungen Menschen aus Deutschland abwanderten, resultiere daraus eine immense makroökonomische Eigendynamik, sagte Straubhaar bei der Vorstellung der Umfrageergebnisse in Berlin. Der Alterungsprozeß der Gesellschaft würde verschärft, und die Lasten für die junge Generation würden noch größer. Der Wirtschaftsexperte forderte daher grundlegende Reformen auf dem Arbeitsmarkt und in den Sozialsystemen. "Wenn wir nicht schnellstmöglich vorankommen, sehe ich schwarz." Zugleich appellierte Straubhaar an die junge Generation in Deutschland: "Bleiben ist attraktiver als gehen." Er bezeichnete es als naiv, zu glauben, daß man als Deutscher außerhalb Europas oder auch in den skandinavischen Ländern größere Aufstiegschancen habe.

Der Umfrage zufolge schätzen die Studenten vor allem China und Japan als erfolgversprechende Wirtschaftsräume ein. Die Europäische Union liegt auf Platz drei, gefolgt von den USA. Großbritannien, Frankreich und Deutschland sind erstaunlicherweise auf den letzten Plätzen zu finden.

Besorgt sind die künftigen Hochschulabsolventen insbesondere über die hohe Arbeitslosigkeit (62 Prozent), die Bildungsmisere und die demographische Entwicklung (beide 55 Prozent). Der "Kampf der Kulturen" (21 Prozent), Kriege (8 Prozent) und die Technikfeindlichkeit (4 Prozent) spielen eine untergeordnete Rolle.

Deutliche Kritik wird an den Managern in Deutschland geübt: 71 Prozent der Befragten halten diese für überbezahlt, und 62 Prozent meinen, diese seien nur auf den eigenen Vorteil bedacht. 39 Prozent sind der Auffassung, die Manager seien überfordert.

Trotz zum Teil schlechter Erwartungen zeigt sich die junge Generation äußerst flexibel und leistungsbereit. Für 46 Prozent der Studenten käme beispielsweise die Selbständigkeit grundsätzlich in Frage; nur 13 Prozent lehnen eine solche Arbeitsform ab. 40 Prozent wünschen sich sogar die 40-Stunden-Woche. Und für 24 Prozent ist der Eintritt ins Rentenalter erst mit 61 bis 65 Jahren auf alle Fälle zumutbar.

Die Mehrheit der künftigen Akademiker (58 Prozent) erwartet auch, daß man den ein oder anderen Berufswechsel in seinem Arbeitsleben vollziehen wird. Generell spielen dabei hohes Einkommen und Prestige eine untergeordnete Rolle - vielmehr orientieren sich die zukünftigen Arbeitnehmer nach interessanten Arbeitsinhalten, Anerkennung der eigenen Leistung, Vereinbarkeit von Familie und Beruf oder auch Arbeitsplatzsicherheit. Die Familie besitzt bei den Befragten einen sehr hohen Stellenwert: Nur sieben Prozent wollen keine Kinder, immerhin 26 Prozent planen mit zwei Kindern.

Bei ihren Wertvorstellungen erweisen sich die Studenten in ihrer Mehrheit als konservativ-liberal: Freiheit, Freizeit, Selbstverwirklichung, Treue, soziales Engagement, Verantwortung und Leistung sind ihnen äußerst wichtig - im Gegensatz zu Genuß und Konsum oder Reichtum.

Artikel erschienen am Do, 17. März 2005