Sozial & Gesundheitswesen > Soziale Einrichtungen

[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund

(1/13) > >>

ManOfConstantSorrow:
Insbesondere in Altenheimen sind die Zustände himmelschreiend. So sehr, daß selbst bei staatlichen Überprüfungen an kaum einem Heim in Schleswig-Holstein ein gutes Haar gelassen wird. Und bis sowas in die Medien schwappt, muß es schon arg sein.

Ich wundere mich nur, warum so wenig durch das Personal an die Öffentlichkeit dringt. Wer noch nicht völlig abgestumpft ist leidet doch mit. Maul halten aus Angst den Job zu verlieren? Bei Chefduzen kann man völlig anonym posten, doch das Forum blieb das ganze Jahr leer...

Ich habe vor 20 Jahren in der der Werk- und Betreuungsstätte für Körperbehinderte Ottendorf meinen Zivildienst gemacht. Die Zivis versuchten da was gegen die Zustände und die Heimleitung zu unternehmen. Die Behinderten waren völlig eingeschüchtert, wie kleine Kinder. Eine Generation Zivis vor mir hat bewirkt, daß die Zustände überprüft wurden. Doch die Eltern der Behinderten und das festangestellte Personal deckten die Heimleitung. Das muß man sich mal vorstellen!

Wir sammelten Fakten. Eine Generation Zivis nach uns war dann soweit. Sie hatten dann wirklich einiges zusammen und gute Kontakte zu Medien, nebst KN und NDR stand selbst ein Spiegel-Journalist in den Startlöchern.

Und der Fall kam tatsächlich ins Rollen. Es war ein riesiger Filz. Der Arzt, ein korrupter fieser Schlachter versorgte den Chef mit Schmerzmitteln, seine Tochter arbeite auch da, die verwaltung und einige Betreuer waren verschwippschwägert, machten sich bei Todesfällen über das Erbe her und verkauften Antiquitäten in die eigene Tasche, der Chef kassierte Fahrerhonorare für den Fahrdienst und ließ Zivis fahren. Wirklich filmreif, das Szenario!

Es ging vor Gericht und machte Bundesweit Schlagzeilen! Es wurde nachgewiesen, daß Hunderttausende veruntreut wurden. Der Chef wurde verknackt, die gesamte Verwaltung wurde aufgelöst und durch eine neue ersetzt. All das ist (auch zugunsten der Behinderten) nur deshalb passiert, weil die Zivis nicht wie allen andern die Schnauze gehalten haben.

Vor ein paar Jahren hat mir eine Bekannte erzählt, daß sie ihren Verwaltungsjob beim DPWV (übrigens der Trägerverein u.a. des oben genannten Behindertenheims) gekündigt hat, weil sie es nicht ausgehalten hat bei Mauscheleien und Korruption länger zuzusehen.

Bei den anderen Trägern wie dem DRK sieht es kein Stück besser aus.

Und bei den anstehenden Kürzungen im gesamten sozialen Bereich ist noch weit schlimmeres für die Zukunft zu erwarten. Und viele Alte und Behinderte sind nicht allein in der Lage sich zu wehren. Ich hoffe wirklich, daß das Personal nicht länger durch Schweigen diese finsteren Zustände deckt und damit möglich macht!

Kuddel:
Ich habe gerade gehört, in der Werkstatt am Drachensee werden die Arbeitsbedingungen für sozialarbeiterische und Plegetätigkeit radikal verändert. Das gesamte Arbeitsverhältnis wird vertraglich auf den Kopf gestellt. Die Behinderten stellen ihr Hilfspersonal selbst ein und müssen dies aus einem zur Verfügung gestellten Budget selbst bezahlen. Je niedriger ausgebildet und somit auch niedriger eingestuft ein Helfer ist, desto billiger ist er. Das gesparte Geld darf der Behinderte behalten. Falls dieses System sich als funktionierend herausstellen sollte, wird der nächste Schritt sein, daß den Behinderten ihr Budget gekürzt wird.

Wer weiß mehr?
Alles nur ein Gerücht? (Wahrscheinlich nicht!)
Funktioniert das auch, also spielen Behinderte und unter Druck geratenes Personal da mit?

ManOfConstantSorrow:
Betrugsverdacht - Behinderteneinrichtung in Heide durchsucht

Lübeck/Heide (dpa/lno) - Die Staatsanwaltschaft Lübeck hat die Geschäftsräume einer Behinderteneinrichtung in Heide durchsucht. Hintergrund seien Ermittlungen wegen Betrugs und Untreue, sagte der Leiter der Abteilung Wirtschaftsstrafsachen, Werner Spohr, am Donnerstag. Danach sollen vier Mitarbeiter der Einrichtung in den Jahren 1999 bis 2003 zu Unrecht Pflegesätze abgerechnet und so Sozialämter betrogen haben. Außerdem sollen sie sich private Vorteile verschafft haben.

dpa/regioline vom 29.04.2004

ManOfConstantSorrow:
 
VERHUNGERN IM HEIM

Jeder fünfte Pflegebedürftige akut unterernährtMediziner schlagen Alarm: In deutschen Altenheimen herrschen zum Teil katastrophale Zustände. Leidtragende sind vor allem alte pflegebedürftige Menschen: Bis zu 40 Prozent erhalten zu wenig Nahrung - die Hälfte davon droht sogar zu verhungern.

Mitten in Deutschland verhungern pflegebedürftige Menschen, weil ihnen Ärzte und Pflegepersonal aus Unwissen oder Sparzwängen zu wenig Nahrung verschreiben. Das behauptet das ARD-Magazin "Report aus Mainz". Einige Mediziner ließen ihre schwerkranken Patienten auch verhungern, um Sterbehilfe zu leisten.

Inzwischen hat der Deutsche Hausärzteverband die Anschuldigungen als "Unsinn und unverschämte Unterstellung" zurückgewiesen. Auch der Bundesverband Deutscher Pflegeberufe widersprach den Aussagen. Dagegen bestätigten Experten gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass es in deutschen Pflegeheimen ein oft heilloses Durcheinander bei der künstlichen Ernährung Schwerkranker gebe.

"Report aus Mainz" hatte von dem Fall Roger Henrichs berichtet, der nach einem halbseitigen Schlaganfall über eine Magensonde künstlich ernährt wurde. Über einen Schnitt in der Bauchdecke wird dabei speziell zubereitete Kost direkt in den Magen gepumpt. Offensichtlich aber bekam Henrich zu wenig und verhungerte bei vollem Bewusstsein - quälend lange vier Jahre. Übrig blieb eine Notiz Henrichs: "Das Essen ist viel zu wenig. Ich will hier raus."

Das Magazin beruft sich außerdem auf Untersuchungen der Medizinischen Dienste der Krankenversicherungen (MDK) in Hessen und Sachsen-Anhalt. Nach Angaben von Hubert Bucher vom MDK Sachsen-Anhalt erhielten die Patienten teilweise nur zwei Drittel der nötigen Nahrungsmenge. Das bedeute auf lange Sicht, "dass die Leute verhungern". Betroffen seien vor allem Schlaganfallopfer, Demenzkranke oder Krebspatienten, die über Magensonden ernährt werden müssen.

Nach Meinung des leitenden hessischen MDK-Arztes Günther Deitrich wüssten viele der behandelnden Ärzte schlichtweg nicht, wie viel Kalorien ihr Patient benötige. Heinz-Harald Abholz von der Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin äußerte dagegen den Verdacht, durch die Unterernährung der oft schwer Kranken solle Sterbehilfe geleistet werden.

Der Deutsche Hausärzteverband wies die Anschuldigungen als "Unsinn und unverschämte Unterstellung" zurück. Vorstandsmitglied Heinz Jarmatz sagte gegenüber SPIEGEL ONLINE, durch Herstellerhinweise und Kalorienangaben auf den Nahrungsprodukten könne ausgeschlossen werden, dass sich der behandelnde Arzt bei der Verordnung der nötigen Kalorienmenge irre. Aus Sparzwängen einem Patienten weniger Sonden-Kost zu verschreiben, sei "unethisch" und werde von seinem Verband abgelehnt.


 
Report Mainz/ ARD
Verhungernder Henrich: "Das Essen ist viel zu wenig"
Nach Angaben des Sozialministeriums Sachsen-Anhalt sind die von Hubert Bucher beschriebenen Zustände längst abgestellt. Auf die Untersuchung aus dem Jahr 2002, auf die Bucher sich beziehe, habe man seitdem mit über 1000 Kontrollen offensiv reagiert.

Doch laut Jürgen Brüggemann vom Medizinischen Dienst der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) sind die aus Sachsen-Anhalt berichteten Fälle von Unterernährung keine einmaligen Vorkommnisse: "Die Probleme sind auch heute noch ganz aktuell."

In Hessen und Rheinland-Pfalz hätten Untersuchungen ähnliche Ergebnisse zu Tage gefördert, sagte ein Vertreter der MDK Hessen gegenüber SPIEGEL ONLINE. So würden rund 40 Prozent der Heimbewohner in den überprüften hessischen Pflegeeinrichtungen zu wenig Kost erhalten, 18 Prozent seien sogar "bedrohlich untergewichtig".

Eine Untersuchung in Rheinland-Pfalz kommt auf die erschreckende Hungerquote von 40 Prozent. Die ärztliche Leiterin des MDK Rheinland-Pfalz, Ursula Weibler-Villabos, sagte SPIEGEL ONLINE, aus anderen Bundesländern gebe es ähnliche Erkenntnisse. Da man das Problem in Rheinland-Pfalz mittlerweile erkannt habe, stehe man im bundesweiten Vergleich sogar vermutlich noch etwas besser da.

Die Berichte aus den Bundesländern zeigen allesamt ein unglaubliches Wirrwarr in deutschen Alten- und Pflegeheimen bei der Zwangsernährung: Immer wieder bemängeln die Kontrolleure fehlende pflegerische Versorgung und fachliche Inkompetenz. Oft wüssten die Verantwortlichen noch nicht einmal, wer die künstliche Ernährung überhaupt angeordnet hat. Bei jedem zweiten bis dritten der Zwangsernährten versäumten es Mediziner und Pflegepersonal, das Gewicht ihres Patienten bei der Einlieferung festzustellen - und könnten folglich auch nicht erkennen, wenn dieser immer mehr Gewicht verliere.

Nach Aussage Franz Wagners, Geschäftsführer des Deutschen Berufsverbandes für Pflegeberufe, ist es dagegen für das betreuende Personal oft schwierig, den korrekten Kalorienbedarf eines bettlägerigen und alten Menschen zu ermitteln. "Ich schließe aber energisch aus, dass die Unterernährung absichtlich herbeigeführt wird, sei es aus Sparzwängen oder um Sterbehilfe zu leisten", so Wagner.

Auch bei der Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik sind die Missstände in deutschen Pflege-Einrichtungen bekannt. Die Politik müsse endlich die bestehenden Vorschriften bedeutend verbessern, fordern nun die Ernährungsexperten. Eine Sprecherin des Gesundheitsministerium teilte inzwischen mit, eine entsprechende Arzneimittel-Richtlinie, in der auch die Versorgung älterer Menschen in Heimen geregelt wird, werde zurzeit überarbeitet. Letztlich seien aber die Bundesländer dafür zuständig, wie es in den Heimen aussehe.

zsbm:
Hallo Kuddel,

Deine Anfrage ist zwar "etwas" länger her - möglicherweise hilft der Hinweis trotzdem.

Bei den www.kobinet-nachrichten.org wird recht aktuell über das Budget für behindert Menschen berichtet. Dort gibt es auch weitere hilfreiche Links in Sachen Behinderung.

Gruss
Detlev 8)

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln