Autor Thema: [Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund  (Gelesen 34471 mal)

regenwurm

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #15 am: 08:49:53 Do. 12.Januar 2006 »
Zitat
medial kritzelte wie folgt "verarscht uns gott oder wir selber????????"

Gott ist tot


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Die metaphysische Krise des Westens ist manifest. Kunst als Ersatzreligion ist zum Gemeinplatz geworden, das Zeitalter der Bilder ist ausgerufen und der Kapitalismus zum einzigen Weltmodell geworden. Fundamentalismen im Orient und Okzident sind auf dem Vormarsch. Vor diesem Hintergrund hat die Kunst das Thema Religion neu entdeckt – doch nimmt sie es ernst? Kunst selbst hat sich vielleicht niemals ganz von ihrer kultischen Funktion emanzipiert und stand immer schon in einem prekären Spannungsverhältnis zum Projekt der Aufklärung. Ist eine Résistance der Bilder gegen die Re-Mythisierung der Gesellschaft denkbar? Oder leistet die Kunst unwillentlich neokonservativen Tendenzen Vorschub?
Quelle:

Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler.

Maddie77

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #16 am: 16:19:24 So. 29.Januar 2006 »
Zitat
Original von Medial
MDK kann ich nur lachen was ist das. muss man da geld zahlen, sie zum essen ein laden.witzfiguren die das sagen was man will????oh man der MDK war im haus und das war der ablacher.ein kindergarten von schuljungen die nichts begreifen.
Mh...hab mir jetzt alles hier durchgelesen und bin erschrocken.

Ich selbst bin seit 12 Jahren Altenpflegerin und habe seither in 3 verschiedenen Einrichtungen gearbeitet(2xDiakonie und jetzt momentan AWO).

Ich kann nichts schlechtes von beiden Organisationen sagen.
Besser finde ich aber auf jeden Fall die AWO(Arbeiterwohlfahrt/Schwaben).

Wir haben in unserer Einrichtung einen hohen Qualitätsstandart und sind von den Heimkosten im "normalen" Rahmen!

Die Mitarbeiter bilden sich regelmäßig(mind.3 pro Jahr jeder Mitarbeiter!) fort und machen Weiterbildungen.

Die Bewohner sind meines Erachtens top versorgt und bisherige (unerwartete) Kontrolle haben wir immer mit Bravur bestanden!

Keiner muß Hunger oder Durst leiden, dazu sind unsere Richtlinien sehr streng! ;)

Von der Hauptgeschäftsstelle erhalten wir auch regelmäßig jedes Quartal Prüfungen im ganzen Haus und diese fallen oft strenger als durch den MDK oder Heimaufsicht aus!

@MDK: Ich denke, das dieser je nach Region lascher oder desinteressierter ist und dieses Personal ausgewechselt gehört.  ;)

Ich persönlich finde diese Überprüfungen ansonsten gut, da Missstände in anderen Heimen aufgedeckt werden und dann gehandelt werden muß!

Schade ist nur, das man ALLE über einen Kamm schert und das dadurch die Altenpflege so einen schlechten Ruf hat! ;(

lG Maddie :)

Troll

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #17 am: 17:07:34 So. 29.Januar 2006 »
Zitat
Schade ist nur, das man ALLE über einen Kamm schert und das dadurch die Altenpflege so einen schlechten Ruf hat! ;(
Mach Dir nix draus, es gibt ~5000000 die ein ähnliche Schicksal mit Dir teilen und nachvollziehen können  :D
So lange Du so agierst wie Du selbst, in gleicher Situation, behandelt werden möchtest hast Du Dir ja nichts vorzuwerfen.
Wichtig ist, Mißstände aufzudecken und Publik zu machen.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

HumanRoboter

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #18 am: 00:11:43 Mo. 10.Juli 2006 »
Ich habe bisher als Pflegehelfer für eine Zeitarbeitsfirma in den meisten Einrichtungen die Erfahrung gemacht, das die Pflegestandards immer noch relativ hoch sind. Die Einsparungen der PV und KV werden auf dem Rücken -buchstäblich- der Mitarbeiter ausgetragen, nicht auf dem der Pflegebedürftigen.
 
Sicher erleben Heimbewohner an ihrem Lebensabend nicht unbedingt das, was man sich unter hoher Lebensqualität vorstellt.

Trotzdem wird in Sachen Beschäftigung und Betreuung der Bewohner meist recht viel getan- die meisten Heime sind schließlich Dienstleister, die auf die Zufriedenheit ihrer 'Kunden', -die meist hohe Zuzahlungen leisten- angewiesen sind.

Dafür wird an anderen Stellen gespart- zum Beispiel an Pflegehilfsmitteln wie Trage- und Lagerungshilfen- sowie an den Pausen- und Umkleideräumen für Mitarbeiter, modernen Küchen oder anderen Stationseinrichtungen, die die Arbeit der Pflegenden erleichtern.

Nicht umsonst ist der Krankenstand und die Ausstiegsrate in Pflegeberufen viel höher als anderswo- die Pflegenden haben nicht weniger Angst um ihren Job als andere, sie sind teilweise einfach FERTIG- das liegt an Dienstplänen, wo 20 und mehr Tage am Stück durchgearbeitet wird, und an dem heftigen Zeitdruck, der direkt an das Personal weitergereicht wird.

Die Pflegeversicherungen schreiben feste Zeiten für verschiedene Pflegeleistungen vor- z.B. Ganzkörperwäsche oder Toilettengang- meistens sind diese Vorgaben absolut unrealistisch und lassen keine Zeit für auch nur die geringste Ansprache an den alten Menschen. Wer sich die Zeit dennoch nimmt, zahlt mit seiner Pause dafür oder bleibt länger. Vielfach wird diese Art der Selbstaufopferung schon von den Einrichtungsträgern/ Pflegedienstleitungen vorausgesetzt.

In den Pflegeeinrichtungen herrschen teilweise Zustände wie zu Zeiten des Frühkapitalismus. Und das ist nicht übertrieben- als MA einer Zeitsklavenfirma bin ich der erste, der das hautnah mitbekommt. Da wird man an seinem einzigen freien Tag in 3 Wochen um 6.30 morgens angerufen und verlangt, das man einen Doppeldienst macht, d.h. 14 Stunden am Stück arbeiten!

Mit der immer weiter um sich greifenden Privatisierung ehemals öffentlicher Träger greift in der Pflege der Turbokapitalismus um sich- wer da nicht mithalten kann, fliegt raus oder brennt aus:

http://www.bgw-online.de/internet/portal/group/internetuser/page/default.psml?path=/Inhalt/OnlineInhalt/Medientypen/Presseinformation/Aktuelle_20Pressemeldungen/Stress__Frust__Fluktuation.html

Warum man sich das gefallen lässt? Wenn man die Flexibilität nicht bringt, fliegt man raus, Punkt. Wochenlang 'geteilte' Dienste, d.h. von 6- 11, dann von 16- 20 Uhr, 24 Tage Dienst am Stück, 2 1/2 Monate kein freies Wochenende ist STANDARD liebe Leute und das ist der wirkliche Mißstand!!!

Die Versicherungsträger und Heime achten inzwischen sehr darauf, das die Pflege korrekt durchgeführt und vor allem korrekt abgerechnet wird-nur die Pflegekräfte haben keine Lobby.
Das einer sich nur minimal entwickle, entspricht den Bedürfnissen der Gesellschaft. (M. Feldenkrais)

HumanRoboter

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #19 am: 15:21:02 Mo. 10.Juli 2006 »
Noch ein interessanter Link zum Thema:

http://www.next.uni-wuppertal.de/dt/download/dt/2005NEXTBerlinTackenbergv_0430.pdf

Europaweite Studie zu Berufszufriedenheit und Ausstieg aus dem Pflegeberuf- danach haben bis zu 40% der Pflegekräfte orthopädische Erkrankungen.

Am schlechtesten schneidet Deutschland ab- wundert mich nicht, bin selbst betroffen.
Das einer sich nur minimal entwickle, entspricht den Bedürfnissen der Gesellschaft. (M. Feldenkrais)

Pinnswin

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #20 am: 17:47:03 Sa. 17.Februar 2007 »
Zitat
Viele Pflegekräfte arbeiten in Minijobs

Kiel/Hamburg / ino – Immer mehr Menschen im Norden arbeiten in einem Pflegeberuf. Doch wie das Statistikamt Nord gestern mitteilte, sind nur wenige von ihnen in Vollzeit beschäftigt. In Schleswig-Holstein stieg die Zahl  der Mitarbeiter in ambulanten Pflegeeinrichtungen im Dezember 2005 im Vergleich zu 2003 um mehr als 10%.

Davon arbeitete aber nur jeder zweite in Vollzeit. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Teilzeitkräfte um mehr als 13%. Insgesamt waren in den 390 Einrichtungen fast 7 700 Menschen für rund 15 800 Pflegebedürftige zuständig.

Noch gravierender ist es in Hamburg. Jede vierte Pflegekraft war 2005 geringfügig beschäftigt. Mehr als ein Viertel der Beschäftigten in den rund 320 Diensten erhielt nicht mehr als 400,- Euro, nur 30% arbeiteten in Vollzeit.
Die Zahl der Beschäftigten nahm im Dezember 2005 gegenüber 2003 um 4% zu. Rund 8 000 Pfleger betreuten etwa 12 300 Menschen.
aus: shz
Das Ende Der Welt brach Anno Domini 1420 doch nicht herein.
Obwohl vieles darauf hin deutete, das es kaeme... A. Sapkowski

Eivisskat

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #21 am: 09:13:50 Mo. 06.August 2007 »
http://www.elo-forum.net/arbeit%11beruf/arbeit%11beruf/-200708051031.html

Hungerlohn: „McPflege“ bezahlt Zwei Euro je Stunde

BREMEN (pr-sozial). Ein Bremer Pflege-Anbieter drängt in den deutschen Markt mit Hungerlöhnen. „McPflege" heißt der Pflegedienst und das Angebot ist eine häusliche Betreuung für zwei Euro je Stunde....

stern3007

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #22 am: 06:25:33 Di. 07.August 2007 »
Hierbei handelt es sich eher nicht um einen Pflegedienst, sondern um eine Art Vermittlungsservice. McPflege kann die erbrachten Leistungen übrigens nicht mit den jeweiligen Pflegekassen abrechnen. Erkennt man an den Beträgen die für die einzelnen Pflegestufen aufgelistet sind.

Eivisskat

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #23 am: 06:43:04 Di. 07.August 2007 »
Zitat:
 „McPflege" heißt der Pflegedienst und das Angebot ist eine häusliche Betreuung für zwei Euro je Stunde.
 Möglich wird das Angebot durch die Ausbeutung von billigen Arbeitskräften aus Osteuropa, die "McPflege" im Rahmen der Dienstleistungsfreiheit in Europa für den deutschen Markt angeheuert hat.
„Die Menschen, die kommen, werden ausgebeutet: Sie sind 24 Stunden am Arbeitsplatz und haben kaum Schutzrechte".

Ziggy

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #24 am: 19:44:03 Fr. 10.August 2007 »
Zitat
McPflege stellt urplötzlich Betrieb ein
Zehn Tage nach dem Start ist wieder Schluss: Der Discount-Pflegedienstleister McPflege hat sein Geschäft aufgegeben. Mit osteuropäischem Personal wollte das Unternehmen Pflege "ab zwei Euro pro Stunde" anbieten - Kritiker sprachen von "moderner Sklaverei".
mehr
Um seine Liebe zu beweisen, erklomm er die höchsten Berge, durchschwamm die tiefsten Meere und zog durch die weitesten Wüsten. Doch sie verließ ihn – weil er nie zu Hause war.

Kater

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #25 am: 18:18:56 Fr. 28.September 2007 »
https://www.kritische-ereignisse.de/

Zitat
Auch ungute Erfahrungen bringen Erkenntnisse!

Machen Sie Ihre auch für andere nutzbar!

 ... bietet Pflegenden, die motiviert sind, positive Impulse für die Entwicklung der Qualität der Altenpflege zu geben, die Möglichkeit anonym  - dass heißt, ohne dass eine Rückverfolgung möglich ist - kritische Ereignisse aus der Praxis der Altenpflege zu berichten.

Eine Initiative des Kuratorium Deutsche Altershilfe e.V.

ManOfConstantSorrow

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[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #26 am: 11:29:10 Mo. 16.Juni 2008 »
Zitat
Arbeitskampf in der Altenpflege
200 Beschäftigte von Pflegen & Wohnen legen die Arbeit im Streit um neuen Tarifvertrag nieder


Im Streit um einen neuen Tarifvertrag haben am Mittwoch 200 Beschäftigte von Pflegen & Wohnen (p&w) die Arbeit niedergelegt. An dem Warnstreik beteiligten sich vier der zwölf Altenpflegeeinrichtungen von p&w, teilte Ver.di-Sprecherin Sabine Bauer mit. Mit der Arbeitsniederlegung solle der Druck auf den Arbeitgeber erhöht werden, den Abschluss des öffentlichen Diensts für die 1.300 Beschäftigten zu übernehmen.

Die Berliner Vitanas KG und die Andreas Franke GmbH, gemeinsame Eigentümerinnen der Pflegeeinrichtungen, waren im April aus dem Hamburger Arbeitgeberverband ausgetreten. Ein von der Geschäftsführung mit Ver.di bereits ausgehandelter Tarifkompromiss war daraufhin Ende Mai wieder zurückgenommen worden.

Auf der Streikkundgebung betonte Hamburgs Ver.di-Landeschef Wolfgang Rose, die "Grenzen der Belastbarkeit für das Pflegepersonal" seien erreicht. "Humane Pflege, humane Arbeitsbedingungen und leistungsgerechte Bezahlung", hießen die Ziele des Tarifkampfes. Rose forderte Ole von Beust (CDU) auf, sich in den Konflikt einzuschalten und kritisierte die CDU-Privatisierungspolitik. Die ehemals städtische p&w war erst 2006 verkauft worden.

Die SPD erklärte ihre Unterstützung für die Beschäftigten. Sie machten von ihrem "guten Recht" Gebrauch, durch einen Warnstreik ein sichtbares Zeichen gegen Lohndumping und für eine angemessene Bezahlung zu setzen, erklärte SPD-Chef Ingo Egloff. Die Linke sprach von einem typischen Beispiel "für die verheerende Wirkung der Privatisierung von Einrichtungen der öffentlichen Daseinsvorsorge". Der Senat solle alles daran setzen, um Pflegen & Wohnen zu rekommunalisieren. MAC
http://www.taz.de/regional/nord/hamburg/artikel/?dig=2008%2F06%2F12%2Fa0045&cHash=e6b6f054fc

Streik bei 'PFLEGEN UND WOHNEN' - DIE LINKE solidarisiert sich mit den Beschäftigten
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Kuddel

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Re:[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #27 am: 12:29:21 Sa. 16.Oktober 2010 »
Endlich werden auch Behindertenwerkstätten in die öffentliche Diskussion und in Proteste eingebunden.

Zitat
Sparmaßnahmen: Gewerkschaftsbund protestiert gegen Sozialabbau

Der DGB Saar plant in den nächsten Wochen eine breite Protestwelle gegen Sozialabbau. Auch in den Behinderten-Werkstätten wird nun Widerstand gegen die angekündigten Sparmaßnahmen erwogen.

(...)
Nach Angaben der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Werkstätten für behinderte Menschen werden auch in den Werkstätten Proteste gegen die Saar-Regierung erwogen. LAG-Sprecher Michael Schmaus sagte der SZ, es sei „nicht auszuschließen“, dass behinderte Werkstatt-Beschäftigte demnächst für ihre Interessen auf die Straße gehen. Er wisse, dass dies gegenwärtig in den Werkstatträten diskutiert werde. Die Saar-Regierung will in den Werkstätten 3,4 Millionen Euro einsparen. Auch bei der Frühförderung und Integrationshilfen für behinderte Kinder wird der Rotstift angesetzt.(...)
http://www.saarbruecker-zeitung.de/aufmacher/DGB-Saar-Gewerkschaft-DGB-Saar-Protest;art27856,3465090

Kuddel

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Re:[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #28 am: 13:20:50 So. 16.Januar 2011 »
Zitat
Pflegeheimbranche
Bettflucht bei Marseille

Bei Deutschlands größtem privaten Pflegeheimbetreiber, den Marseille-Kliniken, stehen derzeit rund 1000 von gut 8000 Betten leer. Das räumte der neue Finanzvorstand Thomas Klaue im Gespräch mit FTD.de ein.


Noch im Oktober hatte er von 700 Betten gesprochen. Dem Unternehmen mit einem Umsatz von 241 Mio. Euro entgehen dadurch Erlöse von rund 30 Mio. Euro.
Am Freitag wird sich der Vorstand in der Hauptversammlung für die Geschäftsentwicklung rechtfertigen müssen. Einen schmalen Gewinn von 600.000 Euro konnte der Konzern zuletzt nur dank des Verkaufs der Reha-Sparte für knapp 20 Mio. Euro vorweisen. Seitdem ist das Unternehmen nur noch in der ambulanten und stationären Pflege tätig.

20 Mio. Euro musste Klaue abschreiben, der erst im Juli in das Unternehmen eingetreten ist. Die ehemaligen Vorstände Axel Hölzer und Peter Paul Gardosch von Krosigk sollen von der Hauptversammlung nicht entlastet werden - obwohl Hölzer offiziell nur aus gesundheitlichen Gründen ausgeschieden ist und Gardosch von Krosigk von dem Geschäftsjahr nur einen Monat im Unternehmen verbracht hat. Da Vorstandschef Ulrich Marseille zugleich Mehrheitsaktionär ist, gilt ihre Nichtentlastung als gewiss. Für Ärger bei Kleinaktionären dürfte vor allem die Talfahrt des Aktienkurses sorgen, von 18 Euro vor drei Jahren auf heute nur noch 2,45 Euro. Die Presse ist beim Aktionärstreffen ausgeschlossen.
Die schlechte Entwicklung bei den Marseille-Kliniken  ist bemerkenswert, weil Pflege angesichts der Alterung der Gesellschaft allgemein als Zukunftsmarkt gilt. Klaue räumt den Widerspruch ein: "Einerseits haben wir heute im stationären Bereich zu viele Pflegeplätze. Auf der anderen Seite heißt es immer, wir brauchen mehr Pflegeplätze in der Zukunft." Das Problem der Überkapazitäten betreffe die ganze Branche. Etwa 80.000 Betten stünden derzeit bundesweit leer.
Eine Ursache für die Belegungsprobleme sieht der Marseille-Finanzchef in veränderten Lebensgewohnheiten älterer Menschen. Weil sie so lange wie möglich selbstbestimmt leben wollten, gingen sie nun erst in einem höherem Alter als früher in Pflegeeinrichtungen. Entsprechend ist die durchschnittliche Verweildauer von fünf bis sieben Jahren vor knapp 20 Jahren auf zuletzt nur etwa zwei Jahre gesunken.
Das Unternehmen reagiert auf diesen Trend mit einer Expansion im betreuten Wohnen, das derzeit drei Prozent des Umsatzes ausmacht. Bei diesem Modell mieten die Senioren selbst eine Wohneinheit in einem Haus, das auf jeder Etage über eine Schwesternstation verfügt und eine Rezeption hat. Die Marseille-Kliniken mieten lediglich die Gemeinschaftsräume an und verkaufen die Pflegeleistung. Pro Bett erlösen sie damit zwar nur rund 8000 Euro pro Jahr, verglichen mit 30.000 Euro in der stationären Pflege. Die Rentabilität sei dank niedriger Kosten trotzdem höher.

"Wir haben uns vorgenommen, mittelfristig etwa zehn Prozent Umsatz in diesem Bereich zu erzielen", sagte Klaue. Im Dezember haben die Marseille-Kliniken dafür eine einjährige Anleihe zu einem Zins von 7,9 Prozent platziert, zudem steht eine Kapitalerhöhung an.
Die Kursentwicklung hat Beobachtern zufolge auch mit aus dem Ruder gelaufenen Kosten zu tun. Durch Verkäufe von Immobilien, die dann zurückgemietet wurden (Sale-and-Lease-back), habe das Unternehmen zwar seit 2004 etwa 300 Mio. Euro eingenommen, schreibt der Branchenexperte Hartmut Schmidt in einer Analyse. Allerdings: "Mit den Erträgen wurden Verlustlöcher gestopft, aber nicht beseitigt", so Schmidt. Als Verlustbringer gelten eine Handvoll der 62 Marseille-Einrichtungen, die Klaue zufolge rote Zahlen schreiben und den Gewinn von rund 40 klar profitablen Pflegeheimen aufzehren.

Die deutsche Pflegebranche kämpft mit strenger Regulierung und hohen Kosten. Deshalb sieht Klaue besseres Controlling als Schlüssel zum Erfolg. Man habe durch Einschnitte bei Personal und Material Fortschritte gemacht. "Wir sind noch nicht da, wo wir hinwollen", sagte er. Er erhofft sich mittelfristig Synergieeffekte durch größere Einrichtungen. "In Großbritannien oder den USA sind Anbieter mit 30.000 bis 50.000 Betten keine Seltenheit. Hier sind wir mit gut 8000 schon einer der größten."
Spekuliert wird, ob Vorstandschef Marseille angesichts hoher Mietkosten die Sale-and-Lease-back-Verträge neu verhandeln will. Genährt wird die Vermutung dadurch, dass 2010 Ex-Arcandor -Chef Thomas Middelhoff in den Aufsichtsrat eingezogen ist. "Herr Middelhoff hat sehr viel Erfahrung mit Immobilientransaktionen, von der wir profitieren können", sagte Klaue.
Der Handelskonzern Arcandor ging allerdings als eine der größten deutschen Firmenpleiten in die Geschichte ein. Die Finanz- und Immobiliengeschäfte, die Middelhoff dort schloss, haben massives Misstrauen des Insolvenzverwalters erregt. Er hat Middelhoff mittlerweile verklagt.

Zitat
Pressefreie Zone
Den Ausschluss der Presse von der Hauptversammlung bezeichnet Peter Kraus von der Deutschen Schutzvereinigung für Aktionäre (DSW) als höchst ungewöhnlich und als "schlechte Informationspolitik". Das gelte besonders angesichts der Tatsache, dass sich nirgends eine Begründung für die empfohlene Nichtentlastung der Ex-Vorstände findet. Für Unverständnis sorgte auch die Verlegung der Veranstaltung nach Hamburg. Es wird vermutet, dass sich in Berlin, wo sie in den letzten Jahren stattfand, viele Aktionäre mit kritischen Fragen angekündigt hatten.
http://www.ftd.de/unternehmen/handel-dienstleister/:pflegeheimbranche-bettflucht-bei-marseille/50214991.html

Troll

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Re:[Behinderten/Altenheime] Ein Blick in den Abgrund
« Antwort #29 am: 12:02:33 Fr. 01.Juli 2011 »
Zitat
... dann ging ich ins Gefängnis ...

Von Gerd Heming

Johann B., 79, ging nicht ins Gefängnis. Er ging in ein Alten- und Pflegeheim.
Für Johann B. aber war das dasselbe. Und wenn wir seinem Denken folgen, verstehen wir, warum er denkt, wie er denkt.

Zunächst einmal sollten wir uns bewusst machen, dass wir unsere Alten- und Pflegeheime zu Bedürfnisanstalten degradiert haben. Bedürfnisbefriedigung ist das Wort zum Sonntag! Auf Befriedigung seiner elementarsten Bedürfnisse wird der Mensch in Pflegeeinrichtungen reduziert. Der Mensch als bedürftiges Wesen. Bedürfnisbefriedigung als Ersatz für Menschenwürde. Satt! Sauber! Trocken! Schon der Begriff der Pflegebedürftigkeit deutet unbarmherzig darauf hin. Johann B. hat recht. Bedürfnisanstalt oder Gefängnis. Wo ist da der Unterschied?

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Als sich vor einiger Zeit in Bonn 300 Delegierte aus den Bereichen Gesundheit und Pflege zu einer zweitägigen Tagung trafen, mussten sie für eine Nacht in Hotels untergebracht werden. Nun hatten die Hotels nicht genügend freie Einzelzimmer. Sie boten daher den Tagungsteilnehmern an, jeweils Doppelzimmer zu teilen. Nicht eines der Tagungsmitglieder war bereit, auch nur für diese eine Nacht das Zimmer mit einem anderen (Fremden) zu teilen. Die gleichen Menschen fanden aber nichts dabei, am Tag darauf für Doppel- und Mehrzimmer in Pflegeeinrichtungen zu plädieren.
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Quelle und vollständiger Artikel: scharf-links
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