Autor Thema: Null Toleranz dem Mobbing !  (Gelesen 10179 mal)

schmetti

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Re:Null Toleranz dem Mobbing !
« Antwort #15 am: 20:03:12 Mo. 13.Februar 2012 »
Und aber Nick N., auch wenns mMn keine Pauschalrezepte gibt, man sollte vielleicht zumindest versuchen, so nah wie möglich eine für jedes Individuum anwendbare Methodik zu erreichen. Du hast da schon ein paar Vorschläge gemacht. Ein Teil davon klingt beim ersten Zulesen sogar fast plausibel, doch letzendlich ist das alles eben nur Theorie. In der Praxis aber wirst du mit auswendig gelernter Theorie zwangsläufig irgendwann an Grenzen stoßen, und spätestens dann wirst du dich fragen, ob das so richtig ist.
Hoff das war jetzt nicht zu klugscheißerisch. Will damit nicht deine Absichten relativieren. Es ist bewunderswert, was du machst und wie du versuchst, andere zu unterstützen, und ich hoffe für dich, dass du deinen richtigen Weg im Umgang mit diesem Thema findest.

Ich schreibe jetzt mal sehr so ist es!, es muss nicht zwangsläufig so sein, aber es nervt mich langsam ein bisschen, ständig "ich finde" oder "ich glaube" zu schreiben, um die Subjektivität zu unterstreichen. ^^

Also: Es ist doch erstrebenswert, dass Menschen gut miteinander umgehen und sich nicht fertigmachen (lassen). Der wichtigste Punkt beim Thema Mobbing ist erstmal die Erkenntnis eines jeden, dass es perse abzulehnen ist, dass man sich selber nicht daran beteiligt und dass man nicht Geschädigter solcher Sachen werden möchte - oder besser: will. Dieses Grundgerüst muss stehen - es muss eine Überzeugung sein und in Fleisch, Blut und Geist übergegangen sein.
So jetzt aber kommt die Frage, wie man dieses Grundgerüst genau in der Praxis benutzt. Und da stockt es doch. Diese Frage ist einfach nicht zu beantworten. Denn so verschieden die Persönlichkeiten sind, so verschieden sind auch die Methoden des Mobbings, die man antrifft. Was ist, wenn man mit einer neuen, unbekannten Situation sich konfrontiert sieht - schnell bei Google nachgucken?
Um auf verschiedenste Situationen reagieren zu können, bedarf es einer inneren Macht: nämlich dem Vertrauen in die eigene Stärke. Und das klingt so dermaßen platt und beliebig, dass es unmöglich ist, jeden Menschen davon zu überzeugen, dass er da drin sowas besitzen könnte - weil es unmöglich ist, weil die innere Stärke kommt und geht - weil man sie nicht nach Belieben ein- und ausschalten kann wie eine Taschenlampe.
Ein weiterer Punkt ist, und der geht der zweiten Frage nach, wie man sich gegen Mobber verhält - wie soll man diesen Personen begegnen? Erstmal ist es hilfreich, sich selbst absolut auszuklammern. Es ist diese Angst, die man sich in sich trägt, die einen daran hindert, überhaupt zu agieren. Diese Angst ist ebenfalls individuell, hängt aber oft mit dem Gedanken, etwas zu verlieren, zusammen. Im kleinen Rahmen vielleicht unbedeutend und übergehbar, im großen Rahmen allerdings zusammenhängend mit Angst vor Isolation, sozialer Ächtung oder materiellem Verlust (wenn du z.B. Stellung gegen das Mobbing vom Chef beziehst und befürchten musst, gekündigt zu werden). Diese Angst ist ebenfalls nicht einfach ausschaltbar. Diese Angst lässt sich besiegen, wenn alles zusammengebrochen ist und niemand mehr groß etwas hat, was man verlieren könnte (außer vielleicht sein Leben), aber sie lässt sich auch besiegen, wenn man sich selber von den dogmatischen Zwängen, die einen das System auferlegt, loslöst.
Und again stößt man hier wieder auf eine Reihe individueller Begebenheiten, die eine Befreiung und Loslösen dieser Angst unmöglich macht. Wieder wie die Taschenlampe, nur hier kannst du sie nicht ausknipsen.

Das ist jetzt viel Blablubb und auch theoretischer Scheiß, den ich mir hier aus den letzten Ecken meiner Gehirnwindungen gezogen hab, die Frage nach dem Wie? bleibt aber, sie bleibt einfach schier unbeantwortbar. Denn die Anwort findet sich in keinem Ratschlag, die spukt irgendwo drinne in den eigenen Gedärmen rum und ruft einem ständig zu: Ich weiß es doch!  - der Rest sind Kopien von Erleuchteten; lieblos rüberklatschbar übers eigene Denkschemata.

Damit wäre die selbstauferlegte, anfängliche Mission,
Zitat
so nah wie möglich eine für jedes Individuum anwendbare Methodik zu erreichen
, kläglich gescheitert.

Nick N.

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Re:Null Toleranz dem Mobbing !
« Antwort #16 am: 02:02:39 Di. 14.Februar 2012 »
Ich hangel mich auch mal an Zitaten entlang.

"Vielleicht denk ich da auch zu voreingenommen, aber genau diese Art von Werkzeug ist mir dann wieder zu ... konkret? entgültig? universell?"
Och, aber das ist doch auch Geschmackssache. Der eine lernt es besser am Konkreten, der andere will lieber wissen, wie man selber auf die besten Antworten kommt.

"Die Antworten sind zum Teil...naja."
Das finde ich allerdings auch! Die Idee einer Antwortenliste finde ich aber inspirierend.
Mir gefällt, dass Pöhm den Leuten beibringen will, sich selber zu wehren, und, dass er genau das anbietet, was im Mainstream als Igitt gilt, wo es eben nur dann als authentisch gilt, wenn Du es Dir selber ausgedacht hast. Diejenigen, denen das besser liegt, die kommen auf ihre Kosten, und die besser oder lieber durch Nachahmung lernen (und das ist ja auch genauso völlig normal) schauen in die Röhre.

Für reines Nachplappern bin ich auch nicht, sondern es ist sehr aufwändig, sich eine Antwort auszusuchen, die auch wirklich zu einem passt, und sich die dann richtig zu eigen zu machen. Und sowieso funzt das erstmal nur für Standardsituationen.
Doch wenn es dann damit klappt, vor allem, wenn man sich selbst als jemand erlebt, der das drauf hat, dann ändert sich auch bei einem selber was, und dieser Effekt wird meist sehr unterschätzt.

"Da war das mit der paradoxen Intervention schon spannender weil man damit auch konkret was anfangen kann"
Cool, freut mich. Dabei war das von mir nur ein Notnagel, um nicht mit solchen Begriffen unerklärt rumzuschmeissen. Ich hätte da selber noch nichts mit anfangen können in der Form.
Das zeigt eben, dass da jeder anders ist, und warum soll man sich auf eine Methode beschränken, die dann für alle "richtig" sein soll?

"so nah wie möglich eine für jedes Individuum anwendbare Methodik zu erreichen."
Die eine Methodik für alle gibts garantiert nicht.
Das, worauf sich alle einigen können (sollten), ist das "Was": "Mobbing ist scheisse, das lass ich sein - und Du lässt es besser auch!!"
Das "Wie" besteht eigentlich aus unzähligen Einzeltaktiken, da ist es weder notwendig noch sinnvoll, eine Methode für alle Anwender und für alle Situationen festzulegen und den Rest zu ignorieren. Im Gegenteil: Wenn man so aus dem Vollen schöpfen kann, dann soll man es doch machen! Und dann soll es auch jeder dürfen.

"es muss eine Überzeugung sein und in Fleisch, Blut und Geist übergegangen sein"
Auf jeden Fall. Die Konsequenzen, die sich daraus für den Alltag und den Umgang mit solchen Situationen ergeben, scheinen aber auch manchen Leuten in Fleisch und Blut übergegangen zu sein. Das ist so mein Ziel. Man kommt irgendwann gar nicht mehr auf die Idee, anders zu handeln.
Und das kann man schon ein bisschen trainieren, dann kann der Rest der Welt es einem wieder ein bisschen abtrainieren...
Bei mir schwankt es auch.


"Diese Angst ist ebenfalls individuell, hängt aber oft mit dem Gedanken, etwas zu verlieren, zusammen."
Im Zusammenhang damit fällt mir noch eine Sache ein, und das ist Folgendes: Wenn man von aussen immer wieder an die Angst oder die Gefahr erinnert wird, wächst die Angst.
Das lässt sich irgendwann sogar an einem Wachstum der Synapsen im Gehirn zeigen.
Dafür muss einem nicht jedesmal Angst gemacht werden, man muss nur daran erinnert werden, dass die Angst überhaupt existiert.
Diese dauernden Drohungen des JobCenters sind dabei extrem grobmotorisch, ein "richtiger" Mobber und sein unterstützendes Umfeld machen das subtiler.
Und dann wundert man sich, dass man scheinbar plötzlich so ein Feigling ist.
Da lässt sich schon dagegensteuern, wenn man es merkt: Ach, jetzt will er mich an meine Angst erinnern. Das hat er auch nötig, weil in der Sache ist das eine Zumutung/ hat er keine Argumente in der Tasche/... Ich lass mir von Dir doch keine Angst machen !?!

Sowas, übrigens, passiert auch sehr gerne mal mit absolut hundertprozentig guter Absicht. Da wird man völlig unvermittelt auf seine Unsicherheit angesprochen, oder sonst irgendeine Schwäche, obwohl man sich gerade über was ganz anderes unterhält...

Kommt natürlich sehr häufig auch nur unter dem Deckmantel von guten Absichten vor.
Satyagraha

schmetti

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Re:Null Toleranz dem Mobbing !
« Antwort #17 am: 16:05:14 Mi. 15.Februar 2012 »
Das ist ja das Geile, du kannst immer nur aus deiner Sicht heraus schreiben und nicht aus der Sicht einiger/vieler/aller.

Was mich zum Jucken bringt bei diesen ganzen wie-verhalte-ich-mich-richtig-in-bestimmten-Gesellschaftsbereichen-Ratgebern & Seminaren ist die freiwillige Untergrabung der eigenen, natürlichen Intuition (und vielleicht der Denkleistung), die man dann durch auswendig gelernte Verhaltensschablonen ersetzt. Aber das geht noch viel tiefer, das setzt ja schon nach der Geburt an, denn da fängt schon das Abtrainieren des eigenständigen Denkens mittels Erziehung (durch Eltern, Kindergarten, Medien und Schule) an, so dass ein Mensch nicht mehr denken muss, sondern für sich denken lässt.
Und damit muss ich dir auch bzgl. des Mainstream widersprechen. *g*
Weil ich eher das Gefühl habe, dass der Mainstream mir genau sagen will, wie ich mich verhalten soll, und es nicht toleriert, wenn ich eigenständig und authentisch bin. Aber was ist hier eigentlich der Mainstream? Vielleicht haben wir da nur verschiedene Definitionen von.

Die paradoxe Intervention hat mich insofern angesprochen, weil sie mir etwas erklärt hat, was ich selbst manchmal anwende, was ich aber nie versucht habe, begrifflich begreiflich zu machen. Oberflächlich betrachtet verhindert sie von vorneherein, dass man attackiert werden kann, weil man solche Attacken schlicht nicht ernst nimmt. Einem Mobber macht es keinen Spaß, wenn er merkt, dass sein Blödsinn ins Leere läuft und nicht die gewöhnlichen Reaktionen hervorruft.

Zitat
Im Zusammenhang damit fällt mir noch eine Sache ein, und das ist Folgendes: Wenn man von aussen immer wieder an die Angst oder die Gefahr erinnert wird, wächst die Angst.

Und das ist das perverse an dieser Gesellschaft! Das ist der verfickte Druck, der bewusst oder unbewusst auf einen ausgeübt wird. Medien, Lehrer, Pädagogen, Jobcenter, alle erzählen dir, was normal zu sein hat und was unnormal ist, und die Menschen glauben das und fühlen sich beschissen, wenn sie in Situationen geraten, die nicht ins Konzept der Gesellschaft passen. Und dann wächst die Angst, als unnormal angesehen zu werden, man beugt sich dem Anpassungsdruck und propagiert seinen Mitmenschen selbst das Bild eines funktionierenden Menschen, die Angst vorm Unnormalsein wird weitergegeben! Ein ständig wachsender Druck von außen, der zerstörerische Wirkung hat und jeden niedermäht, der dem Druck nicht gewachsen ist. Aber die werden nicht unterstützt, sie werden als "schlechte Beispiele einer misslungen Integration" gebrandmarkt!
Manchmal glaube ich, man will echt nur Supermenschen heranzüchten, um ein misslungenes Gesellschaftskonzept auf Teufel komm raus als das einzig Wahre hinzustellen.



Rudolf Rocker

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Re:Null Toleranz dem Mobbing !
« Antwort #18 am: 17:16:22 Mi. 15.Februar 2012 »
Zitat
Am 19. Januar wurde die Schule von einem dramatischen Vorfall erschüttert: Ein 14-Jähriger wurde tot an den Bahngleisen im Bereich des Wohnviertels Göbelbastei/Wolfstalstraße aufgefunden (wir berichteten). Der OHG-Schüler hat sich, so ergaben Ermittlungen der Polizei, das Leben genommen. Nach NDZ-Informationen fühlte er sich von Mitschülern gemobbt und missverstanden. Seine Verzweiflung muss unvorstellbar groß gewesen sein.

http://www.ndz.de/portal/lokales/springe_Mobbing-und-Schlaege-am-OHG-%26ndash%3B-Schueler-und-Eltern-beunru-_arid,402585.html
Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!

schmetti

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Re:Null Toleranz dem Mobbing !
« Antwort #19 am: 17:30:16 Mi. 15.Februar 2012 »
Sorry, ich glaube der Betroffenheit nur insofern, dass es gesellschaftlich angebracht ist, mal betroffen zu tun. Nichtmal im Unbewussten klar darüber, dass eine auf konformität- und leistungsbasierte Gesellschaft seine Opfer generiert. Mit den Schattenseiten konfrontiert man sich erst wieder, wenn es zu spät ist. Ansonsten alles wie gewohnt.

(wann findet denn eigentlich mal wieder ein Amoklauf statt?)

Rudolf Rocker

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Re:Null Toleranz dem Mobbing !
« Antwort #20 am: 18:41:52 Mi. 15.Februar 2012 »
Zitat
Sorry, ich glaube der Betroffenheit nur insofern, dass es gesellschaftlich angebracht ist, mal betroffen zu tun. Nichtmal im Unbewussten klar darüber, dass eine auf konformität- und leistungsbasierte Gesellschaft seine Opfer generiert. Mit den Schattenseiten konfrontiert man sich erst wieder, wenn es zu spät ist. Ansonsten alles wie gewohnt.


So ist es!

Was erwartet mensch denn von einem neoliberalen System das genau dieses "nach unten treten" als großen "Fortschritt" der "westlichen Wertegemeinschaft" ansieht!

Eltern und Lehrer die in einem solchen System aufgewachsen sind bringen Kindern eben nichts anderes bei! Leider!

Ich fand das Beispiel aber sehr bezeichnend, weil es zeigt wie schlimm die Folgen von Mobbing sein können!
Ich habe einen Neffen im gleichen Alter!
Desshalb geht mir dieser Fall auch persönlich sehr nahe!

Jetzt können wir endlich rausfinden, was wir anstelle unserer Großeltern getan hätten!

schmetti

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Re:Null Toleranz dem Mobbing !
« Antwort #21 am: 19:17:29 Mi. 15.Februar 2012 »
Ja, und es ist leider nicht das erste Mal, dass sich jemand aus Verzweiflung etwas antut.
Kannst du dich noch an den Abschiedsbrief von Sebastian B. erinnern? Der aus Emsdetten?
Genau da listet er doch auf, was ihn dazu bewogen hat. Und was macht man mit diesen Aussagen in der Öffentlichkeit? Brief zensieren, Videospiele verurteilen, sein Hobby anprangern. Ich denke, das passiert nur, weil man es nicht einsehen will, dass das System und ihre Prinzipien an sich das Problem ist.
Dabei ist genau so ein Abschiedsbrief Gold wert. Sowas schreibt man nicht, weil man eine blühende Fantasie hat. Und einen Amoklauf startet man nicht einfach so, weil das Schiessen in Counter-Strike ja so Spaß gemacht hat.