Autor Thema: Klassenkampf im deutschen Schulsystem  (Gelesen 12065 mal)

berufsstudent

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  • Besitz stirbt, Verwandte sterben, Du selber stirbst einst wie sie; Doch eines weiß ich, stirbt nie: Das Urteil über die Toten. (Edda, Spruchdichtung Str. 77)
Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« am: 09:46:37 Mo. 26.Juni 2006 »
Zitat
Klassenkampf

In Gardelegen, Sachsen-Anhalt, überfallen Haupt- und Realschüler nach ihrer Entlassungsfeier ein Gymnasium – auch aus Wut über ihre Benachteiligung

Von André Paul

Sie feierten am 8. Juni 2006 ihren Schulabschluss, obwohl es dazu für die meisten keinen rechten Grund gab. 153 Jungen und Mädchen beenden in diesem Sommer die Karl-Marx-Sekundarschule in Gardelegen, Sachsen-Anhalt. Die meisten haben die mittlere Reife in der Tasche, etliche einen qualifizierten Hauptschulabschluss. Sie könnten ins Berufsleben starten. Doch für 100 der jungen Leute heißt es wohl nur: »könnten«. Sie haben keine Lehrstelle. Die Firmenchefs im Altmarkkreis Salzwedel können nehmen, wen sie wollen, und sie suchen sich andere. Es sind die Besserqualifizierten, auch wenn Kultusministerium, Lehrer, Arbeitgeber und Eltern alle dieses Wort scheuen. Die Ausbildungsplätze und die Jobs, das Geld und die Karriere, sie gehen nicht an die Karl-Marx-Schüler, sondern an andere. Und diesen anderen wollten die jungen Leute an jenem Vormittag einen Besuch abstatten. Am Ende des Tages sollte dann die Bilanz lauten: schwere Sachbeschädigung und gefährliche Körperverletzung. Ihre kleine Stadt schaffte es in die Schlagzeilen: Realschüler überfallen Gymnasium.

Man tut der Karl-Marx-Schule gewiss kein Unrecht, wenn man von ihr sagt, dass sie nicht zum guten Ruf des 11.000 Einwohner zählenden Gardelegen beiträgt; das fängt beim Gebäude aus der Hochphase sozialistischer Zweckbauweise an. Die Fenster sind klein, die Gänge schmal und dunkel, der Putz blättert ab, es riecht muffig, und am Portal überwuchert Efeu den Namen des Patrons. Nach einer Reform im vergangenen Sommer, die diesem Namen Hohn spricht, drängen sich hier 536 Kinder aus drei ehemals eigenständigen Schulen. Gleich neben dem Pausenhof befindet sich ein Discounter, auf dessen Parkplatz einige Männer schon zur frühen Morgenstunde ihr Bier trinken.

Im März dieses Jahres erregte ein Brief Aufsehen, mit dem sich die Lehrerschaft an den Hauptpersonalrat beim Kultusministerium in Magdeburg wandte. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits ein Viertel der 46 Kollegen krank gemeldet. Ihr Problem konnten die verbliebenen in einem Satz zusammenfassen: »Wir werden mit den Beleidigungen und Bedrohungen durch die Schüler nicht mehr fertig.« Die meisten Lehrer haben noch die zackigen Fahnenappelle der DDR miterlebt und müssen sich heute »Wichser« oder »Fotze« nennen lassen. Unter den Schülern ist nicht nur der Ton ruppig. Vor einigen Monaten verprügelte ein 16-jähriges Mädchen eine 15-Jährige schwer, vermutlich aus Eifersucht. Die Klassenkameraden standen daneben, mit ihren Handys filmten sie die Szene, ein Privatsender bekam sie später. Die Populisten unter Deutschlands Politikern blieben still. Eben noch hatten sie zur Lösung des Problems an der Berliner Rütli-Schule Abschiebungen und Deutsch-Pflichtkurse empfohlen – aber an der Karl-Marx-Schule in Gardelegen hat kaum ein Schüler einen »Migrationshintergrund«.

»Es gibt hier einen allgemeinen Werteverfall«, sagt Horst-Dieter Radtke, der Rektor, ein Mann mit grauem Bürstenhaarschnitt und melancholischen Augen. »Frust und Alkohol spielen eine große Rolle. Die Hälfte der Eltern lebt von HartzIV.« Und natürlich spiele der Sozialneid eine große Rolle. »In zehn Jahren hat der Landkreis 60 Millionen Euro für die Schulen ausgegeben, davon gingen 52 Millionen an die Gymnasien und acht Millionen an die Sekundarschulen. Das kann man werten, wie man möchte, aber es ist aufschlussreich, wenn man schaut, welche Schulform die Kinder der gut situierten Verwaltungsangestellten und Kommunalpolitiker meist besuchen.« Manch ein Karl-Marx-Schüler hat jetzt einen täglichen Schulweg von über einer Stunde.

»In den vergangenen Jahren sind hier durchaus neue Arbeitsplätze entstanden, vor allem in der Zulieferbranche für die Automobilindustrie«, sagt Jörg Marten, Redaktionsleiter der Gardelegener Volksstimme. »Aber die Arbeitslosen aus der Stadt werden dafür nicht gebraucht. Es kommen gut qualifizierte Fachkräfte aus Magdeburg, Stendal oder von noch weiter her.« Und Rektor Radtke ergänzt: »Die meisten haben sich schon aufgegeben.« Die Resignation der Eltern überträgt sich auf die Kinder. Auf welchen Wirtschaftsaufschwung sollten sie auch hoffen?

Enttäuschung, Alkohol, Neid, Verzweiflung – diese Mischung mag die 50 Jugendlichen angetrieben haben, die an jenem Donnerstagmorgen um halb elf durch die Stadt zogen in Richtung Gymnasium. Viele der Schüler waren betrunken; hinter ihnen lag eine turbulente Schulabschlussfeier. Am frühen Morgen hatten Unbekannte die Schlösser aller Außentüren mit Bauschaum zugesprüht. Der Schulleiter ließ die Veranstaltung in eine Sporthalle in der Nähe verlegen. Eigentlich sollte die Herzblatt-Show aus dem Fernsehen aufgeführt werden, eine Modenschau stattfinden, doch ging die Darbietung im Johlen und im Alkoholdunst unter. Die Lehrer räumten hinterher den Dreck weg. Ihre Schüler hatten jetzt was anderes vor.

An Tagen wie diesen ist es in Gardelegen seit langem Brauch, dass Jungen und Mädchen auch der anderen Schule einen Besuch abstatten. Im Geschwister-Scholl-Gymnasium war man diesmal nicht gewillt, die angetrunkenen Haupt- und Realschüler zu empfangen. Niemand werfe deshalb Direktor Dietmar Collatz Standesdünkel vor. Er handelte aus Erfahrung. »Vor einigen Monaten waren schon mal zwei Jungen von der Karl-Marx-Schule da und haben rumgepöbelt«, sagt der drahtige, braun gebrannte Mann. »Als wir sie zur Rede stellten, haben die frech eine falsche Identität angegeben. Diese Jugendlichen akzeptieren einfach keine Autorität.«

Als um viertel vor elf 50 Karl-Marx-Schüler vor dem verschlossenen Tor des Gymnasiums standen, mögen einige Gymnasiasten über den Zaun gespottet haben, das will der Direktor nicht ausschließen. Die Ausgesperrten fühlten sich provoziert. Viele schimpften bloß, aber 20 Jugendliche liefen zur Rückseite des Geländes. Die Geschwister-Scholl-Lehrer, in Objektbewachung nicht geübt, hatten den zwei Meter hohen Zaun hinten nicht im Blick. »Der Zaun war teilweise schon vorher kaputt«, berichtet später die Karl-Marx-Schülerin Nancy Rosenberg in der Lokalzeitung. »Das war wie eine Einladung.« Die Uhr hatte inzwischen elf geschlagen, drinnen lief der Unterricht.

Der Stoßtrupp war mit Fahnenstangen bewaffnet. »Einer hat damit eine Lampe nach der anderen zerschlagen«, sagt Mitschülerin Nancy, »wir haben versucht ihn zurückzuhalten, aber das war vergeblich. Der hat nichts mehr um sich rum mitgekriegt.«

Einige Eindringlinge stürmten johlend die Klassenzimmer. »Den Kindern wurden die Schulranzen weggerissen, ausgekippt und voll gesprüht«, sagt Direktor Collatz. Auch einige Scheiben gingen zu Bruch. Ein paar Lehrer hätten sich den Karl-Marx-Schülern auch »ziemlich hart entgegengestellt«, sagt der Direktor, »man darf sich das nicht gefallen lassen, heute wird doch viel zu schnell akzeptiert, wenn jemand gegen Regeln verstößt, es herrscht ein Klima des stillen Duldens.«

Die Kraft schien einem älteren Gymnasiasten zu fehlen. Er erhielt vom Anführer der Karl-Marx-Schüler eine Kopfnuss, das Nasenbein brach. Nun, es war inzwischen viertel nach Elf, rief der Schulleiter die Polizei. »Und die hat ziemlich lange auf sich warten lassen«, kritisiert er. Als die Beamten im Gymnasium auftauchten, verschwanden Nancy und ihre Freundinnen. »Wir wollten nicht, dass man uns in dem Durcheinander mitbeschuldigt.« Die Polizei nahm Personalien auf, es folgten Anzeigen wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung und Hausfriedensbruch.

Die Schäden im Schulhaus, in der Summe 1200 Euro, sind inzwischen repariert; bei den Gymnasiasten hat sich die Aufregung wieder gelegt. Recht nüchtern äußern sie sich über die Randale ihrer Altersgenossen. »Was ich nicht hören kann, ist die Sache mit dem Frust«, meint der 18-jährige Timm Benecke. »Wenn bei denen was schiefläuft im Leben, dann ist das doch nicht unsere Schuld.«

Den Problemjugendlichen in und um Gardelegen eine Perspektive geben will Margarete Wegner vom Projekt HEJ!. Der flott klingende Name steht für »Handlungskompetenz zur Einbeziehung von Jugendlichen in regionale Entwicklungsaufgaben«. Magarete Wegner will auch den Hauptschülern eine Lehrstelle vermitteln. Mit Erfolg? »Ein Autohaus hat mehrmals Karl-Marx-Schüler angestellt«, sagt die energische Frau mit dem freundlichen Lächeln. Doch nach einigen Monaten seien sie nur noch unregelmäßig oder gar nicht mehr zur Arbeit erschienen, hätten die Lehre abgebrochen. »Natürlich will die jetzt niemand mehr haben.« Die örtliche Bäckereikette wiederum sucht vergeblich 22 Lehrlinge. »Da sagen mir viele Schüler, das ist ihnen zu anstrengend, mit dem zeitig Aufstehen und so.«

DIE ZEIT, 22.06.2006

Quelle: http://www.zeit.de/2006/26/Klassenkampf?page=al



Das deutsche Schulsystem als Spiegel der deutschen (Klassen)Gesellschaft.  
Vielleicht liiegt in den "kaputten" Schulen der zukunftige Keim der sozialen Revolution. Der Staat "erzieht" seine "ungewollten" und unnützen Haupt- und Realschulkinder zu Dysfunktionalität.

regenwurm

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  • Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler.
Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #1 am: 11:13:30 So. 02.Juli 2006 »
Ursache-keine Bildung-keine Liebe

Das Menschenrecht auf Bildung gehört zum sozialen und kulturellen Fundament einer lebendigen Demokratie.
In keinem vergleichbaren demokratischen Land ist die Klassenstruktur im Bildungssystem so ausgeprägt wie in Deutschland. Dieser Zustand ist aus bürger- und menschenrechtlicher Sicht ein Skandal und nicht hinnehmbar.
Erwachsene müssen gewährleisten, dass alle Kinder und Jugendliche ausreichende Bildungschancen erhalten; sie tragen Verantwortung dafür, ihre Neugier und Lernmotivation zu unterstützen.

Organisationen des Bildungswesens, insbesondere Elternvertretungen, zivilgesellschaftliche Akteure wie der Kinderschutzbund und Ausländerbeiräte, aber auch Lehrerorganisationen, erhalten ein Klagerecht, so dass sie über gerichtliche Entscheidungen die für Schule Verantwortlichen (staatliche oder private Träger) zwingen können, die Gewährleistung des Rechts auf Bildung evaluieren zu lassen und Maßnahmen durchzusetzen, den jeweils erreichbaren Stand des Rechts auf Bildung zu sichern.

Quelle/das ganze Manifest:
Das System macht keine Fehler, es ist der Fehler.

uwenutz

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Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #2 am: 22:20:58 Mo. 21.August 2006 »
Das Bildungssystem, der Werteverfall an Schulen,
der gewollte Unterschied besser Gestellter und deren
Schulen, die hausgemachte Differenz des 3. Ständeschulsystems
ist manifestierter Ausdruck dieser Gesellschaft an sich,
durch und durch degeneriert, erschreckend.

In diesem Land Lehrer sein, heißt strukturiertes Mißbilligen
zu akzeptieren.

Kuddel

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  • Fischkopp
Re:Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #3 am: 00:19:02 Mi. 12.Mai 2010 »
Zitat
Nachhilfe kriegt doch jeder, alter Hartzie
Was sich manche ALG II-Empfänger so alles einbilden. Da wird doch glatt der Nachwuchs als "atypisch" angesehen nur weil er Lernschwierigkeiten hat... dabei ist das doch "voll normal".


Dass ALG II-Empfänger... pardon, Hartzies im allgemeinen nicht nur mit eidotterverseuchtem Unterhemd vor dem auf Dauerberieselung eingeschalteten Plasmafernseher vor sich hin vergetieren, sondern auch jede Gelegenheit nutzen um in den Genuss der allzu üppigen Zusatzleistungen, die sich durch den Mehrbedarf, den die lilanen Robenträger Deutschlands anmahnten, zu kommen, ist bekannt. Egal ob es um behinderte Kindern, um Zusatzkosten zur Beförderung wegen einer Behinderung oder, wie im jüngsten Fall, um Nachhilfe geht, ALG II-Empfänger, das muss hier einmal festgestellt werden, sehen sich anscheinend als etwas besonderes an.

Die Ärmsten der Ärmsten der Ärmsten (,Sir) werden nicht müde, Sozialgerichte mit ihren unsinnigen Klagen zu überfluten als seien dies nur die Tränen der Klageweiber an der Mauer, die die Hartzies von den anderen trennt. Und nun also Nachhilfe. Nachhilfe für den Sprössling, der das Gymnasium besucht. Was an sich schon fragwürdig erscheint, denn angesichts der Tatsache, dass sich ALG II-Tum sowieso vererbt, soll doch die junge Dame froh sein, wenn man sie auf die nächste Haupt- oder Realschule schickt, statt jetzt noch den Steuerzahler damit zu belasten, hier für die Rechen- und Lernschwäche einer ALG IIlerin der zweiten Generation aufzukommen. Aber nein, die Eltern der Dame mussten ja vor Gericht ziehen und mal wieder eben dieses mit einer Klage belasten - was glücklicherweise nun ein Ende fand (falls die ewigen Querulanten nicht gegen die Entscheidung angehen).

Dabei ist es doch ganz einfach: was ein "Nicht ALG II-Empfänger nicht lernt, das lernt der ALG II-Empfänger nimmermehr". Oder einfach ausgedrückt: zwar hat die junge Dame eine Rechen- und Lernschwäche und die Lehrer empfahlen Nachhilfestunden (welche nicht von der Schule kostenfrei angeboten wurden), aber da jeder zweite bis dritte Gymnasiast Nachhilfestunden benötigt, ist ein solcher Bedarf nicht atypisch. Und nur atypischer Mehrbedarf spielt seit dem Urteil des BVerfG eine Rolle bei der Frage, ob die Eltern nun mehr Geld erhalten oder nicht.

Ja, gäbe es ein außergewöhnliches familiäres Ereignis, das zu den Lernschwierigkeiten führe, dann wäre dies anders - ein solches Ereignis wäre beispielsweise der Tod eines Elternteils, eines nahen Verwandten oder einer guten Freundin etc. Da wird es dann wohl Zeit für einen Amoklauf - sicher sicher, das wird einige nicht atypische, sondern typische Vorurteile bekräftigen, aber wenigstens wird die Nachhilfe bezahlt. Aber könnte die junge Dame richtig rechnen, dann hätte sie das bestimmt schon bedacht und würde keiner Nachhilfe bedürfen.
Twister (Bettina Winsemann)11.05.2010
http://www.heise.de/tp/blogs/5/147602

ManOfConstantSorrow

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Re:Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #4 am: 19:03:57 Fr. 14.Mai 2010 »
Bologna verschärft die Benachteiligung von Nicht-Akademiker-Kindern
Kinder aus den unteren Einkommensschichten müssen neben dem Studium mehr arbeiten und erfahren zahlreiche Benachteiligungen

http://www.heise.de/tp/blogs/6/147620
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Arwing

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Re:Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #5 am: 19:20:35 Fr. 14.Mai 2010 »
Ei nsehr guter Beitrag, indem sich die die vielgepriesene Gleichheit bei Bildung in der Bevölkerung, durch CDU und FDP, gut ablesen läßt... (Ironie).
Das aktuelle Geldsystem ist auf die Gewinnmaximierung einer kleinen Elite ausgerichtet, die von der Gemeinschaft der Bürger Europas erbracht werden soll und die politische Elite fungiert als Handlanger.

Auferstanden

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Re:Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #6 am: 00:27:14 So. 19.September 2010 »
was wäre widersprüchlicher als Bildungs- und Chancengleichheit im frühen Lebensabschnitt erfahren zu dürfen,
um sie dann im späteren beruflichen, bzw. arbeitslosen Umfeld dank forcierter Entrechtung wieder abgeben zu müssen.

Dieser Musterland aufrechter Demokraten hat nicht von ungefähr sein asoziales Dreistände-Schulverwahrsystem
über Jahrhunderte erhalten können.
Die wenigen Jahre/ Jahrzehnte alternativer Schulformen drüben wie üben, können darüber nicht
hinwegtäuschen.   

Kuddel

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Bildung und Gesundheit den Reichen! Zur Hölle mit den Armen!
« Antwort #7 am: 17:31:54 Di. 14.Juni 2011 »
Zitat
SPD und Grüne rücken vom Leitbild einer „Schule für alle“ ab.

Es hat sich ein Jargon der Verachtung, der Legitimation sozialer Ungleichheit breit gemacht – in der Politik, den Medien, der Wirtschaft und auch der Wissenschaft. „Seien Sie doch ehrlich, Sie und ich würden auch alles dafür tun, dass unsere Kinder auf ein Gymnasium gehen und nicht mit den Schmuddelkindern spielen“, kann da der Leiter eines Instituts für Schulentwicklungsforschung öffentlich bekennen. „Und eine Partei, die das Ende des Gymnasiums fordert, würde nicht wiedergewählt werden. Deshalb wird es dazu nie kommen. So einfach ist das.“
http://www.freitag.de/politik/1123-lern-nicht-mit-den-schmuddelkindern

Kuddel

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Re:Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #8 am: 10:37:19 Sa. 14.September 2013 »
Zitat
So ungerecht ist unser Bildungssystem

Nirgendwo hängt der Bildungserfolg so stark vom sozialen Status der Eltern ab wie in Deutschland. Das ist das Ergebnis von unzähligen Studien und Statistiken zur Chancengleichheit im Bildungssystem. Im Video wird deutlich, was die nackten Zahlen wirklich bedeuten.


Zum Artikel und Video: http://www.sueddeutsche.de/sdews/embeddedpage/animation-die-recherche-1.1769723

Troll

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Re:Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #9 am: 13:04:38 Do. 02.Oktober 2014 »
Numerus clausus gegen Geld



Die "Chancen" klar verteilt auf Arm und Reich, der eine hat sie, der andere nicht. Der Arme braucht einfach mehr Geld, dann darf sogar er an den "Chancen" schnuppern.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti

BGS

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Re:Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #10 am: 23:11:04 Do. 23.April 2015 »
Es hat sich leider nichts zum positiven geändert im rückwärtsgewandten, kurzsichtigen deutschen "Bildungssystem":

Zitat
Hauptschule
Umgeben von Schwarzmalern

Viele Hauptschüler haben weder Selbstwertgefühl noch Menschen, die motivieren. So bleiben Potenziale unentdeckt. Unser Autor erzählt, wie sich die Hauptschule anfühlte. Ein Kommentar von Tahir Chaudhry
15. April 2015  18:20 Uhr

"Für die einen ist es der Abschluss, für die anderen die längste Sauftour der Welt." Dieser Spruch zierte das Abschlussbuch meines Jahrgangs in der Hauptschule. Das Traurige daran ist, dass dieser Scherz für viele meiner ehemaligen Mitschüler bittere Realität wurde. Sie hatten kein Selbstwertgefühl und es fehlten ihnen oft Bezugspersonen, die ihnen halfen, sich zum Lernen zu motivieren. Sie fühlten sich ohnmächtig und frustriert. Was sich Luft machte in Sätzen wie "Entweder ich krieg’ einen guten Job oder ich werde kriminell!" oder "Du wirst bestimmt irgendwo als Alkoholleiche enden!"

Wir wurden entsorgt, weil wir in einer bestimmten Phase des Lebens einfach nicht genug Leistung gebracht hatten. Wir waren "Abweichler", deren Strafe die ewige Verdammnis war. So fühlte sich die Hauptschule an.

Aber wie war ich überhaupt dort gelandet? Ich stamme aus einer indischen Einwandererfamilie, die man dem Mittelstand zuordnen kann. Meine Eltern versuchten alle Rahmenbedingungen dafür zu schaffen, dass ich eine gute Bildung und Erziehung genießen konnte. In der Grundschule war ich jedoch eher mittelmäßig, oft sehr verträumt und jemand, der ungern aus sich herausging. Am Ende der vierten Klasse stand zwar eine Realschulempfehlung auf dem Zeugnis, aber ich musste ein Jahr später in die Hauptschule wechseln. Ich sei zu unkonzentriert und nachlässig, was sich in meinen Noten widerspiegelte. Meine Mutter war verzweifelt, weil sie von hohen Bildungsabschlüssen ihrer Kinder geträumt hatte. Jetzt zweifelte sie an ihrer Erziehung und an meiner Zukunft. Das war vielleicht mein Glück.

Wir sind der letzte Dreck

Aber erst einmal war ich nun da, im Sammelbecken der Schulversager. Kurz nachdem ich zum ersten Mal den Klassenraum betreten hatte, beging ich schon den ersten Fehler. Ich setzte mich neben den größten Rüpel der Klasse, was ihn sichtlich sauer machte. Als Deutscher mit indischen Wurzeln bekam ich von ihm wiederholt ins Ohr geflüstert: "Scheiß Türke!" Das tat er solange, bis ich so sauer wurde, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben jemandem einen Schlag ins Gesicht verpasste. Auf dem Schulhof schauten Lehrer in diesen Fällen gern mal weg. Das Recht des Stärkeren regierte.

Meine Freunde von der Realschule hatten bald keine Zeit mehr für mich. Ich war uncool geworden. Das Prinzip einer eher unnatürlichen Selektion ließ mich eine Stufe tiefer in der Nahrungskette sinken.

Wir sprechen übrigens von einer Hauptschule in einer Kleinstadt im Norden Deutschlands, nicht in einem Brennpunktviertel einer Großstadt. Trotzdem gehörten aggressive Cliquen, Mobbing gegen Lehrer und wilde Zerstörungswut von Tag eins zu meinem Alltag. Sarrazin würde es kaum glauben, aber Jugendliche mit Migrationshintergrund konnte man an der Hand abzählen. Ich merkte schnell, dass meine Mitschüler mit ein paar Ausnahmen davon ausgingen, nichts zu können. Sie flüchteten in eine kleine übersichtliche Welt, in der Schule und Lernen abgewehrt wurden und sie sich durch exzessiven Konsum von Filmen, Fernsehen und Computerspielen ablenkten. Meist stammten sie aus prekären familiären und sozialen Verhältnissen.  

Ich wollte, was ich nicht sollte

Sprachschwierigkeiten und funktionaler Analphabetismus waren in den Klassen meiner Schule genauso normal wie mangelhaftes Schulmaterial. Darüber hinaus sorgte das Stigma der Hauptschule dafür, dass wir die Prophezeiungen stets auch erfüllten. Wenn Eltern, Lehrer, Freunde und Bekannte zu wissen glauben, dass dieses oder jenes Defizit ein unüberwindbares Hindernis für den ordentlichen Abschluss oder einen guten Job ist, dann wird diese Vorhersage zum gedanklichen Parasit, der nicht ruhen wird, bis er sich festbeißen und entfalten kann.

Ohne Zweifel gab es kluge Köpfe in unseren Reihen – deren Potenzial jedoch unentdeckt blieb. Wenn einer einen kreativen Aufsatz schrieb, musste es ein Plagiat sein. Wenn einer gute Klausuren ablieferte, musste ein Spickzettel im Spiel gewesen sein. Und hatte einer einen ausgefallenen Berufswunsch, dann mahnte der Lehrer: "Das Leben ist kein Wunschkonzert!". Das erinnert mich an eine Stelle im Hollywood-Blockbuster Interstellar. Der Schulleiter fordert von der Tochter des Helden, dass sie in der Schule nicht von der Mondlandung schwärmen solle: "Wir müssen die Kinder über diesen Planeten unterrichten und ihnen keine Geschichten erzählen, ihn zu verlassen!" Auch ich sollte die Hauptschule nicht verlassen.

Heute studiere ich. Das, was mich rettete, waren der sanfte Druck und die Erwartungen meiner Eltern. Sie haben von mir Disziplin und die Einhaltung von moralischen Regeln eingefordert. Ich hatte dadurch einen erheblichen Vorteil innerhalb der Klassengemeinschaft.

Die Hauptschulen müssen weg

Das gesellschaftliche Etikett "Versager" muss verschwinden. Nur noch zehn Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland besuchen heute noch eine Hauptschule. Deshalb wurden Hauptschulen zu Recht in vielen Bundesländern abgeschafft, um faire Zukunftsperspektiven für Jugendliche in Deutschland zu forcieren.  

Bisher haben Hauptschüler, trotz des allseits bekannten Fachkräftemangels, sehr schlechte Chancen auf eine Ausbildung. Einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zufolge fängt ihre Ausgrenzung bereits in den Stellenausschreibungen an. Unternehmen versuchen, Jugendliche mit höherer Bildung anzulocken, selbst wenn die gar nicht notwendig ist für die Tätigkeit. Vielleicht kann sich der Hauptschulabschluss rehabilitieren, wenn er nicht mehr an die Schule der Versager geknüpft ist. Von alleine geht das sicher nicht: Benachteiligte Jugendliche müssen auch in den Gemeinschaftsschulen besonders gefördert werden, um ihr Selbstwertgefühl und ihre Talente zu stärken.

Ich kenne Menschen mit außergewöhnlichen Talenten, die nun arbeitslos sind. Nicht aufgrund von Arbeitsplatzmangel, sondern weil das deutsche Schulsystem sie als "nutzlos" abstempelte

Quelle: http://www.zeit.de/politik/deutschland/2015-04/hauptschule-erfahrung

In Skandinavien gehen alle Kinder neun Jahre in dieselbe Schule. Das ist vorbildlich.

MfG

BGS
"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

https://forum.chefduzen.de/index.php/topic,21713.1020.html#lastPost
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

Kuddel

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Re:Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #11 am: 11:08:02 Mo. 29.Juli 2019 »
In Skandinavien gehen alle Kinder neun Jahre in dieselbe Schule. Das ist vorbildlich.

Sehe ich auch so.

Hier dient das Bildungssystem der weiteren Spaltung zwischen Arm und Reich.

Zitat
Die soziale Herkunft bestimmt in Deutschland in stärkerem Maß über den Schulerfolg als in vielen anderen Ländern.

„Soziale Ungleichheiten werden im Laufe der Schulzeit sogar noch verstärkt“, sagte GEW-Vorstandsmitglied und Schulexpertin Ilka Hoffmann heute in Frankfurt mit Blick auf den neuen OECD-Bericht. Der OECD-Bericht belegt, dass es schon in der Schule oft nicht zu einer Durchmischung von benachteiligten und weniger benachteiligten Menschen kommt.
https://www.gew.de/aktuelles/detailseite/neuigkeiten/soziale-herkunft-entscheidet-noch-immer-ueber-bildungserfolg/

Zitat
Die Zahl der jungen Menschen ohne Schulabschluss hat einer Studie zufolge bundesweit weiter zugenommen.

Aus der Auswertung im Auftrag der Caritas geht hervor, dass 6,9 Prozent der Abgänger im Jahr 2017 keinen Hauptschulabschluss hatten. Dies sei ein Prozentpunkt mehr als bei der letzten Erhebung zwei Jahre zuvor. Deutschlandweit waren demnach rund 52.000 Jugendliche betroffen. Die höchsten Quoten haben Berlin und Sachsen-Anhalt.
https://www.deutschlandfunk.de/bildung-studie-zahl-der-schulabbrecher-gestiegen.2932.de.html?drn:news_id=1032815

Frauenpower

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Re: Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #12 am: 10:56:53 Di. 19.November 2019 »
in dem Fall geht es um "Klassenerhalt" - Eltern verklagen CDU-Grüne regiertes Land (Ba-Wü) wegen Lehrer_innen-Mangel an Gymnasien. Der Kampf geht schon länger, ich finde Artikel vom letzten Jahr dazu im Netz.
Zitat
Stuttgart - Die Arbeitsgemeinschaft der Elternbeiräte (Arge) im Regierungsbezirk Stuttgart legt nach in ihrem Kampf gegen ausfallende Schulstunden. Sie haben noch einmal einen öffentlichkeitswirksamen Punkt gesetzt. Jetzt haben sie ihren bereits mehrfach bekundeten Willen zur Klage durch einen Beschluss bekräftigt
https://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.eltern-klagen-gegen-unterrichtsausfall-drohgebaerde.42d2ea3b-e497-4b25-80e6-cb0847f536f6.html

tz, der Schwarze, der Grün trägt  >:(
Zitat
Kretschmann streicht Tausende Lehrer-Stellen
https://www.welt.de/politik/deutschland/article108256130/Kretschmann-streicht-Tausende-Lehrer-Stellen.html





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Re: Klassenkampf im deutschen Schulsystem
« Antwort #13 am: 11:42:53 Mi. 20.November 2019 »
Geht schon lange, aus der Vorgängerregierung tut sich derjenige besonders mit lauter Kritik hervor (SPDler A. Stoch) der den rigiden Sparkurs vor Jahren eifrig durchgesetzt hat, sie machen alle alternativlose Austeritätspolitik, auch die jetzigen, ab und zu fällt es auf (Widerstand regt sich) dann muß übertüncht werden, nein, keine Reparatur am Alternativlosen, Fassaden aufhübschen ist das mittel der Wahl.
Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
Dieter Hildebrandt
Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein.
Jiddu Krishnamurti