Autor Thema: Warnstreik auf dem Geflügelhof  (Gelesen 11728 mal)

Kuddel

  • Hero Member
  • *****
  • Beiträge: 16834
  • Fischkopp
Warnstreik auf dem Geflügelhof
« am: 19:39:46 So. 03.Juni 2012 »
Zitat
Ahrensburg
Warnstreik beim "Gackerle"-Geflügelhof

Alexandra Schulz 

Tarifmarathon bei Ahrensburger Geflügelfirma: Beschäftigte warten seit vier Jahren auf einen neuen Vertag. Manche leben zusätzlich von Hartz IV.


Christa Theinert (r.) und einige Beschäftigte der Ahrensburger Firma M. Balzer beim Warnstreik

Ahrensburg. Seit vier Jahren gibt es bei der Ahrensburger Firma Mathilde Balzer eine Auseinandersetzung um die Löhne. Die Geschäftsführung und die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) können sich nicht auf einen neuen Tarifvertrag verständigen. "Das ist die längste Tarifauseinandersetzung, die ich erlebt habe", sagt Christa Theinert. Sie arbeitet seit 19 Jahren bei der NGG. Theinert hat nun einen Warnstreik organisiert, und eine der Beschäftigten hat extra ihren Urlaub unterbrochen, um mitstreiken zu können. So ernst ist die Situation.

+++ Mit frischen Eiern fing alles an +++

Deshalb stehen einige der Mitarbeiter am Freitag morgen von fünf bis sieben Uhr auf der Straße vor der Geflügel- und Fleischverarbeitungsfirma und schwenken Fahnen. Christa Theinert ist um drei Uhr aufgestanden, um nun in ein Mikrofon zu rufen: "Was wollt ihr?" "Mehr Geld", rufen die Angestellten. "Wir wollen, dass die Tarifverhandlungen wieder aufgenommen werden", ruft Theinert. Und erklärt: "Die Beschäftigten haben seit vier Jahren keine tarifliche Erhöhung erhalten." Es habe nur individuelle Einzelzahlungen gegeben. "Zwar gab es für die Mitarbeiter etwa 2 oder 2,5 Prozent mehr Gehalt. Der Betrag ist aber nicht tariflich zugesichert und kann jederzeit gestrichen werden", sagt Theinert. Neue Mitarbeiter profitierten nicht von den Zahlungen. So entstehe eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Der niedrigste Lohn in der Produktion betrage 7,91 Euro pro Stunde. "Manche müssen Hartz IV oder Wohngeld beantragen, um überhaupt über die Runden zu kommen", sagt Theinert.

Melanie Stegmann von der Geschäftsführung der Firma M. Balzer will sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen äußern. Ansprechpartner bezüglich des Haustarifvertrages ist der Arbeitgeberverband Nordernährung. Auch wenn die Geschäftsführer Stegmann und Ralf Albers bei den Verhandlungen immer anwesend waren. "Die Firma möchte keinen Tarifvertrag mehr. Es ist ein kleiner Betrieb, der das lieber in Eigenregie regeln will", sagt Uwe Teuchert vom Arbeitgeberverband. "Aber der Betrieb hat zum 1. Juni 2011 die Zahlung für alle erhöht, und zum 1. Juli 2012 ist das wieder geplant."

Auf ihrer Internetseite wirbt die Firma: "In unserem Unternehmen sind die Wege kurz, die Hierarchien flach und der Umgang ist offen. Alle Mitarbeiter wissen, wie wertvoll ihre Leistungen als Beitrag für eine stetig hohe Kundenzufriedenheit sind." Carmen Peters vom Betriebsrat meint, dass "man für hochwertige Produkte auch hochwertige Mitarbeiter braucht. Dazu passt das Lohngefüge nicht immer."

Weil der Lohn zu niedrig sei, hätten neue Kraftfahrer schnell wieder gekündigt, sagt Marco Druskat. Er ist ebenfalls Kraftfahrer und Mitglied des Betriebsrats. "Von neun Fahrern sind etwa sechs, sieben gegangen. Das ist heftig. Die Fluktuation ist hoch." 30 Menschen arbeiten bei Balzer. "Etwa zwei Drittel sind in der Gewerkschaft", sagt Druskat. "Einige machen beim Streik nicht mit, weil sie in der Probezeit sind und Angst haben, ihre Arbeit zu verlieren. Andere sind arbeitgeberfreundlich."

Von den Kraftfahrern sind nur drei losgefahren, um Ware auszuliefern. Als einer zu seinem Wagen geht, rufen die Streikenden "Feigling!". Die Stimmung bei der Arbeit sei ein bisschen angespannt, sagt Druskat.

Ziel des Streiks soll sein, dass die Verhandlungen wieder aufgenommen werden. Die NGG fordert zudem eine Erhöhung der Löhne um sechs Prozent. Sollte der Warnstreik nichts bewirken, gibt es weitere Aktionen. "Irgendwann werden sie mit uns reden müssen", sagt Christa Theinert.

Es ist möglich, dass die von der Firma verarbeiteten Hühner ein so glückliches Leben hatten, wie der Markenname "Gackerle" vermuten lässt. Die Mitarbeiter sind offenbar nicht glücklich.
http://www.abendblatt.de/region/stormarn/article2294934/Warnstreik-beim-Gackerle-Gefluegelhof.html