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Die Überhöhung der Mittelklasse

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ManOfConstantSorrow:
Ich kann diese kollektive Idiotie nicht mehr ertragen.
Immer heißt es, es seien die gut gebildeten Mittelschichten, die die gesellschaftlichen Veränderungen erkämpften. Diesen Stuß verbreitet selbst der von mir ansonsten hoch geschätzte Kabarettist Georg Schramm. Es ist aber nichts weiter als eine Fehlinterpretation der gesellschaftlichen Kämpfe und eine gewaltige Geschichtsfälschung.

Bereits die "bürgerliche" Revolution in Frankreich begann mit Kämpfen der Unterschichten. Der Sturm auf die Bastille und der Marsch der Marktfrauen nach Versailles waren entscheidende Schritte der Veränderungen, doch das Bürgertum wußte davon zu profitieren und riß die Macht an sich. Die Reformen galten nicht für die Armen, die Revolution hörte bei denen auf, die nichts hatten. Aber im Kampf hat das anders ausgesehen, die Toten vor der Bastille waren so arm, daß man noch nicht einmal ihre Namen kannte.

Bei den Unruhen von 1968 in Deutschland sah es ähnlich aus. Neben den demonstrierenden Studenten gab es die Rebellion der Schüler, und die Lehrlingsbewegung war vielleicht bedeutender, als die der Studenten. Die Lehrlinge gingen dann irgendwann in ihre Scheißjobs, während die Studenten zum Teil Historiker, Literaten und Journalisten wurden. Dort setzen sie sich selbst ein Denkmal. In der Geschichtsschreibung wurde die Lehrlingsbewegung unter den Teppich gekehrt und so nennt man heute 68 die Zeit der "Studentenrebellion".

Noch fürchterlicher ist die Berichterstattung über den Arabischen Frühling. Dort wird immer wieder über die Facebook Revolution gequatscht, die Tatsache ignorierend, daß 90% der demonstrierenden Menschen nichteinmal einen Internetzugang besaßen. Die nichtsnutzigen Journalisten waren sich jedoch nicht zu schade für den amerikanischen Riesenkonzern Werbung zu machen.

Und weiter geht's mit China. Hier wird auch immer über die Mittelklasse als neues revolutionäres Subjekt berichtet. Der gutausgebildeten Jugend ist jedoch das neueste Handy und Tablet-Computermodell wichtiger, als die gesellschaftliche Veränderung und die etablierte Mittelklasse mag mit den politischen Verhältnissen unzufrieden sein, doch der neueste BMW ist dann doch wichtiger, als eine politische Veränderung. Der wirkliche politische Sprengkraft liegt in der Landbevölkerung, in den Wanderarbeitern und den Frauen in den Fabriken.

Die Dummheit in politischen Einschätzungen seitens Journalisten und Historikern ist einfach unerträglich. Ich hoffe, in diesem Forum kann man sich jenseits dieser Fehlinterpretationen der Verhältnisse mit den realen sozialen Spannungen und politischen Auseinandersetzungen befassen.

Tiefrot:

--- Zitat ---Ich kann diese kollektive Idiotie nicht mehr ertragen.
--- Ende Zitat ---
Dito.

--- Zitat ---Immer heißt es, es seien die gut gebildeten Mittelschichten, die die gesellschaftlichen Veränderungen erkämpften. Diesen Stuß verbreitet selbst der von mir ansonsten hoch geschätzte Kabarettist Georg Schramm. Es ist aber nichts weiter als eine Fehlinterpretation der gesellschaftlichen Kämpfe und eine gewaltige Geschichtsfälschung.
--- Ende Zitat ---
Gut gebildete Mittelschicht, du hast mir echt den Abend gerettet !  :D
Mann, ich hab noch nie so einen oberflächlichen Menschenschlag gesehn, als die.
Im Alltag sieht man von Bildung nicht viel.

--- Zitat ---Bereits die "bürgerliche" Revolution in Frankreich begann mit Kämpfen der Unterschichten. Der Sturm auf die Bastille und der Marsch der Marktfrauen nach Versailles waren entscheidende Schritte der Veränderungen, doch das Bürgertum wußte davon zu profitieren und riß die Macht an sich. Die Reformen galten nicht für die Armen, die Revolution hörte bei denen auf, die nichts hatten. Aber im Kampf hat das anders ausgesehen, die Toten vor der Bastille waren so arm, daß man noch nicht einmal ihre Namen kannte.
--- Ende Zitat ---
Der Punkt dabei ist doch, daß sich auch die Unterschicht daran beteiligte, um etwas nach Oben zu kommen.
Für die Meisten erfüllt sich das Ziel nicht. Ganz klar. Und falls doch, bedenke, Macht korrumpiert.

--- Zitat ---Bei den Unruhen von 1968 in Deutschland sah es ähnlich aus. Neben den demonstrierenden Studenten gab es die Rebellion der Schüler, und die Lehrlingsbewegung war vielleicht bedeutender, als die der Studenten. Die Lehrlinge gingen dann irgendwann in ihre Scheißjobs, während die Studenten zum Teil Historiker, Literaten und Journalisten wurden. Dort setzen sie sich selbst ein Denkmal. In der Geschichtsschreibung wurde die Lehrlingsbewegung unter den Teppich gekehrt und so nennt man heute 68 die Zeit der "Studentenrebellion".
--- Ende Zitat ---
Latürnich, oder denkst du im Ernst, daß Lehrlinge "hoch genug" im Ansehen stehen, um Spuren zu hinterlassen ?
Nein, grade heute sieht man doch, das mitdenkende Menschen eher als Systemgefährder gesehen werden.
Diese würden ja im Fall des Erfolgs den bisherigen Habenden Pfründe, Posten und die Macht kosten.

--- Zitat ---Noch fürchterlicher ist die Berichterstattung über den Arabischen Frühling. Dort wird immer wieder über die Facebook Revolution gequatscht, die Tatsache ignorierend, daß 90% der demonstrierenden Menschen nichteinmal einen Internetzugang besaßen. Die nichtsnutzigen Journalisten waren sich jedoch nicht zu schade für den amerikanischen Riesenkonzern Werbung zu machen.
--- Ende Zitat ---
Die Fressenbuch-Schleichwerbung dürfte wohl Absicht gewesen sein.  kotz
Ich geb dir 'nen Schein drauf, dafür ist eine Menge Geld geflossen.

--- Zitat ---Und weiter geht's mit China. Hier wird auch immer über die Mittelklasse als neues revolutionäres Subjekt berichtet. Der gutausgebildeten Jugend ist jedoch das neueste Handy und Tablet-Computermodell wichtiger, als die gesellschaftliche Veränderung und die etablierte Mittelklasse mag mit den politischen Verhältnissen unzufrieden sein, doch der neueste BMW ist dann doch wichtiger, als eine politische Veränderung. Der wirkliche politische Sprengkraft liegt in der Landbevölkerung, in den Wanderarbeitern und den Frauen in den Fabriken.
--- Ende Zitat ---
Momentan halte ich diese Aussage für Blödsinn.
Warum ? Die Leute interessieren sich auch nur für ihr Stück vom Kuchen.
Sollten sie es auch abbekommen (was ich denen von Herzen gönne),
liegt deren Interesse auch nicht in einer Veränderung der Verhältnisse.
So verwöhnt, steigen die auf den keinsten Fall mehr freiwillig vom SUV zum Fahrrad um. Mach dir nix vor.

--- Zitat ---Die Dummheit in politischen Einschätzungen seitens Journalisten und Historikern ist einfach unerträglich. Ich hoffe, in diesem Forum kann man sich jenseits dieser Fehlinterpretationen der Verhältnisse mit den realen sozialen Spannungen und politischen Auseinandersetzungen befassen.
--- Ende Zitat ---
"Die" Mittelschicht existiert seit Mitte der 80er Jahre nicht mehr.
Das war schon die Zeit, wo sich die Einkommensschere merklich öffnete.
Das geht heute nur umso schneller. Genau genommen ist die Mittelschicht nur noch Trugbild.
Eins, was dazu genutzt wird, den Menschen vorzugaukeln, das es noch was zwischen arm und reich gibt.

Kuddel:

--- Zitat ---...daß sich auch die Unterschicht daran beteiligte, um etwas nach Oben zu kommen.
--- Ende Zitat ---

--- Zitat ---Die Leute interessieren sich auch nur für ihr Stück vom Kuchen.
--- Ende Zitat ---

In deinen Augen ist das hierarchische System wohl gottgegeben. Ich halte es für plumpe Propaganda, daß jeder nur nach Macht und Prasserei strebt. Die meisten Erhebungen der Bevölkerung (arabischer Frühling) belegen, daß die Menschen ein Leben in Würde wollen, ein Leben, daß nicht von der ungleichen Verteilung von Macht und Wohlstand überschattet wird.

Als die gegen Umweltzerstörung protestierenden Chinesen ein lokales Regierungsgebäude in Qidong gestürmt hatten, nahmen sie die dort gefundenen Zigarettenstangen und Schnapsflaschen nicht mit, sondern breiteten sie auf den Treppen des Gebäudes aus, um die Bestechlichkeit der Politker und Beamten sichtbar zu machen. Sie wollen dieses Spiel nicht selbst spielen, sie wollen nur, daß es aufhört.

Tiefrot:
Kuddel schrob:

--- Zitat ---In deinen Augen ist das hierarchische System wohl gottgegeben.
Ich halte es für plumpe Propaganda, daß jeder nur nach Macht und Prasserei strebt.
--- Ende Zitat ---
Dann hast du was mißverstanden. Natürlich gibts Ausnahmen, wäre ja traurig.
Aber schau dir doch mal die Leute an, die hier von unten kamen und was mehr zu melden hatten.
Die haben sich fast durchgängig nicht mehr für die Menschen interessiert, die sie
Ihresgleichen nannten. Tut mir ja leid, aber Mensch wird sich nicht grundsätzlich ändern.


--- Zitat ---Die meisten Erhebungen der Bevölkerung (arabischer Frühling) belegen, daß die Menschen ein Leben in Würde wollen,
ein Leben, daß nicht von der ungleichen Verteilung von Macht und Wohlstand überschattet wird.
--- Ende Zitat ---
Die Ergebnisse sprechen eine leicht andere Sprache.
Zumindest sieht es mir nicht grade danach, daß die Leutz in Ägypten
wirklich glücklich damit geworden sind. Kannst mich aber gern korrigieren.


--- Zitat ---Als die gegen Umweltzerstörung protestierenden Chinesen ein lokales Regierungsgebäude in Qidong gestürmt hatten, nahmen sie die dort gefundenen Zigarettenstangen und Schnapsflaschen nicht mit, sondern breiteten sie auf den Treppen des Gebäudes aus, um die Bestechlichkeit der Politker und Beamten sichtbar zu machen. Sie wollen dieses Spiel nicht selbst spielen, sie wollen nur, daß es aufhört.
--- Ende Zitat ---
Respekt.

Zuweilen kann ich ohnehin nicht des Eindrucks erwehren, daß wir uns von einigen anderen Menschenschlägen
mal eine ganz dicke Scheibe abschneiden sollten.  :rolleyes:

ManOfConstantSorrow:

--- Zitat ---Die Protestbilder und Kurznachrichten im Netz lassen deutlich erkennen, dass es sich bei den meisten Demonstranten um Angehörige einer Mittelschicht handelt, die immer souveräner auftritt.
--- Ende Zitat ---
http://blog.zeit.de/china/2012/10/29/chinas-neue-wutburger-begehren-auf/


--- Zitat ---Umweltproteste in China: Alles BANANA?

Im Juli 2012 kam es in den chinesischen Städten Shifang und Qidong zu großen und gewaltsamen Protesten gegen Industrieprojekte, von denen die Bewohner Umweltschäden sowie gesundheitliche und wirtschaftliche Beeinträchtigungen befürchteten. Beide Projekte wurden inzwischen von den lokalen Regierungen gestoppt.

Die Proteste in Shifang und Qidong lassen sich in einen größeren Trend zunehmender Umweltproteste einordnen, der spätestens mit den „Spaziergängen“ in Xiamen im Jahr 2007 bekannt geworden ist. Beide Fälle sind typisch für diese neue Form des Bürgeraktivismus, der die chinesische Regierung vor erhebliche Herausforderungen stellt. Bürgerliche Aktivisten in China bedienen sich unkonventioneller Formen des Protests und greifen auch zur Gewalt. Dahinter steht nicht kleinbürgerlicher Egoismus, sondern eine tiefe Krise des Vertrauens zwischen Bürger und Staat.

- In China ist eine deutliche Zunahme des bürgerlichen Aktivismus festzustellen. Die Zahl an Protesten, Petitionen und sogenannten E-Movements nimmt seit dem Jahr 1993 kontinuierlich zu; die Zahl der Umweltproteste wächst besonders schnell.

- Die gängige Stigmatisierung dieser Proteste als NIMBY-Phänomene (not in my backyard), von Stadtplanern auch mit dem Akronym BANANA (build absolutely nothing anywhere near anyone) gekennzeichnet, die nur aus lokalem Eigeninteresse der Bevölkerung erfolgen, greift zu kurz, da sie die Beschränkungen des autoritären politischen Kontexts in China übergeht. Chinesische Bürgeraktivisten fordern die Einhaltung bestehender Rechte, ihr Zorn richtet sich gegen das Fehlverhalten lokaler Regierungen und sie sind bereit, dafür erhebliche politische Risiken einzugehen.

- Die Protestierenden besitzen eine erhöhte Risikobereitschaft, da sie das Vertrauen in die Lokalregierungen verloren und ein stärkeres Umwelt- und Rechtsbewusstsein entwickelt haben. Mangelnde institutionelle Mechanismen der Partizipation und die Möglichkeiten der Information über neue soziale Medien erhöhen zusätzlich den Druck auf die Regierung.

- Die Regierung hat bisher keine umfassende Strategie zum Umgang mit dem neuen
bürgerlichen Aktivismus, da sie mit den rasanten sozialen Veränderungen nicht
Schritt halten kann. Dies verweist auf die grundlegende Diskrepanz wirtschaftlichen Aufschwungs und politischen Stillstands. Angesichts der Politisierung einer jungen Generation bürgerlicher Aktivisten könnte diese reaktive Haltung für das Regime gefährlich werden.
--- Ende Zitat ---
http://www.juraforum.de/wissenschaft/umweltproteste-in-china-alles-banana-417497

Dieser Dreck ist mal wieder ein Beweis für das Niveau deutscher Journalisten und Intellektueller. Die Interpretation von Fotos und Twitternachrichten reichen als Grundlage für eine schon im Vorfeld feststehende Meinung.

Doch die Interpretation der Proteste hat wenig mit der Realität der Verhältnisse in China zu tun, sie spiegelt nur das Weltbild der Schreiberlinge wider: "Unterschichten" sind dumm und träge. Sie kämpfen erst dann, wenn sie hungern müssen. Allein die "Mittelklasse" hat die Fähigkeit zu denken und sich für moralische und gesellschaftliche Fragen einzusetzen.

Nur ist es in Wirklichkeit in China so, daß auf dem Land die Bauern kämpfen und in den Städten sind es großteils Arbeiter, Schüler, Erwerbslose, Hausfrauen und Rentner. Und zur Interpretation von Fotos möchte ich einfach darauf hinweisen, daß Fabrikarbeiterinnen aufgebretzelt in hippen Klamotten durch die Gegend laufen und auch so demonstrieren.

Aber die Idee von Klasse und Klassenkampf existiert schlichtweg nicht in den Hohlbirnen der abstürzenden Mittelschicht. Die Lohnschreiber haben noch nicht bemerkt, daß sie selbst bereits im Lumpenproletariat gelandet sind. Aber so lange man ein Smartphone und ein Laptop von Apple hat, will man es nicht glauben.

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