Autor Thema: Die Überhöhung der Mittelklasse  (Gelesen 5274 mal)

ManOfConstantSorrow

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Die Überhöhung der Mittelklasse
« am: 16:58:27 So. 14.Oktober 2012 »
Ich kann diese kollektive Idiotie nicht mehr ertragen.
Immer heißt es, es seien die gut gebildeten Mittelschichten, die die gesellschaftlichen Veränderungen erkämpften. Diesen Stuß verbreitet selbst der von mir ansonsten hoch geschätzte Kabarettist Georg Schramm. Es ist aber nichts weiter als eine Fehlinterpretation der gesellschaftlichen Kämpfe und eine gewaltige Geschichtsfälschung.

Bereits die "bürgerliche" Revolution in Frankreich begann mit Kämpfen der Unterschichten. Der Sturm auf die Bastille und der Marsch der Marktfrauen nach Versailles waren entscheidende Schritte der Veränderungen, doch das Bürgertum wußte davon zu profitieren und riß die Macht an sich. Die Reformen galten nicht für die Armen, die Revolution hörte bei denen auf, die nichts hatten. Aber im Kampf hat das anders ausgesehen, die Toten vor der Bastille waren so arm, daß man noch nicht einmal ihre Namen kannte.

Bei den Unruhen von 1968 in Deutschland sah es ähnlich aus. Neben den demonstrierenden Studenten gab es die Rebellion der Schüler, und die Lehrlingsbewegung war vielleicht bedeutender, als die der Studenten. Die Lehrlinge gingen dann irgendwann in ihre Scheißjobs, während die Studenten zum Teil Historiker, Literaten und Journalisten wurden. Dort setzen sie sich selbst ein Denkmal. In der Geschichtsschreibung wurde die Lehrlingsbewegung unter den Teppich gekehrt und so nennt man heute 68 die Zeit der "Studentenrebellion".

Noch fürchterlicher ist die Berichterstattung über den Arabischen Frühling. Dort wird immer wieder über die Facebook Revolution gequatscht, die Tatsache ignorierend, daß 90% der demonstrierenden Menschen nichteinmal einen Internetzugang besaßen. Die nichtsnutzigen Journalisten waren sich jedoch nicht zu schade für den amerikanischen Riesenkonzern Werbung zu machen.

Und weiter geht's mit China. Hier wird auch immer über die Mittelklasse als neues revolutionäres Subjekt berichtet. Der gutausgebildeten Jugend ist jedoch das neueste Handy und Tablet-Computermodell wichtiger, als die gesellschaftliche Veränderung und die etablierte Mittelklasse mag mit den politischen Verhältnissen unzufrieden sein, doch der neueste BMW ist dann doch wichtiger, als eine politische Veränderung. Der wirkliche politische Sprengkraft liegt in der Landbevölkerung, in den Wanderarbeitern und den Frauen in den Fabriken.

Die Dummheit in politischen Einschätzungen seitens Journalisten und Historikern ist einfach unerträglich. Ich hoffe, in diesem Forum kann man sich jenseits dieser Fehlinterpretationen der Verhältnisse mit den realen sozialen Spannungen und politischen Auseinandersetzungen befassen.
Arbeitsscheu und chronisch schlecht gelaunt!

Tiefrot

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #1 am: 19:19:27 So. 14.Oktober 2012 »
Zitat
Ich kann diese kollektive Idiotie nicht mehr ertragen.
Dito.
Zitat
Immer heißt es, es seien die gut gebildeten Mittelschichten, die die gesellschaftlichen Veränderungen erkämpften. Diesen Stuß verbreitet selbst der von mir ansonsten hoch geschätzte Kabarettist Georg Schramm. Es ist aber nichts weiter als eine Fehlinterpretation der gesellschaftlichen Kämpfe und eine gewaltige Geschichtsfälschung.
Gut gebildete Mittelschicht, du hast mir echt den Abend gerettet !  :D
Mann, ich hab noch nie so einen oberflächlichen Menschenschlag gesehn, als die.
Im Alltag sieht man von Bildung nicht viel.
Zitat
Bereits die "bürgerliche" Revolution in Frankreich begann mit Kämpfen der Unterschichten. Der Sturm auf die Bastille und der Marsch der Marktfrauen nach Versailles waren entscheidende Schritte der Veränderungen, doch das Bürgertum wußte davon zu profitieren und riß die Macht an sich. Die Reformen galten nicht für die Armen, die Revolution hörte bei denen auf, die nichts hatten. Aber im Kampf hat das anders ausgesehen, die Toten vor der Bastille waren so arm, daß man noch nicht einmal ihre Namen kannte.
Der Punkt dabei ist doch, daß sich auch die Unterschicht daran beteiligte, um etwas nach Oben zu kommen.
Für die Meisten erfüllt sich das Ziel nicht. Ganz klar. Und falls doch, bedenke, Macht korrumpiert.
Zitat
Bei den Unruhen von 1968 in Deutschland sah es ähnlich aus. Neben den demonstrierenden Studenten gab es die Rebellion der Schüler, und die Lehrlingsbewegung war vielleicht bedeutender, als die der Studenten. Die Lehrlinge gingen dann irgendwann in ihre Scheißjobs, während die Studenten zum Teil Historiker, Literaten und Journalisten wurden. Dort setzen sie sich selbst ein Denkmal. In der Geschichtsschreibung wurde die Lehrlingsbewegung unter den Teppich gekehrt und so nennt man heute 68 die Zeit der "Studentenrebellion".
Latürnich, oder denkst du im Ernst, daß Lehrlinge "hoch genug" im Ansehen stehen, um Spuren zu hinterlassen ?
Nein, grade heute sieht man doch, das mitdenkende Menschen eher als Systemgefährder gesehen werden.
Diese würden ja im Fall des Erfolgs den bisherigen Habenden Pfründe, Posten und die Macht kosten.
Zitat
Noch fürchterlicher ist die Berichterstattung über den Arabischen Frühling. Dort wird immer wieder über die Facebook Revolution gequatscht, die Tatsache ignorierend, daß 90% der demonstrierenden Menschen nichteinmal einen Internetzugang besaßen. Die nichtsnutzigen Journalisten waren sich jedoch nicht zu schade für den amerikanischen Riesenkonzern Werbung zu machen.
Die Fressenbuch-Schleichwerbung dürfte wohl Absicht gewesen sein.  kotz
Ich geb dir 'nen Schein drauf, dafür ist eine Menge Geld geflossen.
Zitat
Und weiter geht's mit China. Hier wird auch immer über die Mittelklasse als neues revolutionäres Subjekt berichtet. Der gutausgebildeten Jugend ist jedoch das neueste Handy und Tablet-Computermodell wichtiger, als die gesellschaftliche Veränderung und die etablierte Mittelklasse mag mit den politischen Verhältnissen unzufrieden sein, doch der neueste BMW ist dann doch wichtiger, als eine politische Veränderung. Der wirkliche politische Sprengkraft liegt in der Landbevölkerung, in den Wanderarbeitern und den Frauen in den Fabriken.
Momentan halte ich diese Aussage für Blödsinn.
Warum ? Die Leute interessieren sich auch nur für ihr Stück vom Kuchen.
Sollten sie es auch abbekommen (was ich denen von Herzen gönne),
liegt deren Interesse auch nicht in einer Veränderung der Verhältnisse.
So verwöhnt, steigen die auf den keinsten Fall mehr freiwillig vom SUV zum Fahrrad um. Mach dir nix vor.
Zitat
Die Dummheit in politischen Einschätzungen seitens Journalisten und Historikern ist einfach unerträglich. Ich hoffe, in diesem Forum kann man sich jenseits dieser Fehlinterpretationen der Verhältnisse mit den realen sozialen Spannungen und politischen Auseinandersetzungen befassen.
"Die" Mittelschicht existiert seit Mitte der 80er Jahre nicht mehr.
Das war schon die Zeit, wo sich die Einkommensschere merklich öffnete.
Das geht heute nur umso schneller. Genau genommen ist die Mittelschicht nur noch Trugbild.
Eins, was dazu genutzt wird, den Menschen vorzugaukeln, das es noch was zwischen arm und reich gibt.
Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
Seht in den Lohnspiegel, und geht nicht drunter !

Wie bekommt man Milllionen von Deutschen zum Protest auf die Straße ?
Verbietet die BILD und schaltet Facebook ab !

Kuddel

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #2 am: 10:24:03 Mo. 15.Oktober 2012 »
Zitat
...daß sich auch die Unterschicht daran beteiligte, um etwas nach Oben zu kommen.
Zitat
Die Leute interessieren sich auch nur für ihr Stück vom Kuchen.

In deinen Augen ist das hierarchische System wohl gottgegeben. Ich halte es für plumpe Propaganda, daß jeder nur nach Macht und Prasserei strebt. Die meisten Erhebungen der Bevölkerung (arabischer Frühling) belegen, daß die Menschen ein Leben in Würde wollen, ein Leben, daß nicht von der ungleichen Verteilung von Macht und Wohlstand überschattet wird.

Als die gegen Umweltzerstörung protestierenden Chinesen ein lokales Regierungsgebäude in Qidong gestürmt hatten, nahmen sie die dort gefundenen Zigarettenstangen und Schnapsflaschen nicht mit, sondern breiteten sie auf den Treppen des Gebäudes aus, um die Bestechlichkeit der Politker und Beamten sichtbar zu machen. Sie wollen dieses Spiel nicht selbst spielen, sie wollen nur, daß es aufhört.

Tiefrot

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #3 am: 11:54:44 Mo. 15.Oktober 2012 »
Kuddel schrob:
Zitat
In deinen Augen ist das hierarchische System wohl gottgegeben.
Ich halte es für plumpe Propaganda, daß jeder nur nach Macht und Prasserei strebt.
Dann hast du was mißverstanden. Natürlich gibts Ausnahmen, wäre ja traurig.
Aber schau dir doch mal die Leute an, die hier von unten kamen und was mehr zu melden hatten.
Die haben sich fast durchgängig nicht mehr für die Menschen interessiert, die sie
Ihresgleichen nannten. Tut mir ja leid, aber Mensch wird sich nicht grundsätzlich ändern.

Zitat
Die meisten Erhebungen der Bevölkerung (arabischer Frühling) belegen, daß die Menschen ein Leben in Würde wollen,
ein Leben, daß nicht von der ungleichen Verteilung von Macht und Wohlstand überschattet wird.
Die Ergebnisse sprechen eine leicht andere Sprache.
Zumindest sieht es mir nicht grade danach, daß die Leutz in Ägypten
wirklich glücklich damit geworden sind. Kannst mich aber gern korrigieren.

Zitat
Als die gegen Umweltzerstörung protestierenden Chinesen ein lokales Regierungsgebäude in Qidong gestürmt hatten, nahmen sie die dort gefundenen Zigarettenstangen und Schnapsflaschen nicht mit, sondern breiteten sie auf den Treppen des Gebäudes aus, um die Bestechlichkeit der Politker und Beamten sichtbar zu machen. Sie wollen dieses Spiel nicht selbst spielen, sie wollen nur, daß es aufhört.
Respekt.

Zuweilen kann ich ohnehin nicht des Eindrucks erwehren, daß wir uns von einigen anderen Menschenschlägen
mal eine ganz dicke Scheibe abschneiden sollten.  :rolleyes:
Denke dran: Arbeiten gehen ist ein Deal !
Seht in den Lohnspiegel, und geht nicht drunter !

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ManOfConstantSorrow

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #4 am: 15:57:15 Do. 01.November 2012 »
Zitat
Die Protestbilder und Kurznachrichten im Netz lassen deutlich erkennen, dass es sich bei den meisten Demonstranten um Angehörige einer Mittelschicht handelt, die immer souveräner auftritt.
http://blog.zeit.de/china/2012/10/29/chinas-neue-wutburger-begehren-auf/

Zitat
Umweltproteste in China: Alles BANANA?

Im Juli 2012 kam es in den chinesischen Städten Shifang und Qidong zu großen und gewaltsamen Protesten gegen Industrieprojekte, von denen die Bewohner Umweltschäden sowie gesundheitliche und wirtschaftliche Beeinträchtigungen befürchteten. Beide Projekte wurden inzwischen von den lokalen Regierungen gestoppt.


Die Proteste in Shifang und Qidong lassen sich in einen größeren Trend zunehmender Umweltproteste einordnen, der spätestens mit den „Spaziergängen“ in Xiamen im Jahr 2007 bekannt geworden ist. Beide Fälle sind typisch für diese neue Form des Bürgeraktivismus, der die chinesische Regierung vor erhebliche Herausforderungen stellt. Bürgerliche Aktivisten in China bedienen sich unkonventioneller Formen des Protests und greifen auch zur Gewalt. Dahinter steht nicht kleinbürgerlicher Egoismus, sondern eine tiefe Krise des Vertrauens zwischen Bürger und Staat.

- In China ist eine deutliche Zunahme des bürgerlichen Aktivismus festzustellen. Die Zahl an Protesten, Petitionen und sogenannten E-Movements nimmt seit dem Jahr 1993 kontinuierlich zu; die Zahl der Umweltproteste wächst besonders schnell.

- Die gängige Stigmatisierung dieser Proteste als NIMBY-Phänomene (not in my backyard), von Stadtplanern auch mit dem Akronym BANANA (build absolutely nothing anywhere near anyone) gekennzeichnet, die nur aus lokalem Eigeninteresse der Bevölkerung erfolgen, greift zu kurz, da sie die Beschränkungen des autoritären politischen Kontexts in China übergeht. Chinesische Bürgeraktivisten fordern die Einhaltung bestehender Rechte, ihr Zorn richtet sich gegen das Fehlverhalten lokaler Regierungen und sie sind bereit, dafür erhebliche politische Risiken einzugehen.

- Die Protestierenden besitzen eine erhöhte Risikobereitschaft, da sie das Vertrauen in die Lokalregierungen verloren und ein stärkeres Umwelt- und Rechtsbewusstsein entwickelt haben. Mangelnde institutionelle Mechanismen der Partizipation und die Möglichkeiten der Information über neue soziale Medien erhöhen zusätzlich den Druck auf die Regierung.

- Die Regierung hat bisher keine umfassende Strategie zum Umgang mit dem neuen
bürgerlichen Aktivismus, da sie mit den rasanten sozialen Veränderungen nicht
Schritt halten kann. Dies verweist auf die grundlegende Diskrepanz wirtschaftlichen Aufschwungs und politischen Stillstands. Angesichts der Politisierung einer jungen Generation bürgerlicher Aktivisten könnte diese reaktive Haltung für das Regime gefährlich werden.
http://www.juraforum.de/wissenschaft/umweltproteste-in-china-alles-banana-417497

Dieser Dreck ist mal wieder ein Beweis für das Niveau deutscher Journalisten und Intellektueller. Die Interpretation von Fotos und Twitternachrichten reichen als Grundlage für eine schon im Vorfeld feststehende Meinung.

Doch die Interpretation der Proteste hat wenig mit der Realität der Verhältnisse in China zu tun, sie spiegelt nur das Weltbild der Schreiberlinge wider: "Unterschichten" sind dumm und träge. Sie kämpfen erst dann, wenn sie hungern müssen. Allein die "Mittelklasse" hat die Fähigkeit zu denken und sich für moralische und gesellschaftliche Fragen einzusetzen.

Nur ist es in Wirklichkeit in China so, daß auf dem Land die Bauern kämpfen und in den Städten sind es großteils Arbeiter, Schüler, Erwerbslose, Hausfrauen und Rentner. Und zur Interpretation von Fotos möchte ich einfach darauf hinweisen, daß Fabrikarbeiterinnen aufgebretzelt in hippen Klamotten durch die Gegend laufen und auch so demonstrieren.

Aber die Idee von Klasse und Klassenkampf existiert schlichtweg nicht in den Hohlbirnen der abstürzenden Mittelschicht. Die Lohnschreiber haben noch nicht bemerkt, daß sie selbst bereits im Lumpenproletariat gelandet sind. Aber so lange man ein Smartphone und ein Laptop von Apple hat, will man es nicht glauben.

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BGS

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #5 am: 20:59:31 Do. 01.November 2012 »
Zitat
Die Protestbilder und Kurznachrichten im Netz lassen deutlich erkennen, dass es sich bei den meisten Demonstranten um Angehörige einer Mittelschicht handelt, die immer souveräner auftritt.
http://blog.zeit.de/china/2012/10/29/chinas-neue-wutburger-begehren-auf/

Zitat
Umweltproteste in China: Alles BANANA?

Im Juli 2012 kam es in den chinesischen Städten Shifang und Qidong zu großen und gewaltsamen Protesten gegen Industrieprojekte, von denen die Bewohner Umweltschäden sowie gesundheitliche und wirtschaftliche Beeinträchtigungen befürchteten. Beide Projekte wurden inzwischen von den lokalen Regierungen gestoppt.


Die Proteste in Shifang und Qidong lassen sich in einen größeren Trend zunehmender Umweltproteste einordnen, der spätestens mit den „Spaziergängen“ in Xiamen im Jahr 2007 bekannt geworden ist. Beide Fälle sind typisch für diese neue Form des Bürgeraktivismus, der die chinesische Regierung vor erhebliche Herausforderungen stellt. Bürgerliche Aktivisten in China bedienen sich unkonventioneller Formen des Protests und greifen auch zur Gewalt. Dahinter steht nicht kleinbürgerlicher Egoismus, sondern eine tiefe Krise des Vertrauens zwischen Bürger und Staat.

- In China ist eine deutliche Zunahme des bürgerlichen Aktivismus festzustellen. Die Zahl an Protesten, Petitionen und sogenannten E-Movements nimmt seit dem Jahr 1993 kontinuierlich zu; die Zahl der Umweltproteste wächst besonders schnell.

- Die gängige Stigmatisierung dieser Proteste als NIMBY-Phänomene (not in my backyard), von Stadtplanern auch mit dem Akronym BANANA (build absolutely nothing anywhere near anyone) gekennzeichnet, die nur aus lokalem Eigeninteresse der Bevölkerung erfolgen, greift zu kurz, da sie die Beschränkungen des autoritären politischen Kontexts in China übergeht. Chinesische Bürgeraktivisten fordern die Einhaltung bestehender Rechte, ihr Zorn richtet sich gegen das Fehlverhalten lokaler Regierungen und sie sind bereit, dafür erhebliche politische Risiken einzugehen.

- Die Protestierenden besitzen eine erhöhte Risikobereitschaft, da sie das Vertrauen in die Lokalregierungen verloren und ein stärkeres Umwelt- und Rechtsbewusstsein entwickelt haben. Mangelnde institutionelle Mechanismen der Partizipation und die Möglichkeiten der Information über neue soziale Medien erhöhen zusätzlich den Druck auf die Regierung.

- Die Regierung hat bisher keine umfassende Strategie zum Umgang mit dem neuen
bürgerlichen Aktivismus, da sie mit den rasanten sozialen Veränderungen nicht
Schritt halten kann. Dies verweist auf die grundlegende Diskrepanz wirtschaftlichen Aufschwungs und politischen Stillstands. Angesichts der Politisierung einer jungen Generation bürgerlicher Aktivisten könnte diese reaktive Haltung für das Regime gefährlich werden.
http://www.juraforum.de/wissenschaft/umweltproteste-in-china-alles-banana-417497

Dieser Dreck ist mal wieder ein Beweis für das Niveau deutscher Journalisten und Intellektueller. Die Interpretation von Fotos und Twitternachrichten reichen als Grundlage für eine schon im Vorfeld feststehende Meinung.

Doch die Interpretation der Proteste hat wenig mit der Realität der Verhältnisse in China zu tun, sie spiegelt nur das Weltbild der Schreiberlinge wider: "Unterschichten" sind dumm und träge. Sie kämpfen erst dann, wenn sie hungern müssen. Allein die "Mittelklasse" hat die Fähigkeit zu denken und sich für moralische und gesellschaftliche Fragen einzusetzen.

Nur ist es in Wirklichkeit in China so, daß auf dem Land die Bauern kämpfen und in den Städten sind es großteils Arbeiter, Schüler, Erwerbslose, Hausfrauen und Rentner. Und zur Interpretation von Fotos möchte ich einfach darauf hinweisen, daß Fabrikarbeiterinnen aufgebretzelt in hippen Klamotten durch die Gegend laufen und auch so demonstrieren.

Aber die Idee von Klasse und Klassenkampf existiert schlichtweg nicht in den Hohlbirnen der abstürzenden Mittelschicht. Die Lohnschreiber haben noch nicht bemerkt, daß sie selbst bereits im Lumpenproletariat gelandet sind. Aber so lange man ein Smartphone und ein Laptop von Apple hat, will man es nicht glauben.


Herzlichen Dank für die erfrischenden Analysen. Auch in Skandinavien gibt es eine Mehrheit, die keinerlei Ahnung vom wirklichen Leben großer Teile der Ausgebeuteten hat bzw. überhaupt haben möchte.

Die sog. "Prekarität" kann heute in Deutschland so gut wie wirklich jede/n treffen. Was geschieht nach einem Jahr Arbeitslosigkeit?.

Auch in Skandinavien scheint oft zu gelten: "...so lange man ein Smartphone und ein Laptop von Apple hat", möchte man sich zum Teil  gar für überlegen halten. Warum? Weil man sich "angesagten" Plunder kaufen kann (wo sich nicht einmal die Batterie auswechseln lässt).

MfG

BGS

"Ceterum censeo, Berolinensis esse delendam"

http://www.chefduzen.de/index.php?topic=21713.msg298043#new
(:DAS SINKENDE SCHIFF DEUTSCHLAND ENDGÜLTIG VERLASSEN!)

ManOfConstantSorrow

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #6 am: 17:30:41 Sa. 20.Juli 2013 »
Es wurde gerade ein wachender Rassismus hierzulande diagnostiziert.
Interessant finde ich, daß der stärkste Anstieg rassistischer Ideologie bei der Mittelklasse zu finden ist. Sie sieht sich auf dem absteigenden Ast und liebt es nach unten zu treten.
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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #7 am: 11:36:07 So. 21.Juli 2013 »
Die politische Erziehung wirkt, immer hat man ein Grüppchen parat welches angeblich ursächlich Schuld hat, daß greift Global um sich und "Ausländer" sind politisch schon von jeher ein willkommener Prügelknabe.
Die global Marktradikale politische Ausrichtung braucht Prügelknaben dringender denn je, die sozialen Ruinen die diese Politik hinterlässt muß die wachsende Unzufriedenheit umlenken.

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Politik ist der Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.
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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #8 am: 20:06:23 Di. 30.Juli 2013 »
Für mich ist das irgendwie nicht so ganz klar.
Zunächst woran wird festgemacht das es die Mittelschicht ist und auf der anderen Seite, kannst du belegen das es die Unterschicht ist?

Die Schere zwischen arm undreich geht auseinander, die Mittelschicht mehr und mehr wegfällt bzw sozial absteigt. (wird so pausenlos kommuniziert)
Wenn nun die angebliche Mittelschicht demonstriert, ist das dann eigentlich schon die Unterschicht?

Viele Journalisten oder eben gerade auch die Arbeitssklaven wie Praktikanten und Volontäre, zählen sich ja selber zu einer gebildeten Mittelschicht, obwohl sie längst unterbezahltes vereinzeltes Prekariat sind.
Ich kann mir vorstellen das diese Journalisten sich zum Teil in Protesten wiederfinden und so ihre oft nicht sonderlich reflektierte Weltsicht auf diese Bewegungen projizieren. Sie schreiben über ihre eigenen Vorstellungen und Ideen. Diese aber beschränken sich darauf das versprochene wachsende Stück vom Kuchen abzubekommen. Jeglichen Bewusstsein außerhalb dieser üblichen Verwertungsgesellschaft sehen sie nicht, da diese vereinzelten ausgebeuteten Journalisten selber nur versuchen mehr vom Kuchen zu bekommen bzw nach oben zu kommen.

Kurzum:
>sie sehen Proteste
> identifizieren sich damit / glauben diese zu verstehen
> projizieren ihre eingene Klasse (oder was sie als solche bezeichen) und Wünsche/Forderungen/Ziele hinein

Ob sie total falsch damit liegen weiß ich nicht
Gerade eine Mittelschicht wie Handwerker, Facharbeiter, oder einige Akademiker Berufe müssen sich neuerdings mehr auf einen globalen Markt behaupten, was früher eher auf höher Qualifizierte zutraf
Früher war die Konkurrenz eher, hey seid ihr zu teuer wandert die Firma woanders hin, jetzt trifft es diese Mittelschicht individuell, sie müssen den Jobs folgen (aktuell massenhaft Südeuropäische Handwerker, Facharbeiter in Deutschland)
Wenn die Konkurrenz für den einzelnen härter wird sinkt aber auch ihr Lohn (organisiert sind Handwerker und besonders Freelancer nicht sonderlich, wenn höchsten in einem Land), das hat vorher nur die bisherige Unterschicht getroffen

Inwiefern noch zwischen Mittelschicht und Unterschicht unterschieden werden kann? wahrscheinlich nur in ihrer Eigendefinition.


ManOfConstantSorrow

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #9 am: 19:40:59 Fr. 22.August 2014 »
Zitat
Inwiefern noch zwischen Mittelschicht und Unterschicht unterschieden werden kann? wahrscheinlich nur in ihrer Eigendefinition.

Sicherlich ist es eine subjektive Entscheidung wohin man sich und andere rechnet. Aber gesellschaftliche Einflüsse und Wertungen prägen diese Entscheidung.
Vielleicht weil der traditionelle Begriff "Arbeiterklasse" nach DGB Stammbelegschaften klingt und scheinbar Hausfrauen und Erwerbslose ausschließt, spricht die WILDCAT lieber einfach von "Klasse"

Überhaupt mag man sich mit diesem Klassenbegriff als Folge des herrschenden Antikommunismus nicht befassen. Das gilt als verstaubt und überholt. Und in der Praxis kommen immer neue Abgrenzungen und Spaltungen dabei heraus. Die Ausgrenzungen gehen nach oben und unten. Ich erlebe das in meinen eigenen Bekanntenkreis. Jemand der nur noch prekär und ohne Krankenversicherung arbeitet, hält Hartz IV Bezieher für Privilegierte, die nur gepampert werden. Oder der Akademiker, unten angekommen sind, kaum mehr Zähne im Maul, sich aber von den anderen Prolls abheben will, die es an Geschmack, Ausdruckfähigkeit und politischer Weitsicht fehlen lassen. Und hier im Forum hatten wir "alfred", der gegen streikende Lokführer wetterte, weil sie ihren Arbeitskampf "auf dem Rücken der Reinigungskräfte" duchführen würden, oder "Wilddieb Stülpner", der Stammbelegschaften für Menschen "auf der anderen Seite", also Gegner hielt. Ich kann es auch nicht sonderlich leiden, was die Mayday Aktivisten zelebrieren. Es ist zwar löblich, daß sie nach einem neuen Weg jenseits der DGB Tradition suchen, doch ist ihr Zusammentrommeln der jungen Prekären aus der Kreativwirtschaft eine Abgrenzung gegen gemeinen Proll, den klassischen Arbeiter. Der PROLL ist ekelig, für die einen ist es der Bildzeitungslesende Malocher, für die anderen ist des der Stützekassierende, vor dem Fernseher sitzende und saufende Arbeitslose, gern auch Thema der skripted reality Sendungen der privaten Kanäle.

Die Amerikanische Occupy Bewegung hat versucht diese Spaltungen zu überwinden, in dem sie sagte: wir sind die 99%!

Man muß begreifen, daß diejenigen, die nicht über Reichtum und Produktionsmittel verfügen, dadurch eine Gemeinsamkeit besitzen und sie in gemeinsamen Handeln auch die gesellschaftlichen Verhältnisse verändern können. Eine Klassenzugehörigkeit macht einen aber nicht schlau und es gibt Dummheit und Rassismus in allen Schichten, auch in organisierter Form. Es reicht nicht von einer Gemeinsamkeit zu träumen, man muß sich mit "den 99%" herumschlagen und mit ihnen herumstreiten. Auch Bildung und ein subjektives Mittelklassegefühl machen nicht unbedingt schlau. Die Dummheit von Akademikern und Leuten aus der "Kreativwirtschaft" ist oftmals erschreckend:
Zitat
Noch drastischer sehen es manche im Silicon Valley. Google-Programmiererin Justine Tunney schlägt einfach mal vor, den Armen und ihren Kindern keine Essensmarken mehr zu geben, sondern „Soylent“, ein flüssige Proteinbrühe aus den Laboren des Valleys. Echtes Essen für die Oberklasse? Großinvestor Tom Perkins aus San Francisco verglich im Januar Demonstrationen gegen Google-Luxusbusse als Synonym für explodierende Mieten und Einkommensungleichheit mit dem Holocaust in Deutschland und der „Kristallnacht“. Dies, lamentierte er, sei der Beginn eines „Kriegs gegen die kreativen ein Prozent“ in den USA.
http://www.handelsblatt.com/politik/international/unruhen-in-missouri-fluessige-proteinbruehe-statt-essensmarken/10351382-2.html

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Kuddel

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #10 am: 17:23:10 So. 14.Dezember 2014 »
Immer wieder wird China genannt. Bei dem wirtschaftlichem Boom wächst nicht nur die Schicht der Superreichen, es sind auch zigmillionen zu einem schnellen Wohlstand gekommen.

Unsere Medien wiederholen immer wieder, daß dieser Mittelstand der Motor für Veränderung und Gefahr für das System ist. Durch die ständige Wiederholung wird diese Behauptung aber nicht richtiger. Es ist nichts weiter als ein Abbild des Weltbildes der westlichen Journalisten. Die können sich nämlich nicht vorstellen, daß Arbeiter denken und für ein besseres Leben kämpfen können.

Sie sehen das Foto einer Demo und sagen, "das ist die Mittelklasse!" weil sie sich nicht vorstellen können, daß chinesische Fabrikarbeiterinnen ziemlich hippe Klamotten tragen.

Die chinesische Mittelschicht tauscht freiwillg Freiheiten gegen Wohlstand, insbesondere dann, wenn die Freiheit denjenigen genommen wird, die sozial unter ihnen stehen.

Die einzig echte Bedrohung fur das chinesische System kommt von den Wanderarbeitern, den FabrikarbeiterInnen und den Landarbeitern.

Kuddel

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #11 am: 21:50:10 Fr. 14.Dezember 2018 »
Ist schon irre.
Einfache Arbeiter, Erwerbslose:
Die hält man für doof. Für unpolitisch. Unfähig zu politischen Auseinandersetzungen.

Und wenn sie plötzlich aufstehen, die Unterschichten, dann degradiert man sie zu einem aufgehetzten Mob oder man macht sie schlichtweg zur "Mittelschicht", damit das Weltbild wieder stimmt.
Zitat
Frankreich
Aufstand der Mittelschicht




  • Eine Bürgerbewegung protestiert an diesem Samstag gegen Präsident Macron. Zehntausende in gelben Warnwesten blockieren Straßen.
  • Der Protest richtet sich gegen die steigende Spritsteuer. Aber es geht um mehr: In Frankreich rebelliert eine Mittelschicht, die sich an den Rand gedrückt fühlt.

Der Aufstand, von dem sie spricht, ist ein Aufstand des sogenannten peripheren Frankreich, die Rebellion einer Mittelschicht, die sich sozial und geografisch an den Rand gedrückt fühlt von den Gut- und Bestverdienern in den Großstädten.
https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/frankreich-macron-protest-gilets-jaunes-1.4214095

2 x 3 macht 4
Widdewiddewitt
und Drei macht Neune !!
Wir machen uns die Welt
Widdewidde wie sie uns gefällt ....


Fritz Linow

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #12 am: 22:42:53 Fr. 14.Dezember 2018 »
Schön fand ich ja irgendwie, wie Macron letzten Montag in seinem Zimmerchen saß und "Zugeständnisse" an die olle Mittelklasse machte:


Kuddel

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #13 am: 10:02:10 Sa. 15.Dezember 2018 »
Diese sehr eigene Wahrnehmung ist schon ein Phänomen:

Zitat
"Frankreich kann sich Stillstand nicht leisten"
Emmanuel Macron hat es nicht verstanden, den Franzosen seine Politik zu erklären, sagt der Ökonom Jean Pisani-Ferry. Der Reformkurs des Präsidenten sei aber richtig.


...forderte der Ökonom unter anderem die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes in Frankreich sowie eine Lockerung der 35-Stunden-Woche...
https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-12/gelbwesten-bewegung-frankreich-proteste-emmanuel-macron
Zitat
Frankreich:
Die Mittelschicht ist erschöpft
Frankreich ist ein Meister der Umverteilung. Doch gebracht hat es in den vergangenen Jahren wenig. Die Mittelschicht leidet unter steigenden Lebenshaltungskosten.
https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-12/frankreich-gelbwesten-demonstrationen-carlos-ghosn-anklage-soziale-gerechtigkeit


counselor

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Re:Die Überhöhung der Mittelklasse
« Antwort #14 am: 11:48:02 Sa. 15.Dezember 2018 »
Ich glaube eher, Frankreich kann sich Macron und die scheiß Neoliberalen nicht leisten.
Alles ist in Bewegung. Nichts war schon immer da und nichts wird immer so bleiben!